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Interview mit Kiryll Kulakowski zu In Via

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Die Hannoveraner FRAMES konnten für ihre aktuelle Platte „In Via“ viel Lob ernten. Im Interview gibt Drummer Kiryll Kulakowski Auskunft über Probleme bei der Namensfindung, Freundschaft im Musikbusiness und die aktuelle GEMA-Debatte.


Ihr habt vor einem Monat eure zweite Platte „In Via“ veröffentlicht. Wie war das Feedback bislang?

Durchweg gut. Natürlich gibt es ein paar Metalheads, denen das alles zu ruhig und zu „easy listening“ ist, was ich natürlich auch nachvollziehen kann. Ich selbst komme ja auch aus dem Metal. Die meisten Reviews waren aber sehr positiv. Wir hören oft, dass die Platte gereifter sei, was uns freut, weil wir das selbe Gefühl hatten, als wir das Material geschrieben haben.

Wo habt ihr aufgenommen und wie gestaltete sich der Aufnahmeprozess?

Wir haben im Institut für Wohlklangforschung aufgenommen. Das ist ein neues Tonstudio, in der Nordstadt von Hannover. Die Aufnahmen hat Arne Borchert geleitet. Willi Dammeier und Florentin Adolf haben das Mixen und Mastering übernommen. Der einzige Außenstehende der aber wirklich an den Aufnahmen beteiligt war, war Arne. Wir sind mit ziemlich klaren Vorstellungen ins Studio gegangen und hatten vorab per Homeproducing schon alle Songs im Kasten. Klar, bei der ein oder anderen Stellen gab es Gespräche und Anregungen von Arne, und einige sind sicher auch eingeflossen. Aber man könnte nicht sagen, er habe das Album produziert, das ist schon alles auf unserem Mist gewachsen.

Einige von euch kommen ursprünglich aus dem Metal. Wie habt ihr zum Postrock gefunden?

Gitarrist Jonas und ich hatten vorher ein Projekt, wo wir vor allem fricklige, schnelle Metal-Sachen gespielt haben. Das Songwriting hat damals auch noch komplett im Proberaum stattgefunden. Jonas hat eine Menge Output, und schon damals waren da viele ruhigere Sachen dabei. Man könnte dieses Material als Urform der heutigen FRAMES-Musik bezeichnen. Ich fand seine Ideen schon immer klasse und wollte das mit ihm umsetzen. Als sich unser Projekt dann aufgelöst hat, habe ich Jonas überzeugt, die Sache zu intensivieren. So ist der Grundstein gelegt worden. Wir sind heute quasi eine Autorenband. Jonas ist der musikalische Mastermind. Er bringt fertige Songs in den Proberaum, wir wählen dann Material aus und arbeiten daran. Ich schreibe beispielsweise die Drumspuren. Dabei versuchen wir dann möglichst, Jonas‘ Intentionen umzusetzen und zu verstärken, aber eben jeder aus seiner Sichtweise und mit seinem Instrument. Aber wir wollten nicht aus Kalkül Postrock machen. Es hat sich so ergeben.

Euer Bandname weckt schnell Assoziationen zu einer OCEANSIZE-Platte…

Das hat damit wirklich nichts zu tun. Der Name ist bei einem Brainstorming entstanden, kurz vor unserm ersten Gig. Früher hießen wir NORTHERN LIGHTS – uns war halt nichts besseres eingefallen, haha. Aber da hat uns dann die Nähe zu der deutschen Band NORTHERN LITE gestört. Wir haben uns umbenannt, weil wir mit dem Begriff FRAMES viele Dinge verbinden konnten, auch und vor allem was das Musikalische angeht. Inhaltlich kann „Frames“ ja ein Einzelbild im Film sein, oder ein Gerüst oder Rahmen. Und diese Hauptbedeutungen passen gut zur Musik. Außerdem ist es ein cooles Wort, kurz und prägnant. Die Nähe zu OCEANSIZE war uns natürlich klar. Noch ärgerlicher ist allerdings die Nähe zu den irischen THE FRAMES. Aber wir hoffen, dass die Jungs uns wohlgesonnen sind, damit es da keinen Ärger gibt, haha.

Wenn du es auf den Punkt bringen müsstest: Was ist das Besondere an euch?

Was uns beim Songwriting wichtig ist, ist Stringenz. Das bedeutet, dass wir nicht einfach nur Parts aneinander reihen, sonder Musik schaffen wollen, die wie eine Geschichte weitererzählt wird. Aber man kann da nicht von einem wirklichen Konzept sprechen. Wenn es ein Konzept gibt, dann, dass wir alles offen halten wollen. Und dann sind wir wieder beim Bandnamen – wir schaffen das Gerüst, und die Menschen können dieses mit ihren Gedanken ausfüllen. Wir wollen keine bestimmte Message transportieren, sondern jedem etwas geben, wozu er seinen Teil hinzufügen muss, damit es komplett ist.

Ihr kennt euch alle schon relativ lange. Wie wichtig ist Freundschaft für eine Band?

Jonas und ich kennen uns schon seit der Schule. Manuel haben wir sehr früh übers Internet gefunden, als wir einen Keyboarder gesucht haben. Hajo ist ein Kommilitone von Jonas, den er seit Studienbeginn kennt. Und dann ist unsere Gemeinschaft schnell zusammengewachsen. Welchen Stellenwert unsere Freundschaft für FRAMES hat, ist schwierig zu sagen. Enge Bindungen führen natürlich immer auch dazu, dass sachliche Diskussionen schnell ins Emotionale abdriften. Ich kann mir vorstellen, dass Prozesse in einer Band, die sich an der Musikhochschule trifft, um ein Projekt umzusetzen, glatter ablaufen. Aber wir empfinden es einfach als völlig richtig, wenn eine Band auch durch Freundschaft zusammenhält. Für mich ist das auch die Grundbasis für alles. Aber es hat sicher Vor- und Nachteile. Wenn man eine Band ernsthaft betreibt, dann stellen sich später auch immer Fragen, die mit Geld,  Investitionen und Aufteilungen zu tun haben. Und eine Band die aufgrund von Freundschaft besteht, kann auch in eine Hassliebe ausarten. Wobei bei uns die Liebe doch deutlich überwiegt, haha.

Was sagt ihr zur aktuellen Debatte um die GEMA? Dort heißt es ja unter anderem, dass sich Musik für viele Künstler besser auszahlen sollte.

Man muss schauen, dass man eine vernünftige Balance hält. Wenn man nur noch gegen Bares auf die Bühne geht, ist man ein Arschloch, und wenn man nur Konzerte spielen will und auf die Gage pfeift, geht man pleite. Wir müssen auch sicherstellen, dass wenn wir beispielsweise nach Dresden fahren, zumindest das Spritgeld wieder reinbekommen. Man muss schauen, dass man Ende des Jahres halbwegs bei plus minus null bleibt. Ich hab mich auch oft mit Musikern unterhalten, die ihr Leben mit ihrer Musik finanzieren müssen. Bei uns ist das nicht so, das ist eher eine schöne Spritze, aber wir können damit nicht kalkulieren. Ich halte die GEMA keineswegs für falsch. Die Strategie dahinter ist absolut richtig. Das Leben als Musiker und Künstler verlangt harte Arbeit und viel Herzblut. Und da ist es richtig, wenn du dafür auch eine Gegenleistung bekommst. Es ist beispielsweise falsch, wenn nur Werbetreibende an dir verdienen. Ich halte aber die Taktik der GEMA für veraltet und unzeitgemäß. Diese Dinge wurden in Zeiten konzipiert, als es noch kein Internet gab. Und die Versuche, das jetzt zu korrigieren, sind irgendwie tolpatschig.

Einige fordern generell, Musik sollte wie Bildung ein freies Gut und für jeden zugänglich sein...

Ich unterstütze es auch, wenn sich dieser Gedanke der freien Bildung und Informationen durchsetzt. Bei uns und auf der ganzen Welt. Und der Zugang zu Musik ist Teil davon. Aber ich sehe das nicht als Widerspruch. Es gibt ja Modelle wie Spotify. Die Debatte ist generell aber wichtig, weil ich denke, dass sich daraus das nächste Modell entwickeln wird. Es muss sich einfach jemand mit einer besseren Idee durchsetzen. Und das wird über kurz oder lang auch passieren.

Einige Bands verzichten komplett auf Social Media. Wie steht ihr zu dem Thema?

Ich selbst denke, das ist ein Muss. Aber ich bin auch sehr internetaffin und überhaupt sehr technikbegeistert. Es gibt sicher Bands, die da eher oldschool drauf sind und das ablehnen, wohl auch, weil da Kontroversen um den Datenschutzgeschichte mitschwingen. Das kann ich nachvollziehen. Früher habe ich diese Entwicklung auch negativ eingeschätzt. Aber ich denke mittlerweile, dass de Macher hinter Facebook und Google auch nur ein Haufen junger Leute sind, die eben keine Berührungsängste haben und einfach ihren Kram machen. Und daran nehmen  sehr viele Leute teil. Klar, es ist nicht in Ordnung, wenn Daten illegal verhökert oder geklaut werden. Und dann gibt es auch das Problem des Monopols. Aber ich sehe es so: Social Meadia ist gekommen, um zu bleiben und findet einen großen Zuspruch, weil es das erste Kommunikationsmedium ist, das dich als Einzelnen anspricht. Ich finde es auch besser, wenn ich mit einem Unternehmen direkt kommunizieren kann, ohne über den Kundendienst zu gehen. Ich frage und ich kriege eine Antwort. Bequem, zu Hause, an meinem PC. Früher war es ja oft so, dass Bands versucht haben, eher geheimnisvoll zu tun und wenig von sich preiszugeben, um sich so interessant zu machen. Da findet aktuell ein totaler Paradigmenwechsel statt, beziehungsweise hat der schon stattgefunden. Jetzt wollen die Leute sich direkt an die Band wenden können, was auf Facebook ganz hervorragend funktioniert. Und wir als Band finden es auch super, den Fans direkt antworten zu können. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Social Media wird die Welt verändern. Das Internet war der letzte technologische Schritt um Nationalitäten und Landesgrenzen zu verwischen. Da lege ich viel Hoffnung und Enthusiasmus rein. Und vielleicht blende ich die Risiken auch etwas aus. Ich kann aber nur jeden ermutigen, mit uns in  Kontakt zu treten. Wir antworten auch selbst, da sitzt kein Management dazwischen, haha.

Das Postrock-Genre hat in den letzten Jahren unzählige neue Bands hervorgebracht. Eine gute Entwicklung?

Das ist eine ganz normale Entwicklung, wie bei jeder neuen Strömung. Wenn Musik Menschen berührt, wird sie nachgefragt – und nachgemacht. Es ist der natürliche Fluss. Man nehme das Beispiel Metal. So viele Kids fangen im Proberaum an, Metal-Riffs zu spielen. Da werden oft immer wieder die gleichen Klischees bemüht, aufgewärmt und wiedergekaut. Im Postrock existieren diese Klischees ebenfalls: Laut-Leise-Kontraste, Zehnminuten-Songs und so weiter. Aber das sind Dinge, die wirken, die mit Menschen funktionieren. Da werden bestimmte Gefühle hervorgerufen, die etwas mit dem aktuellen Zeitgeist zu tun haben. Und dann geht so etwas durch die Decke. Das wird immer immer so sein.

Wie seht ihr eure Zukunft?

Wir haben diese Band, weil wir Spaß daran haben. Und weil wir Ideen haben, die natürlicherweise aus uns raus müssen. Die Band ist unser Ventil für unsere Visionen. Und dann gibt es noch den Wunsch, einfach zu schauen, was mit dieser Band und mit dieser Musik möglich ist. Jeder Musiker hat von Beginn an Träume. Die meisten stellen diese Wünsche dann hinten an oder mildern sie ab. Wir haben natürlich auch mit unserem „normalen“ Leben alle Hände voll zu tun, sei das in der Familie oder beim Studium. Aber wir wollen ausprobieren, was geht. Und wenn wir irgendwann in großen Hallen spielen, fänden wir das natürlich super. Und wenn es nicht klappt, dann ist das auch ok. Wir stellen uns da keine Erwartungen, stehen aber allen Möglichkeiten offen gegenüber.

04.06.2012

"Am Ende isses immer Arbeit."

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