Books & Blast Beats
Interview mit The Black Court, Damnation Defaced und Nico Rose

Interview

Ich muss euch natürlich auch ein paar Buchfragen stellen, wenn es um Books & Blast Beats geht. Welche Bücher haben euch schon mal inspiriert? Entweder in Richtung Musik, aber auch in anderen Lebenssituationen?

The Black Court: Ich habe tatsächlich keinen Stil, den ich per se gerne lese. Was mich früher sehr lange Zeit begleitet hat, war „Der dunkle Turm“ von Stephen King. Das hat extrem lange gedauert. Von 15 bis ich 19 war, habe ich dafür gebraucht. Das war damals meine erste große Buchreihe.

Deswegen hat mich das damals geprägt, und das ist auch in ein, zwei Texten, die man selber versucht hat zu schreiben, mitgeschwungen. Unser Sänger Oskar hat „Der Todesmarsch“ von Stephen King gelesen und das zu einem Songtitel verarbeitet. Und „Archipel Gulag“ habe ich gelesen, daraus sind auch einige musikalische Ideen entstanden.

Ansonsten würde ich nicht sagen, dass das bei mir eine enge Verbindung hat. Ich mag gerne gute Texte, beziehungsweise ich merke, wenn ich Texte scheiße finde. Aber es ist selten, dass ein Text in der Musik mich so packt, dass ich sage, das ist jetzt der Grund, dass ich diesen Song so geil finde.

Das muss wirklich eher rhythmisch und gesanglich gut resonieren und gut zusammenpassen. Ansonsten achte ich bei Musik nicht so viel auf die expliziten Lyrics und bin auch wahnsinnig schlecht darin, Lyrics rauszuhören. Ich bin ein richtiger Misheard-Lyrics-Guy, bis ich dann fünf Jahre später merke, ich habe die ganze Zeit falsch gesungen.

Damnation Defaced: Vor allem im Extreme Metal – also heute Abend – wird man auf jeden Fall hören, dass die Vocals mehr ein Instrument sind, das etwas transportiert, als Geschichten zu erzählen. Und jeder, der etwas anderes erzählt, dem würde ich mal ernst in die Augen gucken und sagen: Na, stimmt das wirklich? Ich bin ehrlich, ich lese auch ganz wenig Texte von Bands, auch von denen, die ich geil finde. Und einfach aufgrund der Akustik versteht man immer nur 50 %.

Auch meine eigene Stimme ist für mich mehr das Instrument, als dass ich etwas vermitteln möchte. Wir erzählen Geschichten – bei uns geht es um Sci-Fi und Horror und selten mal um soziale Kritik. Und das ist immer nur das Add-on oder der Bonus, dass die Leute dann sagen: Ey, fand ich voll geil, hab mir die Texte durchgelesen. Dann sage ich: cool, aber wäre nicht nötig gewesen. Also gerade bei den ersten Alben würde ich auch sagen: lass das mal lieber.

Aber um noch mal auf die Frage zurückzukommen: Mich inspirieren Bücher und Texte weniger, ich bin eher der visuelle Mensch. Gerade Filme und Serien oder generell Popkultur inspirieren mich mehr. Ich bin als Kind nie wirklich in das Thema Lesen reingekommen. Ich habe vielleicht 20 Bücher gelesen, aber ich könnte auch nicht sagen, was mich da am meisten abgeholt hat. Es war mal etwas auf Empfehlung oder Biografien, aber ich habe andere Inspirationsquellen.

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Nico Rose

Nico, bitte gib mir eine Buchempfehlung, ich kann nicht mehr.

Nico Rose: Ich habe ja den Luxus, dass ich selber Bücher schreibe, und das Problem ist, dass du dann immer sehr verwertungsorientiert liest. Also du liest in der Regel Dinge, die du jetzt gerade fürs nächste Buch gebrauchen kannst, und deswegen hängt das immer sehr davon ab, woran ich gerade schreibe.

Ich habe vier Bücher nacheinander zum Thema Metal geschrieben, deswegen habe ich natürlich unglaublich viel Metal-Literatur gelesen, und es gibt auch Forschung dazu, was ich auch spannend finde. Aber ich habe auch meine Stephen-King-Phase früher durchgehabt und meine Terry-Pratchett-Phase. Ganz früher Jules Verne in der Badewanne. Ich habe „In 80 Tagen um die Welt“ dreimal komplett in der Badewanne gelesen, nach einem Tennisturnier als Kind.

Aber wenn ich jetzt gerade eins rauspicken würde: Es gibt ein Buch von einem englischen Musikjournalisten, Dan Franklin. Das Buch heißt tatsächlich nur „Heavy“, und er versucht ein Buch lang, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu ergründen, was Heaviness eigentlich im Kern ausmacht und was es bedeutet.

Das gibt es nicht auf Deutsch, aber da ist ein Zitat drin, was mich sehr mitgenommen hat im positiven Sinne, und das werde ich gleich auch mit reinbringen. Ansonsten habe ich in den letzten Jahren viele Künstlerbiografien gelesen, entweder von einzelnen Musikern oder Bands. Und fast alles, was es an soziologischen Büchern zum Thema Heavy Metal/Kulturwissenschaft gibt.

Psychologisch gab es tatsächlich bisher relativ wenig, und das war einer der Gründe, warum ich damals „Hard, Heavy & Happy“ geschrieben habe. Es gibt ganz viel über die Metal-Szene von außen: Wie ist das? Die Metal-Szene in der DDR, Gender in Metal – aber wie fühlt sich das eigentlich von innen an, ein Metal-Fan zu sein und damit aufzuwachsen, und wie hilft dir die Musik dabei, ein halbwegs anständiges Leben zu führen? Das gab es aus meiner Sicht so noch nicht, und das war der Impuls für „Hard, Heavy & Happy“, aus dem ich heute vorlesen werde.

Es gibt mittlerweile auch neurophysiologische Forschung dazu: Was macht Metal eigentlich mit deinem Gehirn? Im Sinne von: Was macht es mit deinem Gehirn, wenn du Metal-Fan bist? Was Gutes. Was macht es mit deinem Gehirn, wenn du nicht Metal-Fan bist? Nichts Gutes.

Ich habe vorgestern noch eine Studie von 2015 nachgelesen, da geht es um Anger-Processing, also: Wie gehst du mit deinen unangenehmen Gefühlen um? Und das ist eines der größten Missverständnisse, wenn Leute von außen auf die Musik schauen. Jetzt geht es dir schon scheiße, und dann machst du auch noch so einen Krach an – das zieht dich doch noch weiter runter. Das ist ein kolossales Missverständnis.

Ich habe für das Buch 6.000 Leute online befragen dürfen, zum Beispiel über Lieblingsbands, aber eben auch: Wie nutzt du eigentlich deine Musik und was macht die Musik mit dir? Und dieses Thema „Metal macht mich friedlich“ ist etwas, was immer hochgekommen ist. Was ich auch spannend finde, ist, dass Leute sagen: Metal ist für mich wie ein guter Freund. Ich höre die Musik, aber ich habe auch das Gefühl, dass die Musik mir zuhört.

Da geht man in einen Austausch, und das wird dann zum Ausgleich. Und das ist, glaube ich, etwas, was der Nicht-Metal-Fan von außen überhaupt nicht nachvollziehen kann, weil die natürlich sagen: Mach mal den Scheiß aus, da werde ich ja aggro von. Aber werdet ihr aggro von normaler Musik, kennt ihr das?

Damnation Defaced: Dafür habe ich beruflich zu viel damit zu tun. Deutschrap ist für mich ein Problem, Reggae ist ganz schlimm, und was mich richtig aggro macht, ist Elektroswing – das allerschlimmste Genre auf der ganzen Welt.

Nico Rose: Was sagt ein Reggae-Fan, wenn das Dope alle ist? Mach mal die scheiß Musik aus!

Damnation Defaced: Ja… aber Elektroswing, das müsst ihr euch mal anhören. Das ist auf 20er-Jahre und dann … es gibt nichts Uncooleres. Das ist eigentlich nur Fahrstuhlmusik auf Crack.

Nico Rose: Aber das ist tatsächlich auch eine Wahrnehmung, dass viele Metal-Fans bei normaler Chartmusik sagen, dass die das nach 20–30 Minuten aggressiv macht. Im Englischen gibt es ja dieses Wort „hangry“. Ich habe die Theorie, dass Menschen auch unterschiedliche musikalische Nährstoffe brauchen und dass Metal-Fans irgendwann hangry werden, wenn es zu lange zu seicht ist.

Damnation Defaced: Aber das hast du ja auch innerhalb des Genres, dass du selber genau weißt: Ich habe jetzt überhaupt gar keinen Bock auf Black Metal, ich höre jetzt gerne Doom oder möchte klassischen Heavy Metal hören. Das haben wir doch alle, dass du innerhalb deines eigenen Kosmos noch differenzierst und sagst: Nee, da habe ich jetzt überhaupt gar keinen Bock drauf.

Nico Rose: Was wir darüber auch sehen, ist: Viele Metal-Fans fangen an, auch Klassik zu hören, aber dann gerne auch das, was knallt. Du hörst ja nicht eine Idylle von Chopin, sondern Rachmaninow. Wenn, dann muss es auch knallen.

Es ist leider viel zu teuer, Menschen in einen Gehirnscanner zu legen, aber ich würde das gerne mal machen, um nachzuschauen. Ich finde ja selbst komisch, dass ich diese Musik mag. Das muss ja eine physiologische Grundlage haben. Das werden wir wahrscheinlich nie rauskriegen.

Was denkst du denn, sagt es psychologisch über Menschen aus, wenn die an einer Wall of Death teilnehmen? Wie würdest du das psychologisch einstufen?

Nico Rose: Man kann Menschen qua ihrer Persönlichkeit relativ stabil auf fünf verschiedene Dimensionen verteilen. Nicht Schubladen, sondern das ist wie immer eine gaußsche Normalverteilung. Die meisten Leute sind eben mittelgroß. Ich bin 1,90, das ist ein bisschen seltener. Und das ist das sogenannte Big-Five-Modell, das sind die großen fünf Persönlichkeitsdimensionen. Die kann man sich gut merken anhand des Akronyms OCEAN.

Das O in OCEAN steht für „Openness to new experiences“. Das habe ich auch in der Stichprobe mit den Leuten im Buch gemacht. Ich habe denen einen kurzen Fragebogen vorgelegt, um deren Big-Five-Profil zu messen. Und dann kannst du das vergleichen mit Stichproben von Normalos, da findet man spannende Unterschiede.

Du findest aber auch innerhalb der Metal-Population Unterschiede. Ich würde erst mal sagen: Jemand, der an einer Wall of Death teilnimmt, hat eine relativ hohe Offenheit für neue Erfahrungen und im Zweifel auch blaue Flecken. Je extremer die Lieblingsbands der Leute sind, desto offener ist auch die Persönlichkeit, zumindest in der Richtung.

Derjenige, der nur Black Metal von sibirischen, einhändigen Menschen hört, wo es nur zwei Copies auf dem Planeten gibt, der ist offener für neue Erfahrungen als der Durchschnitts-METALLICA-Hörer zum Beispiel.

Damnation Defaced: Ist das so? Ich würde das jetzt challengen. Wenn ich so in meinem Mikrokosmos bin, bleibe ich eigentlich in meiner Bubble und habe dann gar keinen Bock, andere Sachen zu erkunden. Oder muss man das auf eine andere Art und Weise betrachten?

Nico Rose: Zumindest musst du ja erst mal in diese Bubble rein wollen, aber ich weiß, was du meinst. In den Daten sehe ich tatsächlich: Je extremer der Stil, desto offener die Persönlichkeit. Aber vielleicht ist es eine sehr spezifische Form von Offenheit, und dann ist die irgendwann wieder sehr geschlossen – das ist ja auch bei METALLICA-Fans so.

Ich bin total froh, dass ich METALLICA erst spät in meinem Leben für mich entdeckt habe. Deswegen muss ich die neuen Sachen jetzt nicht scheiße finden. Sonst musst du ja kategorisch alles scheiße finden, was nach ’87 gekommen ist.

Dann gibt es das C in OCEAN, das steht auf Englisch für „Conscientiousness“, auf Deutsch Gewissenhaftigkeit. Wenn du hoch gewissenhaft bist, dann stehst du eher auf Regeln und Ordnung – wer A sagt, muss auch B sagen. Da sind wir Metal-Fans im Mittel tatsächlich auch ein bisschen niedriger. Da kommt dann das dionysische Element rein mit dem Trinken.

Also wahrscheinlich Offenheit für neue Erfahrungen ein bisschen höher, Gewissenhaftigkeit ein bisschen niedriger, und dann hast du Spaß an der Wall of Death.

Galerie mit 32 Bildern: The Black Court - Silent Concert 2020Galerie mit 20 Bildern: Damnation Defaced - Metal Hammer Paradise 2021

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12.04.2026

"Es ist gut, aber es gefällt mir nicht." - Johann Wolfgang von Goethe

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