
Der Weg Einer Freiheit
"Innern"-Release Tour Part II 2026
Konzertbericht
KFZ, Marburg, 27. Oktober 2026 (Patrick Olbrich):
Ohne sich umfassend mit den Support-Acts beschäftigt zu haben, wirkt es zu Beginn tatsächlich gewissermaßen irritierend, als sich zu BRNJSMIN lediglich eine Person auf ein zentral platziertes Mischpult zubewegt und sich fortan in tiefen, flächigen Ambient-Klängen ergeht. Ein mutiger Schritt der Würzburger Black-Metaller, einem musikalisch doch so fernen Projekt entsprechenden Support zu geben, der mit einer guten halben Stunde Spielzeit auch ordentlich bemessen ist. Das als ziemlich liberal bekannte Marburger Publikum lässt sich auf die zunächst zur Traumreise einladenden Klänge ein, was auch dem Künstler selbst positiv auffällt. Umso näher BRNJSMIN dem Ende der eigenen Spielzeit entgegenrückt, desto mehr nähert er sich dramaturgisch den doch eher breitwandigen Folgeacts an und wechselt in einen fast schon bedrohlichen Klangkosmos.
An diesen knüpfen die Engländer von CONJURER auf eine andere Art und Weise grundsätzlich an. Der eigenwillige Mix aus Sludge- und Post Metal sowie einem ordentlichen Fetzen Hardcore hat das Ziel, den Hörer im Schraubstock aus Noten anzuketten, gleichsam auch den Hang, nicht immer direkt auf den Punkt zu kommen. Sphärische Passagen mit langen Entwicklungsebenen laden dazu ein, sich in die Songs fallen zu lassen, bevor Ausbrüche, dem Chaos nahe, kolossal gegensteuern.
Entwicklungsebenen fügen sich
Dazu steuern mit Brady Deeprose und Dani Nightingale gleich zwei Gitarristen zusätzlich mehrstimmigen Gesang dazu, Letzterer manchmal sogar recht imposant nur Kraft seiner unverstärkten Stimmbänder. Soll im Großen und Ganzen heißen: CONJURER machen es dem Publikum auch am heutigen Abend nicht gerade leicht. Auch thematisch fordern die Briten das Gebiet zwischen den Ohren und plädieren etwa mit dem Song „Let Us Live“ für die Rechte der queeren Community. Mit weiterem Verlauf verlassen die nebeneinanderherlaufenden Ebenen immer stärker ihre Heimathäfen und wachsen zu einer mächtigen Wall Of Sound zusammen.
DER WEG EINER FREIHEIT sind in etwa so mystisch wie der jährliche Steuerbescheid. Umso erstaunlicher ist es, wie es der vielleicht nahbarsten Black-Metal-Band Deutschlands immer wieder gelingt, atmosphärisch derart aufwühlend zu agieren. Der zweite Teil der laufenden Promo-Tour zum aktuellen Album „Innern“ steht dem ersten Part aus dem letzten Jahr in keiner Weise nach. Dabei wird man als Zuschauer gleich zu Beginn von einem kleinen Angstfunken durchzuckt. Die Mittelfranken und Meister der großartigen, umfassenden Songaufbauten starten wie gehabt mit dem Auftakt in die neue Platte mit dem Titel „Marter“, aber praktisch ohne Gitarren. Fast schon skurril klingt die Mischung aus Drum-Ass Tobias Schuler und Synthie-Samples im Hintergrund.
Entmystifizierte Sternstunde
Zum Glück hat der Tontechniker das Ganze spätestens nach dem folgenden „Xibalba“ wieder im Griff und DER WEG EINER FREIHEIT begeben sich wieder auf die Spuren einer Machtdemonstration. Eine zünftige Portion Pathos gehört bei Stücken wie „Einkehr“ oder „Eos“ natürlich dazu, doch die Würzburger beherrschen deren Integrität fast schon spielend. Donnernde Blastbeat- oder Double-Bass-Salven und verzweifeltes Keifen von Nikita Kamprad erinnern in den richtigen Momenten an die noch immer klare Verwurzelung der Band. Bei „Immortal“ und „Forlorn“ zeigt Letzterer auch im Live-Kontext, welche Entwicklung seine Stimmbandbreite quantitativ und qualitativ genommen hat. Nachdem das Quartett die nicht ganz 90 Minuten gefüllt hat, können sich nur beide Seiten für einen gelungenen Abend beglückwünschen – das war für einen Dienstagabend groß.
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