Änglagård - Hybris

Review

Blast From The Past

Nachdem der klassische, britische Prog in den Achtzigern die Bühne räumen musste für die US-amerikanische Variante, wanderten die Bands, die ihren Prog anspruchsvoll statt massentauglich haben wollten, in den Untergrund ab – bis eine schwedische Band namens ÄNGLAGÅRD anfang der Neunziger mit ihrem Debüt „Hybris“ eine Art Renaissance des klassischen Prog einläutete. Denn während die Variante von Übersee Stadien füllte, wollte diese Band den klassischen Anspruch mit Virtuosität in die Musik zurückbringen.

Und wie sie das tat!

Die Renaissance des klassischen Prog?

Der Vergleich mit ÄNGLAGÅRD ist seither Gang und Gebe, wenn es um klassisch orienterten Prog, oder kurz: Retro-Prog geht. Nicht nur das, auch mischen (mituner ehemalige) Mitglieder dieser schwedischen Band munter bei modernen, skandinavischen Bands mit, sei es produktionstechnisch oder eben auch aktiv musikalisch. So hat zum Beispiel deren einstiger Schlagzeuger Matthias Olsson bei den norwegischen Kollegen PIXIE NINJA ausgeholfen.

Formiert um Tord Lindman und Johan Högberg eiferten ÄNGLAGÅRD den Sound ihrer altgedienten Helden nach wie den klassischen GENESIS, CAMEL, den klassischen YES und natürlich nicht zuletzt auch KING CRIMSON, nur um mal ein paar Einflüsse zu nennen, die sich in dem Sound der Schweden und damit auch auf „Hybris“ wiederfinden lassen. Dass die Band aus Schweden stammt, hört man dem Album aber ebenfalls an dank der klassischen, skandinavischen Melancholie, die der Musik innewohnt.

ÄNGLAGÅRD machten aus alt neu

Diese beschränkt sich bei weitem nicht auf reine, moll-lastige Melodieführung, auch wenn diese natürlich ein einschlägiges Indiz bleibt. Sie drückt sich auch in der sehr feinfühligen, vielschichtigen und organischen Instrumentierung aus. Wie bereits angedeutet bedienen die Schweden hierdurch eine symphonische Ästhetk, die den klassischen Vorbildern nachempfunden ist. Dennoch kochen ÄNGLAGÅRD spürbar ihr eigenes Süppchen, die Atmosphäre ist eine ganz andere als auf einem „Watcher Of The Skies“, als auf einem „Close To The Edge“, als auf einem „21st Century Schizoid Man“.

Das macht sich direkt beim eröffnenden „Jordrök“ bemerkbar. Es herrschen bei „Hybris“ allgemein eher düstere, melancholische und teilweise auch sehr mystische Klänge vor, die stellenweise gar etwas Bedrohliches ausstrahlen. Der besagte, instrumentale Opener windet sich durch diverse Motive hindurch, wirkt dadurch sehr unruhig und unberechenbar – und letzten Endes auch irgendwie verstörend. Doch er bewahrt sich seine harmonische, atmosphärische Konsistenz, greift vereinzelte Melodien in veränderter Form wieder auf und bleibt so durchweg spannend.

„Hybris“ bietet hochkarätige, zeitlose Rock-Symphonien

Im weiteren Verlauf des Albums, das im Grunde nur aus Longtracks besteht, setzt immer mal wieder der schwedische Gesang von Lindman ein, der [gemeint ist der Gesang per se] auf den kommenden Werken der Band kaum noch zu hören sein sollte. Die Einsätze sind recht überschaubar auf dem Album verteilt, wirken dadurch aber umso gezielter platziert. Was sich dagegen nicht ändert ist die weiterhin düstere Stimmung innerhalb der Songs.

Im Grunde lässt sich jeder Track als eigenständige Rock-Symphonie beschreiben, von denen jede einzelne für sich selbst stehen kann. Dominante Instrumente sind neben der klassischen Besetzung bestehend aus Gitarre in akustischer wie elektrischer Ausgabe, Bass und Schlagzeug vor allem Orgel und Mellotron, die ihren jeweiligen Beitrag zur vorherrschenden Stimmung leisten. Speziell letzteres kommt hier deutlich dezenter zum Einsatz als etwa bei den Landsmännern (und -frauen) ANEKDOTEN.

Den Klassikern nachempfunden und doch eigen

Stimmungsvolle Einsätze bekommt aber auch die Querflöte, die etwa bei „Ifrån Klarhet Till Klarhet“ für einen Gänsehautmoment nach bester, klassischer GENESIS-Art sorgt – einfach nur schön. Schön an dieser Passage ist aber auch, wie der Song dabei allmählich anschwillt und dem Hörer dank wilder Orgel-Kaskaden förmlich um die Ohren fliegt. In „Kung Bore“ nimmt der Sound der Schweden gar folkig beschwingte Züge an.

Und das kann „Hybris“ im Allgmeinen auch heute noch hervorragend: den Hörer mit abwechslungsreichen, dynamischen und auch sehr impulsiven Kompositionen mitreißen. Die Songs versprühen eine düstere Mystik, die sich heutige, skandinavische Bands wie JORDSJØ zum Beispiel zu Nutze machen – ein Grund, warum man bei Betrachtung solcher Bands eben immer wieder zu ÄNGLAGÅRd zurück findet. Und die Virtuosität hinter jeder einzelnen, instrumentalen Darbietung ist dank des durchdachten Songwritings ebenfalls bestens gealtert.

Der Blick zurück kreierte ein zeitloses Werk

ÄNGLAGÅRD hatten schlicht und ergreifend das richtige Album zur richtigen Zeit veröffentlicht – eine Mischung aus Kalkül, einem Gespür für den Zeitgeist und natürlich irgendwo auch Glück. Denn der Prog hat an einer Ideenarmut gelitten – einst große Bands wie YES und GENESIS gefielen sich darin, Pop zu produzieren – und der Neo-Prog konnte es beim besten Willen nicht richten. So brachten die Schweden nicht nur ihr Land einschlägig auf die progressive Landkarte, sondern veröffentlichten auch eines der besten Debüts des Progs.

Die Band löste sich einige Zeit nach dem folgenden Album „Epilog“ auf, wobei die Mitglieder in diversen Projekten aktiv gewesen sind, ehe sich ÄNGLAGÅRD um 2002 – allerdings ohne Lindmann, der kam erst später wieder hinzu – neu formieren sollten. In der Zwischenzeit – um 2000 herum – ist „Hybris“ neu aufgelegt worden, wobei mit „Gånglat Från Knapptibble“ ein zusätzlicher Bonustrack aufs Album gekommen ist. Dieser fügt sich erstaunlich geschmeidig in die Trackliste ein, sodass man seine Beschaffenheit als Bonustrack kaum bemerken würde, wenn man es nicht besser wüsste.

Mit oder ohne Bonustrack bleibt „Hybris“ aber ein großer Klassiker des Prog, der in keiner Sammlung fehlen sollte.

13.02.2019

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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