Avulsed - Nordic Embryogenesis

Review

Auch Legenden wie die seit 1991 aktiven Spanier von AVULSED haben ihre „Origin Story“, wie die Death-Metal-Veteranen jetzt mit dem Coveralbum „Nordic Embryogenesis“ eindrucksvoll zeigen. Dave Rotten und seine Mitstreiter zollen dem nordeuropäischen Underground Tribut und haben sich dafür durch Demos und längst vergessene EPs gefräst. Mit der Lektüre der Liner Notes entwickelt sich das neue Werk zusätzlich zu einer Reise in die Frühgeschichte des Genres, die speziell für eine jüngere Hörerschaft manche Überraschung bereithalten dürfte.

AVULSED steigen tief in die skandinavische Ursuppe hinab

Was AVULSED auf „Nordic Embryogenesis“ abliefern, lässt sich dabei guten Gewissens als düsteres Gegenstück zu „The Allfather Awakens“ von AMON AMARTH verstehen. Beide Bands sind Anfang der Neunzigerjahre entstanden, doch während die Schweden mit ihrem arenatauglichen Death Metal mit beiden Beinen in der Gegenwart – und auf den Hauptbühnen der Welt – stehen, wühlen die Spanier tief in der skandinavischen Ursuppe. Dafür haben sie elf Stücke von schwedischen, finnischen und norwegischen Death-Metal-Bands ausgegraben. Statt sich an den üblichen Verdächtigen abzuarbeiten, greifen die Spanier unter anderem auf FUNEBRE, CARBONIZED, OLD FUNERAL, ABHOTH, PHLEGETHON, CREMATORY, CARTILAGE, ADRAMELECH und MACABRE END zurück. Ein Teil der Bands brachte es dabei nicht einmal bis zu einem regulären Album.

Vergnügen bereitet das Werk auch ohne Kenntnis der Originale. Auf „Nordic Embryogenesis“ atmen Riffs, Songstrukturen und Atmosphäre unverkennbar den Death Metal der frühen Neunziger, doch statt einer Produktion aus dem Proberaumkeller setzen AVULSED auf ein kräftiges, transparentes Klangbild aus dem Jahr 2026. Für Wiedererkennungswert sorgt Rottens markantes Organ.

„Nordic Embryogenesis“ wird zur Geschichtsstunde

Wie ernst AVULSED die Reise in die Vergangenheit nehmen, zeigt die Entstehung. Noten oder verlässliche Transkriptionen standen für die alten Stücke nicht zur Verfügung. Die Musiker mussten Riffs, Schlagzeug und Gesangsarrangements daher anhand der teilweise betagten Aufnahmen rekonstruieren. Selbst die Texte ließen sich nach Angaben der Band in einigen Fällen nur aus schwer auffindbaren Quellen zusammentragen.

Über den musikalischen Tribut hinaus erhielt jedes Stück ein eigenes Artwork, das die Gestaltung der jeweiligen Originalveröffentlichung weitgehend aufgreift. Als besondere Pointe werden die damaligen Bandlogos mit dem Namen AVULSED adaptiert. Konsequenter lässt sich eine Coverplatte kaum als solche inszenieren.

„Nordic Embryogenesis“ schickt seine Hörer nicht nur musikalisch und visuell in die Embryonalphase der skandinavischen Death-Metal-Szene, sondern liefert gleich die Geschichtsstunde dazu. Bei CARBONIZED beispielsweise führt die Spur von Sänger Matti Kärki später zu CARNAGE und DISMEMBER, während Bassist Lars Rosenberg noch 1990 zu ENTOMBED wechselte. So ergibt sich aus elf Coverversionen ganz nebenbei ein kleiner Stammbaum einer Szene, deren Einfluss größer ist als die heutige Bekanntheit mancher ihrer Akteure.

AVULSED blicken zurück, ohne gestrig zu klingen

Unter dem Strich steht mit „Nordic Embryogenesis“ eine bis ins Artwork und die Begleittexte liebevoll umgesetzte Werkschau der skandinavischen Death-Metal-Ursuppe. Dass AVULSED dafür nicht die größten Klassiker des Genres nachspielen, sondern tief in Demos, EPs und frühen Veröffentlichungen graben, macht die Angelegenheit spezieller – aber gerade deshalb spannend. Vom Sound her ist das übrigens zeitgemäß statt zeitgenössisch produziert. Und da stehen AVULSED dann doch auf derselben Seite wie AMON AMARTH.

27.09.2026

From the Underground and Below

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1 Kommentar zu Avulsed - Nordic Embryogenesis

  1. destrukt. sagt:

    Irgendwie ein komisches Release… dass ausgerechnet Avulsed den Skandinaviern huldigt, obwohl sie in meiner Erinnerung doch eigentlich immer mehr US-beeinflusst waren, maximal vllt noch finnisch. Gleichzeitig goutiere ich, dass man hier wirklich ne Auswahl trifft von Bands, die kaum einer aufm Schirm hat, was Avulsed insofern zu gute kommt, dass kaum einer den Vergleich zu den Originalen ziehen kann, weil die eben im Ohr kaum präsent sind, und man so die Songs doch relativ unvoreingenommen wirken lassen kann. Und man muss schon auch n ziemlicher Freak sein, dass man ausgerechnet was vom Macabre End Demo nimmt und nicht von „The Winterlong“ der Nachfolgeband (dabei aber leider verpasst das zeitlose „Consumed by Darkness“ zu covern). Wobei die Songauswahl wohl weniger der reinen Liebe zu den Originalen zuzuschreiben ist, als womöglich mehr einen labelbezogenen Hintergrund, zumal Xtreem Music von so beinahe allen gecoverten Bands Demos/EPs in der Vergangenheit schon mal neu unters Volk gebracht hat. Was bleibt also als Quintessenz nach soner Platte? Im Prinzip eigentlich nur das, was man davor auch schon wusste. Death Metal klingt heute noch wie vor bald 40 Jahren. Man kann alte Songs in die Neuzeit holen, und das ordentlich machen, aber man kann nie den zeitlosen Spirit, Sound und die damalige Hingabe kopieren (außer man heißt Cavalera). Die Hingabe und Liebe zeigen Avulsed in anderer Form und das muss man ihnen hoch anrechnen… und immerhin haben sies damit geschafft, dass ich seit der „Gorespatterd Suicide“ mal wieder eine ihrer Platten anhör^^
    Der Querverweis zum Amon Amarth am Ende ist dann doch iwie etwas seltsam. Weder spielen Avulsed auch nur ansatzweise in der selben Liga, was Bekanntheit angeht, noch haben Amon Amarth (oder davor Scum) je wirklich zu dem Spektrum gehört, aus dem Avulsed hier zitieren. Die Scum Demo war eher Bolt Thrower beeinflusst und die „Thor Arise“ Demo von Amon Amarth ging schon recht deutlich Richtung damalige At The Gates, aus der sie sich alleraller spätestens mit „Sutur Rising“ komplett verabschiedet haben, aber grundsätzlich waren Amon Amarth schon immer was recht eigenes, was man ihnen auch zu gute halten muss. Klar, man kann natürlich den Vergleich vorwärstgewandt/rückwärtsgewandt ziehen, aber insgesamt wirkts etwas willkürlich, weil der Rezesent halt grad zufällig beide Platten abwechselnd gehört hat. Aber vllt sehs auch nur ich so^^