Protest The Hero - Palimpsest

Review

Soundcheck Juni 2020# 2

Ich gebe es zu: Das Setzen von Genretags ist nicht immer ganz unproblematisch, vor allem wenn es um die immer häufiger auftauchenden Metal-Mischformen geht – und nicht alles ist gleich Crossover. Oder etwa doch? Aber selten habe ich mich mit der Platzierung der Tags so seltsam und unsicher gefühlt wie hier: Das neue Album des aus Kanada stammenden Herumwuselkommandos PROTEST THE HERO hört auf den Namen „Palimpsest“ und kann sich über Genregrenzen (und damit einhergehend über mich armen Schlucker) nur schlapp lachen.

Genregrenzen? Gibt’s bei PROTEST THE HERO nicht!

Wer die Herren kennt, beispielsweise von ihrem Drittwerk „Scurrilous“, weiß im Grunde, was ihn auch hier abermals erwartet – im wesentlichen ein Album, das wie ein Flummi auf Koffein und Koks wild durch die Gegend hopst und alles um sich herum mit seiner beinahe hysterischen Energie ansteckt. Und jene wissen auch, dass die qualitative Analyse des Sounds der Band einen wilden Befund von unter anderem melodischem Metal, stadiontauglichem Hard Rock, Tech-Prog, Math-Rock, Pop Punk und Post-Hardcore ergibt, die jeweilig in einer frickeligen, ausgesprochen reaktiven Lösung mit Hang zur Volatilität gelöst sind.

Das Becherglas vibriert förmlich vor lauter Energie, während PROTEST THE HERO verschiedene Methoden anwenden, um mal die melodisch poppigen Elemente, mal die technisch anspruchsvollen und mal die etwas Hardcore-lastigeren Elemente niederschlagen zu lassen. Es kommt wirklich einem wilden, chemischen Cocktail gleich. Straff gezogene Grooves, die Luke Hoskin und Tim MacMillar teilweise nur so mit Noten vollstopfen, finden Platz neben punkigen Vorstößen, die in Kombination mit Roddy Walkers hohem, kraftvollem Gesang eine fast jugendliche Nervosität ausstrahlen.

Eine schwierige Ausgangssituation für „Palimpsest“

Letzterer hatte während der Arbeiten laut Presseinfo schwer mit der eigenen Stimme ringen müssen, die während einer Tour versagt hat – ein Grund, warum sich die Arbeiten zu „Palimpsest“ so lange hingezogen haben und warum es nun erst so lange nach der letzten EP „Pacific Myth“ kommt. Nur hartes, konsequentes Training haben dazu geführt, dass es wieder zu Höchstleistungen auflaufen konnte. Das kommentiert Walker laut Presseinfo mit der Bemerkung, dass sich die Aufnahmen zu „Palimpsest“ mehr denn je wie ein Knochenjob angefühlt hätten ganz im Gegensatz zu sämtlichen Vorgängerplatten. Aber ohne Fleiß keinen Preis – und dahingehend überrascht/erleichtert das im Gesamten sehr peppig geratene Endergebnis doch schon reichlich.

Sprich: Die Agonie hat sich nicht auf die Stimmung der Musik niedergeschlagen. Wenn man so möchte, crossen PROTEST THE HERO so hart over, dass man teilweise gar nicht mehr weiß, wo der Sound der Kanadier anfängt und wo er aufhört. Hörenswert ist er jedoch allemal geworden, was die Band wieder einmal ihrem herausragendem Gespür für lebhafte Melodien zu verdanken haben, gerne auch mal durch gezielte, warme Synth-Injektionen untermauert. Diese machen den hyperaktiven Mix gut verdaulich, und das wohlgemerkt, während das Gitarristen-Gespann Hoskin/MacMillar immer noch reichlich Hummeln im Hintern hat und partout nicht auf seinen vier Buchstaben sitzen bleiben kann.

Trotzdem bewahren sich die Kanadier ihre ansteckende Energie

Moe Carlson fasst das Spektakel indes in eine elegant an den musikalischen Corpus angepassten Rhythmik ein, die ihr zu keiner Zeit die Luft zum Atmen abdreht, sie aber dennoch bestimmt anleint und nach vorne peitscht. Die Kanadier wirken dadurch trotz ihrer irrwitzigen Verspieltheit wie eine Einheit und funktionieren von daher nach wie vor hervorragend. Sicher spielt hier auch einfach die gute Strukturierung des zumeist traditionell und linear gehaltenen Songwritings mit, bei dem das Gefrickel den Hooks oder Melodien nie ins Gehege kommt, was zu einer enormen Zugänglichkeit der Platte führt. „The Canary“ ist ein schönes Beispiel, bei dem man das in Aktion beobachten kann.

Aber auch „All Hands“ beispielsweise setzt erfolgreich auf einen poppigen, wenn auch schon leicht saccharosehaltigen Refrain, während der nervöse Song drum herum einen schönen Kontrast dazu liefert, sieht man mal von den melodramatischen Klavier-Parts ab. Das folgende „The Fireside“ packt etwas entschlossener zu mit höherem Tempo, aber gleichbleibend eingängigem Refrain. Und es hat zu Beginn und in der Mitte diese abartig groovenden Frickel-Riffs, die wie Peitschenhiebe auf den Hörer einknallen, während der Song zum Ende auch noch mal so richtig hart drückt.

Typisch PROTEST THE HERO, typisch gut

„Little Snakes“ hat ebenfalls einen beinahe rotznäsigen Refrain, der im Zusammenspiel mit den Synthie-Streichern umso dramatischer zur Geltung kommt. Etwas bedrückter kommt „Gardenias“ daher, das zum Ende hin einen wenn auch nicht mehrfach in sich verschachtelten, polyrhythmischen Part unter die Achse geklemmt bekommt, der den Song aber dennoch bereichert. Und wer sich daran verschluckt, entdeckt im Rausschmeißer „Rivet“ doch noch einmal einen vergleichsweise angenehm verdaulichen Pop Punker mit Math-Würze, dessen Hook den Wahlspruch einer gewissen, toupierten Orange kreativ verwurstet – wenn auch nicht ganz ohne melodramatischen Zuckerguss.

Im Grunde liefern PROTEST THE HERO auf „Palimpsest“ nichts anderes als das, was man von ihnen erwarten würde – alles halt ein bisschen poppiger als sonst. Doch der Sound der Kanadier ist per Definition einfach so agil und energisch, dass die Abnutzungserscheinungen nur marginal sichtbar sind, auch dank des fokussierten Songwritings, das bei aller halsbrecherischer Riffakrobatik den Song jederzeit in den Mittelpunkt stellt. Die Mischung aus technischer Finesse und schamloser Eingängigkeit geht auf – und das trotz der nicht unkomplizierten Vorgeschichte der Platte. Und solange man selbst nicht an Zuckerunverträglichkeit leidet, unterhält „Palimpsest“ auf ganzer Linie.

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12.06.2020

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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