Dissection - Rebirth Of Dissection

Review

Jon Nödtveidt ist tot. Mit seinem schockierenden Selbstmord vergangene Woche hat sich seine Ankündigung vom Ende DISSECTIONs diesen Sommer auf die grausamste und tragischste aller möglichen Arten bewahrheitet. Die Wiederauferstehung und das Ende seiner Band hat er damit bis ins Letzte zu inszenieren gewusst. Wie eine Rückschau und die Dokumentation des letzten Aufbäumens einer einstigen Größe wirkt da die just erschienene DVD mit dem nunmehr äußerst unpassenden Titel „Rebirth Of Dissection“, die das Reinkarnationskonzert in Stockholm anno Oktober 2004 zum Inhalt hat.

Nach der ersten Euphorie ob der wiedergewonnenen Legende, konnte man in den Monaten nach dem Live-Debüt jedoch ihre stetige Selbstdemontage mitverfolgen. Zweifelhafte Aussagen, kaum nachvollziehbare bandpolitische Entscheidungen, Line-Up-Kuddelmuddel und nicht zuletzt das enttäuschende „Reinkaos“ haben nicht gerade dazu beigetragen, das Erbe einer Band zu pflegen, die im Nachhinein gesehen vielleicht besser bei den Toten geblieben wäre. Abzusehen war das am Anfang freilich nicht, wie die DVD eindrucksvoll untermalt. DISSECTION haben sich wirklich nicht lumpen lassen und mit 15 Songs große Teile ihres Backkatalogs, und besonders „Storm Of The Light’s Bane“, das komplett gespielt wird, zu Liveehren geführt. Auch wenn der Sound des Konzerts manchmal etwas gelitten hat – zu Beginn der Show ist z.B. Jons Gitarre nicht zu hören – haben sich sowohl die grimmig dreinschauende Band, als auch das aus aller Herren Länder angereiste Publikum den Spaß nicht verderben lassen. Zwar ist man von anderen DVD-Releases heutzutage mehr produktionstechnischen Aufwand gewohnt. Insgesamt machen Ton, Bild und Kameraführung aber einen ordentlichen Eindruck, zumal man mit einigen Bildeffekten, wie künstlichem Rauschen, versucht, dem ganzen etwas mehr Flair zu verpassen. Auch die stilvollen Menüs passen sich da gut ein und trösten ein wenig über die mageren Boni hinweg. Trotzdem hat ein sehr sehenswertes Interview den Weg auf den Silberling gefunden.

Im Bonusteil der DVD findet sich neben dem eher unspektakulären Promovideo zum ebenso unspektakulären „Starless Aeon“ und einer kurzen Bildergalerie mit teilweise sehr stilvollen Schnappschüssen in schwarz-weiß ein in seiner Art überraschendes Interview mit Jon. Überraschend deshalb, weil man Jon zu Gesicht bekommt, wie man ihn sich dank seiner Äußerungen in der Zwischenzeit nicht vorgestellt hätte. Video-Interviews mit ihm sind sowieso rar, wenn überhaupt vorhanden, und so konnte über lange Zeit ein Bild gedeihen, das von knastgestählten Muskeln, zweischneidigen verbalen Proklamationen und radikal-abstrusen Visionen einer Mission geprägt war, die schlussendlich zum Himmelfahrtskommando wurde.

Auch wenn das Bild Jons im Interview überhaupt nicht mit der selbstgefertigten Schablone übereinstimmt, wirkt seine Art weder gekünstelt noch inszeniert. Wer meinte, ihn aus abgedruckten Interviews als radikalen Glaubenskrieger zu kennen, wird erkennen müssen, dass er dem – zumindest in diesem Gespräch – weitaus weniger gerecht wird, als man vermuten musste. Der ideologisch fragwürdige Prophet kommt im Interview nicht zum Vorschein. Man glaubt kaum, dass aus demselben netten, jungen Mann, der hier spricht, so viel esoterisch-ideologischer Bullshit geflossen ist, der ihn am Ende sogar das Leben gekostet hat. Fast schon wehmütig muss man als Zuschauer erkennen, dass in Jon viel mehr vorgegangen sein muss, als man landläufig mitbekommen hat. Natürlich drängt sich dieser Gedanke besonders im Licht des eben Vorgefallenen auf und man meint, durch seine Worte und seine schüchterne Mimik und Gestik eher eine zerbrechliche, orientierungslose, nach Halt suchende Persönlichkeit durchschimmern zu sehen, als den starken, visionären Endzeitpropheten. Aber trotzdem: Heute, nach seinem tragischen Tod klingen die Worte, denen man vorher vielleicht wenig Bedeutung beigemessen haben mag, nicht mehr wie hohle Phrasen. Sie nehmen vielmehr die Kontur eines vielleicht schon damals absehbaren Weges an. Wenn man sich Zitate wie „If I had died that night, I would have died happy“ (in Bezug auf das vor dem Interview stattgefundene Auferstehungskonzert) oder „I think with the new album coming out the circle is closed and broken“ einmal genau anhört, schwingt heute mehr Bedeutung mit, als damals ersichtlich sein konnte.

Mit ruhiger, teilweise sogar zittriger Stimme und leuchtenden Augen erzählt Jon offen über seine Gedanken, seinen Gefängnisaufenthalt, sein Verständnis von Freiheit, über die Band und das Gefühl, wieder da zu sein. Wie ein kleiner Schuljunge, der von etwas fasziniert ist. Gleichzeitig wirkt er manchmal fast etwas abwesend, träumerisch und der Situation entrückt. Die Kameraführung mit ihren extremen Close-Ups auf Hände und Augen und das Fehlen der Fragen – die herausgeschnitten wurden, um Jon einen Monolog führen zu lassen – machen die Situation sehr intim und erinnern rein von der Machart her ein wenig an die bekannten Traudl Junge-Interviews. Allein der Umstand, Jon wirklich reden zu hören, und zu hören und zu sehen, wie er das tut, eröffnet einem einen bislang nicht in Betracht gezogenen Blickwinkel auf eine sehr umstrittene Persönlichkeit, die vielleicht kompromissloser und entschiedener gewirkt hat, als sie es eigentlich war. Vielleicht war er eher ein missverstandener Rebell, ein aggressiver Träumer, jemand, der ganz offenbar wirklich keinen Platz in der Gesellschaft hatte oder haben wollte.

Viel Neues erfährt man im Interview zwar nicht. Für Fans, die mit der Band vertraut sind, lohnt sich die DVD aber trotzdem, da Jon viel persönlicher wirkt als in allen anderen bislang bekannten Interviews zusammen genommen. Zusammen mit der unschlagbaren Setlist beim Konzert und den erwähnten kleinen Abstrichen bleibt eine ordentliche Veröffentlichung, die zwar keinen posthumen Ehren gerecht zu werden vermag. Dass sie das je müsste, konnte jedoch auch niemand wissen.

Auch wenn seine Ansichten und Äußerungen oftmals ziemlich daneben, das letzte Album vernachlässigbar nichtssagend und die Reunion im Nachhinein recht unnötig waren, hat der Metal mit Jon Nödtveidt eine Persönlichkeit und mit DISSECTION eine Band verloren, deren Erbe unsterblich ist.

23.08.2006

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