Beherit - Drawing Down The Moon

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, als noch niemand so richtig wusste, was später mal aus diesem obskuren Lärm-Ding namens „Black Metal“ werden würde – bisher hatte man unter diesem Begriff meist Death-, Thrash- und Speed-Metal-Bands mit (pseudo-)okkulter und satanischer Thematik zusammengefasst –, schickte sich eine kleine finnische Kapelle namens BEHERIT an, diese extreme Spielart des Metals für immer mitzuverändern. Klar, so bahnbrechend wie MAYHEM und „De Mysteriis Dom Sathanas“ drüben in Norwegen oder andere Bands an anderen Orten waren BEHERIT nie. Schließlich hatten Kollegen wie die Brasilianer SARCÓFAGO oder die Kanadier BLASPHEMY bereits zuvor ausgelotet, wie extrem, wie laut, wie krachig es noch geht – und dennoch ist „Drawing Down The Moon“, das 1993er-Debütalbum von BEHERIT, für einen bestimmten Teil der Black-Metal-Szene wichtig und bahnbrechend genug, um im Rahmen unserer „Blast From The Past“-Reihe eine Würdigung zu erfahren.

Das, was später Bestial Black Metal werden sollte: Special Interest innerhalb des Special Interest

Von Anfang an sollte klar sein: Hier geht es um Special Interest. Denn wenn Black Metal allgemein – vor allem der frühe Prä-1994-Black-Metal – ja sicherlich alles andere als Mainstream ist, dann ist diese ganz spezielle Untersparte der Szene selbst für manch gestandenen IMMORTAL-Fan zu viel des Guten. BEHERIT bemühen sich nicht, den Anschein von Komplexität, Melodiösität oder sonstigem Schnickschnack zu wahren, nein, sie trümmern einfach drauf los, nicht allzu schnell, nicht allzu versiert, aber immer ein bisschen rituell, ein bisschen mystisch, immer faszinierend, wenn man denn ein Ohr für diese Art von Musik hat. Das in Kombination mit den statt klirrend-kalten eher sumpfig-tiefen Gitarren, den Doom-Anleihen, die im Laufe von „Drawing Down The Moon“ immer wieder durchscheinen, und der Tatsache, dass BEHERIT und Kollegen nie die norwegische Angst vor Death-Metal-Einflüssen teilten, kreiert einen ganz eigenen Sound.

Diesen Sound, den bis in die frühen Neunziger vor allem die drei genannten Bands – SARCÓFAGO, BLASPHEMY und eben BEHERIT – prägen, wird schnell von anderen Kapellen aufgegriffen, darunter solch‘ illustre Namen wie ARCHGOAT und VON. Es entwickelt sich jener Teil der Szene, der sich später „Bestial Black Metal“ oder auch – wenns schneller zugeht und sich mehr um Krieg denn um Satan dreht – „War Metal“ schimpfen wird. Man muss weder das mögen, was BEHERIT spielen, noch das, was später Bands à la BLACK WITCHERY, PROCLAMATION, REVENGE oder PROFANATICA daraus machen. Aber dass die Finnen hier einen gewissen, kaum zu ignorierenden Einfluss auf eine Szene in der Szene hatten, das kann ihnen keiner absprechen.

„I.N.R.I.“, „Fallen Angel Of Doom….“, „Drawing Down The Moon“: Ein Stil entwächst den Demoschuhen

Das Ganze kulminiert schließlich in verschiedenen Alben, haben doch nahezu alle Beteiligten bisher nur Demos veröffentlicht (Ausnahme: „I.N.R.I. von SARCÓFAGO): BLASPHEMY debütieren 1990 mit „Fallen Angel Of Doom….“ und schieben 1993 ihr zweites – und bisher letztes – Studioalbum „Gods Of War“ hinterher. Die finnischen BEHERIT-Landsleute ARCHGOAT veröffentlichen zwar erst 2006 ihr Debütalbum „Whore Of Bethlehem“, bringen aber bereits 1993 ihre semi-legendäre EP „Angelcunt (Tales Of Desecration)“ heraus. (Diese EP und das BLASPHEMY-Debüt sind es übrigens auch, die den mittlerweile für Bestial Black Metal ikonischen Artwork-Stil bestehend aus schwarz-weißen, rudimentär und skizzenhaft gehaltenen Zeichnungen sowie im Kontrast dazu blutroten Bandlogos etablieren.) In den USA spalten sich ein paar Gründungsmitglieder von IMMOLATION ab, um fortan unter dem Banner PROFANATICA zu musizieren und 1991 die Debüt-EP „Weeping In Heaven“ zu veröffentlichen. Und auf Hawaii brodelt es, VON schaffen es 1992 nach fünf Jahren Bandgeschichte, ihre erste Demo „Satanic Blood“ herauszubringen.

Und dann waren da ja noch BEHERIT. Die veröffentlichen nach vier Demos anno 1991 ihre EP „Dawn Of Satan’s Millennium“, auf die – wiederum nach einigen Demos und Splits – 1993 das Full-Length-Debüt folgt, um das es sich hier in der Hauptsache drehen soll. „Drawing Down The Moon“ mag nicht das radikalste Album sein, das diese extreme Subszene der Black-Metal-Ecke hervorbringt. Beide BLASPHEMY-Alben oder auch das SARCÓFAGO-Debüt zeigen ganz andere Extreme, wenn es um Geschwindigkeit, Unnahbarkeit und vertontes Chaos geht. Aber: BEHERIT sind diejenigen, die dem Prinzip so etwas wie Musikalität verleihen, wenngleich auf einem sehr, ähm, bodenständigen Niveau, und deshalb zugänglicher sind als die Kollegen jenseits des Atlantik.

BEHERIT sind anders, BEHERIT sind offener, BEHERIT sind seltsamer – und deshalb hörenswert!

Denn wo BLASPHEMY und Konsorten chaotisch und in Höchstgeschwindigkeit vor sich hinlärmen, können oder wollen BEHERIT das gar nicht. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Finnen auch ideologisch in einer anderen Ecke sehen – BEHERIT-Bandkopf Marko „Nuclear Holocausto Vengeance“ Laiho (oder kurz „NHV“) ist im Gegensatz zu den meisten Norwegern kein antikosmisch-misanthropischer Satanist (sofern man in dieser Frühphase überhaupt von allzu viel profunder philosophischer Theorie ausgehen kann), sondern kommt aus dem LaVey’schen Lager, was ihm unter anderem den Hass von Varg Vikernes und dessen Truppe einbringt. (In Norwegen formierte sich sogar eine Band namens FUCK BEHERIT.) Vielleicht liegt es auch daran, dass Herr Laiho musikalisch offener ist – er macht von Anfang an keinen Hehl daraus, dass er auch auf elektronische Musik kann, unter anderem betätigte er sich vor und zwischen den BEHERIT-Releases unter dem Namen DJ.GAMMA-G als Techno-DJ. Aber BEHERIT sind mehr als das, was die anderen machen, was eine gewisse Ironie in sich trägt, denn dieses Mehr besteht vor allem im kontrollierten Weniger.

Ob es gewollt ist oder ob die beteiligten Musiker es einfach nicht anders hinkriegen, darf man sicherlich fragen, aber BEHERIT vergehen sich auf „Drawing Down The Moon“ nie in Hochgeschwindigkeitsmassakern, sondern bleiben auf dem Boden der Midtempo-Tatsachen. Die Riffs sind einfach und am einfachsten gehalten, das Schlagzeugspiel ist teilweise – man höre „The Gate Of Nanna“ – geradezu schreiend banal. Und genau das ist es, was „Drawing Down The Moon“ abhebt – sowohl von den Kollegen aus Kanada, den USA und Brasilien, als auch von denen aus Norwegen und Schweden. Hier gibt es keine Blastattacken, hier gibt es keine Tritoni. Nein, hier gibt es Powerchords im Doom-Tempo, und wem das nicht schmeckt, der soll halt DARKTHRONE hören. Aber demjenigen entgeht dann auch ein Album voll finsterer, ja wahnsinniger Atmosphäre, das vor rituell-hypnotischen Momenten nur so strotzt.

Das oben bereits angesprochene „The Gate Of Nanna“ darf als Paradebeispiel für das gelten, was „Drawing Down The Moon“ von anderen Platten abhebt: Viel mehr als fünf Powerchords sind an dem Song nicht beteiligt, aber die, die BEHERIT ihren Hörern um die Ohren hauen, verfehlen ihre Wirkung nicht. Dazu gesellt sich der jenseitige, mit elektronischen Mittelchen verfälschte „Gesang“ von Nuclear Holocausto Vengeance und das wahnsinnig einfältige Schlagzeug. Und das perfide daran: Es funktioniert so gut, dass dieser Song im Gedächtnis bleibt.

„Drawing Down The Moon“: Das „De Mysteriis Dom Sathanas“ des Bestial Black Metal?

Nach „Drawing Down The Moon“ war dann allerdings erst einmal Schluss mit Black Metal. Marko Laiho ruft die elektronische Musik zurück, er betätigt sich wieder unter seinem alten Namen DJ.GAMMA-G als Techno-DJ, und während er nach neuen Mitmusikern bei BEHERIT sucht, veröffentlicht er zwei reine Dark-Ambient-Alben namens „H418ov21.C“ (1994) und „Electric Doom Synthesis“ (1996) unter dem Bandnamen. Auch das natürlich wieder zum Missfallen eines Teils der Szene – es scheint, als habe Laiho ein Händchen dafür, sich Black Metaller zum Feinde zu machen. Fest steht allerdings auch, dass nicht nur „Drawing Down The Moon“ von jenem Special-Special-Interest-Teil der Black-Metal-Szene bis heute als Meilenstein gefeiert wird, nein, auch das 2009er-Comeback-Album „Engram“ – jetzt wieder mit Black Metal statt reinem Ambient – bekommt anerkennende und positive Rückmeldungen vom Großteil der Szene.

2011 folgt dann noch die Veröffentlichung von „At The Devil’s Studio 1990“, das eigentliche BEHERIT-Debütalbum, das aber wegen Streitigkeiten mit dem damaligen Label Turbo Music vorher nie veröffentlicht wurde. Auch hier gilt: Die Fans lieben es. Und wäre es 1990 veröffentlicht worden, wäre es vielleicht heute DER Klassiker von BEHERIT. Da es aber anders gekommen ist, hält „Drawing Down The Moon“ nach wie vor diesen Titel – und das völlig zurecht. Schließlich handelt es sich hier um ein Album, das bei all seiner Verschrobenheit, bei all seiner Einfachheit und Naivität einen spürbar getriebenen Charme versprüht und rituellen, okkulten Mystizismus lebt, wo ihn gewisse Norweger lediglich besungen haben, bevor MAYHEM 1994 im Land der Fjorde alles umkrempelten. Vielleicht nimmt „Drawing Down The Moon“ daher im Bestial Black Metal die Stellung ein, die „De Mysteriis Dom Sathanas“ drüben bei den klassischeren Black Metallern hält.

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30.01.2019

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14 Kommentare zu Beherit - Drawing Down The Moon

  1. nili68 sagt:

    Diese Band beweist mal wieder, dass wohl nichts so schlecht sein kann, dass es wirklich niemandem gefällt. Natürlich erreicht man mit sowas einen gewissen Under-Underground-Kultstatus, aber es gibt ja auch Leute, die sich gerne mit Kacka einreiben lassen, ist ja nicht verboten..

  2. Nether sagt:

    Der Einfluss ist definitiv nicht abzusprechen.
    Alexander von Meilenwald (The Ruins Of Beverast, Truppensturm, Kermania, Ex-Nagelfar, usw) zum Beispiel ist erklärter Fan von Beherit und hat ja auch „Witchcraft“ vom dritten Beherit Demo gecovert.
    Und so platt wie es auch ist, „The Gate Of Nanna“ ist ein Hit.

  3. doktor von pain sagt:

    Beherit? Ewig nicht gehört, aber abgespeichert sind deren frühe Sachen bei mir unter „miese Stümper“ und „unfreiwillig komisch“.

  4. BlindeGardine sagt:

    Ah, die sind also schuld, verstehe. Kommt an Marder halt nicht ran, die haben so ein Zeug schon in den 60ern gespielt…sagt man, die nehmen ja nix auf.
    Aber ohne es böse zu meinen, im Prinzip ein sehr langer Text um Musik von der Qualität einer Starkblähung zu beschreiben, aus der dann später viele weitere knatternde Fürze entstanden sind. Und in die Hose gehts ja irgendwie immer.

  5. der holgi sagt:

    Was im RockHard seinerzeit als Arschbombe des Monats geadelt wurde, kann nicht schlecht sein. Beherit sind so bizarr und schlicht, das der Punk in mir erwacht, und ich stelle mir die späten 80er wieder vor, als ich in einer Punkband als Gitarrist/Sänger im moderigen Gewölbekeller mit den Kumpels unendlich viel Spass hatte, und es uns fast wumpe war, wie gut/schlecht wir waren.

    Kurz: Beherit waren/sind nicht ernst zu nehmen, aber sie haben Spass gemacht, mir.

  6. Helli666 sagt:

    Leute… Stumpf ist Trumpf. Beherits DDTM ist noch heute ein Meisterwerk und gehört für mich in die ewigen Top 10 der Besten Alben Ever!

    Das ist die musikalische Reinkarnation von DOOM II! Funktioniert auch heute noch unglaublich gut in Kombination! Mugge rein, Kettensäge in die Hand und ab gehts…

    1. BlindeGardine sagt:

      Das neue bzw. aktuelle doom ist aber objektiv auch besser als die ollen pixel-gewaltorgien ;). Genauso stumpf, genauso brutal, dafür aber optisch sexy.

      1. doktor von pain sagt:

        Na, darüber ließe sich vielleicht streiten. Doom 2 war damals (Ende der 90er, als ich noch Teenie war) mein erstes Spiel auf dem PC – und das ist gar nicht schlecht gealtert, finde ich (ich selbst übrigens auch nicht). Das neue Doom aus dem Jahr 2016 gefällt mir auch, aber irgendwie anders isses halt doch, nicht nur in Sachen Optik.

      2. BlindeGardine sagt:

        Das ist dann halt der Unterschied zwischen Klasse und Nostalgie, grade bei Videospielen wäre es auch irgendwie traurig, wenn sich in 20 Jahren auch am Gameplay nix getan hätte. Ich habe mir auch lange eingeredet, dass Battefield 1942 das beste Battlefiel ist, bis ich es dann mal wieder gespielt habe :). Aber da sind wir jetzt auch bei nem ganz anderen Paar Schuhe, grundsätzlich altert Musik natürlich besser als Videospiele.

  7. FanDerErstenStunde sagt:

    Ich hätte mir im Artikel doch einen Hinweis auf das Rip Off Album „The oath of black blood“ gewünscht bei dem Turbo Music einfach die Kassetten Demos unbearbeitet auf LP gepresst hat. Grund: Für viele wird das wohl der erste Kontakt mit der Band gewesen sein, die Platte wurde ja damals extrem gehypet und mit diversen Superlativen beworben… Umso größer dann die Enttäuschung, Staubsauger Sound und dilettantisch wie eine Schüler Band beim ersten Proben im Jugendfreizeitheim… Leider ist auch DDTM mMn ein stümperhafter Haufen Mist – 5 Punkte wegen Kvlt und so.

    5/10
  8. Dor Leo sagt:

    Ei,Ei,Ei, wer ist den auf die Idee gekommen, diesen Käse zu besprechen?
    Wette verloren?
    Allein wen schon so’n langer Text benötigt wird um dieses Werk schön zureden, spricht schon Bände.
    Seiner Zeit hat sich jeder in unserer Runde gelegentlich im Plattenladen ein so ne Graupe mit genommen. Diese wurde in Bierseeligerrunde, nunja sagen wir mal, ausgewertet, hihi.
    Leider, bin ich auf diese Weise auch zum Besitzer diverser Schätzchen gekommen, brrrr. Wenn es ähnliche Runden gab, erklären sich vielleicht die Verkaufszahlen.
    All die vielen wirklich guten und wegweisende Scheiben die es nicht in diese Rubrik schaffen. …und diese billige Marder Kopie nimmt hier den Platz weg. Tztztz…

  9. nili68 sagt:

    So nehmen Außenstehende vermutlich Black Metal (meine Schwester Metal allgemein) wohl wahr..

  10. Flint sagt:

    Grad mal reingehört weil gänzlich unbekannt. Den Sound find ich sogar ganz gut, aber der Gesang geht gar nicht.
    Daher gibt es 2 Punkte für´s Instrumentale. 🙂

    2/10