Asphyx
Full Death Metal Scenario

Interview

ASPHYX und ihr mittlerweile zehntes Studioalbum „Necroceros“: Musikalisch liefern die Holländer (mit deutschem Drummer) wieder genau den Stoff, den ihre Fans lieben. Die Texte bieten wiederum genau den Themenpotpourri, den man von Martin van Drunen erwartet. Ein Skypeinterview mit dem graumattigen Frontgrunzer ist also Pflicht. In seinem sympathischen Deutsch mit holländischem Akzent erklärt er uns, welchen Mitarbeiter von Century Media sie gehörig verarscht haben, bei welchem Titel er an Klopapier denken muss und warum ASPHYX jetzt auch bei White-Metal-Fans punkten können. Martin van Drunen, bitte übernehmen Sie!

Asphyx Logo

Martin, in unserem letzten Interview zum Album „Incoming Death“ hast Du gesagt: „Ein Jahr ohne Bühne – das halte ich nicht aus!“ Jetzt ist es allerdings so gekommen. Wie hast Du das Jahr mit der Pandemie durchgestanden?

Krass, dass ich das so gesagt habe… (überlegt) Zum Glück hatten wir noch ein paar Shows. Die waren dann ein bisschen anders: Zweimal mit Sitzen und einmal mit Gitterchen zwischen den Zuschauern. Aber wenigstens waren wir in der Lage live zu spielen. Das Gute war, dass die Leute total abgingen – auch sitzend – und nachher total dankbar waren. Das hat uns durchgeschleppt. Jetzt kommt aber natürlich die schwere Zeit. Aber andererseits hoffen wir, dass das irgendwie was wird mit den Impfungen, damit alles bald wieder weiterlaufen kann. Ich möchte nicht wissen, wie der Schaden hinterher ausfällt – vor allem auch in unserem Geschäft, mit Bands, Promotern, Festivals, Läden, Nightliner-Vermietungen, PA-Vermietungen, Sound… weißt du, die Leute vergessen immer, dass ein ganzes Geschäft um die Bands existiert.

Ihr habt live gespielt, Ihr habt aber auch mit „Necroceros“ ein neues Album aufgenommen. Frage vorweg: Wie spricht man das eigentlich aus?

Wie im englischen ‚Rhinoceros‘, also mit der Betonung auf dem ‚o‘. Davon habe ich es auch abgeleitet.

Wie habt Ihr mit dem Album angefangen? War das Plan B, nachdem der Lockdown beschlossen wurde?

Sagen wir mal so: Wir haben aus dem Nachteil der Pandemie einen Vorteil gemacht. Wir hatten aber schon im November 2019 fünf oder sechs Stücke aufgenommen, die wir uns noch einmal vorgenommen haben. Das war noch nicht das Gelbe vom Ei, daran musste noch einiges verändert werden. Die Sachen waren zwar gut, aber nicht gut genug. Damit hätten wir Vizemeister werden können, aber nicht Meister, haha!

„Necroceros“ und der Plan B

Also habt Ihr Euch die Sachen noch einmal vorgenommen.

Genau. Zwischenzeitlich hatten wir natürlich noch ein paar Ideen, und als der Lockdown beschlossen wurde, haben wir gesagt: Jetzt schreiben wir das in zwei Wochen fertig.Wir haben also erst einmal ein Jamsession-Wochenende eingeplant, und bamm! Da waren die Songs fertig – alle! Die Jungs hatten aber auch Spaß dabei. Und als dann der richtige Lockdown kam, habe ich die Texte dazu geschrieben. Wir hatten aber auch die Zeit, die Sachen fertig zu machen. Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob wir die Scheibe fertig gekriegt hätten – da standen so viele Shows auf dem Programm!

Ihr habt aber ein Video zum Song „Botox Implosion“ gedreht, sehr witzig! Wie habt Ihr das eingetrümmert?

Naa, es war ja nichts los im Turock [Liveclub in Essen, Anm. d. Verf.]. Also haben wir den Besitzer gefragt, ob wir die Bühne nutzen können. In Bezug auf den Song haben wir dann diesen Witz zwischendurch eingebaut, mit den Jungs als Chirurgen. Normalerweise mag ich es überhaupt nicht, Videos zu drehen, aber bei diesem hier haben wir nur gelacht, das war cool!

Das passt ja gut zum Text vom Song!

Jaa, das ist so ein Death-Metal-Gory-Lach-Text. Diesmal geht es um die ganzen Idioten, die ihrem Schönheitsideal nacheifern möchten. Ja, und dann geht es mal schief, und sie wachen dann auf und sehen aus wie der Sohn oder die Tochter von Frankenstein, haha!

Genau, haha! „Three Years Of Famine“ hört sich eher nach einem historischen Hintergrund an.

Ja, auf jeden Fall. Als Paul mit dem Song ankam, war ich mir noch nicht sicher, welchen Text ich dazu schreiben sollte. Dann bin ich auf die modernere Geschichte von China mit Mao gestoßen, und damit auf die schreckliche Hungersnot [1959 bis 1961, Anm. d. Verf.] und dann liest man, wie schrecklich das gewesen ist. Da sind 40 bis 45 Millionen Menschen durch Hunger verreckt – durch Misspolitik, aber teilweise auch absichtlich, wenn man doch weiß, was auf dem Land los ist. Das fand ich so schrecklich, dass Pauls Song mit den Melodien hervorragend passt – das ist Tragik pur.

ASPHYX können auch Tragik

Wer oder was ist denn „The Nameless Elite“?

Ich wollte mal eine modernere Art Kriegssong schreiben. Normalerweise behandle ich ja den Zweiten Weltkrieg, aber diesmal geht es um Eliteeinheiten. Die ersten waren die deutschen unter Canaris, die Brandenburger, später haben die Briten den SAS (Special Air Service) eingerichtet, und das als Vorbild nehmend wurden international sehr viele Kommandoeinheiten gegründet: In den USA sind das die Navy Seals und Delta, in Russland Speznas, Ihr habt die GSG 9. Deren Aufgaben haben sich im Lauf der Zeit geändert: Früher waren sie ausschließlich in Kriegsgebieten aktiv, und heute sind sie auch im Konterterrorismus beschäftigt. Darüber wollte ich etwas schreiben, dass sie irgendwo auf dieser Erde beschäftigt sind, um dich, mich und alle anderen vor terroristischen Anschlägen zu schützen. Und weil die Männer und Frauen nicht beim Namen genannt werden dürfen, sind sie halt „The Nameless Elite“.

Posen mit Wummen: Hollands Version der „Nameless Elite“? (Foto: Negakinu Photography)

„Knights Templar Stand“ klingt ja so ein klitzekleines bisschen nach HAMMERFALL.

(lacht dreckig) Jaa, ich wollte das Thema schon längst anrühren, aber dann habe ich geschaut, welche Bands das schon gemacht haben… dann dachte ich mir: Scheiß drauf, ich mach’s trotzdem! Es ist ja ein geiles Thema. Die Tempelritter sollten damals die Pilger schützen, die nach Jerusalem gewandert sind, und sie haben bis zum letzten Mann gekämpft. Ja, und das war’s dann. Eine kleine Heldengeschichte, aus dem christlichen Blickwinkel. Das Dumme ist nur: Ich habe den Text dann noch mal gelesen, und jetzt haben wir einen Text, den sogar White-Metal-Fans gut finden können (lacht)

Vielleicht habt Ihr dann ein paar Fans mehr…

… und wenn sie dann noch gehört haben, dass wir in einer Kirche gespielt haben, ja! (lacht)

Und dann wundern sie sich über die anderen Texte! Was hat es mit „Mount Skull“ auf sich?

Das ist so eine Fantasy-Horror-Story. Ich war immer schon fasziniert von den ersten Polarexpeditionen, vor allem auch wegen des Wettbewerbs zwischen Scott und Amundsen. Ich habe das ein bisschen vermischt mit einer Geschichte von H.P. Lovecraft, „At The Mountains Of Madness“. Die Polarforscher sehen in der Ferne einen Berg aus Schädeln, und am Ende läuft es ein wenig falsch für sie. Einer überlebt und stirbt schließlich mit dem Tagebuch in seiner Hand. Er wird dann Jahrzehnte später gefunden, aber man weiß dann immer noch nicht, was sich unter dem Berg befindet und wo er überhaupt ist. (lacht)

Wahnsinn, Brutalität, Klopapier

„Yield Or Die!“ hört sich nach Kriegsthematik an.

Ja, die Mongolen wieder! Wir hatten ja schon „Forerunners Of The Apocalypse“ auf dem letzten Album „Incoming Death“, das sich mit dieser Thematik beschäftigt. Als Paul mit dem Riff ankam, dachte ich direkt schon an „Forerunners #2“. Und dann war für mich klar, dass im Text wieder die Mongolen vorkommen. Das ist krass (lacht): Brutalität, Krieg, die Mentalität der Mongolen und Dschinghis Khan… „Yield Or Die“, so war es ja auch: Knie oder stirb!

Ganz witzig ist: Mein letztes Interview vor dem Lockdown habe ich mit THE HU geführt, die in ihren Texten wiederum Dschinghis Khan preisen, weil er in der Mongolei zur kulturellen oder nationalen Identität dazugehört.

Das glaube ich, er war der größte Eroberer in der Geschichte der Menschheit: Er hat ganz China erobert, er war in Indien und bis nach Ungarn gekommen. Das ist Wahnsinn! Da war sehr viel Brutalität mit im Spiel, aber was Religionsausübung angeht, waren die Mongolen wiederum sehr tolerant. Was Frauen im kriegerischen Zusammenhang anbelangt, auch. Wenn eine Frau mitreiten wollte, war das völlig normal – jedenfalls wenn sie ausgebildet war und im Gemetzel sich behaupten konnte. Das ist auf jeden Fall sehr interessant. Ich habe im Text mehr erwähnt als das pure Blutvergießen – brutal waren sie aber auf jeden Fall. (lacht)

Full Death Metal Scenario (Foto: Dagmar Geiger)

Es gibt noch einen Bonustrack mit dem wunderbaren Titel „Full Death Metal Scenario“ – woran hast Du dabei gedacht?

Als die Pandemie ausgebrochen war, habe ich die Jungs angeschrieben und meinte: Verdammt, das ist ein „Full Death Metal Scenario“. Wir schreiben ja schon seit Jahren über diesen Kram – und jetzt passiert’s! Als Paul dann mit schnelleren Riffs ankam, dachte ich mir, dass ich einfach einen Song über die Pandemie schreibe. Es wäre ja schön blöd, wenn man solch ein Thema nicht ausnutzt. Ich habe aber auch eine kleine Hommage an das Pflegepersonal in den Krankenhäusern eingebaut, das an vorderster Front arbeitet. Ich habe ein paar Doofheiten eingebaut, dass sich Leute im Supermarkt schlagen wegen …

… Klopapier!

So etwas Dummes musste ich auf jeden Fall erwähnen. Aber auch, was es für Folgen hat für uns als Band. Es ist so ein bisschen ein Rock’n’Roll-Text, etwas einfacher gehalten.

Was ist denn „Triple D“?

Das ist ein Witz! Das ist ein Riesenwitz. Paul kam mit irgendwelchen Power-Speed-Metal-Riffs an, und wir haben alle gelacht. Also haben wir uns einen Spaß daraus gemacht: Ich habe einen vor Klischees triefenden Heavy-Metal-Text drüber geschrieben, und Alwin und Husky waren bei mir im Studio und haben noch einen dummen Chorus dazu geschrieben, den sie sofort eingesungen haben. Dann haben wir das Ganze an Leif Jensen von Century Media geschickt und dazugeschrieben: Hier, das ist von der Probe für das neue ASPHYX-Album. Leif, die Leute werden abgehen und mitbrüllen! Er hat das nicht geschnallt. Leider haben wir keine Filmaufnahme von seiner Reaktion. Er wusste nicht so recht, wie er darauf reagieren sollte, da kam dann so eine richtig diplomatische Antwort zurück. (lacht)

Und der Titel?

Das stammt von unserem Merchandise, wo wir „Death Doom Division“ stehen haben – also quasi „Triple D“. Das haben wir im Chorus aufgegriffen. Mann, wenn ich daran denke, muss ich wieder lachen! (lacht) – Aber nur dass die Leute das verstehen: Das ist ein Witz, das ist überhaupt nicht seriös!

Besser, man sagt es noch mal dazu!

Ja, es gibt so viele Bands, die früher mal in dieser Richtung Witze gemacht haben. ENTOMBED haben das gemacht oder auch IRON MAIDEN oder VENOM – das gehört einfach so ein bisschen mit dazu.

Absolut! Danke für das Interview!

Galerie mit 29 Bildern: Asphyx - Graveland Festival 2017
10.02.2021

- Dreaming in Red -

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