Lynyrd Skynyrd
"Ich denke manchmal, dass es früher vielleicht sogar einfacher war, ein Multiplatin-Album herauszubringen, als heute überhaupt überdurchschnittlichen Erfolg zu haben."

Interview

Wir schreiben den 20. Oktober 1977: Einige Bandmitglieder der Southern Rock-Veteranen LYNYRD SKYNYRD befinden sich im Flugzeug auf dem Weg zu ihrem nächsten Gig nach Baton Rouge, Louisiana als gegen 19:00 eines der größten Unglücke geschieht, die die Musikwelt je gesehen hat. Nur wenige Meilen vor dem Zielflughafen geht der Maschine der Sprit aus und der Flieger stürzt mitsamt seiner 26 Passagiere in den nahe gelegenen Sumpf. Wie durch ein Wunder überlebt der Großteil der Besatzung, allerdings sterben bei dem Absturz dennoch sechs Menschen, darunter Sänger Ronnie Van Zant, Gitarrist Steve Gaines, sowie seine ältere Schwester Cassie. LYNYRD SKYNYRD, die mit ihrem bluesigen, hitverdächtigen Southern Rock-Sound die Musik der Siebziger wesentlich geprägt haben, sind von einem Tag auf den anderen Geschichte.

Zehn Jahre später: Johnny Van Zant, Bruder des verstorbenen Originalsängers, vereinigt mithilfe von Gründungsmitglied und Gitarrist Gary Rossington Ex-Bandmitglieder und verbliebene Teile des Original-Lineups für eine spektakuläre Reunion-Tour zu Ehren der Verstorbenen. Wie ein Phönix aus der Asche erhebt sich LYNYRD SKYNYRD einmal mehr, um Fans weltweit noch einmal die Möglichkeit zu geben, Hits wie „Free Bird“, „Simple Man“ oder „Sweet Home Alabama“ live zu hören. Doch während auf den Touren vornehmlich die alten Klassiker im Vordergrund stehen, drücken Johnny Van Zant und Co. der Bandgeschichte auch ihren eigenen Stempel auf und veröffentlichen insgesamt neun Studioalben.

Aber auch Southern Rock-Legenden, so standhaft sie auch sein mögen, können nicht ewig weitermachen. Und so war es nur eine Frage der Zeit bis LYNYRD SKYNYRD ihren Abschied von den Bühnen dieser Welt bekannt geben mussten – jedoch nicht, ohne sich ein letztes Mal live von den zahlreichen Fans zu verabschieden! Ihre „Last of the Street Survivors Farewell Tour“ führt die Band auch noch einmal nach Deutschland. Dass metal.de dem Abschied der legendären Rockband auf den Grund gehen musste, versteht sich da von selbst. Also riefen wir kurzerhand bei Gitarrist und BLACKFOOT-Gründer Rickey Medlocke an, um etwas genauer nachzuhaken. Was der sympathische Multiinstrumentalist, der bereits Anfang der Siebziger in der Originalbesetzung am Schlagzeug aushalf, zu sagen hatte, lest ihr hier!

Lynyrd Skynyrd Tour

Hallo Rickey, vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast! Lass uns doch direkt beginnen: Mit eurer „Last of the Street Survivors Farewell Tour“ stehen die Zeichen wohl endgültig auf Abschied im Hause LYNYRD SKYNYRD. Was gab den Anstoß dazu, dass ihr ausgerechnet jetzt aufhört?

Naja, dafür muss man ein bisschen in der Zeit zurückgehen. Der Hauptgrund ist wohl ganz klar Garys (Rossington; Gitarrist und einzig verbleibendes Gründungsmitglied, Anm. d. Red.) gesundheitlicher Zustand. In den letzten fünf Jahren hatte er immer wieder starke Herzprobleme. Gary, aber auch der Rest von uns hatten einfach das Gefühl, dass es an der Zeit ist, damit aufzuhören, 80 bis 100 Shows im Jahr zu spielen. Das ständige Reisen wurde irgendwann auch sehr anstrengend. Hinzu kommt natürlich, dass wir endlich genug Zeit mit unseren Familien verbringen wollten. Wenn sich das alles summiert und dich belastet, dann musst du früher oder später so eine Entscheidung fällen.

Ende 2017 haben wir dann den Entschluss gefasst, ein letztes Mal groß auf Tour zu gehen und uns von unseren Fans so zu verabschieden. Dabei war es für uns ganz wichtig, diese Tour in drei verschiedene Abschnitte aufzuteilen, um möglichst viele Länder besuchen zu können: Letztes Jahr war der erste Teil, dieses Jahr sind wir etwa in der Mitte angekommen und ich bin mir sicher, dass sich die Tour noch bis ins Jahr 2020 ausdehnen wird. Für uns als Band stand und steht jedoch nach wie vor Garys Gesundheit im Vordergrund und ich denke wir sind in einem Alter, wo man das persönliche Wohl auch mal über das Wohl der Band stellen darf und auch muss. Alles andere wäre einfach falsch!

Wie du vorhin erwähnt hast, steckt ihr ja gerade mitten in eurer Abschiedstour. Wie waren die Shows denn bisher so?

Also, wie schon gesagt, den ersten Teil unserer Tour haben wir in den Staaten absolviert und es war phänomenal. Für uns war es wichtig, die Erwartungen der Leute noch einmal zu übertreffen und das ist uns, denke ich, gelungen. Wie du schon gesagt hast, stecken wir jetzt gerade mitten in der zweiten Phase unserer Abschiedstour. Tatsächlich bin ich gerade in Winnipeg, weil wir derzeit Kanada abklappern. Danach kommen wir dann nach Europa und je nachdem, wie sich das alles entwickelt, besteht auch die Möglichkeit, dass wir später für einige Zusatzkonzerte noch einmal zurückkehren.

Hast du denn schon Pläne für die Zeit nach eurem Abschied?

Genau wie jeder andere in der Band habe ich natürlich eigene Projekte, auf die ich mich danach konzentrieren werde. Allerdings kann ich sagen, dass es LYNYRD SKYNYRD auf die ein oder andere Weise wohl immer geben wird. Wir werden sicher noch hier und da besondere Events ausrichten und dort auch auftreten. Außerdem haben wir sogar ein Angebot aus Las Vegas vorliegen, wo wir ein paar Mal im Jahr auftreten könnten. Die Band wird sich auch nach ihrer Abschiedstour nicht einfach auflösen. Wir wollen auf jeden Fall auch noch ein neues Album herausbringen. Keiner weiß, was die Zukunft bringen wird, aber wir werden ganz sicher nicht von einem Tag auf den anderen in Rente gehen oder sowas.

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann plant ihr lediglich, in Zukunft nicht mehr so viel zu touren. Von einem kompletten Abschied kann also keine Rede sein, oder?

Also ich sehe das so: Gary (Rossington), Johnny (Van Zant) und auch ich haben unser ganzes Leben damit verbracht, auf der Bühne zu stehen, Gitarre zu spielen oder am Mikrophon alles zu geben. Du wachst nicht eines Tages auf und beschließt schlagartig, damit aufzuhören. MERLE HAGGARD, einer der unserer absoluten Helden, wurde einmal gefragt, warum er mit seiner Musik immer und immer weitermacht. Weißt du, was er darauf geantwortet hat? Er meinte: „Weil das genau das ist, was ich eben tue!“ Da war er 87 Jahre alt. Und genau so sehe ich das auch. Musik ist einfach, was wir tun und deswegen hören wir damit nicht plötzlich auf. Dieser Drang und die Freude daran, zu performen, wird wohl nie verloren gehen.

Dennoch bedeutet die „Last of the Street Survivors Farewell Tour“ zumindest das Ende für die ganz großen Touren mit LYNYRD SKYNYRD. Du hast mit der Band in den letzten Jahrzehnten hunderte von Konzerten gespielt. Gibt es da eine bestimmte Show, auf die du immer zurückblicken wirst, weil sie für dich ganz besonders war?

Ja und nein. Es gibt dutzende Shows, die für mich ganz besonders waren und an die ich mich immer erinnern werde. Wir wollten beispielsweise schon immer einmal in der Royal Albert Hall in London spielen und weißt du was? Wir haben das geschafft! Das war eine von diesen Nächten, wo du dir wünschst, dass sie nie endet. Oder nimm unsere Heimatstadt Jacksonville, Florida: Wir durften dort letztes Jahr eine Show im TIAA Bank Field (Spielstätte der NFL-Mannschaft Jacksonville Jaguars, Anm. d. Red.) vor 70.000 Leuten spielen – das war ein unvergesslicher Abend, den wir zum Glück auch auf DVD festgehalten haben. Aber zurück zum Wesentlichen: Es gibt natürlich immer wieder solche Momente, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist für mich wirklich jede Show besonders. Ich vergleiche einzelne Shows nicht miteinander, für mich ist es immer und überall besonders, auf der Bühne stehen zu dürfen.

Ich muss aber ganz ehrlich sagen, dass ich mit Europa wirklich nur positive Erinnerungen verbinde. Egal, ob ich mit LYNYRD SKYNYRD oder mit BLACKFOOT dort war, es war immer ein tolles Gefühl, dort zu touren. Unsere Konzerte in Europa gehören zu den schönsten Dingen, die ich in meiner Karriere als Musiker erleben durfte. Dafür bin ich unendlich dankbar!

Lass uns zu etwas anderem kommen: LYNYRD SKYNYRD gehört ja fraglos zu den ganz großen Rockbands unserer Zeit. Eure Musik wird ewig weiterleben und ihr habt euch als echte Institution in der Musikwelt etabliert. Dennoch wird die Band selber natürlich nicht für immer weiterexistieren. Gibt es eine junge Band, der du zutraust, dass sie eines Tages in eure Fußstapfen treten wird?

Naja, es gibt natürlich schon Bands wie BLACKBERRY SMOKE, BLACK STONE CHERRY oder THE CADILLAC THREE, die ich für außerordentlich talentiert halte und mit denen ich auch privat sehr gut befreundet bin. Dann gibt es noch BISHOP GUNN, von denen ich auch wirklich unglaublich viel halte. Aber ich glaube, dass keine dieser Bands jemals den Platz von LYNYRD SKYNYRD einnehmen wird. Zunächst einmal halte ich es für absolut unwahrscheinlich, dass eine Band jemals wieder einen Song wie zum Beispiel „Free Bird“ oder auch „Sweet Home Alabama“ schreiben wird. Das sind eben Hits, die wirklich jeder kennt und die einfach zeitlos sind. Es ist unglaublich schwierig, Songs zu schreiben, die einerseits die Musikgeschichte beeinflusst haben und andererseits auch noch lange in den Köpfen der Leute bleiben, nachdem es die Band gar nicht mehr gibt. Klar, man kann es nicht vollkommen ausschließen, dass es jemals wieder eine Band wie LYNYRD SKYNYRD geben wird, aber die Chancen stehen meiner Meinung nach fast bei null.

Ich glaube, wir sind uns darin einig, dass LYNYRD SKYNYRD wohl für immer die wichtigste und prägendste Southern Rock-Band aller Zeiten bleiben wird. Wie würdest du denn den Erfolg, die Wichtigkeit und das Erbe der Band in deinen eigenen Worten zusammenfassen?

Ich glaube, schon allein der Name legt den Maßstab fest, an dem das Schaffen der Band gemessen werden kann. Es gibt tausende von Bands und Musikern, die sich auf LYNYRD SKYNYRD als einen ihrer Einflüsse oder sogar ihren Haupteinfluss berufen. Ronnie Van Zant, der Originalsänger, war ein Genie, was Songwriting angeht. Zusammen mit Gary (Rossington) und Allen (Collins) hat er unglaubliche Songs geschrieben. Er hat für wahre Magie gesorgt. Und ich nenne es Magie, weil es einfach kein anderes Wort dafür gibt und weil nur ganz wenige Personen diese Gabe besitzen. Die drei haben zusammen wirklich gezaubert und zwar so, wie es nur wenige vor ihnen und noch viel weniger nach ihnen geschafft haben. Das ist diese Art von Magie, die es auch zwischen Mick Jagger und Keith Richards oder zwischen Bon Scott und den Young-Brüdern gab. Genau diese Magie sorgt dafür, dass du als Band unsterblich wirst. Die Leute hören deine Songs auch noch Jahrzehnte nachdem sie erschienen sind und spüren diese Magie.

Bitte versteh mich aber nicht falsch. Ich sage nicht, dass es heute keine sehr guten Songwriter mehr gibt. Es gibt unglaublich talentierte Leute da draußen! Wo wir wieder bei BLACKBERRY SMOKE wären, die mit Charlie Starr einen der großartigsten Songwriter haben, die ich persönlich kenne. Und auch die anderen Bands, die ich dir vorhin genannt habe, wissen definitiv, wie man gute Songs schreibt. Aber ich glaube, die Musikwelt hat sich dahingehend geändert, dass es diese Hits zwar schon noch gibt, sie nur niemand dementsprechend würdigt oder vielleicht gar nicht erst erkennt. Und das tut mir echt weh!

Die Jungs werden vermutlich nie ein Platin-Album herausbringen und zwar nicht, weil sie zu schlecht sind, sondern weil das Business hart arbeitenden Bands oft einen Strich durch die Rechnung macht. Es geht nur noch um Downloads, um Streaming und all sowas. Davon kann kein Mensch leben, die wenigsten verdienen damit überhaupt was. Wo ist also der Ansporn, etwas Großartiges zu schaffen, wenn du am Ende des Tages sowieso nicht dafür gewürdigt wirst? Du lebst von Touren, du lebst vom Merchandise, wenn du Glück hast, kaufen ein paar Leute tatsächlich noch deine CD, aber das war es dann schau schon. Das digitale Zeitalter hat die Musikwelt einfach zu sehr verändert!

Früher hast du eine Millionen Platten verkauft und konntest davon mehr als gut leben. Heute wird dein Album eine Millionen mal gestreamt und am Ende des Tages kriegst du dafür ein paar Cent. Früher bist du auf Tour gegangen, hast Alben geschrieben und wurdest für all deine Anstrengungen belohnt. Heute ist es fast so, als würdest du deine Musik verschenken. Die Leute laden sich die Songs irgendwo runter oder streamen sie und bekommen dein gottgegebenes Talent gleich noch gratis mit dazu.

Also würdest du der Aussage zustimmen, dass es im Vergleich zu früher heute um ein vielfaches schwieriger ist als Musiker Erfolg zu haben?

Ja, ich denke schon. Ich denke manchmal, dass es früher vielleicht sogar einfacher war, ein Multiplatin-Album herauszubringen, als heute überhaupt überdurchschnittlichen Erfolg zu haben. Ich komme noch ein letztes Mal auf die Bands zurück, die ich dir vorhin genannt habe: Die Jungs von BLACK STONE CHERRY oder BLACKBERRY SMOKE sind Jahr für Jahr jeden Tag entweder im Studio oder auf Tour. Und ja, sie haben sich einen Namen gemacht, man kennt sie bei uns, man kennt sie bei euch. Aber zu welchem Preis? Sie sind nonstop mit ihrer Band beschäftigt, müssen Alben schreiben, aufnehmen, live präsentieren und dann das Gleiche wieder von vorne. Das ist wirklich hart!

Ja, das klingt tatsächlich nach sehr viel Stress. Unsere Zeit ist leider vorbei, aber du hast noch einmal die Möglichkeit, unseren Lesern alles zu sagen, was dir sonst noch auf dem Herzen liegt.

Sagt einfach jedem, dass LYNYRD SKYNYRD zurück sind, wir fühlen uns großartig und freuen uns auf die Tour seit dem Tag, an dem wir sie bestätigt haben. Wie ich anfangs schon gesagt habe, wenn alles klappt, dann kommen wir sogar noch einmal zurück! Bis bald!

Quelle: Rickey Medlocke, Lynyrd Skynyrd
12.03.2019

"What is this that stands before me?"

Interessante Alben finden

Auf der Suche nach neuer Mucke? Durchsuche unser Review-Archiv mit aktuell 31364 Reviews und lass Dich inspirieren!

Nach Wertung filtern ▼︎
Punkten
Nach Genres filtern ►︎
  • Black Metal
  • Death Metal
  • Doom Metal
  • Gothic / Darkwave
  • Gothic Metal / Mittelalter
  • Hardcore / Grindcore
  • Heavy Metal
  • Industrial / Electronic
  • Modern Metal
  • Pagan / Viking Metal
  • Post-Rock/Metal
  • Progressive Rock/Metal
  • Punk
  • Rock
  • Sonstige
  • Thrash Metal

Kommentare