Árstíðir Lífsins
Interview mit Stefán über "Jötunheima Dolgferð"

Interview

Via Ván Records erscheint dieser Tage das beeindruckende Debüt des Ein-Mann-Projektes ÁRSTÍÐIR LÍFSINS (dt. Die Jahreszeiten des Lebens), das einen interessanten Einblick in die mittelalterliche Literatur Islands gibt. Mastermind Stefán sprach mit uns über den komplexen Entstehungsprozess von “Jötunheima dolgferð”, die Geschichte, die das Album erzählt, und seine Zukunftspläne für ÁRSTÍÐIR LÍFSINS.

Árstíðir Lífsins

Grüß dich, Stefán! Wie geht es dir heute?

Hallo Katharina! Mir geht es gut, danke.

Alles Gute zum bevorstehenden Release des ÁRSTÍÐIR LÍFSINS-Debüts “Jötunheima dolgferð”. Wie fühlst du dich damit?

Ich freue mich, dass “Jötunheima dolgferð” nun endlich veröffentlicht wird. Da die Musik des Debüts bereits im Mai dieses Jahres fertig war, ist seitdem natürlich viel Zeit ins Land gegangen und ich hatte mich längst sowohl wieder mit KERBENOK als auch mit dem zweiten Album von ÁRSTÍÐIR LÍFSINS beschäftigt. Dennoch bin ich mit “Jötunheima dolgferð” natürlich nach wie vor vollends zufrieden.

Wieso hast du dich überhaupt dafür entschieden, dir neben KERBENOK ein zweites Projekt aufzubauen?

Nachdem ich im Sommer 2008 für zwei Semester nach Reykjavík als Teil meines Studiums in Nordischer Philologie gegangen bin, konnten wir mit KERBENOK für ein Jahr nicht proben. Außerdem hatte ich bereits einige Monate zuvor die Idee, mein Studium auf Island auch mit Musik zu verbinden. So sind letzten Endes sowohl die Texte als auch die Musik zeitgleich in den Jahren 2008 und 2009 entstanden.

ÁRSTÍÐIR LÍFSINS bedeutet “Die Jahreszeiten Des Lebens”. Was wolltest du mit der Wahl dieses Namens ausdrücken?

Der Gedanke eines Zyklus ist seit jeher ein wichtiger Teil der nordischen Mythologie. Als Beispiel könnte man vielleicht die Beziehung zwischen Njörðr und Skaði, seinem Sohn Freyr und der Fruchtbarkeit im Zyklus des Jahres, die Neuentstehung der Welt nach dem Ragnarökr u.w. anführen. Da mir dabei die Abhängigkeit der Menschen von den Jahreszeiten als sehr interessant erschien, habe ich letzten Endes diesen Begriff gewählt. Außerdem hat er sich sehr gut in den Kontext der Texte eingefügt und war zudem in mancher Hinsicht der ein oder anderen Kenning (Anm. d. Verf.: in altisländischer Stabreimdichtung, z.B. der Edda, Stilmittel der poetischen Umschreibung einfacher Begriffe) inhaltlich verwandt.

Das sehr schöne Artwork des Albums sticht sofort ins Auge. Wer ist dafür verantwortlich?

Christopher Duis. Er ist ausgebildeter Diplom-Kommunikationsdesigner und arbeitet via Eingemachtes (http://www.1gemachtes.de) seit ein paar Jahren mit verschiedenen Künstlern und Firmen zusammen. Unter anderem hatte er in der Vergangenheit die Webseite von DRAUTRAN und Layouts von KERBENOK, ASMODI, EGO NOIR u.a. designt. Ich bin mit dem Layout völlig zufrieden, da mir seit jeher typische Photoshop-Arbeiten absolut nicht gefallen und er mir mit seinen unkonventionellen Vorschlägen sehr entgegen kam.

Was zeigt das Cover und wie steht es in Verbindung mit dem Inhalt des Albums?

Das Cover zeigt den Blick über einen Ausläufers des Arnarfjörður, den Fossfjörður. Ich hatte das Bild kurz vor Silvester 2008/2009 bei einer Reise durch die Westfjorde in der Nähe von Bíldudalur gemacht. Grundsätzlich steht das Bild nicht im direkten Zusammenhang mit dem Inhalt des Albums, soll aber einem Fenster gleich einen unabhängigen Einblick in die Natur Islands geben. Schließlich hat sie einen entscheidenden Einfluss auf die Texte und Musik gehabt und ist mit ihrer teils einschneidenden Präsenz auch aus der altisländischen Literatur nicht wegzudenken.

“Jötunheima dolgferð” befasst sich mit der mittelalterlichen Literatur Islands. Was fasziniert dich an dieser Thematik so sehr?

Mich interessiert vielleicht besonders ihre Vielschichtigkeit an Gattungen. Warum gerade auf solch einer abgelegenen und wirtschaftlich nicht gerade ausbeutungsleichten Insel wie Island gerade eine so vielfältige Schreibkultur entstand, sich eine so große Fülle an Material überlieferte und letzten Endes auch ein zu der Zeit so eindeutigen literarischen Standpunkt erarbeitetet wurde, lässt mich immer wieder wundern. Faszinieren tun mich ansonsten aber auch viele andere Dinge an der altnordischen Literatur, die ich hier aber ungern einzeln aufzählen und beschreiben möchte.
Ich habe jedenfalls mit den Texten des ersten Albums in gewisser Weise Teile und Strukturen der Sagaliteratur (der Einfluss der Leute von Vatnsfjörður auf die Westfjorde, bestimmte Routen über die Berge, grundsätzliche Erzählstrukturen, Fehden) und der Skaldik verarbeitet; mich jedoch bewusst mit Themen auseinander gesetzt, die in den zeitgenössischen Quellen eher weniger bis gar nicht behandelt wurden. Beispielsweise hatte ich die wirtschaftlichen Folgen einer Umsiedlung der Familie im Herbst ab der Hälfte des Albums im Fokus.

Du hast das Album sogar selbst in Island geschrieben. Was verbindet dich mit diesem Land? Und wie verlief dort der Entstehungsprozess von “Jötunheima dolgferð”?

Das Album wäre garantiert anders ausgefallen, wenn ich es nicht während meines Studiums auf Island geschrieben hätte. Ich bin nach wie vor sehr von vielen Dingen jener nordatlantischen Insel fasziniert und in mancher Hinsicht gewollt, auch dort zu leben. Islands Natur ist nicht vergleichbar, beispielsweise mit anderen nordischen Ländern, hat nach wie vor einen gewissen primordialen Geist in sich und wirkt trotz all ihrer Schroffheit und Abweisung noch jung und wild. Der musikalische Entstehungsprozess von “Jötunheima dolgferð” war dementsprechend eng mit meinen Reisen und Erfahrungen über das Jahr hinweg verbunden. In mancher Hinsicht findet sich vielleicht auch der ein oder andere Part auf dem Album wieder, der andere Hörer die Weiten der isländischen Landschaft in Erinnerung rufen lassen; es würde mich jedenfalls nicht sonderlich wundern. Im Bezug auf die Texte habe ich auf allgemeine geologische Informationen, Orts- und Tälernamen sowie meine eigenen Erfahrungen der jeweiligen Umwelt zurückgegriffen.

Sogar die Lyrics sind in isländischer Sprache verfasst. Ich nehme mal nicht an, dass du auch noch die Sprache erlernt hast?! Wer hat die Texte denn verfasst/übersetzt?

Ich hatte bereits vor meinem Studium in Reykjavík Isländisch und Altisländisch hier am Nordischen Institut der CAU Kiel studiert, die Sprache jedoch logischerweise erst auf Island wirklich gelernt. Verfasst habe ich, bis auf die Ríma (Anm. d. Verf.: Art der volkstümlichen altnordischen Literatur, steht formal der Ballade nah, gemeint ist das Stück “Eigi hefr á augu, unnskíðs komit síðan”), alle Texte im Zeitraum zwischen November 2008 und Juni 2009. Übersetzt wurden sie dann nach Fertigstellung zusammen mit einem guten Freund aus Reykjavík, der selbst hin und wieder Kurzgeschichten und Poesie schreibt. Im Herbst 2009 hat der zu dem Zeitpunkt vertretende Lektor des Isländischen Lektorates in Kiel nochmal drüber geschaut und schließlich wurde es von Morten im April 2010 ins Englische übersetzt. Morten kenne ich bereits seit Jahren von ELDBORG, als wir zusammen spielten und vom Pagan Herald.

Warum dachtest du, dass zu dieser Thematik die musikalische Ausrichtung der Folk Black Metal am besten passt?

Mir war von vorn herein klar, dass durch die Vorgabe der Texte die Musik in keiner Weise einer bestimmten Gattung verhaftet bleiben konnte. Außerdem wollte ich mich musikalisch ein bisschen herausfordern und verschiedene Elemente mehr miteinander verbinden als vorher. Folk und Black Metal haben wir ja seit jeher bei KERBENOK mit anderen Musikstilen vermischt, hier wollte ich aber mich mehr auf die Musik begrenzen, die direkt zu den Texten passt. Und die konnte ich schließlich nicht allein durch Black Metal oder Folk ausdrücken. Das war schlicht unmöglich. Grundsätzlich finden sich ja noch weitere Einflüsse auf dem Album, die nicht direkt etwas mit Metal oder Folk zu tun haben, beispielsweise Ambient oder vielleicht auch etwas Klassik durch die Piano-Klänge.

Lyrics und Musik sind auf diesem Album eng miteinander verflochten und folgen gemeinsam dem Strang der Geschichte, von der du berichtest. Worüber genau wird denn auf “Jötunheima dolgferð” erzählt, kannst du den Inhalt des Albums einmal zusammenfassen?

Die Geschichte erzählt von einem Menschen, der ungefähr im Jahr 910 AD in den Westfjorden, genauer genommen am Berufjörður, im Frühling geboren wird. Geschichtlich meint dies das letzte Drittel der 60-jährigen Besiedlung Islands. Nachdem sein Bruder vor seinen Augen aufgrund einer schon länger anhaltenden Blutfehde getötet wird, lebt er bis ins Erwachsenenalter an dem Ort und übernimmt den Hof seines Vaters, zusammen mit seiner Frau. Nach der Umbestimmung territorialer Rechte durch die Einführung des Alþing bzw. des Þingsystems auf Island im Jahr 930, zusammen mit der Beendigung der Besiedlung, verliert er seinen Hof. Im Herbst muss er nun mit Haus und Hof umziehen und findet eine neue Heimat in den Westfjorden, am Önundarfjörður. Da nun keinerlei Unterstützung von den reichen Leuten aus Vatnsfjörður auf der anderen Seite des Bergmassivs, sowie von den umliegenden Fjorden kommt, leidet die Familie mehr und mehr an den Folgen des einsetzenden Winters. Letzten Endes stirbt die Hauptperson im Winter, als sie nach dem letzten verbliebenen Vieh schauen möchte und vom Sturm gepackt in den Fluten des Fjordes ertrinkt. Die Geschichte ist so konzipiert, dass sie das Leben jener Person vom Frühjahr (Geburt) bis zum Winter (Tod) verfolgt. Dabei griff ich auf eine große Auswahl an Kenningar zurück, um Naturerscheinungen und einzelne Schicksalsschläge im mythologischem Kontext besser darstellen zu können.

Gibt es Passagen in dieser Geschichte, die dich besonders fasziniert haben und denen du dich auch musikalisch besonders gewidmet hast?

Mich hat im Nachhinein besonders das letzte Drittel, also vom Spätsommer/früher Herbst bis zum Winter, gefreut zu schreiben. Hier konnte ich die Ohnmacht der Hauptperson bei Schicksalsschlägen am besten erklären. Trotzdem haben mich aber alle Texte in mit ihren mythologischen und soziologischen Zusammenhängen fasziniert.

Mir ist besonders das sechste Stück, “Eigi hefr á augu, unnskíðs komit síðan”, aufgefallen, der altisländische Folksong. Wie fand ein solches Stück seinen Weg auf das Album? Denkst du, es fügt sich gut in den Kontext von “Jötunheima dolgferð” ein?

Ja, natürlich! Die Ríma fügt sich hervorragend in das Gesamtkonstrukt des Albums ein. Ich wollte von vorn herein circa in der Mitte des Materials ein relativ authentischen Stück mit einflechten, was sich aus meiner Sicht auch sehr gut eingefügt hat. Sicher ist der sehr monotone Gesang nicht für jeden ein Hörgenuss, jedoch habe ich, neben dem Text selbstverständlich, besonders Wert darauf gelegt, darauf hinzuweisen, dass diese sogenannten Zwiegesänge die einzige Musik sind, die überhaupt auf das isländische Mittelalter datiert werden können.

Unterstützt haben dich bei diesem Projekt Jorge von DRAUTRAN, Marcel von HELRUNAR, sowie einige isländische Musiker. Wie ist der Kontakt zu den verschiedenen Mit-Musikern entstanden und wie verlief die Zusammenarbeit?

Ich kannte Marcel und Jorge bereits seit Jahren, um genau zu sein seit dem ersten “Av Is Og Ild”-Fest im September 2004. Da wir über die Jahre in Kontakt blieben und alle bekanntlich altnordische Literatur studieren/studierten, habe ich beide noch im Herbst 2008 gefragt ob sie Interesse hätten, bei ÁRSTÍÐIR LÍFSINS mitzuwirken. Árni hingegen hatte ich über einen guten Freund von mir in Reykjavík getroffen und mich sofort bestens mit ihm verstanden. Da er zudem ein großartiger Musiker ist, war die Überlegung nicht fern, auch ihn ins Boot zu holen. Einen Großteil der anderen Musiker kannte ich bereits von KERBENOK-Aufnahmen bzw. sie waren Komillitonen von mir an der Háskóli Íslands. Die Zusammenarbeit verlief im Allgemeinen super. Alle hatten bereits von vorn herein Erfahrung mit der Materie und konnten sich selber auch in dem einen oder anderen Fall kreativ beteiligen. Gesehen haben sich jedoch ein Großteil der Mitmusiker nie, da die Aufnahmen in verschiedenen Sessions vonstatten gingen, sowohl in Reykjavík als auch hier in Norddeutschland in Wahlstedt.

Nachdem das Album in Island entstand und dort und in Deutschland aufgenommen wurde, hast du es zum Mastering schließlich noch nach Oslo/Norwegen in die Hände von Tom Kvålsvoll und sein Strype Audio Studio gegeben, wo bereits Bands wie EMPEROR oder ULVER an ihren Alben gearbeitet haben. Wieso fiel die Wahl denn dorthin? Mit dem Resultat kannst du auf jeden Fall zufrieden sein!

Mir ist Tom bzw. das Team von Strype Audio bereits seit Jahren ein Begriff, da ziemlich viele der größeren norwegischen Black Metal – Werke durch seine/deren Hände gingen. Mir war wichtig, dass das Album unter keinen Umständen von jemand gemastert wird, der sich nicht voll und ganz mit dem teilweise recht komplexen Material auseinandersetzen kann. Letzten Endes habe ich ihn einfach gefragt, ob er Interesse hätte, das Debut zu mastern. Er war sehr interessiert und der Rest ging fast wie von alleine. Natürlich bin ich mit dem Resultat zufrieden. Auf der anderen Seite hatte ich aber auch nichts anderes erwartet, da unsere Absprachen recht klar und einfach von der Hand gingen.

Hast du vor, mit ÁRSTÍÐIR LÍFSINS live aufzutreten? Wenn ja, gibt es schon konkrete Pläne und wie würdest du eine solche Show aufziehen, bei der wohl zwangsweise nicht alle Musiker, die auf dem Album tätig waren, mitwirken können?

Nein, Live-Auftritte sind nicht geplant. Da mir die Einarbeit von Live-Musikern zu viel Zeit und Energie kosten würde, wollte ich vorerst ein zweites Album einspielen und erst danach schauen, ob sich eine Möglichkeit ergibt, live zu spielen.

Das Album erscheint bei Ván Records. Wie kam es dazu, dass du bei diesem Label unterschrieben hast und was kannst du uns über die noch recht junge Zusammenarbeit erzählen?

Nun, Ván Records sind mir bereits seit Jahren ein Begriff und haben mich mit ihren Releases bisher größtenteils begeistert. Zudem hat mich immer gefreut, dass deren Veröffentlichungen nie allein in einer herkömmlichen Slipcase-Variante auf CD bzw. als normale LP heraus gebracht wurden; dies wäre für “Jötunheima dolgferð” ohnehin nie in Frage gekommen. Ich hatte ihnen wie auch anderen Labels ein Exemplar von “Jötunheima dolgferð” als Promo geschickt und sie zeigten sich sehr interessiert. Da der Kontakt sehr schnell zustande kam und seit Beginn sehr freundschaftlich war, habe ich relativ bald entschieden, das Debut dort zu veröffentlichen. Ich kann mich in keiner Weise beklagen, Sven und Co. machen bisher eine hervorragende Arbeit.

Vielen Dank für das Interview. Willst du noch etwas los werden?

Ebenfalls vielen Dank für das Interview und einen schönen Gruß aus Kiel. Bei Interesse möchte ich den Leser natürlich am Ende vorweg auf die bandeigenen Webseiten verweisen:

http://www.arstidirlifsins.net
http://www.myspace.com/arstidirlifsins
http://www.van-records.de/band/de/arstidir-lifsins.html

09.10.2010

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