dArtagnan
"Für alle Werte, die die AfD NICHT vertritt, diese intoleranten Arschlöcher!"

Interview

DARTAGNAN im Interview

DARTAGNAN – eine Folk-Rock-Band, welche die Gemüter spaltet. Für die einen ist es imposanter Musketier-Rock zum Eintauchen in eine andere Welt, für andere ist es stumpfer Schlager. Wie Sänger und Multiinstrumentalist Ben Metzner zu diesen Ansichten steht, wie DARTAGNAN-Songs entstehen und für welche Werte er heldenhaft einstehen würde, hat er uns im Interview verraten, das zur Tour des aktuellen Albums “In jener Nacht“ in Dresden geführt wurde.

Konzertfoto von D'Artagnan auf der Burg Wertheim 2019

D’Artagnan – Burg Wertheim

metal.de: Die peinlich-offensichtliche Frage vorweg: Was geschah denn “In jener Nacht“?

Ben Metzner: Es gibt wirklich eine “jene Nacht“. Da haben wir zum ersten Mal mit Gustavo [Strauss, Violine, Anm. d. Red.] geprobt und gejammt. Wir haben ihm versucht, die DARTAGNAN-Welt zu erklären. Das ging nur unter Einsatz unseres Lebens und eines Kastens Bier, den wir im November auf dem Balkon geleert hatten. Das war mitten in der Trennungsphase mit Felix [Fischer, ehemals Gitarre, Anm. d. Red.], als wir richtig viel Stress hatten und die Band gefühlt kurz vor dem Aus war. So kam es uns zumindest vor. Wir konnten ja nicht ahnen, dass es dann so gut ausgehen würde. Und dann saßen wir eben bis 6 Uhr früh da, haben einen Kasten Bier gesoffen und uns verbrüdert. Das war “jene Nacht“.

metal.de: Ihr seid mit eurem aktuellen Album “In jener Nacht“ auf Platz 5 der Albumcharts eingestiegen. Was bedeuten euch solche Platzierungen?

Es ist nach außen hin ein Indikator für unseren Marktwert. Da kann man Facebook-Likes zählen oder Zuschauerzahlen oder eben Chart-Platzierungen. Aber es ist natürlich klar: Ein Platz 5 vor 20 Jahren wäre etwas Anderes als heutzutage. Da hätte man ein paar CDs mehr verkaufen müssen, aber es ist ja alles relativ. Alle Künstler verkaufen weniger CDs als früher, deswegen steht man im Vergleich so und so gut da. Das zeigt dann so eine Chartplatzierung und das finde ich auch cool, dass wir die gleiche Platzierung haben wie SUBWAY TO SALLY eine Woche davor. FIDDLER’S GREEN sind auf Platz 7 gewesen – da spielt man schon in einer gewissen Liga mit. Das freut uns natürlich. Darüber hinaus ist diese Chartplatzierung anders zu bewerten als es zum Beispiel anfangs der Fall war, weil wir viel weniger Fernsehwerbung hatten. Es ist auch ein bisschen ein Scheiß-Timing. Da gehört viel Glück dazu, denn wenn die Fernsehshows gerade Act XY haben und die stellen sich die Show auf eine bestimmte Art vor, dann passt man in die eine Sendung super rein und einen Monat später nicht mehr. Da passt es dann vielleicht in einem halben Jahr. Aber du bringst deine CD zu einem bestimmten Zeitpunkt raus und kannst das nicht vorhersehen. Dann ist das einfach so. Wir werden auch noch Fernsehsachen machen, nur eben nicht zum Release. Wir sind ja auch weiterhin gern gesehene Gäste mit DARTAGNAN. Naja, aber shit happens. Deswegen haben wir uns aber umso mehr gefreut, dass es trotzdem Platz 5 geworden ist, was ja für unsere Fangemeinde spricht und dafür, dass wir keinen Eintagshype mehr am Laufen haben, sondern etwas Handfestes.

metal.de: DARTAGNAN spalten ja die Gemüter, auch in unserer Leserschaft. Ihr tretet sowohl bei FLORIAN SILBEREISEN als auch auf dem Wacken Open Air auf. Glaubt ihr im Nachhinein, dass ein Weg abseits der Fernseh- und Schlagerwelt besser gewesen wäre, um den Menschen eure Art des Folk Rock zu präsentieren?

Unser Weg ist auf jeden Fall abgefahren. Also ich habe gelernt, auch mit FEUERSCHWANZ, dass jede Band ihren hauseigenen Weg gehen muss. Was bei dem einen funktioniert, kannst du nicht nachmachen. Du kannst im Nachhinein immer schlau daher reden, dich als Business-Insider fühlen und irgendeiner Band den Riesenerfolg erklären. Wenn der noch nicht da ist, hast du eigentlich gar keine Ahnung, was gerade passiert. Da habe ich dann eher die Piratenmentalität: Nimm was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück! Und wenn die uns haben wollen, dann macht man das halt. Aber seltsam ist es trotzdem. Ich kann ja auch verstehen, wenn man da ungehalten wird. Wenn ich in mein 16jähriges Ich zurückreise würde ich auch denken: “Näärgh, voll blöd, meckermecker!“ Aber solange wir auf der Bühne stehen, uns die Finger wund spielen, schwitzen, Musik machen, singen und es kein Fake ist, wird auch der größte Nörgler erkennen, dass er eigentlich nicht so richtig meckern kann.

metal.de: Auf dem Album hat sich mittlerweile der Song “Pech oder Glück“ zu einem meiner Favoriten gemausert, nicht zuletzt wegen der eingeflochtenen Melodie aus “Das letzte Einhorn“. Wer kam auf die Idee diese Melodie zu verwenden und warum sollte es gerade diese sein? Passen Film und Song zusammen?

Ich habe es als Experiment angedacht. Bei DARTAGNAN gehört es ja auch immer dazu, alte Melodien zu verwenden, “Earcatcher“ würde man neudeutsch sagen. “Guck mal hier, habe ich schon mal auf dem Mittelaltermarkt gehört“ oder “Hab ich schon mal im Irish Folk gehört“ – da kann man sich überall bedienen, wie ich finde. Da gibt es auch Puristen, die dann auch sagen: “Wie könnt ihr nur?“ – aber egal. Ich dachte mir, wie es wäre, wenn man mal ein 80er-Rock-Thema nimmt, wie “Das letzte Einhorn“ und das genauso behandelt als wäre es eine Folklore-Melodie. Ich baue das jetzt mal free and easy in einen Song ein und guck was passiert. Vom Film her fand ich es auch passend, weil er so märchenhaft ist. Der Song hat ja auch etwas Märchenhaftes im Text, deswegen kam mir das in den Sinn.

metal.de: Das Einflechten von alten Melodien als Stilmittel bei DARTAGNAN gefällt mir sehr gut. Wie funktioniert das? Recherchiert ihr richtig nach historischen Melodien oder fliegen sie euch zu?

Weder noch! Jeder hat da seinen Pool, aus dem man sich bedient. Ich habe den aus meiner Irish-Folk-Vergangenheit. Das saugt man auf wie ein Schwamm und dann kommt es manchmal: “Ah, Merseburger Zauberspruch mit deutschem Text!“ Man nimmt dann die Sachen, die man ohnehin im Kopf hat und verbindet sie wie zwei Stecknadeln mit einer Schnur. Also ich schreibe keinen Song und muss dann erstmal Noten ausgraben, die sind eigentlich immer schon da. Auch aus dem Dudelsackunterricht früher sind Tausend Tunes präsent, die man dann verwursten kann. Hm verwursten klingt irgendwie doof…

metal.de: Recyceln?

“Upcyceln“. Wurst ist ja auch irgendwie sowas wie “upcyceln“. Du nimmst Reste und Darm und machst daraus etwas Köstliches.

metal.de: Mit dem Gedanken im Kopf ist man es gar nicht mehr so gern.

Dafür hat der liebe Gott den Senf erfunden.

[Es folgt eine kurze Unterhaltung über das Für und Wider von Senf.]

metal.de: Mein Lieblingslied auf der Platte ist ganz klar “Wallenstein“.

Meins auch!

metal.de: Wallenstein war ein Feldherr im Dreißigjährigen Krieg. Warum habt ihr gerade ihm ein Lied gewidmet?

Ich finde, er steht wie Symbol dafür, was eigentlich im Dreißigjährigen Krieg passiert ist. Von ihm stammt der Satz: “Der Krieg ernährt den Krieg“. Er hat beim Kaiser von Österreich vorgesprochen, der eine Armee braucht, weil die Böhmen Stress machten. Er hatte aber keine Kohle, 10.000 sind zu teuer. Darauf sagt Wallenstein: “Gebt mir 50.000, die kann ich bezahlen.“ Der Kaiser fragt: “Wie soll denn das gehen?“ und Wallenstein sagt: “Wenn du so viele Söldner durch das Land schickst, dass keiner etwas dagegen unternehmen kann, können die sich nehmen, was sie wollen“. Das zeugt von so einer Grausamkeit, wie sie gar nicht schlimmer geht. Diese Art der Kriegsführung wurde auf ein ganz neues Niveau gehoben. Es ist ganz furchtbar, was dieses Arschloch da getrieben hat – und er ist dadurch reich geworden! Er ist eine furchtbare Figur und daher wollte ich ihn als Symbol nehmen. Der Name klingt gut, jeder kennt ihr so ein bisschen. In Nürnberg ist er auch noch total präsent, es gibt immerhin eine Wallenstein-Straße und es wurde ein Grabenkrieg ausgetragen. In Altdorf gibt es die Wallenstein-Festspiele. Das hat schon fast etwas Volksheldenhaftes, was natürlich total verzerrt ist. Aus deren Blickwinkel ist es Wallenstein, der gegen die bösen Schweden gekämpft hat. Das kann man sehen wie man will, aber er ist ein perverser Kriegstreiber, wenn du mich fragst. Deswegen ist der Song ein Mahnmal gegen den Krieg.

metal.de: Genau das gefällt mir daran. Partysongs haben auch ihre Berechtigung als Bestandteil von DARTAGNAN, aber ich finde es gut, wenn es textlich tiefer geht.

Da ist auch echt was passiert. Da haben wir wohl ein Fass aufgemacht. “Wallenstein“ ist auf YouTube der totale Rekordhalter, was die Geschwindigkeit angeht. Wir haben nach anderthalb Wochen ca. 170.000 Klicks. Das war noch nie so schnell und der Song wird kommentiert wie blöd. Ich habe ihn einfach gemacht, weil ich Bock darauf hatte – das Ursprüngliche des Musikers. Es war eben nicht so, dass ich einen “Partysong fürs Partyfernsehen“ schreiben musste, was übrigens super schwierig ist. Herzschmerz lässt sich leichter in Worte fassen – aber so viele Wörter für saufen gibt es eben nicht. Daher habe ich einfach gemacht, worauf ich Bock hatte und das kam dabei raus. Das wird wahnsinnig honoriert, auch von der Plattenfirma. Dazu hat dann Gustavo etwas total Innovatives gemacht. Chopping nennt sich das, was er mit der Geige da macht, dieses Perkussive. Es gibt auch wirklich wenige Geiger auf der Welt, die das überhaupt machen, aber er kann dir da ein Buch von schreiben. Es gibt auch keine große Major-Musikproduktion, bei der das jemals verwendet wurde. Das ist also total innovativ und wir sind richtig stolz drauf.

metal.de: In euren Liedern geht es häufig um Helden und deren Taten. Für welche Werte würdest du heldenhaft eintreten?

Für alle Werte, die die AfD nicht vertritt, diese intoleranten Arschlöcher: Menschlichkeit, Friedfertigkeit, Toleranz. Ich möchte mich jetzt nicht als den politisch engagierten Typen aufspielen – das bin ich nicht. Wenn ich radikal bin, dann als Pazifist. Ich singe viel über Schlachten, Krieg, Tod und Verderben – das Thema ist zwar da, aber ich bin extrem friedliebend. Ich verachte nichts mehr als Krieg, das ist das Furchtbarste auf der Welt. Also für Frieden und Liebe würde ich sterben. Sehr pathetisch, ich weiß. Kennst du HANNES WADER mit “Es ist an der Zeit“? Das ist ein Coversong von ERIC BOGLE, einem schottischen Liedermacher. Das Original heißt “The Green Fields Of France“, ein Hippie-Folk-Antikriegslied. Bei solchen Liedern muss ich heulen. Ich kann kaum drüber reden ohne Heulen zu müssen. Und dann gibt es eben die deutsche Version von HANNES WADER. Es handelt davon, dass er am Schlachtfeld bei einem Grab eines 1916 Gefallenen steht und sich fragt, was er so erlebt hat. Das ist ganz furchtbar traurig. SALTATIO MORTIS haben sich ja bei “Nachts weinen die Soldaten“ auch davon inspirieren lassen.

metal.de: Kommen wir mal zur aktuellen DARTAGNAN-Tour. Wie schwierig war es für euch nach nun mehr drei Alben eine Setlist für die Tour zusammenzustellen?

Ultraschwer, frag nicht! Das war ganz furchtbar. Ich habe wochenlang vor dem Rechner gebrütet. Nun spielen wir ganz viel ganz neu und ganz viel ganz alt. Wir spielen 13 von 14 Songs vom neuen Album. Das Set ist auch insgesamt ein wenig länger. Ich versuche wenig zu labern und viel zu spielen. Das ist echt kräftezehrend, aber sonst sind wir sehr glücklich damit.

metal.de: Wenn du noch einen Song mehr spielen dürftest, der vorher rausgewählt wurde, welcher wäre es?

Na den 14. von der neuen Platte! Es wurde ein paar Mal gefragt, wieso wir den nicht spielen. Ach kein Plan, ist halt so. Den machen wir vielleicht noch irgendwann. “Drei Nymphen“ spielen wir heute aber nicht. Das hat aber nichts mit dem Song zu tun. Der hat ja so etwas Dancehall-Mäßiges, so einen Groove, der so ähnlich schon bei “Meine Liebste, Jolie“ verwendet wurde.

metal.de: “Drei Nymphen“ hat mich auch an die “Jolie“ erinnert!

Ich kann dir auch sagen warum. Es sind beides Traditionals, die sich ähneln und zu denen die gleichen Akkorde passen.

metal.de: Worauf freut ihr euch im weiteren Verlauf des Jahres 2019?

Wir spielen einen Haufen Festivals und viele MPS. Das wird immer mehr von Jahr zu Jahr, da sind wir auch sehr gut aufgehoben. Im Herbst spielen wir auch noch ein paar Konzerte. Ach eigentlich spielen wir das ganze Jahr durch, zum Beispiel auch zwei Supports für SCHANDMAUL. Wir kommen auch zum Pfeffelbach Open Air, auf dem auch eine berühmte Band mit F spielt. Da bin ich zwar nicht der Fan von, aber ich will es nicht boykottieren. Ich will lieber die Typen, die das aus irgendwelchen Gründen abfeiern mit meiner Musik eine gute Zeit bereiten und denen etwas Anderes zeigen. Es geht auch ohne Aggro und Anschreien. Deswegen spielen wir da mit Freude. Das klingt jetzt alles viel schlimmer, als es ist. Es ist eben ein Festival, auf dem FREI.WILD auch spielen, es ist kein FREI.WILD-Konzert. Naja in jedem Falle freuen wir uns auf die SCHANDMAUL-Gigs.

metal.de: Leider nicht in Dresden!

Nein, in Dresden sind aber VROUDENSPIL dabei. Die spielen ja auch die komplette Tour, was für uns gerade keinen Sinn ergeben würde. Nach einer Support-Tour muss man ja was Eigenes machen. Wir touren aber jetzt selbst, machen einige Konzerte oder TV-Sachen im Herbst und eine abgefahrene Kooperation, über die ich noch nichts verraten darf. Man darf gespannt sein!

Vielen Dank an Ben Metzner für das Interview! Für alle Fans aus Dresden: DARTAGNAN treten im Rahmen des Stadtfestes „Canaletto“ am 16. August 2019 auf dem Theaterplatz Dresden auf!

02.08.2019

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3 Kommentare zu dArtagnan - "Für alle Werte, die die AfD NICHT vertritt, diese intoleranten Arschlöcher!"

  1. nili68 sagt:

    Dann lieber Spielkritiken.. oder Kritiken über Dosensuppe, als sowas hier.

    1. Sane sagt:

      „Dann lieber Spielkritiken.. oder Kritiken über Dosensuppe, als sowas hier.“
      Marcel Reich-Ranicki

  2. doktor von pain sagt:

    „Für die einen ist es imposanter Musketier-Rock zum Eintauchen in eine andere Welt, für andere ist es stumpfer Schlager.“

    Ich bin einer von den „anderen“.