Rockharz Open Air
Thorsten „Buddy“ Kohlrausch zur Zukunft der Live-Kultur

Interview

Auch das ROCKHARZ Open Air blieb wie nahezu alle größeren Open Airs zum zweiten Mal in Folge nur der Biss in den sauren Apfel. Erneut musste das Event im Harz um ein weiteres Jahr verschoben. Doch Thorsten „Buddy“ Kohlrausch bleibt optimistisch, was die Zukunft angeht. Zudem weißt er auf den wichtigen Faktor von Festivals auf die Gesamtgesellschaft hin und glaubt nicht an eine Kostenexplosion. Hier lest ihr das gesamte Interview aus unserer Special-Reihe „Back to normal oder alles anders?“.

Aber wir blicken positiv in die Zukunft und möchten uns auch ausdrücklich nicht an der Schwarzmalerei beteiligen, die man allenthalben, hier und da zu hören bekommt.

Zunächst einmal: Wie geht es euch und wie ist die aktuelle Situation in eurem Team?

Danke der Nachfrage. Uns als Unternehmen geht es eigentlich nach wie vor ganz gut. Persönlich und mental hat uns die ganze Situation natürlich belastet. Die meisten von unserem Kern-Team sind seit mehr als einem Jahr in Kurzarbeit. Das hinterlässt Spuren. Manchmal ist es schon schwierig, sich selbst wieder langsam in den Modus zu begeben, wie wir ihn bis Anfang 2020 hatten, speziell, was die persönliche Motivation angeht. Die letzten 15 Monate waren ja eher von Rückschlägen und Ausbremsungen denn von Erfolgen oder Fortschritten gekennzeichnet.

Aber wir blicken positiv in die Zukunft und möchten uns auch ausdrücklich nicht an der Schwarzmalerei beteiligen, die man allenthalben, hier und da zu hören bekommt. Von wegen, dass es nie wieder große Events geben wird und dass wir uns mit einer neuen Normalität arrangieren müssten, in der es auch Festivals, wie wir sie kannten nicht mehr geben würde. Ich persönlich halte es für unverantwortlichen und pseudoprophetischen Bullshit, so etwas zu behaupten.

Werden bestimmte Praktiken und Erfahrungen aus der Pandemie uns weiterhin im Veranstaltungskontext begleiten? Könnten beispielsweise Impfnachweise, Symptomfreiheit und Quarantäneauflagen ein normaler Bestandteil des Konzerterlebnisses werden?

Die nächsten Monate werden die genannten Dinge auf jeden Fall noch prägnant für die Veranstaltungsbranche sein. Darüber hinaus wird sich alles wieder normalisieren. Die Talsohle der Pandemie ist durchschritten. Jetzt gilt es, nach vorne zu schauen.

Unser Umsatz ist natürlich komplett zusammengebrochen.

Werden Veranstalter von Livemusik-Events künftig gezwungen sein, die dauerhaft erhöhten Kosten für verschärfte Hygiene- und Sicherheitsvorgaben auf ihre Ticketpreise umzuschlagen?

Wir haben es ja auch außerhalb der Pandemie in den letzten Jahren eine relativ zügige Preisspirale erlebt. Jegliche Kostensteigerung muss selbstverständlich in die Ticketpreise oder die Preise direkt beim Festival einfließen. Ob da allerdings Hygiene der oberste Preistreiber sein wird, wage ich zu bezweifeln. Zumindest dann, wenn die Pandemie tatsächlich beendet ist. Wir werden eher im Produktions- und Personalbereich Kostensprünge erleben. Einiges steht ja bereits fest, wie Tariferhöhungen, sprich auch steigende Mindestlöhne. Da steigt ja alles mit. Dann Energiepreiserhöhungen und so weiter. In der ersten Zeit werden wir aber auch eklatanten Personalmangel haben. All diejenigen, die während der Pandemie ihren Beruf gewechselt oder gar vorzeitig aufgehört haben bzw. in den Ruhestand gegangen sind, werden uns auf jeden Fall fehlen. Und Verknappung wirkt sich bekanntlich in Preiserhöhungen aus.

Erwartet ihr höhere Forderungen seitens der Künstler / Agenten?

Auch hier gab es bereits vor der Pandemie immer höhere Vorstellungen. Es ist nicht festzustellen, dass sich daran etwas geändert hätte.

Habt ihr durch die Ausfälle im vergangenen und in diesem Jahr erhebliche Einbussen? Wie habt ihr die Förderung bzw. die Hilfszahlungen der Regierung erlebt und gab/gibt es existenzbedrohende Situationen?

Unser Umsatz ist natürlich komplett zusammengebrochen.
Mit den Förderungen und Hilfszahlungen haben wir bislang grundsätzlich positive Erfahrungen gemacht. Das ist aber sicherlich von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Zum Glück waren wir nie konkret in unserer Existenz bedroht. Angst davor hatten wir jedoch permanent. Glücklicherweise haben sich Dinge doch häufig als nicht ganz so bedrohlich wie zunächst gedacht herausgestellt.

Wird sich der internationale Reiseverkehr jemals wieder auf einem vor-pandemischen Niveau einpendeln und zu welchem Preis? Wird die Live-Kultur nationaler bzw. kontinentaler werden?

Ehrlich gesagt bin ich dafür kein Experte, aber ich bin Optimist. Ich bin davon überzeugt, dass wir mittel- bis langfristig wieder zur Normalität in nahezu allen Belangen finden werden. Die Menschen werden sich in ihrem Reisedrang nicht dauerhaft einschränken lassen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Konzerte so exklusiv werden, dass der Rockstar nur noch vor einer handvoll Superreichen spielen möchte.

Werden wir die generelle Idee von Massenveranstaltungen mit 10.000 und mehr Menschen künftig gesellschaftlich in Frage stellen? Können mittelgroße Locations mit einer kleineren Auslastung jemals eine ökonomisch sinnvolle Alternative sein?

Nein. Das regelt der Markt. Es wird wieder Massenveranstaltungen geben. Allein schon, weil die Erlebnisse, die eine Großveranstaltung ausmachen nur durch eine solche überhaupt finanzierbar sind.

Wird die Live-Kultur zum Luxusgut? Oder können gerade kleinere und nicht-kommerzielle Künstler und Veranstalter die Pandemie besser überstehen als große Umsatz-Maschinen?

Kommt darauf an, wie man Luxus definiert. Wenn man von Grundsicherung lebt, wird es generell schwierig, mal eben 100 Euro für ein Konzertticket und die ganzen Kosten, die um einen Konzertbesuch herum entstehen auszugeben.
Als Normalverdiener wird man sich definitiv Konzerte leisten können, wenn man es möchte.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Konzerte so exklusiv werden, dass der Rockstar nur noch vor einer handvoll Superreichen spielen möchte. Bands lieben es, vor vielen Menschen zu spielen. Darum geht es den meisten doch auch, zumindest wenn sie anfangen, an ihrer Karriere zu basteln. Da ist der finanzielle Aspekt zunächst gegebenenfalls sekundär. Aber wie gesagt, der Markt wird es über kurz oder lang regeln.

Was kleine und nichtkommerzielle Veranstaltungen angeht, wundert es mich generell, wie die in den letzten Jahren noch funktioniert haben. Das kann eigentlich nur auf wenige Weisen gehen: ehrenamtliche oder idealistische Arbeit, geplante Verlustgeschäfte oder das Ganze wird mit öffentlichem Geld gefördert. Wenn jetzt längerfristig noch mehr Auflagen und Regulierungen kommen, die richtig Geld und veranstalterseits schlimmstenfalls noch die letzten Nerven kosten, sind es eher genau diese szenigen Kleinveranstaltungen, die auf der Strecke bleiben könnten. Das würde einen unglaublichen Verlust an Diversität mit sich bringen und vielen jungen Talenten die Chance auf eine aussichtsreiche Karriere nehmen. Wir sollten also dazu beitragen, dass die Regulierungen nicht überhand nehmen und wir sollten als Konsumenten zukünftig dazu bereit sein, auch für diese Kleinveranstaltungen angemessene Preise zu bezahlen. Wichtig wäre sicherlich auch, mittels eines „sanften“ Drucks auf die Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung einzuwirken, die Regulierungen nicht ins absurde abdriften zu lassen.

Wird sich die Publikumszusammensetzung bei Festivals und Konzerten verändern? Welche Klientel kann und will die erhöhten Preise noch zahlen?

Wie eben gesagt, es wird sich meiner Meinung nach gar nicht so viel ändern. Und sooo teuer werden Tickets schon nicht werden. Da ist jetzt vielleicht auch etwas Panikmache im Raum, wenn von irgendwelchen Mondpreisen für Tickets schwadroniert wird. Wir wollen ja alle auch zukünftig, dass Menschen Veranstaltungen besuchen können. Längerfristig wird sich alles wieder einpegeln.

Auf jeden Fall haben wir gelernt, dass das was wir machen, nicht als systemrelevant angesehen wird.

Geht der Trend zu mehr Open Air? Auch außerhalb der Sommersaison? Wäre es sinnvoll, den Betrieb in kleinen und schlecht durchlüfteten Venues entsprechend einzudämmen?

Kommt wahrscheinlich auf das Veranstaltungsformat an. Vielleicht werden ein paar Sachen in der Richtung entstehen. Aber es hat ja auch schon einen Grund, warum Konzerte in den kälteren Jahreszeiten drinnen stattfinden. Welcher Künstler möchte oder kann schon mit klammen Fingern Gitarre spielen und welcher Fan möchte schon vor der Bühne frieren?
Ehrlich gesagt freue ich mich persönlich schon wieder auf Konzerte in kleinen Clubs, wo das Wasser von der Wand läuft. Und das wird es wieder geben. Hundertprozentig!

Hat die aktuelle Pandemie-Situation langfristig Auswirkungen aufs Booking hinzu mehr nationalen oder europäischen Künstlern?

Langfristig nicht.

Gibt es Learnings, die ihr für die Zukunft aus der aktuellen Situation zieht?

Auf jeden Fall haben wir gelernt, dass das was wir machen, nicht als systemrelevant angesehen wird. Das ist eine etwas bittere Erkenntnis und ich möchte sie auch nicht so stehen lassen.

Ich persönlich bin überzeugt davon, dass Kulturveranstaltungen gerade auch in der Bewältigung der Pandemiefolgen eine sehr wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllen, nämlich Menschen zusammenzubringen, andere Leute kennen- und deren Werk oder deren Geschmack respektieren zu lernen. Darum geht es doch. Immer reden alle von der Spaltung der Gesellschaft, aber die Chance, welche Kulturveranstaltung bei der Bekämpfung dieses Phänomens bieten, wird als irrelevant abgetan. Die Nachwirkungen dieser Zeit auf unsere Psyche werden eines guten Heilmittels bedürfen. Und das kommt nicht aus der Pharmaindustrie, sondern liegt darin, uns wieder als gesellschaftliches Wesen zu etablieren. Dabei werden kulturelle Veranstaltungen ihre Trümpfe ausspielen können und im nachhinein vielleicht anders gesehen werden… zumindest in meiner idealisierten Vorstellung.

Gibt es eine realistische Chance, dass wir 2022-2023 einen Live-Kultur-Betrieb wie vor 2020 werden erleben können?

Definitiv ja!

Alle Information zum Festival findet ihr auf unserer Präsentationsseite für das ROCKHARZ Open Air.

RHZ 2022

23.08.2021

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