Peter Beste
True Norwegian Black Metal

Special

Peter Beste

Black Metal ist nicht erst seit vorgestern eine Lachnummer. Drollige Listen mit den angeblich peinlichsten Black-Metal-Photos kursieren seit Jahren im Internet und Menschen mit einem gerüttelt Maß an Freizeit, Kreativität und Spaß in den schwarz-weiß geschminkten Backen machen sich denselben, die in punkto Fragwürdigkeit „kultigsten“ Bilder nachzustellen oder zur Unendlichkeit banalisierte Slogans zu variieren und mehr oder minder akrobatisch bis witzig in Szene zu setzen. Ausgerechnet ein amerikanischer Photograph verleiht dem wahren norwegischen Black Metal – der norwegischen Black-Metal-Ware – seit einigen Jahren nicht nur ein wenig Würde, sondern reflektiert das mannigfaltig differenzierte Genre in einer Vielzahl seiner ambivalenten Facetten. Bei der Zusammenstellung einiger seiner bemerkenswerten Photographien erhielt Peter Beste u.a. die Unterstützung vom Slayer-Mag-Herausgeber Metalion und kam mit seiner Hilfe dem „True Norwegian Black Metal“ näher als zahlreiche Journalisten oder Wissenschaftler: direkt und doch subtil, mit Feingefühl für die spezielle Atmosphäre von Menschen und Orten, aber auch mit Ironie.

Nah herangekommen ist er nicht nur an die finsteren Visagen, sondern hat die sich ihm bietenden Gelegenheiten genutzt, hinter die geschminkte Wahrheit von Corpsepaint und Kunstblut zu linsen und Augenblicke jenseits der auf die Nietenspitze getriebenen Inszenierung festzuhalten. Der dabei entstandene bunte Reigen von Aufnahmen portraitiert Szenegrößen auf individuelle Weise mit Neugier, Unerschrockenheit und einem bemerkenswerten Gefühl für die Atmosphäre von Zurückgezogenheit, in welche die unterschiedlichen Typen eintauchen. Obgleich er im Gespräch herausstellt, dass die größte Herausforderung darin gelegen habe, das Vertrauen der abgelichteten Dunkelmänner zu gewinnen, kann Peter Beste niemand nachsagen, er sei in den entscheidenden Begegnungen auf Distanz geblieben. Vielmehr scheint er Gaahl ein „Schau mir in die Augen, Großer“ zugeraunt zu haben, denn der um Exzentrik bemühte Hüne lässt auf etlichen Bildern „tief“ blicken. Bemerkenswert sind auch die Portraits der übrigen (mitunter ehemaligen) GORGOROTH-Musiker: das zufällig in einer engen Straße Bergens entstandene Bild einer ängstlich an Kvitrafn vorbei hastenden Dame älteren Jahrgangs spiegelt Black Metal als Fremdheit in einer Welt, die für diese Subkultur kein Verständnis haben kann, ja, nicht haben darf.

Doch gerade die Inszenierung des Widerlichen löst die Fremdheit auf und forciert die Frage, welche bereits vor einem Jahrzehnt ausführlich diskutiert wurde: kann der norwegische Black Metal noch mächtige, eigenwillige Impulse liefern oder hat er sich künstlerisch selbst überlebt und verkommt zur Seifenoper? Die unterschiedlichen Inszenierungen lassen gänzlich verschiedene Mutmaßungen zu – einige der portraitierten Musiker strahlen eine Gelassenheit und Ruhe aus, die sich in ihrer souveränen Musik spiegelt, wiederum andere mimen den schwarzen Mann unabhängig von der Frage, wer überhaupt noch Angst davor hat. Eine Aufnahme von Nattefrost (CARPATHIAN FOREST), der sich, kaum wahrnehmbar mit Kot beschmiert, in seiner Badewanne ablichten ließ, verortet den Musiker in einem traurig-profanen Milieu nahe der geschlossenen Station. Blutbesudelt, nietenbewehrt und alles Können im Böse-aus-der-Wäsche-Gucken aufbietend, wirkt Enzifer von URGEHAL in der Nahaufnahme viel zu grotesk angestrengt, um selbst bei einem B-Horror-Film für eine Komparsenrolle vorsprechen zu dürfen. Und das Bild vom durch den immergrünen Wald watschelnden Abbath provoziert die Phantasie aufs Heftigste, sich auszumalen, wie er eine Grundschulklasse durch das Unterholz führt und hier und da zwischen den Baumstämmen die aus „Ronja Räubertochter“ bekannten Rumpelwichte auftauchen und sich angesichts der komischen Maskerade fragen: „Wiesu denn bluß?“

Doch Black Metal ist eben nicht nur eine Lachnummer. Ungleich stimmungsvoller geraten sind zum Beispiel die Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Valfar (r.i.p.), der sich im heimatlichen Sogndal ablichten ließ, in welchem er (nachdem er ihm vier Alben gewidmet hatte) auf einer Wanderung im Winter verstarb. Aber auch Nattefrost macht in der freien Wildbahn einen keineswegs beschissenen Eindruck, und das Photo von Nocturno Culto im Birkenwald strahlt eine authentische Naturverbundenheit aus, die man nicht unnötig verkomplizieren oder gar mit Begriffswerk aufzuladen braucht. Wie es bei Fenriz daheim aussieht, wissen wir hingegen seit dem Interview mit Götz Kühnemund und spätestens seit Youtube. Über Sinn und Zweck einzelner Photos ließe sich also trefflich streiten, in ihrer Gesamtheit jedoch wirkt diese Zusammenstellung von unterschiedlichsten Bildern wie ein zerborstener Spiegel, in dessen teils ungestalten Scherben die zahlreichen Facetten des norwegischen Black Metal zuweilen scharfe Konturen annehmen, dann wiederum merkwürdig blass und distanziert bleiben, hier und da mit plumper Banalität Klischees und Schauspiel enttarnen. Wem an der Verklärung von Musik und einem damit idealisierten Lebensstil gelegen ist, der sollte dieses Buch gar nicht erst in die Hände nehmen. Wer sich für Black Metal insbesondere als ästhetische Inszenierung interessiert, der kommt an diesem faszinierenden Spektakel gar nicht vorbei.
Der Anhang wartet mit etlichen Photographien aus der Gründerzeit des norwegischen Black Metal und mit einigen alten Interviews aus Metalions kultigem Fanzine auf, welche das heillose Chaos der frühen Neunziger reflektieren und Peter Bestes Annäherung etwas Professionelles verleihen. Das Allzumenschliche bleibt dabei nicht auf der Strecke.

Der großformatige Bildband wird zu einem stolzen Preis von drei bis vier neuen CDs angeboten, kommt also eher für Fans in Frage, die mit „True Norwegian Black Metal“ mehr verbinden als nur ein oberflächliches Interesse.

Ergänzend erschien eine fünfteilige Dokumentation über VBS.tv. Besonderer Schwerpunkt liegt hier jedoch auf dem Sänger Gaahl (GORGOROTH). Die fünf Teile wurden auch auf YouTube veröffentlicht:

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5

21.09.2008

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