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Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Galerie mit 9 Bildern: Deftones - Summer 2025 in Frankfurt

Wie soll man ein Album beerben, das nicht nur ein kritischer, sondern auch kommerzieller Erfolg gewesen ist und rückblickend seinen Klassikerstatus erfolgreich verteidigen konnte? Viele Bands, die mit einer ihrer Platten auf solches Gold gestoßen sind, müssen sich zwangsläufig mit dieser Fragestellung auseinandersetzen, wenn sie nicht gar daran zerschellen. Und Anfang der 2000er sollte es die DEFTONES treffen. Nachdem sie mit „White Pony“ ihr vielerseits als ihr bestes Album gehaltenes Drittwerk in die Umlaufbahn entließen, standen Chino Moreno und Co. vor der Aufgabe, einen Nachfolger für dieses Opus einzuspielen. Drei Jahre sollte es dauern, bis dieser in Form des Selbstbetitelten vorliegen sollte. Und was von diesem Album bis heute vor allem nachhaltig hängen geblieben ist, ist, dass die Produktion dieser Platte eine der teuersten der Musikggeschichte gewesen ist.

Das Selbstbetitelte der DEFTONES war ein teures Album

Wie konnte es dazu kommen? Nun, die Produktion des Materials per se war zumindest nach Aussage von Frank Delgado nicht das eigentliche Problem (auch wenn die sicherlich nicht sonderlich billig war). Viel mehr hinkte die Band ihren gesetzten Fristen hinterher, was den Produktionsprozess einerseits in die Länge zog, andererseits wiederum zu Säumnisgebühren geführt hat, die sich nach mehreren solcher verstrichener Fristen aufsummierten und schließlich wiederum dazu führten, dass das Selbstbetitelte rund 2,5 Millionen Dollar kostete. In der Liste der teuersten Alben steht das Selbstbetitelte der Kalifornier damit in Gesellschaft anderer, illustrer Veröffentlichungen von Künstlern wie Michael Jackson, Mariah Carey, GUNS N‘ ROSES und KORN, an 13. Stelle der Liste der teuersten Veröffentlichungen nach Stand des Verfassens übrigens.

Zeitlebens musste sich das Album selbstredend am direkten Vorgänger messen lassen, was sich in weit auseinander gehenden Meinungen äußern würde. Liest man einige Meinungen aus der Zeit, begegnen einem Begriffe wie „Stagnation auf hohem Niveau“, „Tonedef“ [har har] oder eben deutlich blumigere Worte über das Variantenreichtum, das die DEFTONES hier aufs Parkett zaubern würden. Diese Zwiespältigkeit sollte sich auch hinsichtlich der Verkaufszahlen widerspiegeln, die den Kaliforniern zwar ihren bis dato höchsten Charteinstieg bescherten, die ihren Auftrieb aber offenbar relativ schnell verlieren und so nicht die Halbwertszeit von „White Pony“ aufweisen würden. Damit darf nun diskutiert werden, ob dies möglicherweise daran lag, dass das Selbstbetitelte wirklich qualitativ nachgelassen hat, oder ob es möglicherweise seiner Zeit voraus gewesen ist.

Aber war es auch ein gutes Album?

Wahrscheinlich ist die Antwort ein „Weder noch“. Die Parallelen zu „White Pony“ sind natürlich klar vorhanden. Der Grundbaustein bleibt der hauseigene, unmissverständlich nach DEFTONES klingende Alternative Metal, der sich mal mehr, mal weniger flächig und atmosphärisch um Chino Morenos Gesangsdarbietung herum arrangiert. Ähnlich wie „White Pony“ weist auch das Selbstbetitelte eine Experimentierfreude auf, die nun aber etwas mehr vertieft wird. Das geht mal in eine härtere Richtung wie im Opener „Hexagram“ mit dem Stakkato-artigen Nachdruck, den die Hook verabreicht, dann geht es mal in eine sanftere Richtung wie in „Anniversary Of An Uninteresting Event“, das in eine deutlich mehr nach Shoegaze klingende Richtung geht, dabei zudem noch reichlich Zuckerguss aufträgt. Diese beiden Tracks setzen im Grunde die Grenzpfeiler des Intensitätsspektrums, in dem sich die Kalifornier auf ihrem Selbstbetitelten bewegen.

Die Nuancen dazwischen füllen die Platte letztlich mit Leben. „Needles And Pins“ nistet sich in diesen „Nicht ganz Alternative, nicht ganz Post-Rock“-Sweetspot ein, den die Kalifornier jüngst auf „Private Music“ wieder so gelungen einfangen konnten. Dem folgt direkt die wahrscheinlich bekannteste Single des Albums, „Minerva“, ein waschechter, wunderbar verträumter Shoegazer, der jedoch ein bisschen erdiger daherkommt wie das erwähnte „Anniversary“. „Lucky You“ ist ein stilistischer Ausreißer mit einem Feature von Rey Osburn (TINFED), der komplett in Richtung Trip Hop abbiegt – und das gar nicht mal so schlecht. Und dann gibt es noch konventionellere, mehr nach „klassischen“ DEFTONES klingende Nummern wie „Good Morning Beautiful“, „When Girls Telephone Boys“, „Battle-Axe“ oder „Bloody Cape“, die sich wunderbar in die Fugen setzen und immer wieder etwas Erdung ins Album hinein bringen.

Rückblickend kann man durchaus sagen: Ja.

Führt man sich die Platte anno 2026 (oder hiernach) mal wieder zu Ohr, bemerkt man, dass das Album auch heute noch ziemlich gut klingt. Es wird im Netz natürlich darüber diskutiert, welchen Stellenwert es innerhalb der Diskografie hat. Andererseits sind die DEFTONES hier auch nicht allzu weit von dem entfernt gewesen, was sie 20 Jahre später weiterhin machen würden. Im Grunde sind viele der damaligen Kritikpunkte damit zwar durchaus nachvollziehbar, gleichzeitig zeugt das Selbstbetitelte mit etwas (zeitlicher/unmittelbarer) Distanz zum Vorgänger betrachtet vielleicht ein Stück weit auch von einer gewissen Zeitlosigkeit des Sounds der Kalifornier. Damit liegt hier ein Beispiel von einem Album vor, das zu „Lebzeiten“ eher eine Enttäuschung für die zeitgenössischen Geschmäcker darstellte, im Nachhinein jedoch hinreichend in Würde altern sollte.

Es gibt also durchaus mehr Gründe, als sich in einem Anflug morbider Neugier aufgrund des aufgedunsenen Preisschilds mit dieser Platte mal wieder auseinanderzusetzen …

19.08.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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