Myles Kennedy
"Musik ist Heilung"

Interview

Myles Kennedy ist in der Rock-Welt nicht nur als Sänger von ALTER BRIDGE bekannt, sondern auch durch seine Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Slash und zahlreichen anderen Musikern. Vor drei  Jahren besann sich Myles ganz auf die eigenen Ideen und veröffentlichte sein erstes Solo-Album „Year Of The Tiger“. Dieser Tage legt er mit „The Ides Of March“ den zweiten Langspieler nach. Grund genug, ihn in seinem Arbeitszimmer zu kontaktieren, wo der Sänger entspannt vor seinem Mikro sitzt.

Hi Myles, offenbar klappt es nach Monaten social distancing bei uns beiden reibungslos mit den Video-Calls.

(leicht lachend) Alright, ja, wir sind hier und haben es geschafft.

Wie geht es dir denn überhaupt?

Mir geht es gut, Mann. Wie sieht es bei dir aus?

Kann nicht klagen, danke.

Gut.

Blicken wir doch mal auf die letzten Monate zurück. Wann hast du das letzte Mal auf einer Bühne vor Publikum gestanden?

Puh, das muss Ende Februar 2020 gewesen sein. (denkt nach) Ja, ganz kurz bevor alles stillstand.

Was war das für ein Konzert?

Wir waren mit ALTER BRIDGE auf US-Tour. Um genau zu sein, war unser letzter Stopp in meiner Heimatstadt Spokane. Ich konnte also nach dem Konzert nach Hause fahren, ohne zu ahnen, dass ich danach dauerhaft zuhause bleiben würde.

Hoffen wir mal, dass es nicht mehr lange dauert. Wie war es denn dann, allein zuhause dein neues Solo-Album „The Ides Of March“ zu schreiben?

Es war eine einzigartige Erfahrung in dem Sinne, dass mich nichts und niemand störte oder ablenkte. Weißt du, im letzten Jahrzehnt bin ich mit so vielen verschiedenen Bands und Projekten nonstop beschäftigt gewesen. Wenn ich was schreiben wollte, kam immer was dazwischen. Ein Auftritt stand an oder irgendeine Deadline nahte.

„Der Silberstreif am Horizont“

Insofern war es wirklich ungewöhnlich, dass ich mich ganz auf „The Ides Of March“ konzentrieren konnte. Dass ich mir die Zeit nehmen konnte, die ich brauchte, war das Gute, dass ich dieser miesen Situation abgewinnen konnte, gewissermaßen der Silberstreif am Horizont.

Hast du denn erst während der Pandemie mit der Arbeit an „The Ides Of March“ begonnen oder schon vorher angefangen?

Ein bisschen was habe ich vorher schon gemacht. Ich plante schon etwas länger, dass ich im August 2020 ein neues Solo-Album aufnehmen würde. Tatsächlich habe ich kurz vor dem Lockdown mit meinem Manager gesprochen, da wir so viele Tourdates mit ALTER BRIDGE in Europa, Asien, Südamerika, ach, überall, geplant hatten.

Ich sagte ihm, dass ich keine Ahnung habe, wie ich zwischen all diesen Terminen noch ein Album schreiben soll. Tja und dann, zwei Wochen später kam es zu einer, ich will sie nicht glücklich nennen, Wendung, die mir ermöglichte, in Ruhe an dem Album zu arbeiten.

Aber ja, ich hatte vorher eine Handvoll Ideen, darunter auch zum Titeltrack von „The Ides Of March“. Da hatte ich zum Beispiel schon die Melodien im Kopf, die Strophe, den Refrain, aber wirklich fertig war keiner der Songs.

Bleiben wir bei dem Song, der auch dem Album seinen Namen gibt. Die Iden des März, also die Ermordung von Julius Cäsar, kennt man als historisches Ereignis oder vielleicht auch als literarisches Motiv bei Shakespeare. Was bedeuten sie für dich?

Hüte dich vor den Iden des März. Für mich impliziert dieser Ausdruck eine etwas hilflose oder vergebliche Warnung. Bei dem Text habe ich an die momentane Situation gedacht, dass wir sie ernst nehmen und vorsichtig sein sollten. Ich dachte mir, dass es eine Haltung ist, bei der es interessant wäre, sie am Anfang des Songs auszudrücken.

„Hüte dich vor den Iden des März“ – The Ides of March

Es ist nicht dystopisch gemeint, aber es geht darum, sich um manche Entwicklungen – auf vielen Ebenen – zu sorgen und darauf hinzuweisen. Da fand ich den Ausdruck passend. Gegen Ende des Songs wird der Text dann wieder optimistischer und löst das Dilemma etwas auf. Es gibt also ein gewisses Narrativ, das ich mit dem Song verarbeiten wollte.

Was würdest du sagen, was der größte Unterschied zwischen „The Ides Of March“ und deinem ersten Solo-Album „Year Of The Tiger“ ist?

Zum einen gibt es in den Texten einen großen Unterschied. „The Ides Of March“ reflektiert mehr, was wir alle durchleben, vor allem momentan. Das erste Album war autobiographisch, beschäftigte sich mit dem, was meine Familie durchmachen musste und mit meiner Kindheit, also eher der Vergangenheit.

Zum anderen, vom Klang her, gibt es auf dem neuen Album viel häufiger die elektrische Gitarre zu hören. Ich habe immer wieder versucht, das Album stilistisch an „Year Of The Tiger“ anzugleichen, damit es sich nicht zu sehr vom Vorgänger abhebt. Von der Spielweise her und instrumental, stellenweise mit einer Mandoline und natürlich auch mit Akustik-Gitarren, aber unterm Strich gibt es viel mehr elektrische Gitarren zu hören.

Allerdings ist es auch nicht zu heavy oder zu riff-orientiert. Das war für mich wichtig. Dass es kein Riff-Rock-Album wird, sondern, nun, es fällt mir schwer, das auszudrücken (überlegt kurz). Wenn es ein spannendes musikalisches Motiv gibt, dann packst du es nicht ins tiefe Register, wie ein Riff, sondern behältst es im hohen Register, wo die Melodie besser zur Geltung kommt. So sehe ich das zumindest und für das Album war es mir wichtig.

Ist der Grund dafür vielleicht, dass du eher als Sänger ans Songwriting gehst und Gesangsmelodien im Kopf hast, anstelle von Riffs?

Vielleicht. Natürlich will ich auch nicht in die Spur der anderen Bands geraten, in denen ich aktiv bin. Ich will es vermeiden, die gleichen Ansätze im Songwriting zu verwenden, bevor ich plötzlich zu nah an diesen anderen Entitäten dran bin. Alleine aus Respekt den anderen gegenüber, achte ich bereits darauf.

„Es gibt sicher Ähnlichkeiten, aber die versuche ich zu vermeiden.“

Klar, bei den anderen Bands bin ich auch am Songwriting beteiligt, also gibt es da sicher Ähnlichkeiten. Wenn du Songschreiber, Sänger und Gitarrist in einem bist, lässt sich das nicht ganz vermeiden. Aber ich will es versuchen. Deswegen war es mir wichtig, wie schon gesagt, stilistisch nahe beim ersten Solo-Album zu bleiben, damit sich beides deutlicher von meiner anderen Arbeit abhebt.

Nachdem wir jetzt eine Weile über die Musik geredet haben, möchte ich dich gerne was zu den bisher erschienenen Musikvideos fragen. Inwiefern warst du an deren Konzeption involviert?

Beim ersten Video, dem animierten Video für „In Stride“ wussten wir zunächst nur, dass wir unbedingt mit Stefano Bertelli als Regisseur zusammenarbeiten wollten. Er hatte bereits das Video zu „Native Son“ von ALTER BRIDGE kreiert und wir waren sehr beeindruckt von seiner Vision. Dazu habe ich also wirklich nicht viel beigetragen, außer, dass ich in dem Video zu sehen bin (lacht). Wir haben es ganz dem Regisseur überlassen und waren sehr zufrieden.

Bei „Get Along“, dem zweiten Video, haben mein Manager Tim und ich ziemlich lange überlegt, was für eine Art Video wir haben wollen, was es überhaupt implizieren sollte. Der Song behandelt ein wichtiges Thema (überlegt), dem eine gewisse Schwere innewohnt (Anm. d. Red.: Der Text von „Get Along“ lässt sich auf die aktuellen politischen Konflikten in den USA beziehen).

Deswegen haben wir uns für ein animiertes Video entschieden, in dem Tiere die Hauptrolle spielen (lacht leicht). Ich denke, wenn Leute niedliche Tiere sehen, die uns Menschen dafür verprügeln, was wir dem Planeten antun, dann finden sie leichter einen Zugang dazu.

Ich fand das Video dahingehend interessant, dass es ja diesen positiven, einigenden Vibe hat, die Tiere dann aber doch zur Gewalt greifen, weil sie die Menschen nicht mehr ertragen.

Ja, das stimmt (lacht). Ich bin mir nicht sicher, ob das Video die Dinge, die mir am wichtigsten waren, besonders in den Fokus rückt. Es gibt ja eine Szene, da reichen sich zwei Tiere die Hände oder Pfoten, obwohl Tiere ja sonst nicht zusammenarbeiten. Doch dieser gemeinsame Feind lässt sie näher zusammenrücken. Das soll das Video eigentlich ausdrücken. Aber ja, ich verstehe was du meinst.

Es gibt noch ein drittes Musikvideo, das ich nicht unter den Tisch fallen lassen möchte. Kollege Gravenhorst war ziemlich begeistert vom Video zu „The Ides Of March“, in dem man nur eine rotierende Schallplatte sieht. Bis das eigentlich du, der sie am Anfang auflegt und dessen Reflektion man manchmal auf ihr sieht?

(lacht) Ja, das bin wirklich ich. Das ist eine witzige Geschichte, denn wir hatten viele verschiedene Ideen für das Video, aber es war ziemlich hart sie umzusetzen. Der Song ist ja über sieben Minuten lang und die müssen irgendwie gefüllt werden.

„Lass uns einfach die Platte auflegen.“

Aber nichts ließ sich realisieren, war entweder zu viel oder zu wenig und die Deadline rückte näher. Irgendwann sagten wir uns dann: Lass uns einfach die Platte auflegen und ihr beim Drehen zusehen. Also ja, das ist mein Plattenspieler, das sind meine Hände. Es ist, was es ist.

Es ist auf jeden Fall sehr entspannend, der Platte zuzusehen…

Ja.

…und war sicher auch günstig.

Ja! (lacht)

Lass uns mal bei Videos bleiben. Auf deinem Youtube-Kanal gibt es Videos von dir zu sehen, wie du die bisherigen Singles als Akustik-Versionen im menschenleeren Fox Theatre in Spokane spielst. Gibt es davon noch mehr? Ist das vielleicht sogar der Auftakt zu einem Pandemie-Konzertfilm?

Ja, davon gibt es noch mehr Videos, aber eben zu Songs, die bisher nicht veröffentlicht sind. Die behalten wir also erst einmal unter Verschluss, bis „The Ides Of March“ raus ist. Es sind aber nur ein paar Songs, nicht das ganze Album.

Wie war das denn so, fast ganz allein an einem solchen Ort, der ja eigentlich für ein großes Publikum gedacht ist, auf der Bühne zu stehen?

Es war großartig. Also, es war natürlich toll, wieder auf einer Bühne zu stehen, aber mit Publikum wäre es noch besser gewesen. Es ist schon witzig, denn in den Videos sieht man – nun, zumindest ich sehe es – dass ich an diesem Morgen viel zu viel Koffein in mir hatte, denn die Songs sind viel zu schnell gespielt (lacht). Warum beeile ich mich so?

„Es war speziell und einzigartig.“

Auch zu wissen, dass man extra für uns das Theater geöffnet hat, hat für einen gewissen Druck gesorgt. Die Leute waren nur für uns da, also willst du die Songs auch schnell und reibungslos spielen. Es war aber trotzdem speziell und einzigartig, damals im, es war Dezember, denke ich. Es war ziemlich kalt. Obwohl, Moment, nein, denn für uns war die Heizung angemacht worden. Das war sehr nett.

Sorry, falls es an mir vorbeigegangen ist, aber hast du ansonsten irgendein Livestream-Konzert in den letzten Monaten gegeben oder planst was in die Richtung?

Ich habe vor etwa einem Jahr an einem Livestream teilgenommen, den das Magazin „American Songwriter“ organisiert hat. Das war ziemlich witzig! Wie das in Zukunft sein wird, kann ich jetzt nicht sagen. Aber, klar, es gibt Überlegungen, weil es in den nächsten Monaten noch immer schwer sein wird, eine Tour zu organisieren, vor allem bei euch jenseits des großen Teichs.

Du hattest ja schon selbst erwähnt, dass du mit ziemlich vielen musikalischen Projekten aktiv bist. Wie kommt das eigentlich immer zustande? Kontaktierst du die Leute oder melden sie sich bei dir?

Normalerweise meldet sich jemand bei mir und fragt mich, ob ich interessiert bin, irgendwo mitzumachen. Das ist natürlich immer sehr schmeichelhaft, wenn mich jemand so etwas fragt, egal ob es jetzt um Studioaufnahmen geht oder einzelne Gastauftritte auf der Bühne. Spaß macht es mir jedenfalls immer.

Mir war bei der Vorbereitung auf dieses Interview aufgefallen, dass nicht einmal dein Wikipedia-Eintrag da hinterherkommt. Neuere Kollaborationen wie die mit LAMB OF GOD-Gitarrist Mark Morton sind da gar nicht vermerkt.

Die Zusammenarbeit mit Mark Morton hat mir sogar besonders Spaß gemacht. Ich habe ihn damals erst persönlich kennengelernt, war aber vorher schon ein Fan. Mark Tremonti (Anm. d. Red.: ALTER BRIDGE-Gitarrist) hat mich damals auf LAMB OF GOD gebracht, als wir anfingen zusammen zu proben. Da dachte ich mir schon, dass das eine großartige Band ist. Als Mark Morton dann auf mich zukam, habe ich direkt zugesagt. Er ist ein richtig cooler Typ.

Man konnte deine Stimme in den letzten Monaten häufiger hören, aber nur ausschnittsweise, denn der Wrestler Edge, dessen Entrance-Musik ein Song von ALTER BRIDGE ist, hat sein Comeback gefeiert. Darauf hat mich eine Freundin aufmerksam gemacht, die ein großer Fan von ihm ist.

Den habe ich vor langer Zeit sogar mal kennengelernt, als er anfing, den Song zu benutzen. Er ist… also zuerst einmal ist er ein riesengroßes massives menschliches Wesen (lacht). Gleichzeitig ist er auch ziemlich cool. Tatsächlich habe ich damals viele Wrestler kennengelernt, die echt gut drauf waren.

Wir waren mal, das ist auch schon lange her, nach einem Konzert Backstage und da tauchte John Cena auf. Ich war beeindruckt davon, wie höflich und zuvorkommend er war. Ich dachte früher immer, die Typen sind ruppig und furchteinflößend, aber er war einfach nur cool.

„Das ist ja auch ein Zeichen von Wertschätzung“

Generell ist es für uns bei ALTER BRIDGE cool, dass einer unserer Songs so häufig zu hören ist. Also, ja, ich habe auch mitbekommen, dass Edge wieder zurück ist und der Song immer noch Verwendung findet. Manchmal werden die ja auch ausgetauscht. Wir sind also dankbar, dass wir immer noch mit dabei sind. Das ist ja auch ein Zeichen von Wertschätzung.

Wagen wir uns zum Abschluss mal an eine ungewöhnliche Frage: Soweit ich weiß, bist du ein ziemlicher Musik-Nerd. Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, welcher andere Song gut zu „The Ides Of March“ passen würde, wenn beide Teil eines leckeren Menüs wären? Also, welcher Song sich gut als Aperitif oder Dessert eignen würde?

Ha! Okay, das ist wirklich… Es ist eine großartige, aber auch sehr knifflige Frage (lacht und überlegt danach). Nun, ich würde sagen, dass sich „The Ides Of March“, also der Track, gut auf einer Kompilation von James-Bond-Songs machen würde. Zumindest sagen mir die Leute ständig, dass das Lied sie an einen Bond-Song erinnert. Also, ja, warum nicht. Lass es uns in eine solche Zusammenstellung packen.

Der neue James-Bond-Film wurde immer wieder verschoben. Wenn das Interview erscheint, wird „The Ides Of March“ aber bald erhältlich sein. Wie siehst du nach all diesen Jahren im Musik-Business solchen Release-Tagen entgegen und was machst du an ihnen?

Ich halte meistens den Kopf unten und arbeite weiter (lacht). Was ich nicht mache, ist Reviews oder Kommentare lesen. Diese Lektion habe ich vor sehr langer Zeit gelernt. Aber, wenn du so fragst, es ist natürlich klasse, wenn man ein Album veröffentlicht und weiß, dass es jetzt raus ist und alle es hören können.

„Musik ist Heilung.“

Du hoffst natürlich, dass die Leute mögen, was du da geschaffen hast. Gerade von den Songs, die ich schreibe, erhoffe ich mir persönlich, dass sie anderen Menschen helfen. Das ist für mich das Schöne an Musik: dass wenn jemand gerade eine schwere Zeit hat, Angst hat, oder sonst was für Probleme hat, dass er oder sie dann Heilung in der Musik findet. Dafür ist Musik da. Ich bin heute Morgen aufgewacht, habe STEELY DAN angemacht und war sofort gut drauf. So eine Wirkung kann man sich als Musiker nur erhoffen.

Das sind ja eigentlich schon wunderbare abschließende Worte. Möchtest du trotzdem noch was sagen?

Nein, das ist alles. Das ist, wie ich fühle: Musik ist Heilung. Musik ist Sauerstoff.

Myles, vielen Dank für das Gespräch.

Gerne wieder. Mach’s gut.

Quelle: Video-Interview mit Myles Kennedy, 04.05.2021
10.05.2021

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