Anthrax
Ich hab wirklich nicht mehr viel Vertrauen in den Rest von Amerika

Interview

Anthrax

Norman: Hi Scott, schön dich zu treffen! Ich hoffe du hattest eine gute Reise und dir steckt die Zeitumstellung nicht zu sehr in den Knochen!

Scott: Freut mich auch. Gott sei Dank haben wir hier unsere Ruhe und man kann sich in Ruhe unterhalten. Aber danke der Nachfrage, der Flug war ganz OK aber ich muss mich noch ein wenig an die Umstellung gewöhnen. Das wird allerdings schon, ich bin ja noch ein paar Tage hier.

Norman: Freut mich zu hören. Dann lass uns aber mal mit einer Sache beginnen, die nicht gleich auf den ersten Blick etwas mit Musik zu tun hat. Die Wahlen in den USA sind erst kürzlich zu Ende gegangen. Eigentlich ist ja jetzt alles wieder so wie es war. Was denkst du über die Situation in den USA nach diesem Wahlergebnis?

Scott: Hmm es ist wirklich unglaublich und sehr enttäuschend, aber leider nicht wirklich unerwartet. Ich hab wirklich nicht mehr viel Vertrauen in den Rest von Amerika. Ich lebe in Kalifornien und wie du sicher mitbekommen hast, ist dieser Staat ziemlich unterschiedlich im Gegensatz zum Rest von Amerika. Wenn man sich mal die Wahlkarten anschaut, kann man deutlich sehen, wie die Stimmen verteilt wurden. Fast die gesamte Westküste und ein Großteil der Ostküste hat für Kerry gestimmt. Aber in der Mitte dieses Landes wurde eben mehrheitlich Bush gewählt. Das ist dann auch der Teil des Landes, den ich gerne als „Fleck der Idioten“ bezeichne – hahaha.

Wenn wir schon bei diesem heiklen Thema sind, lass uns noch ein wenig weiter dabei bleiben. Hast du Fahrenheit 9/11 gesehen? Er wurde erst kürzlich bei uns gezeigt, ich glaube es war genau ein Tag vor den Wahlen. Die Menschen in Deutschland, die diesen Film gesehen hatten, konnten es einfach nicht glauben, dass man Bush erneut zum Präsidenten wählen konnte. Wie denkst du darüber?

Scott: Hm ja aber so geht es einfach nicht bei uns. Entweder ist man für oder gegen Bush. Es gibt keinen wirklichen Mittelstand mehr in den USA und die Linien sind sehr verhärtet. Es spielt keine Rolle mehr ob man nun Demokrat oder Republikaner ist. Keiner ist wirklich in der Lage das Volk zu vereinen. Es sollte einfach nicht so sein. Es wäre klasse, wenn es einen Kandidaten geben würde, der ein Programm und vor allem ein Konzept hätte, das 70 Prozent des Volkes vereinen würde, aber es scheint einfach nicht möglich zu sein. Ich kenne leider im Moment keine Person, die diesen Ansprüchen genügen würde. Aber warten wir einfach weitere vier Jahre ab, vielleicht wird es dann so jemanden geben. Bis dahin bleibt nur zu hoffen, dass uns dieser Mann nicht zu viel Geld kostet und vor allem nicht noch mehr Schaden zufügt.

Norman: Wem sagst du das, auch hier haben die Leute Angst vor weiteren Angriffen.

Scott: Das kann ich nur zu gut nachvollziehen. Und glaub mir, wir haben probiert diesen Mann loszuwerden, aber es hat einfach nicht sollen sein.

Norman: Viele Menschen waren enttäuscht, was die Wiederwahl anging.

Scott: Tja es waren auch in den USA die Hälfte der Menschen, die es nicht fassen konnten, dass Bush erneut das Rennen gemacht hat. Wenn du dir mal vor Augen hältst, dass das an die 60 Millionen Wähler sind, ist das schon echt traurig.

Norman: Ein interessantes Thema, aber lass uns ein wenig über die Musik reden. Ihr wart mit DIO auf Tour, was so auf den ersten Blick nicht ganz passen will, zumindest was den musikalischen Aspekt angeht. Gab es eine kleine Absprache über die Songauswahl? Die Kombination ist doch schon ein wenig abgefahren oder?

Scott: Hahaha! Ich glaub wir haben schon mit wesentlich dubioseren Bands die Bretter geteilt. Schau doch nur die Festivals an, die wir auch bei euch gespielt haben. Haha, wir haben letztes Jahr bei euch auf einem Festival gespielt, da waren sogar SAXON mit dabei. Das Billing ist eben riesig und vielschichtig bei diesen Festivals. Aber mit SAXON zu spielen ist in meinen Augen eine ganze Ecke komischer, als eben mit DIO zu spielen. Wir haben sicher mehr mit DIO gemeinsam als mit vielen anderen Bands, die bisher mit uns gespielt haben. Eigentlich ist es uns auch egal mit wem wir spielen. Wir machen unser Ding, die anderen Bands machen ihr Ding und hoffentlich gefällt es dem Publikum, das ist doch das wichtigste! Die Fans müssen einen entsprechenden Gegenwert für Ihr Geld bekommen.

Norman: Wo wir schon bei den Festivals sind, wie hast du Wacken dieses Jahr empfunden?

Scott: Es war einfach großartig für uns dort zu spielen!

Norman: Euer Sound war im Gegensatz zu den meisten anderen Bands einfach hervorragend. Gab es besondere Vorkehrungen?

Scott: Das freut mich sehr zu hören. Aber um ehrlich zu sein gab es keine besonderen Vorbereitungen, die den Sound hätten beeinflussen könne. Ich glaube die einzige wirkliche Vorbereitung war die Wut, die wir im Bauch hatten.

Norman: Wut? Wieso denn das?

Scott: Ganz einfach! Wir waren einfach wütend, weil wir so früh auf die Bühne mussten. Wir konnten es einfach nicht verstehen, dass man uns auf solch einen miesen Platz gesetzt hat. Wir gehören einfach an eine andere Position. Da gab es eine ganze Menge Bands, die vor uns spielen hätten sollen, und nicht umgekehrt. So kam einfach die ganze Wut während des Auftritts heraus und wir haben den Leuten gezeigt, wo wir wirklich hin gehören.

Norman: Ich kann dir da nur beipflichten, zumal euer Auftritt wohl zu den Highlights des Festivals gezählt hat.

Scott: Danke! Wir haben es eben dann genau den Leuten, oder sagen wir besser den Machern gezeigt, denn die Fans können dafür nichts. Als wir die Veranstalter nach einer besseren Position fragten, haben sie einfach abgelehnt. Auch als wir sagten, dass wir dann nicht spielen würden. Aber das wäre beschissen für die Fans gewesen. So haben wir einfach alles gegeben und eine fette Show abgeliefert. Das nächste Mal sind wir dann hoffentlich auf einer besseren Position.

Norman: Es war wirklich überraschend euch zu dieser Tageszeit zu sehen.

Scott: Ja, keiner wollte, dass wir da spielen, weder wir noch Nuclear Blast. Wir haben es aber trotzdem getan, weil wir großen Respekt vor dem Festival, den Fans und natürlich auch vor den Veranstaltern haben. Es war für uns das erste Mal und eben auch eine Ehre dort spielen zu können. Wacken ist das Festival des Heavy Metal und eben das respektieren wir. Wir sind hier, also werden wir den Leuten da draußen auch zeigen, wofür ANTHRAX steht. Ich würde sagen, das ist uns auch gelungen. Außerdem waren die Fans schlicht unglaublich, so etwas lässt einen den Ärger schnell wieder vergessen.

Norman: Ihr habt jetzt kürzlich eine DVD veröffentlicht. Erzähl mir mal ein wenig über die technischen Hintergründe einer DVD-Entstehung.

Scott: Haha, da hast du den Falschen. Ich bin da leider nicht so fit in diesen ganzen technischen Sachen. Es wurde jemand engagiert, der das übernommen hat. Ich war weder am Mixing noch an etwas anderem technischen beteiligt. Ich habe nur versucht eine sehr überzeugende Show abzuliefern. Das Teil wurde ja auch in Surround Sound aufgenommen, aber ich kann dir dazu leider wirklich nicht viel mehr sagen. Die Hauptsache ist, dass es einfach gut klingt und das tut es.

Norman: Die DVD wurde in Chicago aufgenommen, wenn ich nicht irre. Wieso gerade Chicago?

Scott: Wir wussten, dass Chicago einfach gut werden würde. Die Menge war dort schon immer einen Tick verrückter als in anderen Clubs. Die Show war auch schon recht früh ausverkauft. Also die besten Voraussetzungen für eine DVD. Es war einfach prima und es war alles so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Klar hätten wir auch eine andere Location auswählen können, aber wir wussten, dass Chicago und eben besonders das Publikum einfach eine Bank sein würde.

Norman: Hattet ihr eine besondere Setlist für diesen Gig vorbereitet?

Scott: Nein nicht wirklich! Ich meine wir spielen eh immer die Songs, die uns und den Fans gefallen, von daher mussten wir keine besondere Auswahl treffen.

Norman: Inwiefern unterscheiden sich die deutschen ANTHRAX Fans von den Fans an anderen Plätzen dieser Erde?

Scott: Also das ist nicht ganz so leicht zu beantworten und ich würde auch nicht so ins Detail gehen, denn jede Show und jeder Platz hat besondere Fans. Um es allerdings von einer etwas höheren Ebene aus zu betrachten, sind Shows in Europa wesentlich cooler als Shows in Amerika. Prozentual gesehen hat man in Europa einfach mehr hochklassige Shows und Fans. In Amerika ist das alles begrenzter. Einige Plätze sind zuhause schon wirklich super zu spielen, darunter eben auch Chicago und Detroit. Aber wenn du nach Europa kommst, sind es eben nicht nur diese ausgewählten Location, sondern eben auch die kleinen Shows, irgendwo in der Pampa, die richtig Laune machen. Generell ist eben Heavy Metal hier angesagter und größer als in den Staaten. Ich würde auch sagen, dass die Wurzeln hier wesentlich tiefer liegen. Metal hat eine große Bedeutung im Leben der Menschen. Heavy Metal war hier nie wirklich tot. In den USA verschwand der Heavy Metal fast komplett. Klar blieben ein paar Bands wie Metallica, Pantera, Slayer oder auch Megadeth am Leben, aber die Szene starb langsam. Die Medien haben dem Metal einfach die Luft zum Atmen geraubt. Ihr hattet auch während der neunziger all eure Magazine. Das ist wohl auch ein Grund, warum die Gigs hier besser sind. Darum spielen wir hier vor mehr Fans und das ist auch ein Grund warum die Festivals in Europa größer sind. Metal ist in den Herzen der Menschen. Schau dir doch Nuclear Blast an. Die Mädels und Jungs hier sind einfach Heavy Metal. So was gibt es in den Staaten nicht. Klar Century Media, aber die sind noch recht jungfräulich in den USA. Es ist anders aber viel besser als in Amerika. Europa war schon immer einen Schritt voraus in der Metal-Szene.

Norman. Glaubst du wirklich, dass Europa diesen Status innehat?

Scott: Keine Frage, so ist es!

Norman: Auch wenn das ganze Death Metal Zeug aus den Staaten kommt?

Scott. Ja! Es spielt keine Rollen, denn Metal ist hier einfach größer, als in den Staaten. Alle Bands haben hier die besseren Shows als zuhause. Sie verkaufen mehr Karten, sie verkaufen mehr CDs und sie bekommen größere Aufmerksamkeit bei den Medien.

Norman: Schön so was zu hören! Es gibt Menschen, die euch als Ursprung vieler neue Bands sehen. Korn oder Limp Bizkit sind nur zwei Beispiele. Wie denkst du darüber?

Scott: Um ehrlich zu sein, denke ich nicht viel über so was nach. Wenn Bands durch uns inspiriert sind, dann ist das schön aber mehr auch nicht. Wir waren auch von vielen Bands beeinflusst, jede Band hat ihre Einflüsse, trotzdem waren wir immer nur ANTHRAX. Ich hab keine Ahnung, ob wir für diese Bands eine Quelle der Inspiration waren. Bisher kam zumindest noch niemand von Korn zu mir und hat mir gesagt, dass sie von uns inspiriert waren.

Norman: Als John Bush zur Band kam hat sich einiges geändert. Würdest du den Einstieg als neuen Abschnitt für ANTHRAX sehen?

Scott: Ja, keine Frage!

Norman: Und in welchen Bereichen genau?

Scott: Er ist der neue Sänger – hahaha! Neuer Sänger, andere Stimme, anderer Sound. Es ist wie ein neues Instrument, das jetzt mit uns spielt.

Norman: Ihr habt den Auftritt auf dem Bang Your Head mit Joey Vera am Bass gespielt. Ist er jetzt eurer neuer Basser und festes Bandmitglied?

Scott: Nein! Wir haben soweit noch nicht gedacht. Er ist jetzt seit April dabei und hat uns eben ausgeholfen. Wir hätten keinen besseren finden können. Aber mal sehen wie es beim nächsten Album aussehen wird. Wir haben uns da noch nicht wirklich Gedanken gemacht.

Norman: John Bush wurde kürzlich Vater. Werdet ihr es nun ein wenig ruhiger angehen lassen?

Scott: Nein ich denke nicht. John kam zu mir und meinte, dass sich nichts ändern wird. Wenn er natürlich Zeit für seine Familie braucht, dann respektieren wird das. Jeder ist ein Individuum innerhalb der Band. Es gibt keinen Diktator – haha. Jeder kann seine eigenen Entscheidungen treffen. Aber es wird sicherlich nicht seine Position als Leadsänger von ANTHRAX gefährden.

Norman: „We Have Come For You All“ klingt wieder etwas back to the roots. Wie stehst du dazu?

Scott: Haha! Naja, wie „Fistful Of Metal“ klingt die Scheibe nicht und darin sehe ich die Roots von ANTHRAX. Ich weiß es aber nicht, es kann gut sein, dass wir uns wieder dahin entwickelt haben. Es ist so, dass ich in der Band bin und somit einen etwas getrübten Blick für so etwas habe. Alles klingt wie ANTHRAX. Für mich ist es schwer zu vergleichen. Es ist eine weitere Scheibe und ein weiterer Schritt in unserem Songwriting. Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Das ist auch der Grund, warum ich nie Vergleiche ziehe und diesen Part lieber den Menschen außerhalb überlasse. Ich denke darüber so gut wie nicht nach. Die beste Antwort ist wohl, dass ich keine Meinung habe, weil ich nie wirklich darüber nachdenke.

Norman: Stimmst du mir zu, dass die Scheibe aggressiver klingt? Gibt es dafür einen Grund bzw. hattet ihr so was geplant?

Scott: Wir planen gar nichts mit ANTHRAX. Ich habe Ideen, die sich oft nach Gefühlen richten, aber das war es dann auch schon. Andere Bands arbeiten vielleicht komplett anders und planen, wie sie an die Songs herangehen. Wir tun es nicht! Wir haben das auch schon versucht, aber das funktioniert nicht mit ANTHRAX. Wir wissen nie, wie ein Album am Ende klingt. Es ist einfach in uns allen, wie das Album klingen wird. Schau an wie es bei „Fistful Of Metal“ war. das Album kam 1983 und wir hatten 2 Jahre Zeit dafür. Es ist so geworden, wie wir uns gefühlt haben. Man hört ein wenig Motörhead und Maiden, aber wir haben nichts geplant. Das Album spiegelt das wieder, was wir zu diesem Zeitpunkt waren.
Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen – „Jetzt schreibe ich ein Riff“ – das geht einfach nicht.

Norman: Scott hast du Pläne S.O.D. noch mal zu beleben?

Scott: Nein!

Norman: „The Greater Of Two Evils“ hat für mich eine vielschichtige Bedeutung. Was habt ihr euch bei dem Titel gedacht?

Scott: Nichts, rein gar nichts! Haha! In den USA hat es wohl jeder mit den Wahlen verbunden.

Norman: Genau das war auch meine erste Assoziation mit dem Titel.

Scott: Ja, aber es war nicht so gedacht. Jemand hat mich mal angerufen und das Sprichwort benutzt und daraus entstand der Titel. Keine tiefere Bedeutung also.

Norman: Was sind die Zukunftspläne mit ANTHRAX?

Scott: Naja, also ich werde jetzt erst mal noch ein paar Tage hier sein und Pressearbeit erledigen, bevor ich wieder nach Hause fliege, um dann hoffentlich an neuen Songs arbeiten zu können. Nächstes Jahr werden wir noch eine Tour in Südamerika starten, auf die wir uns schon ziemlich freuen. Ja, das sind die Pläne was ANTHRAX angeht.

Norman: Dann wünsche ich euch viel erfolg und herzlichen Dank für das Interview.

Scott: Ich danke dir. Es hat mich gefreut.

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15.12.2004

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