Spere
"Die Synthies machen, was sie wollen."

Interview

Mit „Blotters In Saline Water“ brechen SPERE zu neuen, psychedelischen Ufern auf. Auf Tour treffen wir Niklas und Benjamin aka Tempestas und sprechen über die bewusstseinserweiternden Nebenwirkungen von Lysergsäurediethylamid, EDM-Drops (lassen die sich eigentlich auch auf einen Blotter träufeln?) und die Tücken von Metallpigmentschminke.

Ohne euch in rechtliche Schwierigkeiten zu bringen – woher kam die Idee für „Blotters In Saline Water“?

Niklas: Witzigerweise ist der Titel sogar die runtergewässerte Version. Wir wollten es erst komplett Balls Out machen. Nach dem Motto: Als neue Band, die ein neues Konzept fährt, machen wir jetzt auch noch etwas anderes Provokatives. Wie man vielleicht hört, geht das Album stark in eine psychedelische Richtung. Ursprünglich sollte es „LSD at Sea“ heißen.

Beziehungsweise ich wollte das erst und dachte dann: Kriegen Benni oder ich da Probleme? Erst hat er gesagt: „Nee Niklas, das reicht.“ Dann hat er aber doch gemeint, es würde passen. Dann haben wir das fast so gemacht – und dann kurz vorm Album habe ich kalte Füße bekommen.

Der Titel hätte bedeutet, dass wir unser Album mit dem Begriff LSD in den sozialen Medien immer zensieren müssen. Das hätte was, aber ich glaube, das würde uns die eine oder andere Sache verwehren, von der wir jetzt noch gar nichts wissen. Shops zum Beispiel, die sagen, sie wollen solche Titel nicht haben.

Also ist „Blotters In Saline Water“ eigentlich die Light-Version davon. Blotter sind die Löschpapiere, auf die Lysergsäure geträufelt wird. Es soll ja halluzinogene Substanzen geben, die durchaus beim kreativen Schreibprozess helfen und eine gewisse Verzerrung in das einbringen, was du schreibst und was du hörst. Ich habe versucht, Töne auf diesem Album zu rekreieren, die dieses Gefühl wiedergeben.

Beispielsweise auf dem Titeltrack: Dieses Instrumentalstück hat einen Sound, der wie Stimmen, aber keine Stimmen klingt – eher wie ein Murmeln vielleicht. Ich habe mir von anderen Menschen sagen lassen, dass das ein sehr LSD-getreuer Sound sein soll.

Genau so kam das dann zustande. Und das Ganze haben wir mit einer Sache kombiniert, die wiederum Benni am Herzen liegt. Es war schon immer seine Idee, eine maritime Thematik mit dabei zu haben. Schon beim Cover für das erste Album wollte er gerne eine maritime Szene mit Schiffen und so weiter haben.

Benjamin: Aber nicht diesen Panzerkreuzer-versenken-Quatsch, nicht diesen War-Metal-Kram, sondern eher in Richtung Steampunk.

Niklas: Eher romantisch. Das wollte er schon von vornherein haben, aber das hatten wir erst mal ad acta gelegt. Beim zweiten Mal dachten wir, wir haben jetzt diesen neuen Sound und den kombinieren wir mit den thematischen Ideen, die er gerne schon von vornherein dabeihaben wollte. Und dadurch ist diese wirre, psychedelische Reise durchs Meer entstanden.

Blotters In Saline Water artwork by Timon Kokott_hires

Klanglich ist „Blotters In Saline Water“ ganz anders als euer erstes Album „Eight – Led To The Beam“. Was sind die Sachen, die ihr noch als Gemeinsamkeit identifizieren würdet? Der Grund, weswegen ihr sagt, es ist immer noch dieselbe Band?

Benjamin: Wir beide sind noch da.

Niklas: Darauf kann man es wirklich herunterbrechen: dieselbe Konstellation an Bandmitgliedern.

Wir sehen das auch selber so. Das hört man allein in unserem Live-Set. Das alte Album ist für uns komplett Geschichte. Das Set besteht zu 95% aus dem neuen Album. Wir haben nur noch einen Song vom alten Album dabei – und ich weiß auch gar nicht warum, wahrscheinlich aus Bequemlichkeit.

Benjamin: Zum Teil ist es ganz pragmatisch, weil wir es nicht geschafft haben, den letzten Song noch livefähig zu proben. Das ist ein ganz banaler Grund, ansonsten hätten wir das wahrscheinlich gemacht.

Niklas: Dann hätten wir das Album vielleicht einfach am Stück durchgespielt, aber das werden wir sonst einfach nächstes Mal machen.

Um das zusammenzufassen: Wir haben einen kompletten Neustart wagen wollen. Wir sind nach „Eight – Led To The Beam“ auf ein paar Probleme gestoßen, nachdem wir angefangen haben live zu spielen. Wir haben beide gesehen, dass das Konzept nicht so funktioniert, wie es gerade ist.

Auf Platte hat es noch funktioniert, aber nicht live. Das ist zu dünn und ehrlicherweise ist es mir zu schwierig, vorne wirklich Riffs zu spielen. Ich halte unser erstes Album für solide, aber für nichts Besonderes. Das ist nichts, was die Welt braucht.

Aber dieses schon?

Niklas: Ja, dieses schon!

Benjamin: Es war wirklich so: Das war echt nackt auf der Bühne und irgendwie komisch. Es hat sich nicht wie ein Zwei-Mann-Projekt angefühlt, das irgendwie knallt, sondern eher so, als würde die Hälfte der Band fehlen, weil es relativ normale Musik war. Metal, den du überall hörst.

Ich glaube weder bei den Zuschauern noch bei uns hat es dieses Feeling ausgelöst, dass du sagst, es sind nur zwei Leute auf der Bühne und trotzdem passiert da ganz viel. Das ist mit den Synthie-Sachen, die wir jetzt dabeihaben, ganz anders.

Das ist wie ein eigenes Instrument oder wie zwei zusätzliche Musiker. Das merkst du auch, wenn du es mit anderen Bands vergleichst, die auch Synthies benutzen, aber mehr als Backing-Tracks. Da dürfen die Sounds sich nicht so in den Vordergrund schieben, sondern die Band ist im Vordergrund und die Synthies eher Hintergrundgeräusch.

Bei uns hat alles so viel Bass, dass du mehr Synthies als Gitarre hörst, das ist ganz anders produziert.

Niklas: Wir können das gar nicht genug betonen, wenn wir dem Soundmann sagen: „Hau das schön in den Vordergrund.“ Das ist melodiegebend, das ist bei uns nichts, das nur irgendwie ein bisschen nach vorne geht, das macht mehr als die Gitarre. Die Gitarre macht einfach nur Noise im Hintergrund.

Das ist auch dieser Paradigmenwechsel, den wir jetzt haben. Vorher war die Gitarre melodiegebend und dann haben wir nach dem ersten Gig gemerkt, man ist das nackt hier auf der Bühne. Und dann habe ich angefangen unter unser damaliges Set mit dem ersten Album einfach überall dezente Synthies, zum Beispiel Streicher, drunterzulegen, damit wir ein bisschen Boden haben.

Diesmal ist das komplett vertauscht. Jetzt macht die Gitarre ein bisschen den Boden und die Synthies machen, was sie wollen. Das ist auch praktisch: Die spielen immer das Gleiche, die können sich auf der Bühne nicht verzocken.

Gibt es irgendwas von eurem ersten Album, das ihr bewusst mitgenommen habt? Wenn es nicht der Sound ist, vielleicht eine Herangehensweise oder ein Mindset, das ihr bewusst mit ins zweite Album nehmen wolltet?

Niklas: Definitiv das Mindset der Zwei-Mann-Kombo. Aber wir haben darüber nachgedacht: Machen wir das jetzt anders? Machen wir aus SPERE jetzt eine normale Band? Aber dann ist es nichts Besonderes mehr, wie es es vorher war. Das ist der Kern gewesen.

Darauf aufbauend ist auch alles gekommen, diese ganzen Ideen, als wir überlegt haben: Wie schaffen wir das? Die Idee, zu zweit zu spielen, war da, bevor die Synthies und die anderen Ideen überhaupt da waren. Das war einfach unsere Art, uns in der Not zu helfen.

Die ganze Idee mit den Synthies ist mehr oder weniger ein Spin-off eines HORN-Songs gewesen. Der stammt vom Album „Verzet“ und heißt „Protektor“. Das war ein Song, auf dem ich zum ersten Mal diese ganz typischen Synthies eingebaut habe, die jetzt auf „Blotters In Saline Water“ zu hören sind. Wie eine aggressive Panflöte.

Der Song war eigentlich ein Wegwurfding, bei dem ich dachte, wir machen das jetzt einfach nur, weil es ein Album ist, und dann gucken wir mal. Aber der Song ist dann supergut angekommen.

Dann kamen Benni und ich irgendwann in die Not: Wie machen wir jetzt weiter? Und dann hatte ich den Einfall, wir nehmen mal diese Idee und schmeißen die bei SPERE rein. In dem Kontext funktioniert es richtig gut und dann machen wir direkt eine ganze Band daraus.

Benjamin: Sonst gibt es, glaube ich, wenig, wo man sagt, das müssen wir jetzt von der ersten Platte beibehalten. Es ist einfach eine Entwicklung, und wir wären vermutlich nie darauf gekommen, es von null an so zu machen, wie wir es jetzt tun. Es gibt Bands, die entwerfen von Tag eins an ein Konzept am Reißbrett, aber das hätte bei uns gar nicht geklappt.

Niklas: Es klingt jetzt sehr theatralisch, aber ich würde es wirklich als eine Art Neugeburt bezeichnen.

Das, was wir jetzt fahren, da kriegen wir auch ganz andere Resonanzen. Das ist sehr erkennbar, allein an den Verkaufszahlen. Es war eine Suche und wir haben jetzt gefunden, was wir spielen möchten.

Galerie mit 20 Bildern: Spere - Walpurgisnacht 2025 Vol. 4 in Berlin

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19.10.2026

"Es ist gut, aber es gefällt mir nicht." - Johann Wolfgang von Goethe

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