Kehlvin & Rorcal - Ascension

Review

Wer die Namen Kehlvin und Rorcal liest und weiß dass KEHLVIN und RORCAL aus der Schweiz stammen, könnte schnell an eine trachtentragende, volkstümlich jodelnde Alpenkapelle denken. Und an zweifelhafte Duos wie BRUNNER & BRUNNER, SIEGFRIED & ROY oder gar DICK & DOOF. Hiermit haben die erstgenannten jedoch nichts gemeinsam, und das ist fein.

Damit hört die Feinheit allerdings schon wieder auf, denn KEHLVIN & RORCALs ”Ascension“ ist die vermutlich außergewöhnlichste Platte, die ich seit langer Zeit in den Fingern hatte. Insgesamt zehn Beteiligte, nämlich die Mitglieder der beiden Bands KEHLVIN und RORCAL, die sich über Geschrei, Gitarre, Bass und Trommeln verteilen, insgesamt ein halbstündiges… äh, Lied und keinerlei weitere Information. Keine Bilder, keine Texte. KEHLVIN und RORCAL werfen Fragen auf, provozieren.

Penetrant ins Ohr schneidende Rückkopplung, einzeln per Gitarrenpoti ”reingedrehte“ Töne und Akkorde, fremd, dissonant und irgendwie sphärisch steigen die Jungs ein. Nach beinahe drei Minuten Horrorbeschallung wird in astreiner Doom/Sludgemanier losgepoltert, und wieder einige Minuten später setzt von fern wildes, schmerzverzerrtes Geschrei ein. Struktur lässt sich erahnen, ”Ascension“ nimmt Fahrt auf und Ansätze von Kontur an. Ich denke an ein kleines Schiff auf hoher See, vielleicht die ”Pequod“, das Walfangschiff bei ”Moby Dick“, das mit geblähten Segeln in den Untergang rast. Nach ca. zehn Minuten verhallt alles und geht in einen anderen Teil über. Mehr dynamisch als verstörend gehen KEHLVIN und RORCAL jetzt ans Werk. Allerdings nur wenig mehr dynamisch und unwesentlich weniger verstörend. Postige Gitarrenwände türmen sich über dumpf dröhnendes Schlagwerk, werden von zerbrechlichen Melodiefetzen gekrönt und stürzen in sich zusammen. Tobende See, sprühende Gischt. Pechschwarze Nacht über offenem Meer. Kein Licht, nur drohende Wolken, die Wind und Regen bringen. Der Sturm peitscht die See. Immer wieder dieses leidende, schmerzgeplagte Geschrei, das wie vom Wind aus der Ferne herangetragen wird.
Dann, nach knapp 15 Minuten Chaos, das Unerwartete: saubere Töne. Melodie. Nur Gitarre. Ein zaghafter Sonnenstrahl erhellt die Szenerie, sacht, leise. So, als würde ein Folterknecht Mitleid bekommen und Tränen abwischen.
Dann, man überhört es vielleicht, ein Streich über ein Becken. Wie ein Wetterleuchten am Horizont. Noch einer. Snare und Bass setzen ein. Grollen am Horizont. Binnen Sekunden schließt sich Wolkendecke sich erneut, weitere Entladungen bahnen sich an. Bedrohlich gewinnt der Groove an Geschwindigkeit, eine verzerrte Gitarre kommt dazu. Ein Schlag Pause, dann bricht die Hölle los. Der Taifun ist wieder da, schrecklicher als zuvor. Matsch und glühende Lava fallen vom Himmel, es gibt kein Entrinnen. Weder für das Opfer am Mikro noch für den Hörer. Giftige und dickflüssig pladdert es aus der tiefschwarzen Nacht, wie eine Lawine reißt es, jeglichen Widerstand zermalmend, alles mit in die Tiefe. Kein Entrinnen. Verdammt.

Bevor mich die Schlammwelle erfasst und durch den grinsenden, hell rot glühende Schlund der Hölle spült, setzt die Rückkopplung wieder ein und der Spuk hört auf. Kein Geschrei mehr. Nur Stille.

Ich öffne die Augen. Draußen scheint die Sonne. Immer noch, ein Glück. Der Wind treibt einzelne Wolken über den blauen Himmel. Vor dem Fenster zwitschern Vögel. Ich lebe und muss vorerst wohl noch nicht sterben. Cool. Ich nehme ”Ascension“ aus dem CD-Deck. Der Horrortrip in der Mittagspause ist vorbei.
Was soll man hierzu sagen? KEHLVIN und RORCAL entziehen sich jeglicher Schubladisierung durch ein Album mit nur einem Titel, völlig einzigartiges Klanggemälde, eine musikalische Kreuzung von Orwells ”1984“ und apokalyptischen Visionen eines Hieronymus Bosch. ”Ascension“ ist ein Lehrstück der Onomatopoesie, der Lautmalerei. Ich lehne mich weit aus dem Fenster und vergleiche das Werk der Schweizer mit den Produkten großer Komponisten wie Prokofiew (”Peter Und Der Wolf“) und Mussorgski (”Bilder einer Ausstellung“), die mit Tönen opulente Bilder mit unendlich vielen Details entwarfen. Eckig, unvorhersehbar, unangenehm, facettenreich, täuschend, verunsichernd und am Ende erleichternd- all das und vielleicht noch viel mehr ist ”Ascension“. Prinzipiell gilt das selbe wie für Hermann Hesses ”Traktat Vom Stepenwolf“: ”Nur für Verrückte!“. Aber mal ehrlich- fühlen wir alle uns nicht ab und zu mal verrückt? Wenigstens ein bisschen?

04.07.2008

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