Wintersun
Jari im Interview. "Ich nehme die Musik ernst, aber nicht mich selbst."

Interview

Die WINTERSUN-Crowdfunding-Kampagne war ein riesiger Erfolg. Habt ihr mit diesem Ergebnis gerechnet, als ihr mit der Planung begonnen habt?

Das war genau, worauf wir seit dem Beginn abgezielt haben. Wir waren wahrscheinlich die einzigen, die dran geglaubt haben, außer ein paar engen Freunden. Die Crowdfunding-Idee kam ursprünglich von unseren tollen Fans, und ohne die hätten wir das niemals in Betracht gezogen. All das wäre natürlich ohne einen wahnsinnigen Haufen Arbeit und Einsatz nie möglich gewesen. Ich habe drei Jahre lang buchstäblich 16-Stunden-Tage gearbeitet, so gesehen ist es eigentlich ein normales Einkommen für die Menge an Arbeit, vor allem nach all den Unkosten und Steuern.

Natürlich konnten wir nicht sicher sein und hatten ab und zu Zweifel im Hinterkopf, aber davon haben wir uns nicht aufhalten lassen. Wir hatten die Idee, dass es selbst im schlimmsten Fall, nur unser Safe Goal von 150.000 € zu erreichen, funktionieren würde, wenn wir drei verschiedene Crowdfunding-Kampagnen machen. Aber wir haben das Safe Goal von 150.000 € in weniger als 24 Stunden erreicht, und unsere Kampagne war die zweitgrößte Musik-Kampagne in der Geschichte von Indigogo. Wir könnten also nicht glücklicher darüber sein, wie gut unser Plan funktioniert hat und dass die Fans da waren, um uns zu unterstützen!

Ihr hattet auch mit negativer Kritik zu kämpfen, zum Beispiel mit diesem Aprilscherz von Angry Metal Guy. Wie seid ihr damit umgegangen? Ist jede Werbung gute Werbung?

Den Witz habe ich auch gesehen, aber ich habe auch schon lustigere gesehen. Die Sache ist, wir machen selbst die ganze Zeit Witze über die ganze Sache. Wenn die Leute denken, wir nehmen uns selbst ernst, liegen sie falsch. Ich nehme die Musik ernst, aber nicht mich selbst oder den ganzen Musik-Business-Zirkus. Aber wenn man heutzutage, in den Zeiten der kurzen Aufmerksamkeitsspanne und sich ändernden Musikindustrie, erfolgreich von der Musik leben will, ist die Musik alleine nicht genug, so traurig das auch ist. Man muss sich ins Zeug legen, Aufsehen erregen und sich bekannt machen, was ich irgendwie hasse, weil ich garnicht berühmt sein will. Aber das ist, was ich gelernt habe. Man muss aus sich rausgehen, und ich musste wirklich meine Komfortzone verlassen. Aber je älter du wirst, umso dicker wird dein Fell, und umso weniger kümmert es dich, was andere denken. Ich hätte das nicht machen können, als ich jünger und unsicherer war. Ich würde allen raten, sich nicht darum zu kümmern, was andere denken, und einfach euer eigenes Ding zu machen! Das Leben ist so kurz.

Also ja, es gab viel Schwarzmalerei, Skepsis und sogar Bashing als wir mit dem Crowdfunding um die Ecke kamen. Das hat uns überrascht, weil wir ja nichts umsonst wollten. Unsere Idee für das Crowdfunding war von Anfang an, ein Produkt zu verkaufen, und auf diesem Weg bessere Ressourcen für zukünftige Albumprojekte zu erlangen. Aber es scheint, als könnten einige Leute nicht damit umgehen, dass wir unser eigenes Studio mit unserem eigenen Geld bauen wollen. Wir haben schnell gemerkt, dass man vielleicht nicht sagen sollte, was man mit dem Geld vorhat, das man mit seiner Arbeit verdient, da das scheinbar Neid und alle möglichen, negativen Gefühle in manchen Leuten hervorruft. Auf der anderen Seite standen viele Leute hinter uns und haben die Idee abgefeiert. Da haben wir realisiert, dass es vielleicht ganz gut sein kann, etwas kontrovers zu sein. Deshalb haben wir angefangen, noch mehr Wasser auf den sprichwörtlichen Saunaofen zu kippen (lacht).

Der Wind hat sich dann schnell gedreht, als wir die Kampagne gestartet haben und die ersten Episoden unserer „Forest Documentary“ gepostet haben, die den Plan, die Idee, unsere Motive und unsere lange Reise dahin im Detail erklärt und darstellt, dass wir niemanden bullshitten wollen. Vor allem hat sich das geändert, als die Leute die neue Musik gehört haben. Die negativen Stimmen sind verstummt und manche Leute haben mir sogar geschrieben, um sich persönlich zu entschuldigen, weil sie sich geirrt hatten und alles erst nicht verstanden haben. Ich würde nicht sagen, dass jede Werbung gute Werbung ist, aber an dem Spruch ist sicher sehr viel Wahrheit, und wir haben sicher einen kleinen Vorteil daraus gezogen. Wenn man Aufsehen erregt und kontrovers ist, bringt man die Leute zum Reden und sie kommen, um zu sehen, was da abgeht. So hören sie die Musik und bleiben dabei.

Bild Wintersun Promo Foto 2017

Wintersun Promo Foto 2017. Credit: Onni Wiljami Kinnunen

Nur so aus Neugier, wieso habt ihr “The Forest Seasons“ gemacht, statt gleich „Time II“ zu machen? Habt ihr denn jetzt schon einen Zeitplan dafür? Was können wir vom Album erwarten?

Nein, „Time II“ wird erstmal beiseitegelegt bis ich den RICHTIGEN Sound dafür habe, und ich kann mir nicht vorstellen, den ohne das Studio zu bekommen. Und wir können das Studio nach dieser ersten Kampagne noch nicht bauen, auch wenn sie ein riesiger Erfolg war. Besonders in Finnland gibt es hohe Kosten und Steuern, also bleibt uns knapp über die Hälfte. Der Plan war aber von Anfang an, drei Crowdfunding-Kampagnen mit drei neuen Alben zu machen, und anderem interessanten Kram natürlich. Sollte die zweite Kampagne aber auch so erfolgreich sein, können wir das Studio vielleicht sofort bauen. Es gibt aber noch keinen Zeitplan für das nächste Crowdfunding. Ich habe schon sehr coolen Kram dafür, aber momentan konzentrieren wir uns noch auf die Promo und die Touren zu „The Forest Seasons“.

„Time I“ war von der Produktion her schon ein riesen Kompromiss, deshalb will ich „Time II“ wirklich perfekt machen! 2014 habe ich gemerkt, dass das mit meinen momentanen Ressourcen unmöglich ist, deshalb musste ich das Album beiseite legen und stattdessen etwas anderes machen. „The Forest Seasons“ ist etwas ganz Anderes. Das zu machen war viel leichter, günstiger und entspannter, was ich definitiv nötig hatte. Ich bin wegen der Time-Alben echt verrückt geworden. Ich wollte etwas Anderes und einfacher zu Produzierendes machen. Etwas, bei dem ich wusste, dass ich nicht mit Computern und mangelnden Studio-Ressourcen kämpfen muss.

Deutschland bekommt nicht allzu viele Shows auf der anstehenden WINTERSUN-Tour ab. Sind denn bald mehr deutsche Shows in Sicht?

Wir werden in Zukunft definitiv mehr in Deutschland touren. Es ist das Land, in dem wir bisher am meisten gespielt haben. Momentan peilen wir ein paar neue Orte an, an denen wir noch nicht gespielt haben. Wir wollen neue Hörerschaften finden, aber wir werden auf jeden Fall noch sehr oft nach Deutschland kommen, denn das ist eines unserer Lieblingsländer, und eins, das uns sehr unterstützt hat!

Was haben WINTERSUN jetzt vor, vom Touren mal abgesehen?

Vom Touren mal abgesehen schreibe ich immer neue Musik und arbeite an Studiokram, um alles besser zu organisieren. Die Arbeit hört nie auf, wenn man Produzent, Songwriter, Tontechniker, etc. ist, und im Grunde alles selbst macht. Wir planen auch ein Musikvideo, aber der Zeitplan steht noch nicht, weil wir noch so viel auf der Platte haben. Wenn „The Forest Seasons“ draußen ist, werden wir auch die zweite Crowdfunding-Kampagne angehen.

Hast du sonst noch was anzumerken? Eine Message an die WINTERSUN-Fans vielleicht?

Vielen Dank, Leute, dass ihr uns all die Jahre am Leben erhalten habt und hinter uns gestanden habt! Wir werden weiterhin hart für euch arbeiten! Wir sehen uns auf Tour, irgendwo, irgendwann!

Vielen Dank für das Interview!

Galerie mit 22 Bildern: Wintersun - Rockharz 2019

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Quelle: Jari Mäenpää, Wintersun
15.07.2017

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5 Kommentare zu Wintersun - Jari im Interview. "Ich nehme die Musik ernst, aber nicht mich selbst."

  1. Lex sagt:

    hört sich für mich nach ziemlich viel Scheiss an. Ich mag die ersten zwei Wintersun Alben und auch Jari, aber 150 K für eine Kampagne und er will mir erzählen er bekommt damit kein Studio beisammen, wo er allein arbeiten kann ? Was schwebt ihm vor, marmorverzierter Boden und Mikrofone aus Gold nebst Privatsauna ? nicht teures equipment gewährleistet gute songs oder geshweige denn eine vernünftige produktion, sondern fähige leute dahinter. Leute die auf teufel komm raus perfektionistisch an ihre Musik rangehen, rauben sie ihrer wichtigsten Komponente: Spontanität, Lebendigkeit, Einzigartigkeit. Wenn eine Band dauerhaft von der Musik leben will und davon touren, so wie bei der Ne Oblviscaris Kampagne, kann ich das verstehen, aber das hier wird langsam lächerlich… Drei Crowdfunding Kampagnen in demselben Rahmen ? Damit hätte er ein Budget, wovon man schon einen kleinen INdependentfilm drehen könnte. Leute wie Hannes Grossmann oder Krimh bekommen es mit einem zehntel, wenn überhaupt davon hin, gute Alben zu produzieren. Is in meinen Augen schon iwo lächerlich.

    1. Wingthor sagt:

      Ich möchte mal sehen, wie du mit 150000€ (wovon ja vorallem nur die Hälfte übrig bleibt) ein vernünftiges Studio bauen willst. Guck dich mal um, wieviel es schon kostet, ein Haus zu kaufen: mit 75000 kommst du da in der Regel nicht weit.

      Generell verstehe ich die Kritik an der Crowdfunding-Kampagne nicht. Viele andere Bands haben bereits eigene Studios, in denen sie ihre Alben aufnehmen. Wintersun wollen eben auch eines und bauen dafür auf die Unterstützung der Leute. Aber es wird doch niemand zu irgendwas gezwungen. Wenn man es nicht gut findet, unterstützt man es halt nicht. Wo ist das Problem?

      Dass es drei Crowdfunding-Kampagnen geben wird, war übrigens von Anfang an so angekündigt…

      1. Sane sagt:

        Ein Kumpel von mir hat sich ein Haus für 90 und das Studio für ca 30 gekauft.ist also definitiv möglich, wahrscheinlich aber stark von der Region abhängig, immobilienpreise unterscheiden sich natürlich .
        Auch ist es natürlich ein Unterschied in welcher Liga man equipmentmäßig spielen will.
        150k für rein das Studio ist wohl hoch gegriffen, da muss man sich klar machen dass man denen wahrscheinlich auch das Haus finanziert.
        Gemecker über kickstarter versteh ich auch gar nicht, kann ja jeder unterstützen oder eben lassen..

      2. justus sagt:

        Crowdfunding halte ich grundsätzlich für eine tolle Sache aber man kann es wie man am Beispiel Wintersun sieht damit auch übertreiben. Sicherlich wird niemand gezwungen sich daran zu beteiligen. Sympathiepunkte sammelt die Band damit aber auch nicht (zumindest bei mir).

  2. Art Beck sagt:

    Was für eine gequirlte Shice. Aber da ich ja die freie Wahl habe, an den Crowdfounding-Kampagnen teilzunehmen oder eben nicht, lass ich es einfach.