Décembre Noir
Die Rückkehr der Peaceville-Trauer

Interview

Den Erfurtern DÉCEMBRE NOIR ist mit „Forsaken Earth“ ein absoluter Meilenstein zumindest des jüngeren Doom Death gelungen, Punkt, keine Diskussion. Und wer die begeisterten Reaktionen von Fans und Band auf dem diesjährigen Party.San gesehen hat, der kann dieser Einschätzung eigentlich nur zustimmen. Genauso sieht ein Triumphzug aus! Wir unterhielten uns mit Bandgründer und Gitarrist Sebastian Görlach über die Show und das neue Album.

Hallo Sebastian! Nachdem es ja mit unserem Treffen auf dem Party.San leider doch nicht geklappt hat, gleich mal die erste Frage hierzu: Die Eindrücke sind ja noch ganz frisch, wie habt ihr euren Auftritt dort empfunden, Gänsehaut pur?

Das auf jeden Fall! Die Begeisterung im Publikum und die Masse an Leuten haben uns etwas den Atem stocken lassen. Selbst gegen Ende des Sets wurde es immer noch voller im Zelt, unglaublich. Der Auftritt war nur leider etwas kurz, um es richtig fassen zu können. Wir haben das Ganze dann auch erst im Nachhinein voll realisiert. Gerne hätten wir den Fans mehr geboten, aber das ist auf einem Festival leider nicht möglich. In die kurze Spielzeit passten leider nur vier Songs.

Unfassbare Atmosphäre auf dem Party.San

Ihr durftet in Schlotheim ja leider „nur“ im Zelt spielen, wobei das der Atmosphäre aber ganz sicher nicht geschadet hat. Seid ihr nun bereit für die großen Bühnen, oder ist euch das im Prinzip gar nicht so wichtig?

Bereit sind wir dafür auf jeden Fall dafür. Beim Wave Gotik Treffen hatten wir ja schon die Gelegenheit dazu bekommen. Für die Atmosphäre ist es aber natürlich schöner, einen guten Slot am Abend im Zelt zu bekommen. Das ist sicher effektvoller, als in der Mittagssonne auf der Hauptbühne zu stehen. Mit gutem Licht und gutem Sound lässt sich DÉCEMBRE NOIR einfach schöner in Szene setzen.

Da wir von metal.de ja bis jetzt noch nie mit euch gesprochen haben, stelle euch doch mal bitte ganz kurz vor und erläutert den bisherigen Werdegang von DÉCEMBRE NOIR.

Im Jahr 2008 haben wir die ersten Gehversuche unternommen. Da entstanden die ersten Songs und es zeichnete sich ab, wohin es mit der Band musikalisch gehen sollte. Anfangs waren wir noch zu zweit am Start und das Ganze eher als Projekt gedacht. Aber im Laufe der Zeit wurden dann doch weitere Musiker aus dem Freundeskreis in und um Erfurt mit hinzu gezogen. Man kann sagen, dass dann 2012 das eigentliche Startjahr mit der klaren Orientierung Richtung erster Aufnahme war. Durch verschiedene Besetzungswechsel kamen immer wieder neue Einflüsse mit hinzu, die unseren Sound letztendlich geprägt haben.

In unserem Review haben wir ja euer neues Album „Forsaken Earth“ ordentlich abgefeiert, und das meiner Meinung nach auch völlig zu Recht. Wie ist es euch gelungen, als Zweitling schon einen kleinen Meilenstein des Doom-Death zu veröffentlichen?

Wir haben nicht auf einen Meilenstein hin gearbeitet. Das war beim Schreiben der Songs oder in der Produktion nicht die Zielsetzung. Daher wollen wir auch überhaupt nicht davon reden, dass uns eine Aufgabe gelungen ist. „Forsaken Earth“ ist für uns einfach die Weiterführung von unserem Debüt „A Discouraged Believer“. Natürlich hatten wir den Ansporn, ein paar Sachen zu verbessern, aber man ist ja nicht mit einem Mal ein besserer Musiker und Komponist. Die ersten Songs sind sehr schnell nach der Veröffentlichung von „A Discouraged Believer“ entstanden. Allerdings ist „Forsaken Earth“ eher im stillen Kämmerlein geschrieben worden, also mit allen zusammen im Proberaum und auch in einer viel kürzeren Zeit. Vielleicht liegt darin der Schlüssel.

Wenn man sich die Scheibe anhört, dann merkt man schon sehr deutlich, was eure Vorbilder sind. Kannst du darauf bitte etwas näher eingehen?

Da kann ich jetzt nur für mich persönlich sprechen, da hierzu sicher jeder von uns etwas anderes sagen würde. Als ich die Band damals gründete, war das Ziel reiner Doom Metal. Dafür standen bei mir eindeutig MY DYING BRIDE Pate. Natürlich wollten wir nicht nur eine Kopie dieser großartigen Pioniere sein. Und wenn man sich selber nicht in ein Korsett presst sondern den Ideen einfach freien Lauf lässt, entsteht zwangsläufig etwas Eigenes. Jeder der Musiker hat darauf einen gewissen Einfluss. Oft ist für mich beim Komponieren der Song im Kopf ein völlig anderer als dann zum Schluss, wenn Schlagzeug und Gesang dazu gekommen sind. In einigen Reviews wird auch immer wieder der Querverweis zu PARADISE LOST gebracht. Das macht mich ein wenig stutzig, da diese (sicherlich großartige) Band an mir immer irgendwie vorbeigerauscht ist und ich zugeben muss, kein Album von ihnen zu besitzen. Dafür hat unser Sänger bestimmt alle. Vielleicht sollte ich das mal nachholen. Sollte mir ja eigentlich gefallen.

Gefallen sollten dir PARADISE LOST schon, aber deren Einflüsse in eurem Sound kann ich auch kaum ausmachen. Im Review habe ich ja geschrieben, dass ihr eure Musik richtig fühlt, lebt und leidet, da wirkt absolut nichts in irgendeiner Form aufgesetzt. Ist das vielleicht eines eurer Geheimnisse?

Auch wenn wir nicht in dauernder Melancholie leben, fühlen wir uns doch sehr mit unserer Musik verbunden. Jeder von uns spielt sie nicht einfach nur, sondern kann sich voll damit identifizieren. Und das ist sogar dann der Fall, wenn derjenige an der Entstehung eines Stückes nicht so sehr beteiligt war. Für uns ist ein Song dann gut, wenn wir ihn selber fühlen, wenn er einem selbst beim Spielen Gänsehaut beschert. Wir machen emotionale Musik, die in erster Linie ja uns selber bewegen soll. Wir freuen uns natürlich über jeden, der diese Emotionen mit uns teilen kann, aber eigentlich sind wir selber unser Zielpublikum. Das ist wohl das Ehrlichste, was man im Songwriting machen kann. Es freut uns sehr, wenn man das unserer Musik anmerkt.

Richtig gute Songs bescheren dem Künstler selber Gänsehaut

Dem ist nichts hinzuzufügen und es wäre lobenswert, wenn sich manch anderer auch einfach an dieser simplen Weisheit orientieren würde. Beschreibt mal bitte ganz kurz, um was es in euren Texten geht. Oder steckt sogar ein richtiges Konzept hinter der Scheibe?

„Forsaken Earth“ könnte ohne weiteres als Konzeptalbum angesehen werden, es steht jedoch  jeder Song für sich selber und erzählt seine ganz eigene Geschichte. Wenn man allerdings die Lieder in einer bestimmten Reihenfolge positionieren würde, dann entstünde eine zusammenhängende Geschichte. Es geht in allen Songs um Isolation, Selbstzweifel, Einsamkeit und die alles überwiegende Dunkelheit. Und auch wenn in allen Texten sehr viel Übertriebenheit und Theatralik steckt, so sind sie doch im Allgemeinen sehr persönlich. Gerade die Songs „In This Greenhouse Of Loneliness And Clouds“, „Small.Town.Depression“ und „Distant And Unreachable“ sind gute Beispiele dafür.

Erfurt ist ja nun wirklich nicht gerade als ein trister Ort bekannt. Woher kommt eure Melancholie, seid ihr generell etwas schwermütig veranlagte Typen?

Stimmt, das ist Erfurt nun wirklich nicht. Wir haben viel Spaß am Leben und natürlich auch viel zu lachen. Aber es gibt im Leben auch Momente, die nicht von Freude und Glück durchzogen sind. Wir lieben diese Art von emotionaler Musik und das Aufgreifen genau dieser Momente, die man eigentlich nie erleben wollte oder die einen in dieser eher düsteren Stimmung bewegt haben.

Generell seid ihr ja schon fest im Doom-Death verwurzelt. Ich finde es aber trotzdem bemerkenswert, dass ihr euch auch blastige Ausbrüche wie z.B. in „Small.Town.Depression“ traut, auch wenn das sicher nicht jedem Puristen gefallen wird. Komponiert ihr so etwas ganz bewusst, oder ergibt sich das halt einfach so?

Wir haben auch in dem Song „Thorns“ auf „A Discouraged Believer“ dieses Element verwendet. Wir schreiben ja unsere Lieder nicht deswegen, um krampfhaft in einer bestimmten Sparte Anerkennung zu erlangen. Wenn es sich für uns gut anfühlt, dann machen wir es. Wir setzen die Blasts als Element nicht bewusst ein, aber es gehört schon seit der ersten Scheibe mit zu DÉCEMBRE NOIR. Ob es solche Ausbrüche aber auf jedem unserer Alben geben wird, wissen wir nicht. Es muss halt einfach im jeweiligen Moment passen.

Ich behaupte jetzt mal, wäre „Forsaken Earth“ vor 20-25 Jahren erschienen, dann würdet ihr Festivals wie das Party.San heute zumindest Co-Headlinen. Wo kann und soll die Reise für DÉCEMBRE NOIR hingehen?

Wir haben keine genaue Zielsetzung. Aber Co-Headliner auf dem Party.San 2041 wäre ein interessanter Gedanke. Ich kann mir vorstellen, dass es eine kleine Renaissance der 90er „Peaceville-Jahre“ geben kann. (Das britische Independent-Label Peaceville brachte Anfang der 90er Jahre mit Paradise Lost, My Dying Bride und Anathema die sogenannten „Großen Drei des Doom-Death“ richtig groß raus. Anm. d. Verf.) So erreichen uns einerseits Mails von Leuten, die sich nach dieser Zeit wieder zurück sehnen und ein wenig auf uns gewartet haben, obwohl wir meiner Meinung nach ja eigentlich sehr modern klingen. Andererseits schreiben uns aber auch ganz junge Menschen, welche in Bands wie DÉCEMBRE NOIR ihre Musik gefunden haben. Unsere Art von Metal ist sicherlich für so manchen Player tauglich und auf Konzerten oder Festivals ja auch immer etwas, was sich von anderen Bands ein wenig unterscheidet. Aber dadurch, dass wir nicht ausschließlich im reinen Doom unterwegs sind, treiben wir auch nicht gleich alle in die Flucht, die mit dieser Art von Musik nichts anfangen können. Wir lassen uns einfach überraschen.

Genau das tun wir auch, danken Sebastian für das Gespräch und wünschen den Thüringern alles Gute.

Galerie mit 18 Bildern: Décembre Noir - Summer Breeze Open Air 2019
28.08.2016

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