Fleshcrawl
Mit voller Kraft voraus

Interview

Ihr habt mit Borisz nun schon seit geraumer Zeit einen internationalen Personalpart in der Band, der in Russland geboren ist, aber in Budapest lebt. Ist das noch der Fall, oder ist er inzwischen sogar in Deutschland ansässig?

Herzog: Geboren ist er in Russland, aber ungarischer Staatsbürger. Seine Eltern sind relativ früh nach Ungarn ausgewandert.

Hätte es das bei FLESHCRAWL vor zwanzig Jahren schon geben können? Ihr wirkt eigentlich wie eine ziemlich lokal verwurzelte Band.

Herzog: Wenn es die Möglichkeiten damals gegeben hätte, ja, aber es gab ja auch nie einen Grund dazu. Das war auch keine bewusste Entscheidung, sondern hat sich einfach so ergeben. Wir haben schon einige Sänger ausprobiert, die vielleicht in die Fußstapfen von Sven hätten treten können, was im Übrigen gar nicht so leicht war. Borisz ist das einfach am Besten gelungen, das muss man ganz klar so sagen.

Hat er sich denn ganz klassisch auf einen Aufruf eurerseits gemeldet?

Herzog: Wir haben schon gewissermaßen Auditionen gemacht und Leute haben ein paar Samples zu unseren Songs eingeschickt. Da waren schon ein paar ordentliche Takes dabei, doch der eine war dann von der Stimme nicht so gut, der andere hatte keine Zeit für ausreichend Live-Shows. Also irgendwie hatte jeder was, weshalb das Ganze nicht funktioniert hat. Borisz hatte auf seinem Youtube-Kanal als Sänger und Gitarrist ein Cover von „Beneath A Dying Sun“, das war halt wirklich gut. Wir haben ihn dann kontaktiert und er wohnte eben in Budapest. Natürlich ist das logistisch etwas schwerer, als wenn wir jemand aus der näheren Umgebung hätten, doch wir haben uns als Band entschieden, keine halben Sachen zu machen. Es bringt weder der Band, noch dem Sänger etwas, wenn die Leute nachher sagen: „Was ist das denn für ein Nachfolger von Sven?!“. Da hätten wir lieber den Deckel draufmachen sollen, anstatt dass man sich als Band lächerlich macht und dem Erbe von Sven nicht ansatzweise gerecht wird.

Ganz früher waren FLESHCRAWL schon eine Sache aus Illertissen und Umgebung, doch danach hat sich das schon etwas verstreut. Heute bin ich aus der Nähe von Ulm, Chris und Apu sind beide aus Memmingen und unser Basser aus Augsburg. Welche Band mit solch einer Historie gibt es schon heute noch, wo alle aus derselben Ecke stammen. Das Leben hat tausend Kapitel geschrieben und sich x-mal verändert.

Ihr werdet dann aktuell aber kaum regelmäßig zusammen proben, oder?

Kalbrecht: Die regelmäßig stattfindenden Proben machen wir zumeist instrumental mit Gitarristen, Drummer und Bassist. Wir wohnen ja nur maximal 20-30 Kilometer auseinander, der Apu sogar nur ein paar Meter.

Herzog: Direkt vor den Gigs schieben wir dann schon nochmal eine Probe ein – da trifft man sich einfach einen Tag früher. Dazu kann sich ein Sänger auch sehr gut selbst vorbereiten, mit Trockenübungen über Mp3s oder so.

Ich habe euch im letzten Jahr auf dem Braincrusher gesehen, als ihr die komplette „Descent Into The Absurd“ gespielt habt. Das kam meines Erachtens unheimlich gut an. War das auch ein Grund, weshalb ihr jetzt dieses Album nochmal zur Hand und ein Re-Release in Angriff nehmt?

Herzog: Den Plan, diese Old-School-Shows mit Songs aus den ersten beiden Alben zu spielen, gab es vorher, bevor wir darüber nachgedacht haben, die alten Black-Mark-Scheiben wieder zu veröffentlichen, was definitiv auch passieren wird. Über Reigning Phoenix werden die alten Sachen nach und nach wieder aufgelegt, während wir die Old-School-Show erstmals in Bukarest an den Start gebracht hatten. Das werden wir auch definitiv wieder tun, allerdings nicht an jeder Steckdose, sondern nur bei ausgewählten Veranstaltungen. Aber es stimmt, die Nachfragen, insbesondere nach dem ersten Album auf Vinyl, waren definitiv gehäuft. Da sind auch unheimlich viele Bootlegs im Umlauf. Dieser Fluss muss endlich mal mit einem richtigen Release unterbrochen werden.

„Damals konnte nicht jeder Hinz und Kunz ein Album aufnehmen“

Im Zuge dessen habe ich mir das erste Album wieder relativ oft zu Gemüte geführt und mich dann mal wieder gewundert, warum man damit keine so große Rolle gespielt hat wie die bekannten Schweden-Klassiker. Siehst du einen Grund dafür, dass man damals Deutschland in diesem Sektor keine allzugroße Beachtung geschenkt hat?

Herzog: Also grundsätzlich sehe ich da zweifellos einen Nachteil von deutschen Bands gegenüber skandinavischen und US-Bands, die es irgendwie mit großer Anerkennung leichter haben. Wäre das Album vielleicht ein Jahr früher erschienen, dann hätte es anders laufen können, aber wäre es eine skandinavische Platte gewesen, dann sehe ich da noch mehr Möglichkeiten.

Ob das Heute noch so ist, darüber kann man diskutieren.

Herzog: Doch, das ist meiner Meinung nach immer noch so. Schau doch mal, wo die Bands her sind, die am meisten touren und den größten Erfolg haben. Die kommen doch meistens aus Skandinavien oder den USA.

Kalbrecht: Heutzutage spielt auch die Internetpräsenz eine deutliche größere Rolle. Die Möglichkeiten sind ja nunmal ganz andere als noch in den Neunzigern.

Man hat schon einen gewissen Geschäftsvorteil, wenn man sein Produkt clever in den aktuellen Medien platzieren kann.

Herzog: Wenn man bei den ganzen neumodischen Möglichkeiten wie Streaming und Medien weiß, an welchen Stellschrauben man drehen muss, dann kann man sicherlich einen Vorteil erhalten, während es einem eben nichts bringt, wenn man davon keinen Plan hat. Dennoch ist es auch als Old-School-Band nicht mehr möglich, sich dem komplett zu verschließen. Gerade promotechnisch geht es ohne doch überhaupt nicht mehr. Das war damals komplett anders. Da war eine neue Veröffentlichung noch etwas Besonderes und nicht jeder Hinz und Kunz konnte ein Album aufnehmen. Die Zeit ist aber auch einfach schnelllebiger geworden und die Leute beschäftigen sich im Durchschnitt nicht mehr so lange mit den Dingen.

Ich bin nun schon seit fast 20 Jahren im Bereich von Metal-Magazinen tätig und früher gab es definitiv viel mehr offensichtliche Scheisse. Heutzutage kann man mit modernen Möglichkeiten viel einfacher wenigstens ein gesichtsloses 0815-Album produzieren.

Reisch: Gib mir einen Laptop und ich kann dir ohne jegliche Instrumente ein Metal-Album machen. Es ist zwar cool, dass man ohne großes Recording-Setup ein vernünftiges Album aufnehmen kann. So gings bei mir auch los. Ich verstehe die Leute nicht, die ein Album nach dem anderen raushauen. Das ist alles häufig mega generisch, besteht aus extrem kurzen Spielzeiten und etlichen Samples, aber Hauptsache man hat wieder etwas für Spotify. Das macht doch keinen Sinn.

Galerie mit 12 Bildern: Fleshcrawl – 2024 in Saalfeld

Seiten in diesem Artikel

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Quelle: Zoom-Interview mit Bastian, Apu und Christian
05.06.2026

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