Die Apokalyptischen Reiter
Listening Session: "Ich denke schon, dass wir unseren Stil haben. Es zieht sich ein Faden durch die Platte und du wirst, wenn du irgendeinen Song anwählst, hören, dass es die Reiter sind."

Special

Mittlerweile dürften Die Apokalyptischen Reiter zweifellos zur unangefochtenen deutschen Speerspitze in Sachen extremer Musik gehören, was nicht zuletzt ihr viel umjubelter, exzellenter Gig auf dem letztjährigen Summer Breeze bewiesen haben dürfte. Kein Wunder also, dass man vom Branchenriesen Nuclear Blast unter seine Fittiche genommen worden ist, nachdem schon das letzte, noch über Hammerheart Records erschienene Album „All You Need Is Love“ durchweg überschwängliche Kritiken einfahren konnte. Also machte ich mich mit Kollege Metal_inc, gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten, auf nach Weimar zum Proberaum der Band, den wir dann auch dank Ferienverkehrstaus auf der Autobahn als letzte von allen erreichten.

Die Apokalyptischen Reiter

Im Reiter-Zuhause angekommen machte man es sich dann sogleich auf diversen Sofas gemütlich, wandte sich den zahlreich vorhandenen, alkoholhaltigen Getränken zu (wie gut, dass ich erst am Vortag auf einer ziemlich vernebelten Feier war!) und die Party namens „Have A Nice Trip“ konnte beginnen.

Vier Reiter stehen bereit
Los geht es sogleich mit einer äußerst heftigen Abgehnummer, deren cleaner, eingängiger Refrain sich sofort im Gehörgang festsetzt. Geschickt in die heftigen Parts eingeflochtene, klassische Elemente deuten sofort auf einen großen Abwechslungsreichtum hin, der die ganze Platte über keinen Deut abnehmen sollte. Naja, und über die Produktion erübrigt sich bei einem Namen wie Andy Classen jegliches Wort. So kann es ruhig weitergehen.

Die folgenden Zitate unter den Songs stammen von Sänger Eumel, der es sich natürlich nicht nehmen ließ, zum neuen Schaffenswerk seiner Band auch seinen Senf zu geben:
„‚Vier Reiter‘ ist ein sehr alter Song. Die Anfänge sind schon zwei Jahre alt, wenn nicht noch älter. Er ist eigentlich sehr hasserfüllt, trotzdem mit viel Pathos. Es ist einfach so eine Wut gegenüber der Menschheit, was sie so alles falsch gemacht hat.“

Warum
In meinen Augen eindeutig das beste Stück der Platte. Schädelspaltende Riffs treffen auf aggressiven Gesang, der während der Strophen etwas gemäßigter und nur von Bass begleitet wird. Ein kritischer Text rundet das Ganze vortrefflich ab. Und ich kann nur noch mal wiederholen: Was ein Riffing!

Sehnsucht
Hierbei handelt es sich um ein etwas getrageneres Stück, das jedoch auch einige Passagen aufweist, die man als „speediges Mittelalter“ bezeichnen könnte. Cool!

Terra Nola
Sehr sphärisch geht es hier zur Sache, was diesen Song zu einem der langsamsten der Platte macht. Trotz des metaphorischen Textes mochte mir dieser Track nicht allzu sehr schmecken.

„‚Terra Nola‘ ist dort, wo man nicht sein möchte. Wortwörtlich heißt das ‚tote Erde‘. Ein Ort wo jeder schon mal war. Ich habe es halt bildhaft ausgedrückt.“

We Will Never Die
Yesss, die erste typische Reiterhymne ganz im Stile von „Reitermania“ oder „Metal Will Never Die“. Mit thrashigem Highspeed-Riffing live garantiert einer der Höhepunkte der (hoffentlich bald) kommenden Tour.

„‚We will never die‘ ist eigentlich ein sehr positiver Song. Sehr freundlich, ein Schlager würde ich fast sagen. Nett zum Schunkeln. Der ist einfach so zum Spaß haben.“

Baila Conmigo
Mit Sicherheit das außergewöhnlichste Stück der Platte, da es nicht nur musikalisch spanisch angehaucht ist. Auch der Text ist in dieser Sprache verfasst. Gewöhnungsbedürftig, aber gut.

„Das ist ein Liebeslied. Das habe ich für eine Frau geschrieben.“

Ride On
Musikalisch etwas an den 80er-Metal angelehnt mit einigen Uptempo-Parts versehen geht die melodiöse, prägnante Melodielinie sofort runter wie Öl. Ein klares Highlight.

Das Paradies
Jetzt musste ich mir doch mal die Augen wischen. Während der Strophen herrscht hier fast schon Sprechgesang vor, neben dem das Keyboard in diesem balladesken Stück eindeutig die dominierende Rolle spielt. Zum Refrain hin wird der Gesang zum Glück sehr mächtig, weswegen auch hier der Daumen nach oben geht.

„Ich habe mal einen Menschen kennen gelernt, der immer von sich selbst gesagt hat, dass er ein guter Mensch ist, aber nie aus der Scheiße rauskam und sich immer im Kreis gedreht hat. ‚Das Paradies‘ habe ich eigentlich fast für ihn geschrieben.“

Die Apokalyptischen Reiter

Fatima
Wie der Name es schon vermuten lässt, hat man es hier mit orientalisch angehauchten Melodien zu tun, die nur durch kurze, heftige Ausbrüche in Richtung von Black Metal-Raserei und einem majestätischen Stakkato-Part unterbrochen wird. Sehr stark!

Wo die Geister ganz still sterben
Neben dem ersten Stück das bei weitem härteste der Platte. Black Metal gibt sich einträchtig mit vielen Death Metal-Elementen die Klinke in die Hand und klingt somit am ehesten nach älteren Werken der Reiter.

Seid Willkommen
Sehr schleppend und langsam geht es hier zur Sache. Erhabene Choralparts laden sofort zum Mitsingen ein. Ein würdiger Schlusspunkt für dieses Album.

Master Of The Wind
Als Bonustrack ist diese Coverversion von Manowar geplant. Zuerst erklingen nur Klavier und Gesang, zu denen dann später Streicher, Gitarren und Drums dazustoßen. Geht in Ordnung, fällt aber zum restlichen Material etwas ab. Aber es ist ja auch nur ein Bonustrack.

Auf die abschließende Frage nach dem eigenen Stil hatte Eumel noch folgendes zu sagen: „Ich denke schon, dass wir unseren Stil haben. Es zieht sich schon ein Faden durch die Platte und du wirst, wenn du irgendeinen Song anwählst, hören, dass es die Reiter sind.“

Somit lässt sich zusammenfassend sagen, dass die Reiter es schaffen werden, mit „Have A Nice Trip“ den Vorgänger „All You Need Is Love“ zu toppen. Nicht nur produktionstechnisch konnte man sich noch eine ganze Ecke steigern, sondern auch musikalisch gehen die Reiter anno 2002 wesentlich abwechslungsreicher zur Sache und haben ihre Trademarks geschickt so weiterentwickelt, dass man trotzdem immer genau weiß, wer gerade am Werke ist. Dabei wird die eingeschlagene Entwicklung sicherlich den einen oder anderen (positiv) überraschen, hatte doch auch ich ein etwas anderes Album erwartet. Mag es auch noch so abgedroschen klingen, aber das Songmaterial klingt „reifer“. Die Stücke sind in sich geschlossener und es zieht sich so etwas wie ein roter Faden durch das ganze Album. Die Knüppelei älterer Tage ist zwar vielfach zugunsten von mehr Melodie gewichen, nichtsdestotrotz bleiben die Reiter aber unverkennbar. Leute, freut Euch auf den 17.3., denn dieser „Trip“ wird wirklich „nice“! Genauso angenehm ging dann auch der restliche Abend unter einem VFL Bochum-Schal (Wie kommt der nach Weimar? „Das war ein Fan-Geschenk. Ich glaube der Albrecht (Frank, RockHard-Redakteur, Anm. d. Verf.) ist Bremen-Fan und irgendwie können sich die Clubs wohl nicht leiden. Da haben wir das Ding heute halt direkt mal aufgehängt, weil wir wussten, dass er kommt.“) und inmitten von recht amüsanter Luftballondeko (siehe Foto) („Oh, die haben wir uns selber zusammengebastelt.“) zu Ende, der einem sogar noch kurz vor Weihnachten vom „Reitermann“ mit ein paar Geschenken versüßt wurde. Das Positive daran war, dass man, um sie zu bekommen, Witze erzählen musste. Und da ich schon lange keine guten, neuen mehr gehört hatte, kam mir das natürlich recht gelegen. Erzählen werde ich sie hier aber jetzt nicht, denn das wäre nicht jugendfrei.

Galerie mit 21 Bildern: Die Apokalyptischen Reiter - Out Of Line Weekender 2019
12.01.2003

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