Converge - Jane Doe

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Galerie mit 21 Bildern: Crowbar & Converge - live in Leipzig

Kleine Geschichtsstunde: CONVERGE, „Jane Doe“, 2001. Was macht das vierte Album in der Diskographie nun irgendwie besonders? Die US-Hardcore’ler waren auch schon auf den Vorgängerwerken sowohl auf Krawall gebürstet als auch sehr experimentell teilweise unterwegs. Wieso genießt also „Jane Doe“ im Gegensatz zu den anderen Werken von CONVERGE, aber auch anderen Bands aus der Szene, heutzutage solchen Kultstatus? Subjektive Bewertungen der Diskographie von CONVERGE gehen zwischen den Fans durchaus auseinander, aber probieren wir es mit einer Annäherung: „Halo In A Haystack“ war das sehr charmante, aber noch ungehobelte Debüt, „Petitioning The Empty Sky“ wurde von der Band selber mehr wie eine EP bzw. Compilation behandelt und hat dem Sound nichts wirklich neues zugetragen, „When Forever Comes Crashing Down“ schlägt schon die Richtung ein, die „Jane Doe“ weiter verfeinern sollte: Bessere Produktion, besseres Songwriting, noch härter und es hat die interessanteren Songs. Die Nachfolgewerke mögen vielleicht musikalisch noch höher eingeordnet werden, stellen aber keinen so eindringlichen Wendepunkt dar. Wieso ist das so? Macht „Jane Doe“ irgendetwas anders oder besonders? Oder war es einfach nur der passende Ausdruck einer Musikrichtung zur richtigen Zeit?

CONVERGE sind selbst vielleicht nicht besonders, aber in der Art wie sie schreiben

Zwischen kurzen Songs wie dem eröffnenden Wirbelwind „Concubine“ und mit etwas technischerer Gitarrenarbeit aufkommenden Songs wie „Fault And Fracture“, ohne in Mathcore-Gefilde wie THE DILLINGER ESCAPE PLAN auszuarten, zerlegen CONVERGE zum einen gewohnt das Spielfeld. Zum anderen sind Punk- bzw. Hardcore-Tugenden wie unverständliches Gekreische von Frontmann Bannon, aber auch Groove und Prägnanz dennoch vorhanden („Distance And Meaning“). Ein „Hell To Pay“ ist ungewöhnlich zurückgenommen für die Band zu jener Zeit, die sich sonst lieber im Chaos und der Unnachvollziehbarkeit auslässt, zumindest historisch gesprochen. „Homewrecker“ macht seinem Namen dann darauf wieder alle Ehre.

CONVERGE sind  in der frühen Jahrtausendwende nicht ängstlich zu experimentieren, etwa kurze Punk-Stücke neben „normale“ Songlängen und einen überlangen, sehr traditionell komponierten Titelsong als Abschluss zu stellen. Chaos wechselt sich mit Groove und Melodie („The Broken  Vow“, „Heaven In Her Arms“) ab, Geschwindigkeit mit Midtempo, aber eins haben alle Songs gemeinsam: Sie tun weh. Nicht nur emotional dem Thema geschuldet, sondern auch musikalisch. Das liegt auch vor allem am Sound, der massiv daher kommt, aber immer noch genug Dreck am Stecken hat, um nicht steril zu wirken. Gitarrist Ballou hat sich nicht umsonst einen großen Namen als Produzent in der Szene gemacht, denn CONVERGE klingen so, wie man Hardcore eigentlich haben will: Wie ein harter Schlag in die Magengrube, der aber immer noch verträglich ist. Ein wenig eingerostet, aber immer noch nicht Lack ab. Musikalisch sind CONVERGE böse und aufgewühlt wie eh und jeh, aber auch verletzlich, enttäuscht, lethargisch gar.

„Jane Doe“ war vielleicht einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Vielleicht ist es tatsächlich nur dem Zufall zu verdanken, neben dem einprägsamen Cover von Sänger Bannon selbst, was bis heute das öffentliche Bild von CONVERGE bestimmt, dass „Jane Doe“ so erfolgreich sich ins kollektive Bewusstsein als wichtiger Meilenstein für diese Gruppe und auch den Hard/Metalcore insgesamt sich einbrennen konnte. Denn im Grunde macht „Jane Doe“ nichts großartig anders oder neu, sei es nun im Kontext der Vermischung von Hardcore und Metal zu der Zeit damals oder auch in Rückschau auf die Diskographie. Allerdings vermischt das Album dieses Amalgam aber auf einem solch hohen Niveau, dass es die bisherigen Erzeugnisse der Band links liegen lässt und auch im angebrochenen Millennium in der Szene frischen Wind hineinbringen konnte. Ein weiterer Umstand könnten die Lyrics sein: Zu einer Zeit, wo über EARTH CRISIS  hin zu HATEBREED oder anderen Szenebands sich alle entweder um die Szene selbst oder gesellschaftliche Aspekte drehten, ging Bannon mit einer in die Brüche gegangen Beziehung auf einmal ins nahbahre, persönliche Erzählen über.

Vielleicht traf das einfach nur auf mehr Resonanz bei einer jungen Szene, die in ihrem Lebensabschnitt näher an solcherlei Erfahrungen dran war, vielleicht gab es eine bis dahin vermisste Emotionalität dem Hardcore, auch wenn die schon durchaus historisch auf früheren Werken bei anderen Bands gefunden werden kann. In Verbindung all dieser Elemente, die für sich nicht neu oder revolutionär, sondern eher evolutionär sind, erschaffen CONVERGE allerdings etwas einzigartiges. Die unzähligen musikalischen Kopien von anderen Bands, aber auch das Konterfrei des Albums auf ebenso vielen Totebags, Stickern, Postern zeugen bis heute von dem Einfluss, den dieses Werk am Beginn des Millenniums auf die harte Musikszene, völlig egal ob Metal oder Hardcore-Punk, hatte. Und auch heute noch ist „Jane Doe“ bestechend zeitlos und überzeugend. Dabei hatte „Jane Doe“ letztes Jahr auch zwanzig-jähriges Jubiläum. Glückwünsch nachträglich! Wahrscheinlich werden wir erst um 2040 wissen, was das „Jane Doe“ unserer Tage heute gewesen sein wird. Hat schon wer Kandidaten?

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27.01.2022

Dienst: Freier Redakteur | Farbe: Wie auf dem Bild | Geruch: Geheimnisvoll duftend. | Warnhinweise: Bitte nicht essen. Kann ungiftig sein. |

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4 Kommentare zu Converge - Jane Doe

  1. Interkom sagt:

    Herr Santel, geliefert wie bestellt – dafür großen Dank. Auch wenn Diskussionen, vor allem bei einer Differenz von einem Punkt, gar nicht die Eröffnung lohnen: was braucht den deiner Meinung nach ein 10er? Das Teil war revolutionär für den Hardcore und verglichen mit Refused (the shape of Punk to come – brilliant) eben die andere Seite der Medaille poliert haben. Die untere, nicht im Licht liegende. Meine Prognose für 2040: King gizzard and the Wizard lizard. Allerdings kein konkretes Album, vielmehr der vielseitige Output. Im Metal geht gerade nix, was Revolutionen versprechen könnte. Zehn Jahre zuvor, sollte Baroness, Mastodon, Bison B.C., Sword genannt werden.

    10/10
  2. Interkom sagt:

    „was braucht denn deiner Meinung nach ein 10er?“

    Ist netter gemeint, als es sich liest! Grüße

  3. Schraluk sagt:

    Kaum bestellt, schon geliefert. Ein verdammt gutes Album. Ich finde schon, das es damals wie heute anders und neu klingt. Converge haben es in diesem ‚Chaos HC Universum‘ geschafft wie keine zweite Band, Zerbrechligkeit und rasende Wut so stimming mit einander zu kombinieren. Das Cover ist unschlagbar und ziert so manches Shirt und Hoodie. Und wird seit Jahren stolz getragen. Auch Live gibt es kaum eine andere Kombo, die solch eine Angepisstheit auf die Bühne bringt. Gibt nix anderes als 10 von 10….

    10/10
  4. Alexander Santel sagt:

    Hi, und danke für den Kommentar und für das Lob, geht runter wie Öl! 😀

    Die Frage nach dem Unterschied zwischen einer 9 und 10 bei der Punktevergabe ist tatsächlich größer, als die 10% Differenz vermuten lassen. Oft sind es vernachlässigbare Kleinigkeiten spezifischer Aspekte, sei es Produktion, Abwechslung, Songwriting, Songprogression, Verlauf des Albums, die für mich aus einer 10/10 eine 9/10 machen. Also Dinge, die mir ein wenig sauer aufstoßen, auch wenn das Album trotzdem noch exzellent ist. Eine 10/10 hat für mich aber auch wirklich gar nichts, was ich an dem Album verändern wollen würde, ein persönlicher Klassiker, der sich schwerlich oder kaum abnutzt. Da das alles natürlich auch extrem subjektive Auslegungssache ist, sollten solche Wertungen nur als grobe Orientierung verstanden werden. Nur weil etwas alt oder „kult“ ist, sollte es ja nicht frei von Kritik sein. Und der Blast from the Past ist auch nicht da um blind alles Alte zu glorifizieren und hochzureichen, wovon manche Wertung denke ich doch zeugt (siehe etwa GNR). Eher, vielleicht das ein oder andere Album zu würdigen, was hier noch nicht aufgetaucht ist, „Meisterwerke“ kritisch zu hinterfragen, oder kleine Untergrundperlen, die in Vergessenheit geraten sind, wieder hervorzukramen. Natürlich im Sinne des jeweiligen verfassenden Redakteurs, Meinungen mögen da (zum Teil stark) auseinandergehen.

    Noch einmal eine kurze Anmerkung zur Bewertungsskala: Alles, was sich im 7er-Bereich und darüber abspielt ist weit über dem Durchschnitt (5/10) und somit ein gutes Album (zumindest in meinem Kosmos), allerdings immer noch ausbaufähig, daher würde ich mir da gar keine so großen Gedanken immer um die Punkte machen 😉

    Was REFUSED und TSOPTC angeht: Lustig dass du es erwähnst, das wäre ebenfalls ein Kandidat, dem ich den 10/10-Status zukommen lassen würde, da ich es einfach noch ein wenig runder, wagemutiger und besser als „Jane Doe“ ansehe und auch noch einflussreicher und prägend in der Szene und auch Musik im Allgemeinen finde.

    Auch sehr interessante Kandidaten für die nächsten „Klassiker“. Mal gucken, ob in 20 Jahren ein nächster BFTP dazu herauskommt 😛