Klone - Here Comes The Sun

Review

Bereits nach wenigen Augenblicken, einigen luftigen Gitarrenklängen und einer eindringlichen Gesangslinie ist klar: „Here Comes The Sun“ ist unverkennbar und unverwechselbar KLONE. Warum weise ich darauf so explizit hin? Nun, nicht wenige bezeichnen die Truppe aus Poitiers nach wie vor als blutleere TOOL-Kopie. Warum das für meine Wahrnehmung ausgemachter Blödsinn ist, habe ich in der Besprechung des Vorgängerwerks bereits ausführlicher dargelegt. Und selbst wenn es auf „Black Days“ phasenweise noch hörbare Parallelen zu den Genre-Göttern gab, haben sich die Franzosen spätestens mit dem 2012er „The Dreamer’s Hideaway“ ihren eigenen, charakteristischen Sound geschaffen.

Für ihr neues Werk „Here Comes The Sun“ hat die Band wiederum an mehreren Stellschrauben gedreht und ihr Klangbild auf ein neues Level gehoben: Gingen die Franzosen in ihren früheren Schaffensphasen noch merklich metallischer zu Werke, bildet seit „The Dreamer’s Hideaway“ abwechslungsreicher und experimenteller Rock das Fundament der Kompositionen. Hinzu kommen etablierte Trademarks wie die markante Stimme des Frontmanns Yann Ligner sowie verspielte Saxophon- und Synthie-Einsprengsel. In seiner Gänze ist „Here Comes The Sun“ dabei eine Spur zurückhaltender als sein Vorgänger, die Stücke wirken noch reduzierter und aufgeräumter, dadurch allerdings auch ausdrucksstärker – weil Ligners Stimme und die KLONE-typischen, schmeichelnden Melodien anno 2015 noch stärker in den Vordergrund rücken.

Hielten die beiden Vorgängerwerke und ihre Opener – „Rite Of Passage“ und „Rocket Smoke“ – mit ihren Absichten nicht lange hinterm Berg, steht der Auftakt des sechsten Studioalbums exemplarisch für die neuen, zaghaften KLONE: Behutsam und in bester Post-Rock-Manier steigert sich „Immersion“, wobei Schicht um Schicht aufgetragen wird. Zunächst getragen von Gesang, dezenten Gitarren und entferntem Synthie-Rauschen, ergänzen alsbald prägnante Schlagzeug-Akzente das Klangbild – ein flüssiges Rhythmuspattern emanzipiert sich dann erst im zweiten Drittel des Songs, bevor tänzelnde Saxophon-Läufe und eine kurze Zäsur schließlich den epischen Schlusspart vorbereiten. Die großartige Atmosphäre des Tracks entsteht dabei jedoch mehr durch die geschickte und fragile Handhabe der Melodien, als durch diese selbst.


Gleiches gilt im Anschluss für das auf ausgefeiltem Sieben-Achtel-Gerüst konstruierte „Fog“ (nicht das einzige Lehrbuchbeispiel für „Der Bass als Melodieinstrument“ auf der Platte) sowie den treibenden Melodic-Rocker „Gone Up In Flames“, die beide im Gegensatz zum Opener wieder eine eher klassische Struktur besitzen – dabei allerdings atmosphärisch nicht weniger dicht sind. Weitere Höhepunkte der Platte sind das mit hymnischen Melodien und eindringlicher Melancholie ausgestattete „Nebulous“ (absolute Gänsehaut-Atmosphäre!) sowie das wiegende „Come Undone“ mit seinem cineastisch anmutenden Schlusspart. Auch der ausufernde Schlusstrack „The Last Experience“ überzeugt mit vielschichtigem Arrangement, düsterem Riffing und einem unerwarteten Noise-Finale.

Dem gegenüber stehen mit „The Drifter“ und dem vorab veröffentlichten „Grim Dance“ allerdings auch zwei Songs, die wesentlich verschlossener und introvertierter daherkommen. Während sich ersteres Stück nach einigen Durchläufen immer zugänglicher und plausibler zeigt, bleibt von letztgenanntem Song auch nach mehrmaligem Hören wenig hängen – es ist am Ende der einzige nennenswerte Durchhänger der Platte. Ein weiteres Problem könnte zudem für einige Hörer das doch recht schmale dynamische Spektrum der Platte darstellen: So dürften kritische Geister dem Album das Fehlen der ganz großen Amplituden bescheinigen – geduldige Genießer wiederum die Tatsache loben, dass die Band noch nie gefühlvoller und intimer agierte.

Am Ende ist „Here Comes The Sun“ eine starke, atmosphärische Prog-Rock-Platte von schlichter Schönheit, die gleichzeitig enormen Tiefgang besitzt. KLONE haben erneut bewiesen, dass sie zu den innovativsten Bands im Experimental-Sektor gehören – und sich auf ihrem sechsten Werk wieder einmal neu erfunden. Wenngleich auf „Here Comes The Sun“ vor allem Ligners Stimme und die großartige Gitarrenarbeit das Bild bestimmen, soll auch der Rhythmusgruppe noch ein gesondertes Lob zukommen: Was Jean Etienne Maillard und Florent Marcadet am Tieftöner und an den Drums leisten, hat oberste Güteklasse. Abgerundet wird das Ganze zudem von einer rundum gelungenen Abmischung, dem stimmungsvollen Artwork sowie dem Bonustrack – einer großartigen Cover-Version des Gershwin-Klassikers „Summertime“. Fazit: Freunde vielschichtiger, experimenteller Gitarrenmusik kommen an KLONE definitiv nicht vorbei.

17.04.2015

"Am Ende isses immer Arbeit."

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