Pestilence - Malleus Maleficarum

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Enschede, Niederlande, Mitte der Achtziger: Die drei jungen Musiker Patrick Mameli, Marco Foddis und Randy Meinhard (der aus der benachbarten deutschen Grenzstadt Gronau stammt) schrauben unter dem Namen PESTILENCE am härtesten Sound, den die damalige Zeit zu bieten hat. Das Demo „Dysentery“ ist ein gelungener Mix aus POSSESSED und SEPULTURA, das folgende „The Penance“ gleich noch ein wenig extremer, da hier ein vierter Musiker auf den Plan tritt: Die Rede ist von Sänger Martin van Drunen, dessen kehliges Geknarze die Songs noch krasser klingen lässt.

PESTILENCE im Epizentrum

Mit den Demos in der Hinterhand ergattern die Jungs einen Plattenvertrag bei Roadrunner Records und werden mit einem ordentlichen Studiobudget ausgestattet. Mit zehn komplett neuen Songs im Gepräck geht es 1988 zu Kalle Trapp nach Münster ins Studio, der dem Debütalbum „Malleus Maleficarum“ einen druckvollen und angemessen gepressten Sound verpasst. Die Scheibe erscheint am 26. September 1988 und positioniert PESTILENCE im Epizentrum des extremsten Metals.

Dafür steht alleine schon der Opener „Malleus Maleficarum/Antropormophia“: Die anfänglichen Gitarrenharmonien werden bald schon durch Thrash-Riffing abgelöst, bevor die Gitarristen einen Tremolo-Wirbelwind entfachen, der den Drummer an seine Grenzen gehen lässt. Und die Harmonien versetzen ständig in Alarmbereitschaft: Das hier ist definitiv Musik außerhalb der Komfortzone, Musik, die unschöne Dinge thematisiert. Heute glücklicherweise eher ferne Dinge wie „Malleus Maleficarum“, den Hexenhammer, also jene Schrift, welche die Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit kirchlich legitimierte.

Oder aber „Extreme Unction“ (zu Deutsch: Letzte Ölung), „Chemo Therapy“ oder „Parricide“ (Elternmord). Letzteres beginnt mit einem Gitarrensolo, das TESTAMENT zur gleichen Zeit nicht besser hinbekommen haben. Extremer ist da allerdings die hektische Gitarrenarbeit, die immer einen Ticken schneller ist, als man das als Hörer verarbeiten kann. Abgerundet wird das Stück durch van Drunens kehligen Gesang, der sich überschlägt und immer wieder von Gangshouts unterstützt wird.

„Malleus Maleficarum“ ist krass …

Tatsächlich spielt Patrick Mameli in „Subordinance To The Domination“ schon ein Solo, das sich auf den Alben der späteren Fusion-Phase perfekt eingefügt hätte. Doch das ist nur ein Detail am Rande: „Malleus Maleficarum“ bleibt stattdessen durch den krassen, dominierenden Gesang im Gedächtnis, die zweistimmigen, kranken, eitertriefenden Harmonien sowie die wechselnde, sich immer wieder überschlagende Geschwindigkeit. Die beiden Gitarristen spielen auch mal mit der Geschwindigkeit, wenn der eine nur den Akkord anschlägt, während der andere im ICE-Tempo die Saiten malträtiert. Dieser Effekt wird durch den Mix verstärkt, in dem die beiden Gitarrenspuren jeweils auf einer Seite liegen.

„Malleus Maleficarum“ ist jedenfalls ein extremer Thrash-Metal-Parforceritt, der jugendlichen Enthusiasmus mit überlegtem Songwriting kombiniert. Denn bei aller Geschwindigkeit und Hektik sind alle Wendungen nachvollziehbar und die Refrains und Gitarrenleads schmissig. Und da das Album sogar einige melodiöse Passagen enthält, ist es bei allem straighten Geprügel sogar abwechslungsreich.

… und hat kaum etwas von seiner Kraft verloren

Und es war für PESTILENCE kein Grund, die Dinge langsamer angehen zu lassen: „Consuming Impulse“ erschien bereits ein Jahr darauf und zeigte eine Band, die sich mit etwas kompakteren Songs komplett im Death Metal verortet. Mit dem Ausstieg von Sänger Martin van Drunen übernahm Lead-Gitarrist Patrick Mameli immer mehr das Kommando, der die Band in Richtung Progressive Death Metal steuerte – wo sie heute mit der gefühlt fünfzigsten komplett neuen Besetzung immer noch zu Hause ist. Somit bleibt „Malleus Maleficarum“ bis heute ein singuläres Ereignis, das mit keinem weiteren PESTILENCE-Album noch einmal gestreift wurde. Vielleicht hat das mit dazu beigetragen, dass „Malleus Maleficarum“ bis heute kaum etwas von seiner Kraft verloren hat.

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02.03.2022

- Dreaming in Red -

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4 Kommentare zu Pestilence - Malleus Maleficarum

  1. Nether sagt:

    Für mich nach wie vor DIE Pestilence Platte. Ein Hassbatzen par excellence.
    Der Death Metal auf „Consuming Impuls“ hat Härte damals rausgenommen. Alles danach geht mir komplett an der linken Schulter vorbei.

    9/10
  2. onlythewindremembers sagt:

    Ein Album, welches keiner Worte mehr bedarf. Das Teil ist von vorne bis hinten so grandios runtergezockt.
    Schließe mich da ganz Nether an, wobei ich sagen muss, dass auch „Testimony of the Ancients“ durchaus seine Momente hat. Danach war es das leider mit der Band.

  3. der holgi sagt:

    für mich haben Pestilence mit „Consuming Impulse“ ihr Meisterwerk abgeliefert, „Maleus Maleficarum“ war noch deutlich vom Teutonen-Thrash beeinflusst, was gerade in der Grund-Hektik einerseits, sowie Martin’s Vox andererseits deutlich wird, er ratterte die Textzeilen mitunter herunter als würde er nach Quantität bezahlt 😀

    die Riffs dagegen atmen bereits den Charme nachfolgender Veröffentlichungen

    das Drunen dann ging war wohl Fluch und Segen zugleich für Pestilence, ohne ihn wurde es technischer, moderner, verkopfter, mit ihm war es authentischer, rauer, urgewaltiger 🙂

    sehr zu Recht war „Cunsuming Impulse“ ihr eigentlicher Durchbruch und zugleich auch eine frühe Antwort auf den sich aus Amiland anbahnenden Death Metal alter Schule

    7/10
  4. Lysolium 68 sagt:

    Die „Testomony of the Ancients“ ist mein absolutes da kommt gar nichts ran Album von Pestilence. Da kommt „Malleus Maleficarum“ nicht ran. Ist aber auch schwer da ein Album für die Insel.

    8/10