
Xandria
"Die Zeit, nur daneben zu stehen und zuzuschauen, ist vorbei."
Interview
Anlässlich der Veröffentlichung des neuen XANDRIA-Albums „Eclipse“ haben wir Multiinstrumentalist und Bandkopf Marco Heubaum einige Fragen gestellt, die er ausführlich beantwortete. Neben dem neuen Album sprachen wir auch über die Texte, das relativ neue Line-Up und blickten auf das Debüt „Kill The Sun“ zurück.
Hallo und danke für eure Zeit. Wie geht es euch und wie sind die Reaktionen auf das „Eclipse“ bislang?
Sehr gut, danke! Wir sind gerade natürlich mitten in dieser etwas verrückten Phase direkt nach dem Release, in der plötzlich das, woran man so lange im stillen Kämmerlein gearbeitet hat, draußen in der Welt ist und ein Eigenleben entwickelt. Und die Reaktionen sind bisher wirklich großartig. Was mich besonders freut, ist, dass viele Leute genau diese enorme Vielfalt des Albums hervorheben – also etwas, bei dem man vorher nie ganz weiß, ob alle bereit sind, sich auf diese Reise einzulassen. Offenbar sind sie es.
Ihr beschreibt „Eclipse“ als das bisher vielfältigste XANDRIA-Album. Wie kam es dazu, so viele unterschiedliche Einflüsse auszuprobieren?
Wir haben XANDRIA nie als eine Band verstanden, die sich innerhalb der Grenzen eines bestimmten Genres bewegen muss. „Symphonic Metal“ ist eher eine für die Leute praktische Bezeichnung für einige der Elemente, die man bei uns hört, aber für uns war das nie ein Regelwerk. Wir benutzen unterschiedlichste Metal-Riffs, weil ich selbst sehr unterschiedliche Arten von Metal liebe – von JUDAS PRIEST über EMPEROR, PARADISE LOST oder AT THE GATES bis hin zu modernen Spielarten. Wir benutzen Orchester, weil ich stark von Filmmusik beeinflusst bin und davon, wie man damit Geschichten erzählen kann. Und wenn ein Song plötzlich nach einer keltischen Melodie verlangt oder einen Refrain bekommt, der fast an einen Disney-Song erinnert, dann folgen wir dieser Idee einfach.
Dieser Prozess war eigentlich schon immer da. Ich fand Songideen immer dann besonders spannend, wenn sie sich für mich neu und anders angefühlt haben, und habe dann versucht, sie ihren natürlichen Weg gehen zu lassen, anstatt mich zu fragen, ob sie noch in irgendeine Schublade passen.
Der Unterschied ist eher, wie weit wir damit heute gehen können. Jedes Album davor hat uns mehr Erfahrung, mehr Möglichkeiten und wahrscheinlich auch mehr Sicherheit gegeben, einer Idee wirklich bis zum Ende zu folgen. Vielleicht ist es ein bisschen wie beim Bergsteigen: Man kann nicht einfach am höchsten Punkt anfangen. Man muss erst ein paar Basecamps erreichen, Erfahrung sammeln und lernen, wie man sich in diesem Gelände bewegt. Und bei „Eclipse“ schauen wir gewissermaßen auf den nächsten Berg und denken: Gut, dann sehen wir jetzt mal, was noch alles hinter diesem liegt.
Gibt es Grenzen für den XANDRIA-Sound – etwas, das ihr nicht nutzen würdet?
Bei den Stilmitteln eigentlich nicht. Da legen wir uns wie gesagt keine Grenzen auf. Die interessantere Frage ist für mich, mit welcher Absicht man etwas tut.
Wir würden definitiv nichts in unsere Musik einbauen, nur weil wir uns davon kommerziellen Erfolg versprechen. Natürlich dürfen Dinge dabei sein, von denen wir wissen, dass sie vielen Leuten gefallen werden – aber nur, weil sie uns selbst genauso viel Spaß machen. Eine Melodie, die so poppig ist wie der Refrain von „The Poetry Of The Real World“, würden wir zum Beispiel nie schreiben, weil wir denken, damit verkaufen wir mehr Platten. Wir schreiben sie, weil wir es großartig finden, wenn sie klingt, als könnte sie von ROXETTE sein. Wir sind schließlich selbst Fans.
Die Grenze liegt also nicht im Stil. Sie liegt dort, wo Musik nicht um ihrer selbst willen gemacht wird.
„The Shannon’s Home“ ist die erste Single. Warum habt ihr das Lied als ersten Eindruck gewählt?
Der Song hatte für uns von Anfang an eine ganz besondere Magie. Und gerade deshalb fanden wir ihn als erste Single spannend. Er ist vergleichsweise still und zurückhaltend, kein Bombastwerk, das dir nach fünf Sekunden alles gleichzeitig ins Gesicht wirft. Damit war er auch ein kleines Statement für atmosphärische, verspielte und leisere Töne – in einer Welt, in der Singles oft schon in den ersten zehn Sekunden verzweifelt beweisen wollen, dass man bloß nicht weiterskippen soll.
Auf Dauer kann das unglaublich ermüdend werden. Wir dürfen nicht verlernen, Musik wirklich anzuhören – in ihrer Gänze, mit ihrer Dynamik und ihrer Tiefe. „The Shannon’s Home“ verlangt ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Aber genau darin liegt für mich ein großer Teil seiner Schönheit.
Seit „The Wonders Still Awaiting“ ist XANDRIA mit neuer Besetzung unterwegs. Wie hat sich die Zusammenarbeit seither entwickelt?
Das Schöne ist, dass wir eigentlich von Anfang an das Gefühl hatten, dass es sehr gut zusammenpasst. Seitdem haben wir unglaublich viel gemeinsam erlebt und natürlich auch sehr viel Zeit miteinander verbracht – nicht nur auf der Bühne, sondern vor allem unterwegs.
Wenn man so viele Touren zusammen macht, lernt man sich ziemlich gut kennen. Wir sind dabei aber auch keine Band, die nach der Show einfach in fünf verschiedene Richtungen verschwindet. Wir lieben es, gemeinsam die Orte zu entdecken, an denen wir gerade sind – durch fremde Städte zu ziehen, die lokale Küche auszuprobieren und Dinge mitzunehmen, für die man sich im normalen Touralltag eigentlich viel zu selten Zeit nimmt. Und wenn man schon mal in Salt Lake City ist, kann das eben auch bedeuten, sich einen Mietwagen zu schnappen und gemeinsam raus in die Salzwüste zu fahren.
Solche Erlebnisse schweißen natürlich zusammen. Man weiß inzwischen sehr genau, wie die anderen ticken, vieles läuft dadurch ganz selbstverständlich und vor allem macht es immer noch sehr viel Spaß, gemeinsam unterwegs zu sein. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste.
Einige Songs behandeln ernste Themen, während „The Last Generation“ sogar einen Kinderchor einsetzt. Wieso behandelt ihr auf diesem Album erstmals auch ernstere, realitätsnahere Themen?
Wir machen das tatsächlich nicht erst jetzt. Schon frühere Songs wie „Nightfall“ oder „We Are Murderers (We All)“ hatten sehr ernste und ausgesprochen realitätsnahe Themen – und beide waren sogar Singles. Dass ich diese Frage in letzter Zeit trotzdem öfter höre, gibt mir ein bisschen das Gefühl, dass unsere Texte bisher vielleicht gar nicht so stark wahrgenommen wurden.
Deshalb habe ich sie auf „Eclipse“ bewusst noch direkter und intensiver formuliert. Sie sind mir auf diesem Album genauso wichtig wie die Musik.
Der Grund dafür ist ziemlich einfach: Wir leben in einer Welt, in der sich gerade Dinge zusammenbrauen, die sehr böse enden können. Menschen lassen sich wieder über ihre niedersten Instinkte vom Faschismus verführen, Demokratie, Pluralismus und Freiheit geraten unter Druck. Natürlich haben persönliche Themen oder ganz andere Geschichten in der Kunst genauso ihre Berechtigung. Aber wenn Entwicklungen stattfinden, die uns alle betreffen und unser Leben ganz konkret verändern können, kann ich nicht ein Songs schreiben und so tun, als würde das alles außerhalb unserer eigenen Welt stattfinden.
Gerade in einer Zeit, in der grundlegende Errungenschaften unserer Gesellschaft wieder offen angegriffen werden, möchte ich nicht einfach wegsehen. Irgendwann wird auch das Schweigen zu einer Haltung. Die Zeit, nur daneben zu stehen und zuzuschauen, ist vorbei. Sonst ist es irgendwann zu spät. Nie wieder ist jetzt.
Der Titel „Eclipse“ steht für das Zusammentreffen von Licht und Dunkelheit, eine Sonnenfinsternis. Gibt es einen solchen Gegensatz, der sich durch das Album oder die aktuelle Phase von XANDRIA zieht?
Das Licht der Sonne steht in dieser Symbolik für all das, was unsere Zivilisation hervorgebracht hat und was für uns manchmal schon viel zu selbstverständlich wirkt: Wissen, Vernunft, Empathie, Freiheit, Demokratie, Kultur. Und die Dunkelheit ist das, was sich davor schiebt, wenn wir anfangen, genau diese Dinge wieder preiszugeben.
Eine Sonnenfinsternis ist dafür ein ziemlich starkes Bild, weil das Licht ja nicht verschwunden ist. Es wird nur verdeckt. Und genau darin liegt auch die Hoffnung des Albums: Eine Eklipse dauert nicht ewig. Anders als bei ihr verschwindet die Dunkelheit allerdings nicht durch Abwarten – wir müssen dafür etwas tun.

Wenn man „Kill The Sun“ mit „Eclipse“ vergleicht, was findet man in beiden Alben wieder? Was ist komplett anders?
Interessante Gegenüberstellung, gerade wegen der Albentitel – der Zusammenhang ist mir tatsächlich bisher noch gar nicht aufgefallen.
Was man in beiden Alben findet, ist dieser Drang, Neues auszuprobieren, und eine musikalische Abenteuerlust, die sich ungern Grenzen setzen lässt. Auf „Kill The Sun“ stand diese Reise natürlich noch ziemlich am Anfang. Vieles war damals eher ein Instinkt: Wir wollten herausfinden, was XANDRIA überhaupt alles sein kann.
Heute liegen mehr als zwei Jahrzehnte an Erfahrungen dazwischen. Wir waren in sehr unterschiedlichen musikalischen Welten unterwegs, haben Dinge ausprobiert, verworfen, weiterentwickelt – und paradoxerweise führt diese Erfahrung nicht dazu, vorsichtiger zu werden. Eher im Gegenteil. Sie gibt uns das Vertrauen, noch größere Sprünge zu wagen.
Der größte Unterschied ist wahrscheinlich genau das: Auf „Kill The Sun“ hört man eine Band am Anfang ihrer Entdeckungsreise. Auf „Eclipse“ hört man eine Band, die schon durch sehr unterschiedliche musikalische Welten gereist ist; und trotzdem immer noch wissen will, was hinter diesem nächsten Berg liegt.
Danke für eure Zeit und die letzten Worte gehören euch!
Vielen Dank euch! Und an alle, die „Eclipse“ schon gehört haben: Danke, dass ihr euch auf diese Reise eingelassen habt. Dieses Album ist wahrscheinlich das vollständigste Bild davon, was XANDRIA für mich heute sein kann – es kann sehr direkt und kompromisslos sein, aber genauso Raum für leise, fragile oder verspielte Momente lassen. Es kann düster werden, sich ins Cinematische öffnen oder plötzlich an einen Ort führen, mit dem man einen Song vorher vielleicht überhaupt nicht verbunden hätte.
Wenn ihr es noch nicht kennt: Nehmt euch am besten wirklich die Zeit für das ganze Album. Es ist bewusst als Reise gedacht, und vieles davon erschließt sich erst, wenn man sie auch wirklich bis zum Ende mitgeht. Und vielleicht sehen wir uns ja irgendwo auf der „Eclipse“-Tour, das würde uns sehr freuen!
Galerie mit 20 Bildern: Xandria auf dem Knock Out Festival 2017

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| Band | |
|---|---|
| Stile | Symphonic Metal |
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Jannik Kleemann
































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