The Haunted
Interview mit Per Møller Jensen zu "Unseen"

Interview

Bei THE HAUNTED ist anno 2011 wieder einmal alles anders als zuvor: Vor fünf Jahren überraschten sie ihre Fans mit dem experimentellen Album „The Dead Eye“, gingen 2008 mit „Versus“ wieder einen Schritt zurück, und nun dringen sie mit „Unseen“ tiefer in neue musikalische Dimensionen vor als jemals zuvor. Gekonnt und überzeugend zugleich, aber so manchem Fan der ersten Stunde dürfte die musikalische Neujustierung nicht schmecken. Dies war aber nur eines von vielen Themen in unserem Gespräch mit Schlagzeuger Per Møller Jensen.

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Wolltet Ihr Eure Fans mit dem neuen Album ein weiteres Mal schocken?

Haha, die Leute fragen mich das immer. Nein, ich kann versprechen, dass wir niemanden wütend machen wollen. Das macht niemand. Wir müssen als Band schließlich unseren Kopf dafür hinhalten. Aber wir müssen zu dem Album stehen können, und wir sind keine Band, die ein Album zweimal aufnehmen möchte. Wenn wir uns gut dabei fühlen würden, eine Sache zu wiederholen, wäre das okay, aber das stand bei uns nie zur Debatte. Es ist immer eine Sache der Inspiration. Es ist eine Sache, als Künstler ehrlich Dir selbst gegenüber zu bleiben, und nicht, ein paar Fans zu gefallen. Aber damit ist es ja so eine Sache: Als wir „The Dead Eye“ aufgenommen hatten, haben es die Leute zunächst offensichtlich gehasst. Aber wenn wir heute live spielen, gibt es eigentlich keine Diskussion darüber, welche Songs am meisten abgefeiert werden. Ich weiß nicht genau, was man aus dieser Tatsache ableiten soll, vielleicht am ehesten, dass man das machen sollte, wonach man sich fühlt. Wir wollen aber definitiv niemanden mit unserer Musik anpissen.

Okay, wahrscheinlich hat jeder nach dem harten letzten Album und der Tour mit den Thrash-Göttern SLAYER damit gerechnet, dass Ihr daran anknüpfen und einen weiteren Thrash-Hammer aufnehmen würdet. Die Abkehr davon war aber keine bewusste Entscheidung?

Nein, es war niemals eine bewusste Entscheidung, dass wir jetzt wieder etwas anderes machen müssten. Es gab nur die eine bewusste Entscheidung, dass der Gesang die Richtung der Songs vorgeben sollte. Das kam daher, dass Dolving (Peter Dolving, Gesang – Anm. Verf.) diesmal hauptsächlich mit Gesangslinien ankam, die er mit Gitarrenakkorden begleitete, um die Tonalität aufzuzeigen. Anders (Björler, Gitarrist – Anm. Verf.) hat dann die Gitarrenriffs dazu ausgearbeitet. Das hat sich zum Songwriting zu „Versus“ schon ziemlich unterschieden, wo wir erst die Musik geschrieben hatten und dann erst die Gesangslinien.

Aber ohne jemandem Nadelstiche ins Herz setzen zu wollen: In gewisser Weise ist das die Art, wie man Popsongs komponiert, wo der Gesang sozusagen die emotionale Führung übernimmt und die Musik eher eine Zugabe ist. Dadurch fühlen sich die Stücke für mich aber mehr wie echte, universell funktionierende Songs an: Es ist völlig egal, ob sie als Reggae- oder Funknummer interpretiert werden. Die Qualität eines Stücks wird ja nicht dadurch bestimmt, dass man nun besonders schnell spielt. Vielmehr muss man den Raum zwischen den Noten mit Leben füllen. Ich würde das Groove nennen – ohne Groove bekommst du niemanden dazu, in der Disko zum Stück zu tanzen, mit dem Fuß mitzuwippen oder wild abzubangen.

Ihr hattet im Januar zwei oder drei Shows in Schweden: Habt Ihr Songs vom neuen Album gespielt?

Ja, wir haben „No Ghost“ gespielt. Aber generell haben neue Stücke, die noch niemand kennt, live einen schweren Stand. Die Leute sind dann immer ganz ruhig und hören lieber zu.

Wie schreibt Ihr die Songs?

Ich würde sagen, dass es eine Zusammenarbeit von uns allen ist. Auch wenn sich das in den Credits nicht so deutlich niederschlägt, trägt doch jeder ein wenig zum Songwriting bei. Wir schicken uns Songideen per Mail zu und jeder kann dann seinen Teil beisteuern. In der Vergangenheit haben wir versucht, die Songs im Proberaum zu schreiben, aber das artete eher in Streit aus. Es ist echt schwer, fünf Leuten teilweise seltsame Ideen erklären zu müssen und dann eine sofortige Antwort zu bekommen. Wir haben für uns rausgefunden, dass es besser klappt, wenn wir uns selbst mehr Zeit für die Ideen der anderen geben. Wenn wir uns zu Hause in Ruhe die Sachen anhören können.

Und das wäre auch Dein Wunsch, wie die Fans mit „Unseen“ umgehen?

Ja, genau, sie sollten sich die Scheibe erstmal in Ruhe wertfrei anhören und sich erstmal an das Tempo gewöhnen. Weißt du, die ganze Aggression und Frustration ist nach wie vor da, nur eben anders verpackt. Das ist vergleichbar mit jungen Fans, die ihre Wut dadurch ausdrücken, dass sie wild herumspringen, während die älteren Fans, die dasselbe fühlen, eher mit verschränkten Armen dastehen und zynisch reagieren. Es sind einfach unterschiedliche Ausdrucksweisen für dieselbe Sache.

„Unseen“ habt Ihr wie die Vorgängeralben in den Antfarm Studios bei Tue Madsen aufgenommen. Ihr hattet nicht das Gefühl, etwas an dieser Konstellation ändern zu müssen?

Wir hatten im Vorfeld das zwar diskutiert, aber letztlich sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es die beste Varante ist, das Album wieder bei Tue einzuspielen. Für uns ist es mittlerweile so, als würde man nach Hause kommen. Wir sind in dem Studio super entspannt. Außerdem vertrauen wir Tue vollkommen, weil er ein sehr musikalischer Typ ist. Er ist ein großartiger Gitarrist und hat ein gutes Gehör. Als wir ihm unsere Demos geschickt hatten, brauchte er sich die Sachen nur ein paarmal anzuhören und er wusste sofort, wo wir damit hinwollten. Wir mussten ihm nicht großartig erklären, was wir machen und wie wir klingen wollten.

Anders als „Versus“ habt Ihr die Songs nicht live im Studio aufgenommen. Warum habt Ihr die Vorgehensweise diesmal geändert?

Wir hatten das damals gemacht, weil es gut zu den Songs gepasst hatte, zu dieser Rohheit und Wut. Es war eine gute Erfahrung und hat uns als Band weitergebracht. Diesmal verlangten die Songs aber ein wenig mehr Finesse. Wir hatten das Gefühl, dass wir den Songs mehr Zeit widmen müssten. Deshalb haben wir die Songs ganz normal aufgenommen, erst das Schlagzeug, dann Gitarren, Bass, Gesang. Wir waren aber sehr gut vorbereitet und hatten die Songs sehr schnell im Kasten. Ich hatte beispielsweise im Vorfeld einen Monat Zeit, um meine Schlagzeugtracks vorzubereiten. Letztlich waren wir im Studio so effektiv, dass wir für die Gesangsaufnahmen ziemlich viel Zeit rausgeholt haben. Dolving konnte sich ein wenig mehr auf seine Gesangstechnik konzentrieren, ohne dass das unser Studiobudget gesprengt hätte.

The Haunted

Okay, lass uns mal über den Titel des Albums zu sprechen kommen. Ich musste bei „Unseen“ spontan an diese ganze Wikileaks-Sache denken, wo ja quasi das Unsichtbare sichtbar gemacht wurde.

Yeah, stimmt, „Unseen“ beschreibt den Stand der Welt, wie sie sich derzeit darstellt. Eine andere Bedeutung ist die, wie die Leute ihre Augen vor der Realität verschließen. Wie sehr wir unfassbare Dinge gewöhnt sind, dass wir uns gar nicht mehr klarmachen, wie beschissen sie eigentlich sind. Wir sehen die Sachen und müssten eigentlich um ihre Bedeutung wissen, aber wir reagieren nicht mehr darauf. Wenn du dir die Nachrichten anguckst, dann wirken sie mehr wie Unterhaltung, wie eine Dokumentation.

Eine weitere Bedeutungsebene ist die persönliche: Wie Leute sich selbst belügen, sich selbst bestrafen und missbrauchen, ohne dass sie die Mittel sehen, die Dinge zu ändern. Und zuletzt kann der Titel auch auf die Band und das Album selbst bezogen werden. Das Album repräsentiert eine Seite der Band, die die Fans bislang noch nicht gesehen haben.

Das Albumcover ließe wiederum eine andere Deutung zu: Der Insektenflügel und die Hand, die sich wie ein Schatten auf dem Flügel abzeichnet…

Ja, das ist einfach Kunst. Jeder kann sich selbst seine Deutung zurechtlegen, da möchte ich niemandem reinreden.

In den kommenden Monaten werdet Ihr auf Tour gehen. Worauf freust Du Dich besonders?

Von den Ländern freue ich mich besonders auf Japan. Ich kann das nicht genau beschreiben, aber ich mag eigentlich ganz Asien. Immer wenn ich da bin, fühle ich mich so friedvoll und gut. Genau das gleich eigentlich mit Südamerika. Worauf ich mich auch noch freue, ist der Auftritt in Wacken – das ist immer ein großer Spaß. Das letzte Mal haben wir Samstagabend dort gespielt, was wirklich fantastisch war.

Und ganz generell freue ich mich darauf, die neuen Sachen zu spielen und zu sehen, wie die Leute darauf reagieren. Live spielen ist aber auch, den Songs neues Leben einzuhauchen. Wenn du Songs im Studio aufnimmst, dokumentierst du einen bestimmten Zustand, meistens kurz nachdem du ihn geschrieben hast. Live entwickelt sich der Song aber immer weiter, jeder von uns experimentiert immer weiter damit, und so sollte es ja eigentlich auch sein. Hoffentlich bleibt der Song nicht drei Jahre lang gleich.

Letzte Frage: Du bist ja Däne, und die anderen sind Schweden. Als Du in der Band eingestiegen bist, in welcher Sprache habt Ihr miteinander gesprochen?

Oh, als ich 1999 bei THE HAUNTED eingestiegen war, konnte ich kaum Schwedisch sprechen. Es war einfach nicht gut genug, um ihnen zu folgen, wenn sie sich untereinander unterhalten haben. Und sie konnten kein Dänisch. Also haben wir anfangs Englisch gesprochen, was sich wirklich hilflos angehört hat, weil Schwedisch und Dänisch eigentlich die gleiche Sprache sind. Nach einem Monat haben wir uns dann darauf geeinigt, dass wir es mit Schwedisch versuchen sollten. Das hat dann langsam immer besser geklappt, und heute spreche ich perfektes dänisches Schwedisch. Aber echtes Schwedisch bekomme ich immer noch nicht hin, obwohl ich seit neun Jahren in Schweden lebe. Keine Ahnung warum, vielleicht liegt es an der unterschiedlichen Aussprache der Vokale. Heute weiß ich aber, auf welche Vokabeln es ankommt, weswegen ich zu 96 % Dänisch mit ihnen sprechen kann.

Danke für das Interview! Die letzten Worte gehören Dir.

Danke an alle, die die Band jemals unterstützt haben. Auch wenn Ihr denkt, dass wir heute Schwuchteln geworden sind oder die Karre in den Dreck gefahren haben – wenn Ihr jemals Spaß an unserer Musik gehabt habt, bedeutet mir das wirklich viel.

Galerie mit 19 Bildern: The Haunted - Graveland Festival 2017
07.03.2011

- Dreaming in Red -

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