Tombs
Interview mit Mike Hill

Interview

Tombs

Alben, die einen von der ersten Sekunde an vereinnahmen, gibt es nicht oft, aber es gibt sie. Extrem, ungestüm, düster und voller Energie – so präsentieren sich TOMBS auf ihrem Debüt „Winter Hours“. Das US-Dreiergespann selbst jedoch strahlt eine sehr sympathische Bodenständigkeit und Ehrlichkeit aus. Mit Gitarrist Mike Hill erforschen wir die Tiefen von „Winter Hours“…


Hallo Mike! Da ihr den meisten Lesern sicherlich noch kein Begriff seid, kommen wir um den obligatorischen Wer-Was-Wie-Warum-Teil nicht herum. Also bitte.

Momentan spielen bei TOMBS Carson Daniel James am Bass, Andrew Hernandez am Schlagzeug, sowie meine Wenigkeit an der Gitarre und am Mikro. Wir haben uns gerade mal vor knapp zwei Jahren in Brooklyn, New York zusammengefunden. Veröffentlicht haben wir bis jetzt unsere selbstbetitelte EP und eine Split mit der deutschen Hardcore-Band PLANKS auf meinem Label Black Box Recordings. Von der EP haben wir schon eine zweite Pressung anfertigen müssen, ebenso von der Split. Unser Name wurde von den berüchtigten Gefängnissen in Manhattan, „The Tombs“, inspiriert, und passt auch zur Stimmung unserer Musik: dark, heavy, depressing.

TOMBS ist allerdings nicht deine einzige Baustelle, soweit ich mitbekommen habe, hast du noch einige andere Projekte laufen.

TOMBS ist zwar meine Vollzeitband, aber ich habe das ständige Bedürfnis, mich als Songschreiber und Produzent weiterzuentwickeln. Für seine Hardcore-Band KING GENERATOR hat mich Dave Witte (MUNICIPAL WASTE, BURNT BY THE SUN) gebeten, den Gesang beizusteuern. Dave und ich sind schon seit ellenlanger Zeit gute Freunde und haben immer wieder darüber geredet, mal zusammen eine Band zu gründen. Jamie Thomson (SHANK, THE PROCESS) spielt Gitarre und schreibt die ganzen Riffs. Das ist ziemlich cool für mich, weil ich eigentlich nur die Texte schreiben muss.

VASILEK fing zunächst als Einmann-Projekt im Bereich Noise und Ambient an, aber ist dabei, zu etwas weitaus größerem herangewachsen. Ich habe Thomas Hooper, der auch das Artwork für unser neues Album gemacht hat, für die Texte und den Gesang mit ins Boot geholt. Das Songmaterial komponiere und produziere ich alles in meinem Heimstudio. Hauptsächlich sind es kleine Klangfragmente, Feldaufnahmen, Schlagzeugsamples, Synthesizer und Gitarren. Vergleichbar ist das höchstens mit solchen Sachen wie WOLF EYES oder XASTHUR.

Ich will halt einfach immer etwas machen, mich stets vorantreiben Neues zu schaffen.

TOMBS ist für mich so eine Drei-Mann-Band, die wie eine ganze Armee klingen, während manche Bands mit doppelt soviel Musikern noch nicht mal ansatzweise diese Kraft und Energie aufbringen. Was ihr spielt, trifft das, was man sich wohl unter „extreme metal“ vorstellt, mit am besten. Wie würdest du selbst eure Musik beschreiben?

Puh, das ist eine ziemliche komplizierte Frage und nur schwer zu beantworten, aber ich versuche es: Ich stelle mir, dass die Musik bei TOMBS vor allem ein Ausdruck, eine Repräsentation der Gefühle und Stimmungen innerhalb der Band ist. Manchmal ist sie hoffnungslos und düster, und manchmal steckt sie voller Sehnsucht und Verlangen. Wir sind alle Musikfans, so dass wir ganz natürlich eine Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse verarbeiten. Die Band bringt quasi alles zusammen, was wir aus allen anderen Bands, in denen wir bisher gespielt haben, mitgebracht haben, und das ist im Wesentlichen Metal, Hardcore und Punk.

Einen kleinen Einblick in diese Einflüsse gebt ihr auf eurer Myspace-Seite, wo eine ganze Reihe interessanter Bands und Musiker aufgelistet sind. Welche würdest du als essentiell für dich bezeichnen, und welche anderen Quellen der Inspiration bestimmen dein kreatives Schaffen?

Ganz wichtigen Einfluss auf unsere Musik haben JOY DIVISION, BLACK FLAG, SWANS und diverse Black-Metal-Bands wie z.B. GORGOROTH, LEVIATHAN und DARKTHRONE. Ich finde auch Filme wie „Deadman“, „Blue Velvet“ und „Firewalk With Me“ faszinierend. Auf literarischer Seite schätze ich vor allem die Werke von T.S. Elliot („The Wasteland“), Cormac McCarthy („The Road“) und die Poesie von William Blake.

Jeder Aspekt meines Lebens spiegelt sich in der Musik wieder und wird in ihren Grundstrukturen verwoben, allen voran meine Erlebnisse in der D.I.Y.-Hardcore-Szene und die Beziehungen zu den Leuten, die sich über die Jahre entwickelt haben. Das ist fast mein ganzes mein Leben.

Wie entstehen die Songs eigentlich bei euch, und wer trägt etwas dazu bei?

Hauptsächlich schreibe ich die ganzen Riffs und Texte, während wir die Arrangements dann zusammen bei den Proben herausarbeiten. Wir nehmen Demos unserer neuen Songs auf und verbessern sie dann kontinuierlich. „Winter Hours“ hatte eine ziemlich lange und beschwerliche ‚Vorproduktionsphase‘, wenn man es so nennen kann. Wir haben sehr intensiv geprobt, und ich habe ziemlich viel Zeit dafür investiert, um meine Texte und meinen Gesang zu verbessern. Allein vier bis sechs Stunden die Woche habe ich meinen Gesang trainiert, an den Demos gesessen und einen Plan entworfen, wie ich den Gesang für das Album gestalten wollte.

Wenn du jetzt zurückschaust, wie schätzt du die Erfahrungen mit eurer ersten EP ein? Wo siehst du die größten Unterschiede zu „Winter Hours“?

Die Musik auf „Winter Hours“ ist viel heftiger, viel intensiver. Bei der EP dreht es sich vor allem um die Atmosphäre und die Melodien, wohingegen „Winter Hours“ viel aggressiver und wütender rüberkommt. Außerdem haben wir uns für „Winter Hours“ ein professionelles Studio gesucht, während wir die EP noch in unserem Proberaum aufgenommen und in meinem Heimstudio gemixt haben. Die Produktion des neuen Albums zermalmt die EP gnadenlos.

Wie sind eigentlich Relapse auf euch aufmerksam geworden? War es die EP oder habt ihr live Eindruck schinden können?

Ich bin schon seit Jahren mit vielen Leuten bei Relapse befreundet. Letztes Jahr haben wir uns für eine Tour vorbereitet und ein Demo aufgenommen, welches wir während der Tour verkaufen wollten. Ich schickte Greg Drudy, dem Produktionsmanager bei Relapse, ein Exemplar davon. Er war sehr angetan von dem Stoff und hat es an Gordon Conrad und den Rest der oberen Etage weitergegeben. Als wir dann in Philadelphia, der Heimatstadt von Relapse Records, aufgetreten sind, waren sie beim Konzert, tja, und das war dann auch im Prinzip die ganze Geschichte.

Tombs

Deine Texte handeln von solchen Themen wie Endgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, Melancholie, Depression, Schicksal und dem Ende der Zeiten, aber auch Verbindungen zur gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Situation auf der Welt lassen sich ziehen. Könntest du ein bißchen ins Detail gehen, worum es in den einzelnen Songs geht?

Meine Texte sind im Grunde Reflektionen über Träume und Visionen, die ich im letzten Jahr erlebt habe. Ich hatte in dieser Zeit wiederkehrende Träume, die das Ergebnis von Angst und Depression waren. Acht Jahre George W. Bush können dir das antun.

Gossamer
Das Hauptthema dieses Songs ist die Erkenntnis, dass wir von der Regierung kontrolliert werden, und dass durch Angst unsere Sinne betäubt werden sollen. Er betrachtet auch die USA als ein totes oder im Sterben begriffenes Königreich, welches seine letzten Tage sieht.

Golden Eyes
Als ich eines Morgens erwachte, stellte ich mir vor, wie es wäre, im Irak tödlich verwundet zu werden. Was wäre das für ein Gefühl, wenn es einen in Stücke reißt, man aber trotzdem noch lange genug weiterlebt um zu wissen, dass man für Nichts gestorben ist? Ich stand auf und schrieb diesen Song.

Beneath The Toxic Jungle
Ein weiterer Song über den Krieg.

The Great Silence
Der Morgen graute, ich lag im Bett und dachte darüber nach, wie die Regierung normale Bürger in Tötungsmaschinen verwandelt. Was passiert eigentlich, wenn solche Tötungsmaschinen ihren Auftrag erledigt haben?

The Divide
Ein Song über die Einsamkeit, wenn man nachts alleine ist und nichts mit sich anzufangen weiß. Die Stunden vergehen wie Jahre, du kannst nicht schlafen, kommst nicht zur Ruhe, und die Angst hat dich voll im Griff.

Merrimack
Dieses Stück dreht sich um das ständige Verlangen nach mehr, ohne dass man merkt, dass es etwas Spezielles im Leben gibt, bis man es völlig zerstört hat.

Filled With Secrets
Als ich jung war, gab es dieses Mädchen, in das ich total verknallt war. Sie war hübsch, klug und kreativ aber sie hatte einen Hang zu zwielichtigen Typen. Sie verschwand und wurde irgendwann tot an einem Fluss in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, aufgefunden. Ich fing an Träume zu haben, in denen sie mir erschien und versuchte, mit mir zu sprechen, doch ich verstand ihre Sprache nicht. In den Träumen war sie immer noch jung und hübsch, doch man konnte die Blutergüsse an ihrem Hals erkennen, wo sie mit einem Seil erdrosselt worden war.

Seven Stars The Angel Of Death
Solange ich mich erinnern kann, hatte ich diesen Traum von einem unvorstellbar großen, außerirdischem Objekt, welches am Horizont auftauchte und die Sonne verdeckte. Langsam senkte es sich hernieder und zerstörte den Planeten. Dieser Song reflektiert diesen Traum.

Neben den bildgewaltigen Texten sticht auch die komplette grafische Gestaltung des Albums hervor. Das Cover zeigt eine Art ikonisches, fast schon sakrales Bild einer Frau, im Kontrast dazu sieht man auf der letzten Seite des Booklets einen mit Symbolen verzierten Schädel. Was kannst du uns dazu sagen?

Der kreative Prozess für das Album-Artwork zog sich über mehrere Monate hin. Thomas Hooper bat mich um einen Entwurf der Texte. Er konzentrierte sich dabei auf einige Passagen und begann Skizzen und Konzepte zu entwerfen. Das Gesicht auf dem Cover basiert auf einem Foto, dass ich von einer Statue der „Herrin vom See“ gemacht hatte, die bei einer Kirche steht, ganz in der Nähe wo ich aufgewachsen bin. Ich fand es interessant, dass die „Herrin vom See“ mit der katholischen Kirche in Verbindung gebracht wurde, weil sie eigentlich heidnischen Ursprungs ist, und auch in der mittelalterlichen Literatur auftaucht [siehe auch Nimue, Anm. d. Verf.]. Es war ein beeindruckendes Bild.

Die Symbole stammen aus der Alchemie, das Hauptsymbol ist der zu- und abnehmende Mond. Auf persönlicher Ebene stehen sie für die Verbindung des Menschen zu den Elementen und der Natur. Trotz aller menschlichen Versuche, sich die Natur untertan zu machen, ist er immer noch an die Gezeiten und die Mondphasen gebunden.

Ihr kommt aus Brooklyn, welches auf eine lange Geschichte und Szene mit Tradition blicken kann. Was denkst du über ‚die‘ Szene, fühlt ihr euch als Teil von ihr oder eher einem kleineren Kreis zugehörig? Wie schwer ist es für eine Band wie TOMBS, sich in diesem riesigen Dschungel der Musik durchzuschlagen?

Es ist eher eine kleine, eingeschworene Gruppe von Musikern, zu denen wir uns zählen. Wir sind im Prinzip Freunde, die zusammen Musik machen, aber als „Szene“ würde ich das nicht bezeichnen. Zu den Bands in diesem Umfeld gehören DEFEATIST, BLACK ANVIL, WETNURSE, INHUMAN, DISASSOCIATE sowie einige andere, z.B. DEATHCYCLE, DISNIHIL und THE COMMUNION.

Im Prinzip ziehen wir unser eigenes Ding durch. Wir wollten nie eine von diesen „local bands“ sein. Für mich wäre es eher ein Scheitern, wenn ich nur in New York spielen würde, so wie es manche karriereorientierten Bands tun. Viele von denen denken, dass sie nur vor dem richtigen Typen vom richtigen Label auftreten müssten, und schon kämen Reichtum und Ruhm. So eine Denkweise finde ich ziemlich armselig.

Ansonsten kommen wir ganz gut über die Runde. Es ist nie leicht, man muß stets hart arbeiten und dran bleiben, um weiter zu kommen.

Einbrechende Verkaufszahlen in der Musikwelt, der proklamierte Untergang der Musikindustrie, Piraterie und und illegale Downloads – über dieses Thema haben sich schon viele Leute den Kopf zerbrochen, ohne dass man dadurch ein klareres Bild von der Zukunft bekommen hätte.
Wie denkst du über dieses Thema, was bedeutet Musik für dich?

Musik war schon immer mehr das Live-Ding für mich. Ich bin der Typ, der auf Tour ist, und meiner Meinung nach taugen nur solche Bands was, die ihre Botschaft jede Nacht aufs Neue live rüberbringen können. Dieses ganze Gerede über Piraterie und schwindende Verkäufe bedeuten in meinen Augen, dass man als Band nicht mehr abkacken kann – man muss einfach eine herausstechende, überzeugende Band sein, die die Leute auch live spielen sehen wollen.

Geklaut wurde Musik doch schon immer. Ich meine, hast du nie mal nen Mixtape für deine Freunde gemacht? Ich war immer berüchtigt für meine radikalen Mixtapes. Immer, wenn ich auf ein Mädchen abgefahren bin, hab ich ihr so eine Kassette aufgenommen. Du hast doch sicherlich auch mal was für Freunde überspielt. Ich habe mir die kompletten Alben von BLACK SABBATH auf Kassette aufgenommen, was mich trotzdem nicht daran gehindert hat, sie später zu kaufen.

Wir werden bald sehen, wohin sich das Ganze entwickeln wird.

Damit wären wir fast am Ende. In ein paar Tagen werdet ihr eine Release Show für „Winter Hours“ spielen. Was ist dir eigentlich lieber, die gemütliche Clubatmosphäre oder gefüllte Hallen und Festivals?

Ich liebe es einfach, live zu spielen, allerdings habe ich noch nie auf einem großen Open Air Festival gespielt, daher habe ich keinen Vergleich. Auf jeden Fall genieße ich die Auftritte in kleinen Clubs, wo man hinterher noch abhängen und mit den Leuten reden kann.

Dann alles Gute für eine geile Show und herzlichen Dank für’s Interview!

16.02.2009

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