
Wisdom Tooth Festival 2026
Konzertbericht
18:35 // Main Stage – DEUS VULT
DEUS VULT sind so etwas wie die dreckigen kleinen Brüder von IN EXTREMO und sorgen folgerichtig aus dem Stand für beste Mittelalter-Party-Stimmung im Infield. Dabei stellen die unerwarteten Live-Qualitäten der Oberpfälzer eine der angenehmsten Überraschungen des diesjährigen Wisdom Tooth Festivals für uns dar und lassen den Gig zu einem absoluten Triumphzug werden. Im Vergleich mit den anderen Festivalbands und deren überwiegend härterer Gangart wähnen sich DEUS VULT zwar geradezu als “Schlagerband” (was als kleines Foreshadowing auf den samstäglichen Gig von HOME REARED MEAT eine spontane “du hast mich tausendmal belogen…”-Einlage zur Folge hat), doch Härte ist freilich nicht alles. Vor allem, wenn man Style hat, was die schicken Steampunk-Outfits der Band unzweifelhaft verraten.
Neben Hits vom Debütalbum “Wege Dieser Welt” hat die Band heute auch einige neue Songs im Gepäck, unter anderem die pünktlich zum Wisdom Tooth Festival veröffentlichte neue Single “Hebt Die Krüge”. Nicht nur diese zeigt, dass DEUS VULT gegenüber technoiden Electro-Elementen keinerlei Berührungsängste haben, mit “Hypa Hypa” haben sie die bekannte Disco-Hymne von ELECTRIC CALLBOY gecovert. Frechheit siegt eben – und ganz nebenbei unterstreicht der Gig eindrücklich das allgemeine Bild des Wisdom Tooth Festivals als eine besonders familienfreundliche Veranstaltung. Wo das ganze Wochenende über viele extrem junge Besucher ein ganz selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft sind, veranstalten einige unermüdliche Familienväter zu den Klängen von DEUS VULT einen regelrechten Kinder-Crowdsurfing-Marathon und tragen ihre Sprösslinge immer wieder durch die Menge nach vorne zum Bühnengraben.
Galerie mit 12 Bildern: Deus Vult - Wisdom Tooth Festival 2026

19:55 // Baby Tooth Stage – DEADFREIGHT OF SOUL
Zwischen den beiden Live-Granaten DEUS VULT und ABBIE FALLS tun sich DEADFREIGHT OF SOUL ziemlich schwer einen Stich zu machen. “Challenge Accepted!” denken sich da die Augsburger, um die es seit dem 2017 erschienenen Debütalbum ziemlich ruhig geblieben ist. Alles andere als ruhig ist hingegen der hypernervöse Death Metal der Band, der sich teilweise extrem technisch und sperrig gibt, nur um dann wieder durch wilde Breaks und unerwartet melodische Gitarrenläufe aufgelockert zu werden. Schlecht ist das zwar nicht, wirklich überzeugen können DEADFREIGHT OF SOUL aber leider auch nicht. Man fragt sich immer wieder, wo die Band eigentlich musikalisch hin möchte, die Frage bleibt aber bis zuletzt unbeantwortet im Zuschauerraum vor der Baby Tooth Stage stehen. So wechseln wir schließlich kopfkratzend zurück vor die Hauptbühne, wo sich uns eine ungleich klarere musikalische Vision eröffnet.
20:30 // Main Stage – ABBIE FALLS
ABBIE FALLS sind als junge, wilde Deathcore-Truppe aus Tschechien aktuell nicht nur schwer angesagt, sondern dabei auch noch sichtlich hungrig nach Erfolg. Und warum auch nicht? Ihre energiegeladene Show macht gewaltig Laune und wird von einem guten Teil des Publikums mit wildem Gehüpfe, Gemoshe oder Gekopfschüttle begleitet. Zwischen fettem Riffing und fiesen Breakdown-Parts bleibt wenig Zeit zum Verschnaufen, dabei wirken die selig lächelnden Musiker doch die ganze Zeit über so, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Faustdick hinter den Ohren haben es ABBIE FALLS musikalisch jedenfalls, die technisch anspruchsvollen Kompositionen werden in Perfektion auf die Bühne gebracht.
Und wenn dann mal wieder die Synthies zum Breakdown klingeln und das Kollektiv aus Band und Publikum gemeinsam ausrastet, ist Freund Tinnitus nicht weit. Glücklicherweise haben die Veranstalter des Wisdom Tooth Festivals und die Mischer aber keine Ambitionen, irgendwelche Lautstärkerekorde aufzustellen. Wenn man nicht gerade an vorderster Front steht, lässt sich die Musik an diesem Wochenende sogar weitestgehend ohne Gehörschutz genießen. Gerade ABBIE FALLS ziehen ihre Durchschlagskraft eben weniger aus der reinen Lautstärke als aus der überschäumenden Energie und Lebensfreude, die sie verlustfrei auf die Bühnenbretter bringen.
Galerie mit 10 Bildern: Abbie Falls - Wisdom Tooth Festival 2026

21:35 // Baby Tooth Stage – RED TO GREY
Dass die Kollegen im Booking des Wisdom Tooth Festivals gerne ausgewogen genießen, haben wir schon angemerkt. Entsprechend gibt es auch klassischen Female Fronted Power und Thrash Metal auf die Ohren, und zwar von RED TO GREY aus München. Das ist nicht super innovativ, in dieser Form und Qualität in den letzten Jahren aber ziemlich selten geworden. Immer wenn die aggressiven Thrash-Attacken gar zu harsch werden, lockern melodische Hooks das Geschehen auf – und wenn die Power-Metal-Melodien gar zu süß zu werden drohen, holen die flotten Gitarrenriffs uns rasch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. In ihren besten Moment erinnert die Truppe dabei an NEVERMORE, nur ohne den markant-quäkigen Gesang eines Warrel Dane (Gott hab ihn selig!).
Das Quintett legt sich trotz der Hitze des Tages, die allen noch in den Knochen hängt, mächtig ins Zeug und kann sich über ordentlich Resonanz aus der zahlreich versammelten Menge freuen. Die Stimmung ist gar so gut, dass ein begeisterter Fan, der Kontakt zu Frontfrau Gaby sucht, beim Fistbump die nur in Form von rot-weißem Flatterband vorhandene Bühnenabsperrung überschreitet und in seiner Euphorie den Stageriser verschiebt. Gott sei Dank wandert die Kiste direkt wieder zurück an Ort und Stelle, und RED TO GREY beenden ihren Auftritt unfallfrei unter beachtlichem Applaus.
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22:15 // Main Stage – DOMINUM
Der Headliner DOMINUM erfüllt alle Erwartungen und sorgt am Freitagabend für ein sehr gut gefülltes Infield. Die Zombies sind noch immer los und sorgen sichtlich für Begeisterung. Frontmann Felix Heldt (alias Dr. Dead) liegt die Fitness seiner Zuschauer offenbar besonders am Herzen, weshalb er sie abwechselnd mit Schmeicheleien und sanfter Kritik zum unermüdlichen Mitmachen animiert. Und wer dann noch eine Schippe drauflegen möchte, darf seine Ballspiel-Künste auf zwei überdimensionierte schwarze Luftballons lenken, die erstaunlich lange über den Köpfen der Menge hin und her hüpfen. Kracher wie “Danger, Danger”, “The Dead Don’t Die” oder “Frankenstein” bringen die Menge zum Kochen, bevor mit dem fiesen Ohrwurm-Hit “Don’t Get Bitten By The Wrong Ones” die Stimmung bis zum Anschlag gefahren wird.
Natürlich haben DOMINUM auch einige Stücke vom erst vor drei Wochen erschienenen neuen Album “Night Is Calling” im Gepäck, darunter den Opener “The Circus Is In Town”, der die im positivsten Sinne ausgelassene Stimmung perfekt auf den Punkt bringt, und “Nosferatu”, das neben “Frankenstein” einer weiteren klassischen Gruselgestalt ein musikalisches Denkmal setzt. Ähnlich wie die derzeit noch ungleich größeren SABATON oder POWERWOLF leben auch DOMINUM zu einem guten Teil von ihrem audiovisuellen Konzept, zu dem auch die stets etwas überaffektierte Sprechweise von Dr. Death gehört. Dass man aber selbst in diesem Rahmen Haltung zeigen und ein Statement gegen Diskriminierung und Rassismus setzen kann, beweisen die sympathischen Cerebral-Connaisseure mit der versöhnlichen Beinahe-Ballade “We All Taste The Same”. Die Menge tobt, und das Set schließt, für die Mehrzahl der Zuschauer viel zu früh, mit einem gelungenen Cover von MICHAEL JACKSONs “Thriller” und der Bandhymne “Immortalis Dominum”.
Galerie mit 19 Bildern: Dominum - Wisdom Tooth Festival 2026

23:50 // Baby Tooth Stage – ENFYS
ENFYS sind eine junge Band aus Augsburg, die sich die Richtung “Popcore” auf die Fahnen geschrieben hat. Laut eigener Aussage soll es klingen wie eine Mischung aus ELECTRIC CALLBOY und NINA CHUBA. Was wir an diesem Abend hören, erinnert uns auch ein bisschen an GLASPERLENSPIEL mit E-Gitarre. Auf jeden Fall ist die Mischung einzigartig und mitreißend, und es gelingt ENFYS von der ersten Minute an, die Zuschauer vor der Baby Tooth Stage mitzunehmen. Mit gesellschaftskritischen deutschen Texten und einer auch optisch ansprechenden Show (besonders zu erwähnen die mit Rauch gefüllten Seifenblasen) mischen ENFYS zu später Stunde die müden Beine der Festivalbesucher noch einmal kräftig durcheinander.
Galerie mit 11 Bildern: Enfys - Wisdom Tooth Festival 2026

00:25 // Main Stage – CYTOTOXIN
Während uns unbelehrbare Wissenschaftslegastheniker und ideologisch verblendete Nebelkerzenwerfer noch immer gerne Kernkraftwerke als Pseudo-Lösung für unsere globalen Energieerzeugungsprobleme unterjubeln möchten (die sommerlichen Wasserpegel in Frankreich und Ungarn richten freundliche Grüße aus!), wissen wir doch längst, wo dies alles hinführt: Tschernobyl, Super-GAU, verseuchte Landschaften und strahlende Abfälle für die Ewigkeit. Und am Ende kommen dann noch ein paar technisch versierte Death-Metaller daher, um unter dem Namen CYTOTOXIN mit morbider Faszination den radioaktiven Schrecken zu huldigen. Immerhin beweisen die Chemnitzer aber, dass man diesem Irrweg der Technologiegeschichte doch noch positive Energie abringen kann.
Trotz fortgeschrittener Stunde lassen sich die Musiker auf der Bühne keine Müdigkeit anmerken und auch das Publikum hat noch Bock auf ein paar Runden Circle Pit und Wall Of Death. So ausgereift und engagiert wie CYTOTOXIN ihr Songmaterial aber auch präsentieren, so schwer fällt es uns, das mit fortschreitender Spieldauer unermüdlich fortgesetzte Vollgas-Geballer noch angemessen zu goutieren. Wir streichen also vorzeitig die Segel und machen uns auf den Weg ins heimische Bettchen, um noch einen Rest (garantiert erneuerbarer!) Energie für den zweiten Festivaltag aufzusparen.
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