Ulcerate
Interview mit Jamie Saint Merat zu "Vermis"

Interview

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Nachdem uns Schlagzeuger Jamie Saint Merat bereits seine eigene Sicht der Songs auf „Vermis“ ausführlich erläutert hat, nimmt sich der sympathische Herr nochmals Zeit um uns einen Einblick in die Entstehung des Albums, sein Faible für das Schlagzeug spielen und die Inspiration hinter ULCERATE zu gewähren.

Hallo Jamie, wie geht’s? Gratulation zu “Vermis“. Es ist für mich persönlich eines der beeindruckendsten Werke des Jahres. Wie fallen denn sonst so die bisherigen Reaktionen aus?

Bisher waren die Reaktion extrem überwältigend. Wenn du die Arbeit an einem Album beendet hast, ist es immer eine Zeit, in der du einfach demütig und überwältigt bist, denn du hast ja noch keine objektive Meinung, ob das Material nun gut klingt oder nicht. Somit ist es fantastisch, beide Meinungen, von Kritikern und Fans zu bekommen, die die Scheibe anscheinend gut finden.

Ich empfinde “Vermis“ als etwas sperriger, als es bei “The Destroyers Of All“ der Fall war. Teilweise klingt es wie ein Schritt zurück zu “Everything Is Fire“, obwohl diese unerbitterlich hoffnungslose Note des Vorgängers nach wie vor noch durchschimmert. Wie siehst du “Vermis“ im Vergleich zu den anderen Alben?

Ja, auf alle Fälle! Ich stimme dir mit “sperriger“ definitiv zu. Wir wollten generell einen hässlicheren, wesentlich aggressiveren und düsteren Sound haben. Das gilt sowohl für die Kompositionen selbst, als auch für den Mix. In Bezug auf den Schritt zurück, sag ich nur ja und nein. Wir wollten zurück zu einem intensiveren Arrangement und steckten mehr Energie in die Gitarrenarbeit, was wir bei “The Destroyers Of All“ wegschoben. Aber vom Sound und vom Feeling her ist das Album für uns ein ganz anderes Biest. Der Vibe ist anders, als das, was wir bisher gemacht haben. Es ist schwerer und hat ein einschüchterndes Flair. Und genau diese Vorstellung haben wir von Musik je älter wir werden.

Gibt es denn ein bestimmtes Konzept hinter “Vermis“? Könntest du mir bitte erläutern, was die einzelnen Songs thematisieren?

Ich kann dir keine Details zu jedem Song nennen, denn nur unser Sänger Paul kennt alle Einzelheiten, aber im Grunde geht es auf “Vermis” um Unterdrückung, die Hilflosigkeit und das Leiden der Unterdrückten, die Barbarei der Unterdrücker, Formen der Unterdrückung (teilweises Dogma, Kraft und Manipulation) und die Ignoranz der Unterdrückten, welche sich aufgrund von Angst und Rückgratlosigkeit nicht wehren können. Wir nutzen dazu das lateinische Wort “Vermis“ als Metapher für die Rückgratlosigkeit und Feigheit auf beiden Seiten.

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Das Artwork fällt auch, wie gewohnt, extrem trist und düster aus. Wie siehst du die Verbindung zu den Songs? Bist du auch dieses Mal wieder für die Gestaltung zuständig gewesen?

Ja, wie immer hab ich mich auch um das gesamte Artwork gekümmert. “Düster“ ist auch dieses Mal eine sehr gute Beschreibung. Die Verbindung zwischen den Songs ist sehr einfach und das Artwork stellt den visuellen Teil im Kontext zum akustischen Part und zum Grundthema dar. Es komplettiert einfach das Gesamtpaket. Ich bekam den Kontext durch die Songtexte (um z. B.etwas Bildliches in das Werk einfließen lassen zu können), aber die Stimmung der einzelnen Teile spiegelt immer mich, wie ich den Sound von uns erforsche. Es ist immer so, dass ich einen ungeheuren Aufwand habe, da ich eine Menge Ideen in die Tonne trete, bevor ich etwas finde, das mir auf Anhieb gefällt und das für mich Sinn macht. In erster Linie solltest du dir das Artwork anschauen und einen Eindruck davon bekommen können, was dir diese Musik bedeutet.

Woher zieht ihr denn eure Inspiration für Eure Musik? Was beschäftigt euch denn so, um derart düstere Musik zu komponieren?

Die Musik selbst dient uns als Inspiration. An genau diesem Punkt ziehen wir unsere Kraft aus dem Gefühl, wie geil es ist, täglich diese Musik machen zu können. Das klingt jetzt vielleicht dumm, aber je älter wir werden, desto aufregender wird es, so etwas machen zu können. Es hilft aber definitiv auch, dass wir nun konkrete Ziele haben, was Touren betrifft, aber davon mal abgesehen, ist die Musik alles an Inspiration, was wir brauchen.

Was das Verlangen danach angeht, unsere Musik so düster zu gestalten, das war schon immer die Art von Metal, die wir am meisten gehört haben. Das heißt aber nicht, dass du ein depressiver, ein fertiger Mensch sein musst. Unsere Musik wirkt wie eine Art Katharsis. Wenn du von einem stressigen Arbeitstag nach Hause kommst, ist, solche Musik zu spielen, die beste Möglichkeit, mal Dampf abzulassen.

Gerade Deine Schlagzeugparts sind auf “Vermis“ wieder völlig abgefahren. Bist du so ein Technik-Crack hinter den Drums und wie oft übst du denn noch mit deinem Schlagzeug?

Vielen Dank! Ja, ich bin ein totaler Drum-Nerd und ich versuche alle Facetten des Schlagzeugspielens zu erfassen, sowohl im Metal als auch in anderen Sparten. Ich übe jeden Tag eine Stunde lang, wenn wir keine Bandprobe haben und ich versuche mich immer technisch und dynamisch weiterzuentwickeln.

Wie geht bei euch denn das Songwriting vonstatten? Eure Musik klingt nicht so, als würdet ihr die Gitarren ganz klassisch die Riffs anbringen. Wer ist denn der federführende Musiker bei euch?

Mike, der Gitarrist und ich schreiben die Songs gemeinsam. Der Prozess an sich ist recht kompliziert: Jeder arbeitet abseits des Probenraums an der Grundmelodie und am Rhythmus zunächst auf Zimmerlautstärke, sodass wir leichter über alles diskutieren können. Dann bringen wir das Ganze mit zu den Proben, wo wir dann daran herumdoktern können, hauptsächlich natürlich von der Schlagzeugseite aus. Danach geht es haupsächlich darum, alles zu wiederholen, die Proben auch mal aufzunehmen, Unnötiges auszumisten und wieder von Vorne anzufangen.

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Wie verliefen die Aufnahmen für “Vermis“ im Vergleich zu “The Destroyers Of All“? Meiner Meinung nach ist der Sound auf “Vermis“ organischer und speziell das Schlagzeug steht mehr im Vordergrund.

Die Aufnahmen fanden auf dieselbe Art und Weise und im selben Studio statt wie die letzten drei Alben. Wir haben die Platte selbst arrangiert und wie sonst auch habe ich es gemixt. Um einen anderen Blick auf unsere Musik zeigen zu können, haben wir dieses Mal Alan Douches von West Side aus New York das Album mastern lassen. Wir wollten einen organischen, düsteren Klang. Man sollte einfach eher das Gefühl haben, dass die Band neben dir steht und spielt, als es bei “Destroyers Of Al“ der Fall war. Es ist absichtlich nicht die klarste Aufnahme, die wir je hatten, aber so ist der Sound weniger greifbar. Es wird mehrere Durchläufe brauchen, um alles zu fassen, was da vor sich geht.

Was die Drums angeht: Es ist interessant, dass du das sagst, denn das Schlagzeug ist bewusst weiter im Hintergrund als auf den vorherigen Veröffentlichungen, um den gesamten Sound düsterer werden zu lassen. Je lauter und klarer das Schlagzeug klingt, desto klarer wird das ganze Album sein. Das du das so empfindest, liegt bestimmt an der Art, wie du Musik hörst. Das war ein richtiger Kampf für mich: Als ich mit dem Mix beschäftigt war, musste ich mich zusammenreißen, dass die Drums nicht im Vordergrund stehen, so sehr ich das auch manchmal wollte.

Wenn du Neuseeland und Europa vergleichst, gibt es denn eigentlich Unterschiede in den Metalszenen?

Hauptsächlich die Ausmaße! Du kannst alle Metal Bands aus Neuseeland an beiden Händen abzählen. Dazu ist in Europa eine weite Spanne von Stilen vertreten, während man bei uns nur wenige findet. Aber es kommt dennoch geniales Material aus unserem Land und das, was am besten anzukommen scheint, ist eben erbarmungslos und grausam wie zum Beispiel WITCHCHRIST, VASSAFOR, DiIOCLETIAN, HERESIARCH und so weiter. Das finde ich echt klasse.

Wie steht es denn um eine Europatour? Gibt es da schon Pläne?

Ja, aber sicher! Wir kommen 2014 zurück nach Europa. Im Moment stecken wir gerade in der Planung.

Danke für das Interview, die letzten Worte gehören dir!

Vielen Dank für die großartigen Fragen und die Unterstützung. Wir freuen uns schon darauf, zurück nach Europa zu kommen. Beide Male als wir dort waren, war es besonders in Deutschland ein Fest für uns!

17.09.2013

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