Graveworm
Interview mit Frontmann Stefan zu "(N)Utopia"

Interview

Am 10. Januar wird das neue GRAVEWORM Album „(N)utopia“ erscheinen. Mit neuen Mitstreitern und somit neuen Einflüssen an Bord wollen die Südtiroler an den Erfolg des Vorgängers „Engraved In Black“ anknüpfen. Dass die Chancen dafür nicht schlecht stehen, lässt eine immer größer werdende Fangemeinde erahnen, die das Alpensextett zuletzt auf einer Europa-Tour mit KATAKLYSM bewundern konnte. Leider war die Band bei einigen Auftritten wie vom Pech verfolgt, weshalb diese abgesagt werden mussten. Über alles Vorgefallene gab mir Frontmann Stefan Auskunft.

Graveworm

Hi Stefan! Erzähl mir doch einfach mal etwas über das neue Album!

Hi! Ja, am besten fang ich damit an, dass uns nach dem Release von „Engraved In Black“ unser Gitarrist Steve verlassen hat, der eigentlich für das Songwriting zuständig war. Für uns war das eine ziemlich schwere Zeit, in der wir einen neuen Gitarristen und einen neuen Songwriter suchen mussten. Wir haben ihn aber relativ schnell gefunden: sein Name ist Lukas und er hat uns früher schon live ausgeholfen. Für uns war schnell klar, dass mit ihm ein ganz neuer Wind in die Band kommt, denn mit einem neuen Songwriter wird es eben automatisch anders. Er hat uns seine Ideen mitgeteilt, wie er sich die neuen Songs vorstellt, und als wir den ersten Song gehört haben waren wir sehr überrascht! Es ist zwar etwas Neues, aber es klingt immer noch nach GRAVEWORM! Für uns war es sehr wichtig, dass es nach GRAVEWORM klingt, da wir ja nichts komplett anderes machen wollen. Wir wollen uns zwar weiterentwickeln, aber eben nichts komplett Neues machen. Die Songs wirken auf mich sehr modern. Sie sind von verschiedenen Musikrichtungen beeinflusst, wobei ich denke, dass es sich ein wenig vom Black Metal entfernt. Die Stimme ist mit den Screams und Growls zwar gleichgeblieben, von der Musik her höre ich jedoch schon manchmal etwas Hardcore oder auch SAMAEL-Riffs heraus.

Der Titel des Albums „(N)utopia“ klingt ja auch recht untypisch für Black/Gothic Metal Verhältnisse. Mein erster Gedanke dabei war „Was? Machen die jetzt Nu-Metal oder wie?“

Haha! Nein, so extrem ist es nun auch wieder nicht. Es ist einfach ein Wortspiel aus „new“ und „utopia“, denn auf der einen Seite ist es für uns eine Art Neuanfang mit dem neuen Songwriter und dem Versuch uns weiterzuentwickeln und neue Einflüsse mit einzuarbeiten. Auf der anderen Seite ist es trotzdem immer GRAVEWORM, was für uns sehr wichtig ist.

In einem Interview (mit Proserpine) hast du mal gemeint, ihr versucht, mit jedem Album härter und schneller zu werden, um dem Trend zu langsameren und softeren Alben, der bei einigen anderen Bands herrscht, ein wenig entgegenzusteuern. Habt ihr das deiner Meinung nach mit dem neuen Album trotz der neuen Einflüsse geschafft?

Mir kommt das Album sehr ausgeglichen vor. Es gibt schnelle Songs, dann wieder extrem langsame und dazu noch Midtempo-Nummern. Man muss dazu sagen, dass die Songs diesmal auf der Gitarre entstanden sind und nicht wie vorher die meisten auf dem Keyboard. Deshalb sind die Gitarren diesmal auch sehr dominant ausgefallen und bilden auch den wichtigsten Bestandteil in den neuen Songs. Das hab ich live schon gemerkt, dass das viel besser ist. Auf der Tour mit KATAKLYSM haben wir zwei neue Songs gespielt und die sind von Anfang an sofort gut angekommen! Ich denke, dass sie die Leute mehr mitreißen als die älteren Sachen.

Was mich jetzt ein wenig wundert: wenn euer Hauptsongwriter Gitarrist war, wieso sind dann die Songs auf dem Keyboard entstanden?

Er konnte auch Keyboard spielen, und hat deshalb eben die meisten Sachen auf dem Keyboard geschrieben.

Achso, die Texte kamen in der Vergangenheit aber immer von dir…

Das hat sich diesmal auch geändert. Wenn Lukas einen Song macht, dann macht er ihn gleich komplett. Er schreibt die Musik, spielt das Schlagzeug dazu und macht auch die Texte. Ich habe aber auch meine Texte gemacht, bzw. mit ihm zusammen gearbeitet, weil ich mir das nicht nehmen lassen wollte. Die Texte sind mittlerweile auch weg von den Fantasy-Lyrics, denn sie würden einfach nicht mehr zu den Songs passen, so wie sie jetzt klingen. Im Allgemeinen sind das jetzt eher persönliche Texte. Für mich persönlich sind sie stark von den Medien, sprich Fernsehen, Zeitungen, usw. beeinflusst. Man kommt eben jeden Tag mit Krieg, Not und dem ganzen Zeug in Kontakt und deshalb wollte ich das verarbeiten und in den Texten auch einbringen. Das passt auch viel besser zur Musik als die Fantasy-Texte.

Mir ist der letzte Titel auf dem Album „MCMXCII“ (‚1992‘, Anm. d. Red.) aufgefallen. Was hat es denn damit auf sich?

Das ist ein Text von mir. 1992 ist mein Vater gestorben. Ich wollte ihm ein Lied widmen, weil er mich immer unterstützt hat, Musik zu machen. Ich hatte die Idee schon länger im Kopf aber irgendwie ging es sich nie aus. Diesmal hab ich aber gesagt, dass ich es einfach mache. Und weil die anderen alle einverstanden waren, hab ich den Text geschrieben.

Also wirklich sehr persönliche Texte. Was gibt es eigentlich Neues vom Martin? Ich habe in zwei verschiedenen Quellen gelesen, dass er einerseits anscheinend mit seinem Studium beschäftigt ist, während woanders stand, er hätte gesundheitliche Probleme.

Das mit dem Studium hab ich jetzt noch nie gehört, haha! Er baut gerade sein Haus. Das ging schon letztes Jahr im April los und er hat damals gesagt er schafft es nicht, sich auf beide Sachen zu konzentrieren, zwischen Arbeiten und Haus bauen auch noch Musik machen. Ihm war es lieber, für ein oder anderthalb Jahre eine Auszeit zu nehmen, so lange wie es eben dauert, um danach wieder 200% bei der Band zu sein. Gesundheitlich fehlt ihm aber nichts.

Aber nächstes Jahr ist er wieder dabei, oder?

Sobald das Gröbste vorbei ist, ist er nächstes Jahr wieder dabei. Wahrscheinlich zum Sommer hin.

Wie kam es eigentlich zu eurer Absage beim Sundown Festival?

Das ist eine längere Geschichte. Am Anfang war ja klar, dass wir mit Moritz spielen, da er ja der Aushilfsschlagzeuger für Martin ist. Der ging allerdings mit DARKWELL auf Tour, die sind ja mit ATROCITY und BATTLELORE kreuz und quer durch Europa geflitzt, hat dann auch erst sehr spät die Tourdaten bekommen, die sich immer wieder verschoben haben. Irgendwann war dann sicher, dass Moritz nicht teilnehmen kann. Wir haben dann Martin gefragt, ob er Zeit hätte, aber er wusste es nicht, weil er auf bestimmte Sachen fürs Haus gewartet hat. Letztendlich war es für uns eben nicht möglich, ohne Schlagzeuger zu spielen. Erstens war es für uns schwierig, einem Aushilfsschlagzeuger die Songs so schnell beizubringen und zweitens haben wir in letzter Zeit schon so oft mit Aushilfsleuten gespielt.

Ich finde das immer komisch, wenn man mit Aushilfsleuten unterwegs ist. Denn, so geschehen auf dem Up From The Ground, wo wieder ein Aushilfsgitarrist dabei war: wir gehen zur Autogrammstunde und da kommen die Leute mit einer Picture LP von GRAVEWORM, um sie unterschreiben zu lassen, und sehen dann den Typen da sitzen und sagen ihm „nee, von dir will ich kein Autogramm, denn du bist nicht auf der Platte drauf“. Das tat mir persönlich halt ein bisschen weh für die Band und für die Leute, die uns aushelfen. Deswegen haben wir gesagt, wir spielen lieber ein paar Konzerte weniger, dafür dann aber mit den Leuten, die immer dabei sind.

Das Party.San musstet ihr ja verletzungsbedingt auch schon absagen…

Ja, weil sich der Moritz am Tag davor einen Wirbel verletzt hatte.

Wie sehen denn die Planungen für nächstes Jahr aus? Laufen die schon und werdet ihr wieder auf Festivals vertreten sein?

Zur Zeit haben wir eigentlich nur das Metal Camp in Slowenien und wie es aussieht das Tuska in Finnland. Die Festivalplanung läuft, konkrete Daten hab ich bisher allerdings noch keine erhalten. Ansonsten werden wir im April mit FINNTROLL auf Tour gehen.

„Renaissance In Blood“, ein Song von „Engraved In Black“, wurde jetzt ja in einem Film verarbeitet. Wie kamt ihr denn dazu?

Dazu kann ich eigentlich nichts sagen, weil ich das erst erfahren habe, als die Rundmail unterwegs war, haha! Es wurde eben mitgeteilt, dass der Song verwendet wird und dass der Film am 7. Dezember ausgestrahlt wird. Ich wusste vorher eigentlich von gar nichts. Das wird Nuclear Blast irgendwie arrangiert haben, keine Ahnung! Aber ich finde es ganz witzig, dass ein Song von uns für einen Film verwendet wird! Das passiert ja auch nicht alle Tage.

Wenn wir gerade dabei sind: was hältst du denn von dem momentanen Trend, dass Metal in den Medien sehr präsent ist? Wenn man sich die Popstars mal anschaut, sogar die machen ja jetzt einen auf Metal.

Das ist zur Zeit voll der Renner! Irgendwie find ich es gut, denn für kleinere Bands ist das mit Sicherheit ein Vorteil, wenn mehr Leute Metal hören und dann auch mit kleineren Bands in Kontakt kommen. Man hört Metal und informiert sich ein wenig, hört die Band oder jene Band. Auf der anderen Seite ist es allerdings irgendwo ein Ausverkauf der Metalszene. Die Szene war ja immer ein Teil für sich, immer etwas kleineres, immer undergroundmäßig. Für mich persönlich ist es aber schon eher positiv.

Man sieht das ja auch daran, dass gerade jede Band ein Video dreht. Ihr habt ja auch gerade eins gemacht. Du hast damals in dem Interview mit Proserpine Bedenken wegen eures Wechsels zu Nuclear Blast geäußert, weil das Label vielleicht zu groß für euch sein könnte. Welche Erfahrungen habt ihr denn nach zwei Alben für NB gemacht?

Es war die richtige Entscheidung, zu Nuclear Blast zu wechseln. Wir haben gemerkt, dass sie an uns glauben! Die Promotion war sehr gut, wir konnten mit bekannten Bands auf Tour gehen und sie stehen hinter uns, obwohl wir eine kleine Band sind. Und das ist für eine Band in unserer Größenordnung sehr wichtig. Die großen Bands wie NIGHTWISH oder DIMMU BORGIR zählen auf jeden Fall mehr, das ist klar, aber man merkt eben, dass sie für uns trotzdem auch gute Arbeit machen und mit uns zufrieden sind.

Welche Rolle hat dabei Markus Wosgien gespielt? Wenn ich nicht irre, war er ja auch euer Promoter bei Last Episode.

Der hat eine sehr große Rolle gespielt. Es ist halt fein, wenn man eine Kontaktperson in der Firma hat, die man kennt, die man schätzt und mit der man eigentlich sehr gut befreundet ist. Er ist immer noch einer der größten GRAVEWORM Fans und deswegen macht er halt auch sehr viel und das ist für uns positiv.

Ja, das ist natürlich klar! Ich habe in einem ganz alten Interview einmal gelesen, dass ihr in eurer Heimat Südtirol einige Probleme mit der Kirche hattet. Hat sich daran etwas geändert?

Sagen wir so: so oft spielen wir nicht in Südtirol. Das sind vielleicht zwei, drei Konzerte, die wir im Jahr dort spielen, mehr sind das sicher nicht und eigentlich hatten wir bis jetzt keine Probleme mehr. Man hört zwar manchmal, dass die Leute denken, wir wären Satanisten, aber mittlerweile geht mir das sozusagen am Arsch vorbei, denn ich weiß, dass wir keine Satanisten sind. Wir machen einfach Musik, weil wir daran Spaß haben und der Rest zählt eigentlich gar nicht mehr.

Die nächste Tour wird aber trotzdem wieder in Südtirol halt machen, oder?

Ich hoffe, dass sie zumindest in Innsbruck halt macht, das ist ja nicht allzu weit von Südtirol entfernt.

Stefan, danke für das Interview! Hast du noch irgendwelche letzten Worte an eure Fans?

Ja, danke auch! Danke an alle, die uns bisher unterstützt haben! Kauft euch das Album und wir sehen uns auf Tour!

Galerie mit 7 Bildern: Graveworm auf dem Ragnarök 2018
09.12.2004

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