Pallbearer
"Live-Auftritte sind das Aushängeschild einer Band"

Interview

metal.de: Der Pressetext sagt ebenso: „Das letzte Jahr war Zeit zum reflektieren.“ Ist das etwas, was eurer Ansicht nach generell zu kurz kommt oder ist das eher eurer persönlichen Situation geschuldet?

BC: Nun, ich denke wir sind alle reflektierte Personen in der Band, aber der letzte Tour-Zyklus war wirklich intensiv. Das waren zwei Jahre fast pausenlos auf Tour, wir hatten kaum Zeit auszuruhen. Unser Drummer Mark hatte eine Lungenetzündung, ich hatte eine Stirnhöhlenentzündung für sechs Monate oder so. Wir konnten uns schlicht nicht erholen. Du ziehst das durch, Aufstehen, Soundcheck, jeden Tag. Da denkst Du: Gebt mir ein Hotelzimmer, ich möchte mal einen ganzen Tag schlafen (lacht).

In der Zeit von der Fertigstellung und Touring zu „Heartless“ bis zum Anfang von „Forgotten Days“ hatten wir dann die Chance daheim zu sein. Mein Leben ist weniger chaotisch als in den letzten zehn Jahren, ich habe ein stabiles Leben, wir sind eigentlich alle an einem guten Platz in unseren Leben. Wir haben die Chance nach Hause zu kommen und fühlen uns da emotional stabil. Und da fragt man sich: Vom Anfang von PALLBEARER vor zwölf, dreizehn Jahren bis jetzt – was hat sich da verändert? Wie sind wir dahin gekommen, wo wir jetzt sind? Wie sind wir anders, als zur Anfangszeit der Band? Was sind die Veränderungen?

Und beim Thema Alzheimer: Wir sehen das in der Familie und wir haben angefangen zurück zu schauen, was sich geämdert hat. Nicht, dase die Welt sich verändert hat, sondern unsere Perspektive. Und so wie du dich veränderst, ändert sich auch dein Blick auf die Vergangenheit. Ich bin jetzt nicht über-sentimental oder nostalgisch, ich bin eher die „Leben-im-Moment“-Person. Ich hänge jetzt nicht ständig in der Vergangeheit, das ist ein gefährlicher Weg, der dich verbittern kann. Aber von Zeit zu Zeit zurück zu schauen und das in einen Kontext zum Jetzt zu setzen, hilft deine Zukunft zu gestalten. Zu entscheiden, wer Du sein willst. Um dich zu bessern, musst Du verstehen, wie Du geworden bist, wer du aktuell bist.

Konzertfoto von Pallbearer - Europatour 2018

Pallbearer – Live

metal.de: Die Beschreibung des neuen Albums als „mit weniger Komplexität und kompositorischem Maximalismus“ hat erstmal überrascht. Nun ist „Forgotten Days“ ja alles andere als Easy-Listening. Was war die Absicht hinter der Rückkehr zu den Anfangstagen von PALLBEARER?

BC: Das ist eine thematische Schleife von Joe, eine der Geburtsmomente von PALLBEARER war ja die tödliche Erkrankung seiner Mutter. Er hatte das Gefühl, damit nicht abgeschlossen zu haben. Er fühlte diese emotionalen Wände, trank zu viel, er fand all diese Wege ungesund mit einem traumatischen Ereignis in seinem Leben umzugehen, das er nicht abschließen konnte. Das ist eine Sicht, wie wir auf „Sorrow & Extinction“ zurück blicken, das ist Joes Verbindung mit den damaligen Ereignissen, mit Ereignissen, die PALLBEARER begründet haben.

So ist das thematisch verbunden. Auch wenn die Texte von „Sorrow & Extinction“ das so nicht direkt wiederspiegeln, Joe und ich haben alle Emotion damals in diese Platte gegeben, und wir referenzieren das auch in der Musik. So klingt die Musik eben manchmal nach „Sorrow & Extinction“. Aber ich denke, das ist eh immer da und es ist auch unser Versuch Dinge nicht übermäßig zu verkomplizieren. „Heartless“ war ein immens groß komponiertes Album, es ist Komplex, viele Schichten, es ist viel los, es ist sehr dicht. Wir haben uns diesmal darauf fokussiert, Elemente abzuschälen, die wir fast als Exzess betrachten und uns mehr auf den Kern zu konzentrieren. Das ist der Sound von PALLBEARER, die Grundidee davon, was PALLBEARER ist. Also wenn man noch keine Musik von uns kennt, dann ist „Forgotten Days“ ein guter Einstieg. Es enthält alles, was wir vorher gemacht haben – nicht beabsichtigt, aber es ist wohl so.

metal.de: Ihr habt erstmals mit Randall Dunn gearbeitet, der auch für SUNN O))), EARTH – und, nicht zuletzt, WOLVES IN THE THRONE ROOM tätig war. Habt ihr neue Ideen für euren Sund eingebracht oder war das sein Beitrag zu dem Album?

BC: Es war schon beides. Er hat den Live-Sound für uns gemacht, so für sechs oder sieben Shows, während der „Heartless“-Zeit. Und wir endeten seinerzeit dabei, über Methodik zu reden, wie wir die Aufnahmen unsere Alben angegangen sind. Wir hatten bislang keinen „Produzenten“, wir haben erklärt, was wir wollen, und die Techniker haben das dann gemacht. Aber als wir mit Randall sprachen, merkten wir, dass unser Ansatz sehr ähnlich war und er ist tatsächlich ein Produzent! Und er weiß, was er tut. (lacht) Wir sagten ihm, was unser Ziel ist und seine Arbeitsweise ist unserer sehr ähnlich – aber er ist halt besser darin als wir.

Er konnte uns Ideen anbieten, aus der Sicht eine Produzenten, die wir einfach nicht hatten. Das ist wirklich wertvoll. Wir haben das in knapp über zwei Wochen aufgenommen, das ist verrrückt für uns. „Heartless“ dauerte knapp fünf Wochen, „Foundations Of Burden“ auch. Und das waren zwölf Stunden Aufnahme am Tag. Mit „Forgotten Day“ haben wir sieben bis acht Stunden am Tag gemacht, über zwei Wochen. Wir haben es sehr effizient gestaltet und die Arbeit mit Randall sehr genossen. Er ist auf dem selben Level.

Konzertfoto von Pallbearer - Europatour 2018

Konzertfoto von Pallbearer – Europatour 2018

metal.de: Nun ist es ja derzeit leider gar nicht – oder maximal sehr eingeschränkt – möglich live aufzutreten. Wie sehr trifft euch das als Band? Und wie bedeutsam sind Live-Shows für PALLBEARER im Allgemeinen?

BC: Au, das ist schon sehr wichtig. Es ist das Aushängeschild einer Band und es ist extrem wichtig live zu spielen. „Forgotten Days“ ist geplant zu klingen, wie wir live klingen, aufgenommen ziemlich roh. Die Songs wurden geschrieben um live gespielt zu werden. Ironischerweise wird nun niemand in nächster Zeit live spielen – aber: Eines Tages!

metal.de: Ihr seid sicher vertraut mit dem Konzept „Band XY spielt Album Z in Gänze“. Wäre es für den zehnten Geburtstag von „Sorrow & Extinction“ 2022 denkbar, dieses Konzept umzusetzen?

BC: Ja, wir haben wirklich darüber nachgedacht. Wir werden ja sehen, ob es eine Chance gibt 2022 (lacht). Wir haben über das Touring von „Forgotten Days“ gesprochen und über den Abschluss des Tour-Zyklus in diese Richtung gedacht. Und auch daneben hatten wir große Pläne für die Zeit nach „Forgotten Days“, ein drei bis vier-Jahresplan, der wirklich großartig gewesen wäre. Aber: Es ist eine Möglichkeit, vielleicht dann keine ganze Tour, aber vielleicht ausgewählte Shows.

metal.de: … und wenn Du eine solche Performance einer anderen Band erleben könntest: Was wäre deine Wahl?

BC: Schwere Frage. Aber PINK FLOYD, „Dark Side Of The Moon“, mit großer Produktion, wäre wohl meine Wahl (lacht).

metal.de: Vielen Dank nochmal! Hast Du noch einige berühmte letzte Worte?

BC: Danke für den Support -und ich nerve meine Freundin schon, wie sehr ich mal wieder nach Deutschland kommen möchte. Helft mir einzuwandern, ich muss hier mal raus (lacht). Ich freue mich darauf zurück zu kommen, und hoffentlich ist diese traurige Zeit früher als später vorbei und wir können wieder das tun, was wir lieben – Shows spielen!

Galerie mit 15 Bildern: Pallbearer - Europatour 2018

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19.11.2020

Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!

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