Einar Solberg - Vox Occulta

Review

Soundcheck April 2026# 21

Als „die cineastische Persönlichkeit des Progs“ möchte der Norweger EINAR SOLBERG wahrgenommen werden. Und wenngleich sein schwedischer Kollege Daniel Gildenlöw (PAIN OF SALVATION) da sicherlich noch ein Wörtchen mitzureden hätte, bringt das zweite Solowerk des LEPROUS-Frontmannes diesen Anspruch voll zur Geltung. „Vox Occulta“ wurde in Zusammenarbeit mit dem Norwegischen Radioorchester (Kringkastingsorkestret) eingespielt und lebt von der Ausdrucksstärke großer Hollywood-Soundtracks.

EINAR SOLBERGs „Vox Occulta“ ist wandel-, unverwechsel- und wunderbar

Dabei wehrt sich EINAR SOLBERG mit Händen und Füßen dagegen, in eine der typischen Genre-Schubladen abzurutschen. „Vox Occulta“ ist im besten Sinne progressiv und schreckt weder vor pathosschwangerem Orchesterbombast noch vor aggressiven Gitarrenriffs oder gefühligen Softpop-Momenten zurück. Das Kunststück, diesen bunten Blumenstrauß an unterschiedlichen Stilen und Stimmungen zusammenzuhalten, schafft der Künstler mit seinem gleichermaßen wandel- wie unverwechsel und wunderbaren Gesang, der mal als zerbrechliche Kopfstimme, mal in Form von aggressiven Growls das unangefochtene Zentrum des Geschehens bildet.

Langweilig wird „Vox Occulta“ damit definitiv nicht so schnell und will sich auf unbestimmte Zeit in Dauerrotation in der heimischen Musikanlage einnisten. Trotz des gigantischen Ohrwurm-Potentials der durchwegs zauberhaften Melodien ist EINAR SOLBERG von seichten Easy-Listening-Anwandlungen jedoch meilenweit entfernt und fordert eine gewisse Aufmerksamkeit vom Zuhörer, um die kompositorische Tiefe der Stücke zu erfassen. Selbst das bewusst als Ruhepol in der Albummitte platzierte „Serenitas“ ist in seiner Sanftheit alles andere als flach und erinnert in seiner berührenden Emotionalität aufs Angenehmste an den isländischen Singer/Songwriter ÁSGEIR.

„Vox Occulta“ lässt uns tief ins Wechsel-Schaumbad der Gefühle eintauchen

Bevor es zu besinnlich wird, folgt das ausgesprochen eruptive und facettenreiche „Vita Fragilis“, bei dem sich das Orchester mit der Rock/Metal-Begleitmannschaft – namentlich insbesondere Drummer Keli Guðjónsson (AGENT FRESCO) und Gitarrist Pierre Danel (NOVELISTS) – ein heftiges Duell liefert. So ergreifend dieses plakative Stück auch ist, steht ihm der Rest des Albums in nichts nach und lässt uns so tief in ein wohlig-warmes Wechsel-Schaumbad der Gefühle eintauchen wie es nur die allerwenigsten Alben überhaupt vermögen. Die Grenzen des Prog oder gar des Metal hat EINAR SOLBERG auf „Vox Occulta“ längst hinter sich gelassen und liefert einen beeindruckenden Genre-Sprenger ab, der seinesgleichen lange vergeblich suchen muss.

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17.04.2026

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