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Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.



Wenn es einen Song gibt, der die NWoBHM repräsentiert, werden sich viele Fans vermutlich auf „Angel Witch“ von ANGEL WITCH einigen können. Warum auch immer – metal.de hat es bisher nicht hinbekommen diesen Meilenstein der Musikgeschichte zu würdigen. Was macht den Reiz von „Angel Witch“ aus? Die Scheibe liegt am 17. November 1980 in den Plattenläden und kommt via Bronze Records auf den Markt.
„Angel Witch“ oder der Meilenstein der NWoBHM?
Bronze Records ist Anfang der 80er Jahre ein großes Label und hat Combos wie URIAH HEEP, MOTÖRHEAD, MANFRED MANN’S EARTH BAND oder GIRLSCHOOL unter Vertrag. Bereits mit dem Debüt gelingt dem englischen Trio der Sprung zu einem Major Label. Grund hierfür ist die Single und die EP „Sweet Danger“, die Bronze zugreifen lässt. Die Aufnahmen erfolgen in den bekannten Roundhouse Studios. Die LP liegt ein knappes halbes Jahr nach „Wheels Of Steel“ von SAXON in den Plattenläden.
Die Originalversion aus dem Jahr 1980 umfasst zehn Stücke, die in knapp 40 Minuten zu dem Material gehören, das den Sound der NWoBHM definiert. Sachen wie „Baphomet“ oder „Loser“ gehören nicht zum ursprünglichen Release. Diverse Reissues in den 90ern haben mit der aufkommenden CD weiteres Material zu der Ursprungsfassung dazu gepackt.
Eigentlich sollte die Platte jedem Rock- und Metalfan geläufig sein. Der Auftakt ist einer der prägendsten Tracks der NWoBHM. Kann jemand den Refrain „You’re an angel witch, you’re angel witch“ nicht im Schlaf mitsingen? Hat die Scheibe mehr zu bieten als ein One-Hit-Wonder?
Das nachfolgende „Atlantis“ kommt mit deutlich mehr Tempo daher und verbindet den Sound der 70er mit den metallischen Komponenten der noch jungen englischen Bewegung. Zu den bekannten Nummern gehört „White Witch“, dass ebenfalls ein gewisses Tempo vorgibt und grundsätzlich in dem von der NWoBHM bekannten galoppierenden Rhythmus agiert. Diesen Rhythmus kombinieren „Angel Witch“ mit verspielten Passagen und einem eingängigen Refrain, sodass „White Witch“ auch noch heute regelmäßig auf der Setlist zu finden ist.
Zwischen progressiver Rockmusik und der NWoBHM
Über das kompakte „Confused“ geht es zu „Sorcerers“. Das Finale der A-Seite dürfte viele Fans in der Retrospektive eher ratlos zurücklassen. In England waren in den 70ern diverse progressive Rockbands erfolgreich. Diese Einflüsse schimmern bei „Sorcerers“ mehr als deutlich durch.
Die B-Seite eröffnet mit „Gorgon“ in Rock & Roll-Manier inklusive einem Refrain im 70er Jahre-Style, der zum Beispiel an „Sunrise“ von URIAH HEEP erinnert. Traute Bronze Records noch nicht der NWoBHM ohne eine Brücke zu den 70ern?
„Sweet Danger“ ist bereits von der EP bekannt und verzichtet auf den progressiven 70er Jahre-Einfluss. Da die EP die Tür in Richtung Bronze Records öffnete, verwundern einige Ansätze von ANGEL WITCH. Richtig in den verträumten und progressiven 70ern suhlt sich „Free Man“, bevor die Platte in Richtung Finale nochmals ausholt.
Neben dem Überflieger “Angel Witch“ dürfte „Angel Of Death“ zu den bekannten und herausragenden Kompositionen von ANGEL WITCH gehören. Ein lupenreiner Metaller, wo Dynamik, Songstruktur und Saitenarbeit perfekt passen und die Frage aufwirft, warum das Trio nicht mehr derartiges Material auf das Debüt gepackt hat. Mit dem instrumentalen, zwischen progressiven Rock und der NWoBHM pendelnden, „Devil’s Tower“ enden knappe 40 Minuten ANGEL WITCH.
„Angel Witch“ in der Retrospektive
Wie ist „Angel Witch“ gealtert? Beim Genuss der knapp 40 Minuten fallen vor allem die progressiven Tracks auf, die für typischen NWoBHM-Stoff ungewöhnlich klingen. Von den damaligen Kritikern wurde die Debüt-LP überwiegend positiv aufgenommen. Es gab aber auch andere Meinungen. Sogar von einer entsetzlichen Produktion und einem schwachen Gesang ist die Rede. Eine spätere Kritik von Mike Stagno fasst den Sachverhalt gut zusammen. „Angel Witch” ist ein NWoBHM-Klassiker neben “Iron Maiden”, “On Through The Night” oder “Wheels Of Steel”. Trotz einiger Mängel im allgemeinen Sound ist die Platte ein Juwel.
Dem ist grundsätzlich wenig hinzuzufügen. Die Protagonisten waren bereits in den 70ern als LUCIFER aktiv, sodass weit mehr progressive Rockeinflüsse beim Debüt vorhanden sind als zum Beispiel bei der „Wheels Of Steel“ von SAXON. Was in der Retrospektive irritierend wirkt, war Anfang der 80er eine notwenige Entwicklung, wo der Härtegrad kontinuierlich zunimmt und irgendwann bei VENOM landet. „Angel Witch“ ist kein perfektes Album, aber ein Meilenstein bezüglich der Entwicklung der NWoBHM.
Die Geschichte von ANGEL WITCH ist ebenso wenig gradlinig wie die erste Platte. Bereits 1981, also gerade einmal ein Jahr nach der Veröffentlichung der Debüt-LP, erfolgte die erste Bandauflösung. ANGEL WITCH sind seit 2008 kontinuierlich aktiv und waren zum Beispiel vergangenes Jahr mit KING DIAMOND auf Tour. Verbliebenes Gründungsmitglied ist Gitarrist und Sänger Kevin Heybourne. Der damalige Drummer Dave Hogg trat nur kurzzeitig in den frühen 80ern in Erscheinung, zum Beispiel auf einer BLIND FURY-Demo, und ist seitdem inaktiv bezüglich Musik. Bassist Kevin „Skids“ Riddles verstarb 2025 und war unter anderem bei TYTAN und SAMSON zu hören.
Wer in die frühe Phase der NWoBHM eintauchen mag, findet mit dem Debüt von ANGEL WITCH genau den Spagat, den die NWoBHM in der frühen Phase lieferte. Zwischen der Rockmusik der 70er Jahre und dem Sprung zum Heavy Metal bewegen sich die Protagonisten und kreieren mit ihrem Debüt einen Zeitzeugen, der den Sound der NWoBHM prägt.

Jürgen Fenske



























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