Leng Tch'e
Leng Tch'e

Interview

LENG TCH’E hechten mit großen Sprüngen von Album zu Album, ohne Unterlass. Bereits mit dem Vorgänger konnten sie Heerscharen begeistern und sich ihren Platz auf dem Grindcore-Olymp sichern. Mit „Marasmus“ verfestigt sich nun jener Standpunkt. Der neue Opus läutet eine neue Ära für die Belgier ein: Man hat sich weitestgehend von den reinen Blastbeat-Eruptionen verabschiedet – vielmehr wurde der Anteil reduziert – und den rollenden Groove für sich entdeckt, welches das Gesamtbild und Spektrum positiv und nachhaltig verändert hat. Aber lest selbst, was die Razorgrinder zu vermelden haben. Bassist Nicolas hat sich bereitwillig zur Verfügung gestellt, mir auf meine Frage zu antworten; mit ergänzenden Kommentaren von Drummer Sven.

Leng Tch'eHey, wie geht es euch zu dem jetzigen Zeitpunkt: Euer Album „Marasmus“ wurde soeben veröffentlicht, die ersten Rezensionen dürften euch bereits erreicht haben. Ich für meinen Teil bin hellauf begeistert! Wie wird euer vierter Streich von Fans und Kritikern bisher aufgenommen?

Freut mich zu hören, dass es Dir so gut gefällt. Um ehrlich zu sein, waren wir sehr gespannt, wie das Album von der Öffentlichkeit im Allgemeinen aufgenommen wird, da wir uns mit „Marasmus“ von unserem, mit „The Process Of Elimination“ eingeschlagenen Weg ein stückweit entfernt haben – das neue Album bedeutet für uns einen großen Schritt in eine neue Richtung. Die meisten Reviews sind jedoch bislang positiv ausgefallen. Auch unsere Entwicklung und neue Ausrichtung wird von der breiten Masse gut geheißen.
Natürlich sind auch ein paar Ausnahmen zu vernehmen. Einige, so scheint es mir, können sich nur schwer mit Veränderungen anfreunden. Ich finde dass sehr bedauernswert, aber letzten Endes ist es ihre Sache und kümmert uns rechtherzlich wenig. Wir machen die Musik in erster Linie für uns und spielen Musik, die uns gefällt und Spaß bereitet und nicht um eine gewisse Szene zufrieden zu stellen.

LENG TCH’E können bereits auf nunmehr vier Alben und diverse Split-Veröffentlichungen zurückblicken. Hier und da wurden in der Vergangenheit einige, mitunter auffallende Kurskorrekturen vorgenommen, ohne sich im Großen und Ganzen vom extremen Grindcore zu entfernen. Was hat euch damals angetrieben eine eigene Band ins Leben zu rufen?

Sven (Drummer, nebenbei noch als Sänger bei ABORTED aktiv) und unser ehemaliger Sänger Isaac hatten damals regen Spaß an Bands wie BLOOD DUSTER und HEMDALE. Aus der anscheinend sehr verführerischen Idee heraus, rasante und schnelle Musik mit einer provozierenden Fuck-Off-Attitüde zu verbinden, wurden dann im Jahr 2001 – unter der Devise albernen Grindcore zu spielen – LENG TCH’E aus der Taufe erhoben. And there we are!

Das Debüt „Death By A Thousand Cuts“ lässt noch durchaus Parallelen zu den von Nicolas oben genannten Bands ohne weiteres erkennen. Bereits mit dem Nachfolger „Manmade Predator“ trumpfte man gehörig auf und richtete sich seine eigene Nische in der extremen Musiklandschaft ein.
Wie würdest du euren Sound charakterisieren und einer Person, die sich dem Grindcore bislang verweigert hat, schmackhaft machen?

Es ist ein Mix aus einer Vielzahl verschiedenster Stile: Grindcore Blastbeats, dem Crust entliehene D-Beats, fette Death-Metal-Riffs treffen auf Hardcore typische Breakdowns und Southern-Rock-Grooves. Alle beim Namen zu nennen, ist unmöglich. Wir sind bemüht sämtliche Stile, die uns persönlich imponieren, zu berücksichtigen. Was wiederum nicht heißen soll, dass wir stets darauf bedacht sind, ein möglichst breites Spektrum an verschiedenen Riffs unter einen Hut zu packen. LENG TCH’E sind schließlich keine verfrickelte, technisch-versierte Mathcore Band. Der Song steht bei uns immer im Vordergrund. Uns kommt es primär auf den Flow an, dass unsere Songs griffig und extrem zugleich sind und sich unverwechselbar nach LENG TCH’E anhören. Es muss schlichtweg passen.

Auf den ersten Blick erscheint der Name LENG TCH’E für eine Grindcore-Band eher unpassend. Doch handelt es sich dabei um eine besonders schmerzhafte, chinesische Hinrichtungsmethode, welche sich in der grauen Vorzeit einer großen Beliebtheit erfreut hat. Dabei wird das Opfer mit zahlreichen kleinen Schnitten versehen und stirbt letzten Endes, aufgrund des daraus resultierenden immensen Blutverlustes.

Den Begriff hat damals Isaac irgendwo aufgeschnappt, keine Ahnung wo. Ich könnte mir vorstellen, dass er durch Zufall auf ihn gestoßen ist und ihn aufgrund seiner brutalen und perfiden Bedeutung als äußerst passend für die Band empfand. Für meine Begriffe ist es seine Einzigartigkeit im Genre, die ihn auszeichnet. Wir wollten nicht eine weitere „Rotting Fetus Corpse“ sein.

Davon gibt es mittlerweile viel zu viele und tönen alle wie aus einem Ei geschlüpft. Mit einem LENG TCH’E-Logo auf der Brust, läuft man zudem nicht gleich Gefahr von Passanten mit überbesorgten Blicken abgestraft zu werden.
Innerhalb kürzester Zeit habt ihr zwei Alben und eine Split (mit WARSCARS) veröffentlicht. Euch gehen die Ideen für neue Songs wohl nie zu neige.

Jene Split mit WARSCARS war als Übergang zwischen „The Process Of Elimination“ und unserem neuen Album angedacht. Unsere neuen Songs, an denen wir seit Anfang 2005 getüftelt haben, sind mit unserem früheren Material nur schwer zu vergleichen. Deshalb hielten wir es für eine gute Idee, „Marasmus“ eine kleine EP voraus zu schicken, um unseren Fans nicht allzu sehr gegen den Kopf zu stoßen. Einige Songs der Mini sind auch, in einer neu eingespielten Fassung – versteht sich, auf unserem neuen Album zu finden. Eigentlich war die Veröffentlichung von „Marasmus“ auf einen späteren Zeitpunkt angesetzt, auch um etwaigen Überschneidungen mit den ABORTED-Plänen vorzubeugen, doch unser Label Relapse hat sich in jener Hinsicht leider anders entschieden.

Seit ihr eine im geschlossenen Kollektiv arbeitende Band oder kocht bei LENG TCH’E jeder sein eigenes Süppchen?

„The Process Of Elimination“ wurde von insgesamt vier verschiedenen Gitarristen komponiert. Im direkten Gegensatz dazu, ist das neue Material von Sven und Neuling Jan im Alleingang geschrieben worden.
Mit Jan ist, ein paar Monate vor dem Release von „The Process Of Elimination“, ein neuer Gitarrist zu uns gestoßen, welcher den ein oder anderen Song bereits in der Hinterhand hatte. Da der Writing-Prozess bereits abgeschlossen war, hatte Jan keine Möglichkeit sie einzubringen. Wir ließen ihn frank und frei walten und mussten irgendwann feststellen, dass er eine Art „human riff-machine“ ist und nur so vor neuen Riffs und Ideen übersprudelte. Darauf ist im Übrigen auch unsere Evolution zurück zu führen.

Eure vorigen Alben sind geprägt von eher witzreichen und stellenweise auch sehr albernen Lyrics. Dieses Mal versprechen die Titel eher ernsthafte, konventionelle Themen – gehe ich da richtig in der Annahme? Wer zeichnet sich für die Texte verantwortlich?

Die Lyrics werden allesamt von Sven und unserem Sänger Boris verfasst. Mitten im Entstehungsprozess von „Marasmus“ haben wir uns darauf geeinigt, die neuen Songs mit vernünftigen, reiferen Worten zu versehen. Jener alberne Humor erschien uns obsolet, nicht mehr unserem neuen Konzept entsprechend und wurde kurzerhand abgelegt. Nun werden primär soziale Themen abgehandelt.

Also, alles ganz im Sinne des klassischen, politisch motivierten Grindcores.
Euer Summer Breeze Gig im letzten Jahr darf getrost zu meinen Highlights des letzten Konzert-Jahres gezählt werden! Ihr habt viele Gemüter erregt und konntet auch Leute erreichen, die sonst eher einen Bogen um jene Art von Musik machen.

Uns hat es ebenfalls Freude bereitet, auf dem Summer Breeze spielen zu dürfen. Bereits in jüngster Vergangenheit konnten wir uns auf dem Graspop und FuryFest an die großen Bühnen gewöhnen. Normalerweise ziehen größere Festivals eher das konservative Mainstream Publikum an, umso mehr ist man dann gewillt und angestachelt dieses Publikum zu erreichen. Obwohl wir bereits in den frühen Mittagsstunden auf die Bretter mussten, hat sich eine ansehnliche, lechzende Meute vor der Bühne geschart. Und nicht nur die Grindcore-Fraktion war vertreten.

Wird das deutsche Publikum die Möglichkeit haben, euch in naher Zukunft live zu erleben? Da, wie du bereits angesprochen hast, Sven Aushängeschild der Pathologen ABORTED ist, kann ich mir vorstellen, dass euch Probleme bevorstehen werden, die Aktivitäten beider Bands auf einen Nenner zu bringen.

Wir werden unser Belgien verlassen, um im Juni zusammen mit IMMOLATION und KRISIUN auf einer kleinen Europatour zu glänzen. Groß angelegte Touren durch Europa und den USA sind bereits in Planung. Und nun, darf sich auch mal Sven zu Wort melden.

Sven: Monate harter Arbeit liegen nun hinter mir. Unglücklicherweise lief einiges schief, sodass sich die Pläne und Veröffentlichungs-Termine beider Bands kreuzen. ABORTED werden auf längere Touren aufspringen, während sich LENG TCH’E vorerst den Wochenend-Shows widmen werden. Unser Ziel ist es beiden Bands gerecht zu werden und das jeweilige Maximum an Aufmerksamkeit zu erreichen. Für ABORTED finden sich einfach mehr Tour-Angebote, weshalb LENG TCH’E vorerst den Kürzeren zieht. Daran wird sich hoffentlich in absehbarer Zeit etwas ändern.

Sven, du hast Dir über die Jahre einen sehr guten Ruf als Cover- und Layout-Designer verschafft. Ist auch das aktuelle Cover auf deinem Mist gewachsen? An welchen Projekten verausgabst du dich zurzeit?

Sven: Das neue LENG TCH’E Artwork stammt nicht von mir, sondern von Orion Landau, dem honorierten Relapse-Layouter. Ich habe ihm lediglich hier und da ein paar Ansätze und Ideen geliefert, die er dann nach seinem Ermessen umgesetzt hat. Es fällt mir immer schwer an dem Artwork meiner eigenen Bands zu basteln. Ich bin stetig mit mir unzufrieden und setze immer wieder neu an. Da überlasse ich die Arbeit lieber jemand anderem, hehe.
Soeben habe ich die Arbeiten an dem neuen IMMOLATION Artwork beendet. Mein Hauptauftraggeber ist Listenable Records, für die ich sämtliche Poster, Anzeigen, Merchandise etc. entwerfe. Zuletzt beendete ich die Arbeit an der gesamten Merchandise-Reihe für ABORTED und LENG TCH’E, sowie THE AMENTA und weiteren, unzähligen Projekten.

Wie ich häufig feststellen musste, schenken aktive Musiker ihren Kollegen keinerlei Aufmerksamkeit. Releases neueren Datums werden gleichgültig ignoriert. Eure Steckbriefe auf razorgrind.com zeigen auf, dass ihr euch mit der Musik eurer Kollegen befasst und ihre Arbeit zu schätzen wisst. Auf welche Musik fahrt ihr denn ganz privat ab?

Ich kann nicht nachvollziehen, warum dies so ist. Aber jetzt wo du es erwähnst: Stimmt, die meisten sind nach wie vor den alten Helden hinterher. Jeder in der Band hat seinen ganz eigenen Geschmack. Privat höre ich mir gerne Stoner und den Rock der siebziger Jahre an. Vermutlich um die extreme Musik von LENG TCH’E zu kompensieren. Natürlich steht der Death Metal und Grindcore nach wie vor im Vordergrund. Die letzte NAPALM DEATH fand ich sehr herausragend. Auch die neue CONVERGE traf exakt meine Geschmacksnerven. Bands wie THE RED CHORD, BURNT BY THE SUN, MASTODON und CEPHALIC CARNAGE stehen ohne Zweifel ganz oben auf meiner Fave-Liste.

Altes Spielchen, dennoch interessant und unterhaltsam:

MASTODON: Ohne Zweifel die Größten. „Leviathan“ stand nicht allzu hoch in meiner Gunst, aber „Blood Mountain“ hat wieder alles wettgemacht. Ich habe sie das erste Mal 2003 gesehen und war hin und weg von dieser Intensität. Sie sind meine Hoffnung, den Metal aus seiner schon viel zu lang anhaltenden Misere zu helfen. [Dem kann ich nur zustimmen – Anm. d. Verf.]

SUNNO))): Nicht mein Ding…Ich habe sie ein, zwei Mal live gesehen. Trotz der durchaus unterhaltenden Show, kann ich nicht nachvollziehen, was diese Geräusche noch mit Musik zu tun haben sollen.

REGURGITATE: Großartige und meilenweit unterschätzte Grindcore Band, zudem sehr nette Jungs.

KISS: Natürlich – Ihre alten Sachen sind unerreicht. Die neuen KISS sind Disneyworld-Nonsense!

CONVERGE: Wie schon erwähnt: Ganz groß! Sie blieben beharrlich immer ihrer Linie treu und das zeichnet sie aus. Ihre Produktionen sind das Nonplusultra – rau, roh und heavy!

Ich möchte mich bei euch bedanken, dass Ihr euch die Zeit genommen habt, mir auf meine Fragen so ausführlich zu antworten. Kann heute leider nicht mehr als Selbstverständlichkeit abgehakt werden.

Kein Ding, die Freude liegt ganz auf meiner Seite! Checkt unsere Seite www.razorgrind.com für Tourdaten und Merchandise. Wir freuen uns darauf, euch bei einem unserer zukünftigen Konzerte über den Weg zu laufen.

23.03.2007

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