Ghøstkid
"Eigentlich gab es bei GHØSTKID nie wirklich musikalische Grenzen."

Interview

GHØSTKID haben nach einem kompletten Line-Up-Wechsel abseits von Sänger und Bandkopf Sebastian „Sushi“ Biesler ihr drittes Album „Follow The White Rabbit“ veröffentlicht. Wir sprachen mit dem Frontmann über die neue Scheibe, die aktuellen Entwicklungen und klären die Frage, warum die Band in den skandinavischen Ländern eigentlicht „GHÖSTKID“ gelesen wird.

Moin Sushi und danke, dass du dir die Zeit nimmst. Ich hoffe, es geht dir gut.

Hey Jannik, danke der Nachfrage. Ich würde sagen: okay. Dieses Jahr war sehr viel los und ich bin immer noch dabei, alles irgendwie für mich einzuordnen. Es gibt viel zu verarbeiten, aber auf der anderen Seite passiert gerade auch eine Menge cooles Zeug, das mich positiv in die Zukunft schauen lässt.

„Follow The White Rabbit“ erscheint relativ kurze Zeit nach dem Line-Up-Wechsel. War das Album schon vorher fertig?

Ich war gerade in den finalen Zügen der Platte, als die ganze Geschichte mit dem Line-Up-Wechsel offiziell wurde.

Ich muss dazu noch sagen, dass sich der Split mit den einzelnen Mitgliedern über einen langen Zeitraum erstreckt hat, nämlich ungefähr von Ende letzten Jahres bis Mai dieses Jahres. Bei jeder Person gab es individuelle Gründe, warum sie die Band verlassen hat oder ich mich von ihr getrennt habe.

Als das Statement der Jungs veröffentlicht wurde, war die Platte aber quasi schon im Kasten.

Der Titel „Follow The White Rabbit“ spielt auf „Alice im Wunderland“ an. Welche Bedeutung hat der weiße Hase für dich und das Album?

Der ursprüngliche Working Title des Albums war „D3PRESSION“, weil es hauptsächlich um ein sehr schwieriges Kapitel meines Lebens geht.

Während des Schreibprozesses hatte ich wirklich oft das Gefühl, dass ich meinen Verstand verliere. Irgendwann dachte ich, ich fühle mich wie Alice im Wunderland, nur eben in einem absolut negativen Kontext. Das Album entstand in einer Zeit, in der sich mein Leben absolut surreal angefühlt hat und es mir mental schon nicht besonders gut ging.

Es gab damals ja auch dieses Spiel „American McGee’s Alice“, in dem es tendenziell genau darum geht, dass sich Alice aufgrund einer Psychose durch das völlig kaputte und düstere Wunderland kämpfen muss, um zu heilen. Irgendwie hat das ganze Thema zu dieser Zeit sehr mit mir resoniert, weshalb ich den Titel dann in „Follow The White Rabbit“ geändert habe.

Mit dem neuen Album gibt es auch Veränderungen im Line-up von GHØSTKID. Wie haben sich diese personellen Veränderungen auf den Sound und die Arbeitsweise der Band ausgewirkt?

Überhaupt nicht. GHØSTKID ist und war immer ein Soloprojekt, bei dem es musikalisch hauptsächlich um mich und meinen Produzenten Sky Van Hoff geht.

Ich schreibe die Songs im Vorfeld. Das heißt, ich singe, spiele die Gitarren ein, programmiere die Drums und Synths, bis im Idealfall ein Song fertig ist. Sky poliert anschließend alles auf oder beteiligt sich ebenfalls am Songwriting, falls einige Ideen noch nicht so ausgereift sind.

Wenn das Album dann steht, nimmt Sky alle Instrumente neu auf. Wir nehmen den Gesang und echte Drums auf, danach geht es für Sky ans Mixing.

GHØSTKID verbindet weiterhin Metalcore, Industrial-Elemente und elektronische Einflüsse, wirkt auf den neuen Songs aber teilweise noch experimentierfreudiger. Gab es musikalische Grenzen, die ihr dieses Mal bewusst überschreiten wolltet?

Eigentlich gab es bei GHØSTKID nie wirklich musikalische Grenzen. Ich würde aber sagen, dass die Geschichten hinter den Songs bei „Follow The White Rabbit“ den Sound intuitiv noch stärker als sonst mitgeformt haben.

„Mother Death“ ist ein gutes Beispiel. Der Song handelt von meinen Gedanken und Ängsten, die mich einfach nicht einschlafen ließen. Ich lag oft mehrere Stunden wach. Wenn ich dann endlich zur Ruhe kam, was zu dieser Zeit bedeutete, irgendwie für mehrere Stunden in einer Art alptraumähnlichem Dämmerzustand zu verweilen, wurde eigentlich alles nur noch schlimmer.

Ich war auf einmal in dieser sehr traurigen, verrückten Welt gefangen, in der nichts mehr Sinn ergab. Ich denke, dass die Soundwelt des Songs das Ganze auch ganz gut widerspiegelt.

Deine Texte behandeln häufig persönliche und düstere Themen. Gibt es auf „Follow The White Rabbit“ einen Song, der für dich eine besondere persönliche Bedeutung hat?

Puh … Ich würde fast sagen, dass jeder Song auf dem Album extrem persönlich ist. Dementsprechend ist es sehr schwer, bestimmte Songs zu nennen.

Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass „Lovely“, „Ivory“ und „White Rainbow“ tendenziell die Songs sind, die einen sehr intensiven und schmerzhaften Hintergrund haben.

Wie wichtig ist dir bei GHØSTKID die visuelle Seite – von Musikvideos über Artwork bis hin zur Bühnenpräsenz – und wie stark entsteht dieses Konzept parallel zur Musik?

Ich finde, es geht alles Hand in Hand. Ich vergleiche es gerne mit einem Kinofilm, der ohne Musik definitiv nicht dieselbe Wirkung hätte. Ich sehe meine Kunst allgemein als Gesamtkonzept, das irgendwie versucht, alles zu verbinden.

Visuelles und Musikalisches erzählen gleichermaßen eine Geschichte und kommunizieren auf einer emotionalen Ebene. Dementsprechend finde ich, dass genau diese beiden großen Bereiche eigentlich gleich wichtig sind.

Artworks sind noch mal ein anderes Thema. Da sage ich immer: Wenn du ein wirklich tolles Geschenk hast, sollte die Verpackung auch dem Inhalt gerecht werden. Deshalb fließt auch hier eine Menge Leidenschaft mit ein und ich experimentiere gerne viel herum.

Warum eigentlich das „Ø“ im Bandnamen statt des „O“?

Na ja… Das hatte in erster Linie ästhetische Gründe, weil es mit dem Strich irgendwie homogener gewirkt hat. Irgendwann hatte ich mir außerdem eingebildet, dass es aus Copyright-Gründen vielleicht einen Vorteil haben könnte. Eine Sportschuhfirma mit einem Laufschuhmodell namens „Ghost“ hat mich dann doch eines Besseren belehrt, haha…

Ihr habt mit GHØSTKID inzwischen einige Jahre hinter euch. Wenn du die Band mit der Zeit rund um das erste Album vergleichst: Was hat sich an deiner eigenen Herangehensweise an Musik und Songwriting am meisten verändert?

Auf jeden Fall hat sich mein Ansatz verändert, in eine bestimmte Richtung schreiben zu wollen. Ich lasse mittlerweile die Dinge einfach geschehen und konzentriere mich stark darauf, was sich für mich selbst gerade gut anfühlt beziehungsweise welches Gefühl ich ausdrücken und verarbeiten möchte.

Dabei versuche ich auch, die Musikszene, in der ich mich befinde, größtenteils konsequent auszublenden und nicht darüber nachzudenken, ob der Song, den ich gerade schreibe, möglichst viele Leute ansprechen könnte.

Gerade heutzutage setzt man sich bei dem komplett übersättigten und vor allem schnelllebigen Musikmarkt sowieso schon zu sehr unter Druck. Ich versuche deshalb, zumindest im Schaffensprozess so frei wie möglich zu sein. Kunst lebt ja auch davon, sich auszuprobieren und neue Wege zu beschreiten. Man sollte davor keine Angst haben.

Was dürfen Fans von der kommenden Live-Ära erwarten, und gibt es Dinge, die ihr mit dem neuen Line-up auf der Bühne anders machen möchtet als bisher?

Oh, da wird eine ganze Menge passieren, weil die komplette Dynamik natürlich eine andere ist. Ich weiß tatsächlich selbst nicht, was mich erwartet. Was ich aber weiß, ist, dass wir alle total Bock auf dieses neue Kapitel haben.

Wir kennen uns alle schon seit Jahren und haben eine lange musikalische Historie, aber außer mit David stand ich beziehungsweise standen die anderen noch nie zusammen auf der Bühne.

Was ich auf jeden Fall anders machen möchte als vorher, ist, mich mehr in die gesamte musikalische Live-Umsetzung einzuarbeiten. Vom Prinzip her weiß ich, wie alles funktioniert, aber ich musste mich bisher nie aktiv darum kümmern. Das macht es natürlich schwer, mitzudenken. Das möchte ich auf jeden Fall angehen.

Danke dir für deine Zeit und die letzten Worte gehören dir!

Vielen Dank für das nette Interview. Ich habe eigentlich gar nicht so viel zu sagen, außer, dass ich sehr dankbar bin, immer noch das tun zu können, was ich liebe.

Ich möchte auf jeden Fall allen Leuten da draußen danken, die ins Album reingehört oder sich sogar die Platte besorgt haben. Ich hoffe, dass es für sie etwas genauso Besonderes ist wie für mich oder sie einfach die Musik abfeiern.

Es gibt viel auf dieser Platte zu entdecken und sie enthält das Persönlichste, was ich jemals mit der Öffentlichkeit geteilt habe.

Galerie mit 30 Bildern: Ghøstkid - Hollywood Suicide Tour 2024 in Nürnberg
Quelle: Mail-Interview mit Sushi
14.10.2026

Redakteur für alle Genres, außer Grindcore, und zuständig für das Premieren-Ressort.

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