Bülent Ceylan
"Haardrock" , Open Air im Barockschloss Mannheim

Konzertbericht

Billing: Bülent Ceylan und Thoughts Factory
Konzert vom 27.07.2014 | Mannheim , Ehrenhof im Barockschloss Mannheim

Bülent Ceylan

Daheim ist es eben immer am schönsten. Im Fall von BÜLENT CEYLAN ist das Mannheim und wenn er ruft, dann kommen mal eben an drei Tagen 30.000 Leute in den Ehrenhof des Barockschloss Mannheim, um „ihren Türk‘ mit de schäne longe Hoor“ zu beklatschen und sich mal so richtig schlapp zu lachen. Stumm beobachtet von Karl Friedrich von Baden und Karl Ludwig Kurfürst von der Pfalz, erhebt sich mitten im Hof eine riesige Bühne mit LED-Leinwänden, die großes versprach und auch hielt. Auch Donner, Regen und Blitze gesellten sich als ungeplante Spezialeffekte dazu, sodass BÜLENT CEYLAN gezwungen war, den wohl schrägsten Auftritt seines Lebens zu spielen.

Es ist Sommer. Im Hexenkessel Mannheim bedeutet das, es ist schwül und man hat das Gefühl, die Klamotten stehen in Flammen. Aufgrund des bunten, vielfältigen Vorprogramms und der freien Platzwahl, haben trotzdem schon viele Besucher über zwei Stunden vorher in der prallen Hitze ihren Platz eingenommen. Der satte Preis von 3,50 € pro 0,5 Liter-Flasche Cola, Fanta, Wasser oder Apfelsaftschorle, hat wohl den ein oder anderen Besucher an diesem Tag arm gemacht bzw. zwischen Merchandise und Getränken knobeln lassen.

THOUGHTS FACTORY beenden den Abend nicht, wie an den zwei Tagen vorher, sondern eröffnen ihn. Progressive Rock bei subtropischen Temperaturen hat was. Die Band zieht trotzdem bis zum Anschlag durch und gibt alles und wird vom Publikum mit großem Applaus verabschiedet.

Darauf folgt die Berlinerin IDIL BAYDAR, sozusagen die „türkische Cindy aus Marzahn“, der derbe Humor macht Laune und die Leute werfen sich ordentlich weg, zum Proll-Humor der offensiven Dame. In der Apotheken-Umschau hat sie gelesen, dass Deutschland ausstirbt und macht sich natürlich jetzt große Sorgen um ihr Hartz 4. Also erklärt IDIL BAYDAR den Deutschen mal, was die nun zu tun haben, um weiterhin zu existieren. Beim Kindermachen fängt es an, wir Deutsche machen komische Kinder: Einzelkind, Streber, Laktoseintoleranz… Die Türken machen es schlauer, gleich ein paar mehr produzieren und dann ist auf jeden Fall was dabei. IDIL BAYDAR räumt richtig ab und erspielt sich stetig mehr Lacher.

Bülent Ceylan

Danach kommt der extreme Künstler YASIN DÜNDAR auf die Bühne. Obwohl er sich gestern verbrannt und an der Kniescheibe verletzt hat, legt er sich auf diverse Nagelbretter, spuckt Feuer, schluckt Schwerter und jongliert mit brennenden Seilen. Ein kurzer, aber unterhaltsamer Auftritt.

IDIL BAYDAR hat danach einen zweiten Auftritt, diesmal als Berliner Putzfrau. Sie stellt sich damit auf die andere Seite und schimpft über Ausländer. IDIL BAYDAR bezieht die Leute aus dem Publikum direkt ein, das kommt gut an, aber der erste Teil des Programms fand mehr Anklang.

Danach kommen COSSU, die vom Anfang des Programms nach ganz hinten gerutscht sind. Einer der beiden jungen Männer sei am Merchandisestand entdeckt worden und beide hätten vor einer Woche selbst noch nicht gewusst, dass sie heute hier spielen. Warum die beiden hier auftreten ist mir nicht ganz klar, denn das ist ganz deutlich Hip Hop auf Jugendhaus-Niveau. Die Mannheimer finden es aber gut und machen bei Mitsingspielchen á „Ich sag Bülent, ihr sagt Ceylan“ gut mit. Der Anheizer, der übrigens einen sehr guten Job gemacht hat, gibt später auch einen Rap zum Besten und ich behaupte mal, er hat mehr Style als COSSU.

Bülent Ceylan

Die Wartezeit vergeht somit wie im Flug, denn es gibt viel zu sehen, zu hören und zu lachen. So wirkt der Auftritt von BÜLENT CEYLAN schon fast überfallartig. Im Schottenrock und zu Dudelsack-Metal-Intro stürmt er auf die Bühne und wahrscheinlich hört die ganze Mannheimer Innenstadt (der Schlosshof grenzt an die Mannheimer Innenstadt), dass jetzt BÜLENT kommt. Die Menge rastet aus, springt auf und brüllt wie bei einem Rockkonzert. BÜLENT haut schon am Anfang massig Pyro und Knalleffekte raus – was für ein Auftakt!

Die Mutter von BÜLENT ist auch im Publikum, also will er sich heute besonders anstrengen, bevor es noch Ärger gibt. Schon bei der ersten Stand-up zieht BÜLENT CEYLAN alle Register, macht Scherze über Mannheim, über Schwaben und nimmt die Einzelheiten der Kulisse auf’s Korn. Die erste Figur ist dann Harald und glaubt mir – es gibt genau solche Leute in Mannheim! Harald sucht noch immer eine Frau, er hat RTL schon das Format „Monnemer sucht Frau“ vorgeschlagen, die haben aber schon „Bauer sucht Frau“ und wollten vom Niveau her nicht noch weiter heruntergehen.

Das schöne Wetter verdichtet sich und Regen zieht auf, des donnert und es blitzt. Unwetter waren zwar angesagt, aber das ist schon etwas zu heftig, sodass Regenponchos an die Besucher verteilt werden und eine kurze Pause eingeschoben wird. Einige zieren sich noch, aber das Wetter lässt keinen Widerspruch zu. Nach langem Murren „än Türk‘ zieht doch kän Poncho o“ und immer stärker werdendem Regen, kann sich BÜLENT auch nicht mehr wehren und muss sich in ein Plastikmäntelchen werfen. Er nutzt die Gunst der Stunde und entwirft „Ponchotürk“, der im Laufe des Abends zu „Supertürk“ wird. Auch Bodyguard Ali, den BÜLENT aus dem Libanon adoptiert und mit viel Geld aufgepäppelt hat, muss jetzt durch und einen Poncho überziehen.

Bülent Ceylan

Der Prolltürke Hasan kommt als nächstes im Programm und wirkt mit Poncho natürlich nochmals ungewollt komischer. Auch die Anneliese hat Probleme mit dem Wetter und BÜLENT muss mehrmals vor Lachen aus der Rolle ausbrechen. „Das ist mir noch nie passiert, ich bin noch nie aus der Rolle raus, aber heute ist brutal“ – kein Wunder, denn Anneliese ist so nass geregnet, dass sie „die Hooar“ gar nicht nach hinten werfen kann, wie es sonst ihre Art ist. „Ihr wundert euch, warum die Brillengläser nicht nass sind? Sind gar keine drin“, lüftet BÜLENT das Geheimnis, abgeschlossen durch einen langen Quietscher. Anneliese hat sich gerade getrennt und auch das Pelzgeschäft verkauft und mit „Etiketti“ ist auch nix mehr, so im strömenden Regen. Die Show von BÜLENT CEYLAN ist abwechslungsreicher und lustiger geworden, mehr BÜLENT und trotzdem noch genug von den Figuren. Deren Parts sind nicht nur kürzer sondern auch eben auch fokussierter und somit deutlich lustiger als vorher. Der Schritt zu mehr BÜLENT hat sich gelohnt, macht ihn abwechlungsreicher und deutlich besser greifbar.

Die Mannheimer sind eisenhart, bleiben sitzen, selbst BÜLENT ist verdutzt „Monnem, macht des überhaupt Spaß so?“. Ja, macht es, sogar mehr als sonst. „Ihr wollt nur sehen, wie der Türk‘ auf der Bühne verreckt“. Die Mannheimer finden es sympathisch, denn BÜLENT hat auch kein Dach und wird genauso nass, von daher sitzen wir alle in einem Boot. Nach einer kleinen Ansprache, in der sich BÜLENT CEYLAN aufrichtig dafür bedankt, dass noch fast alle trotz strömendem Regen geblieben sind, stimmt er die ungewöhnliche Rockballade „Nichts Besonderes“ an. Der Schlosshof wird in rotes Licht getaucht und eine tolle Lichtshow packt schlagartig Stimmung auf den Platz. Die Leute stehen auf, schwenken Hände und Feuerzeuge – genauso mag es BÜLENT!

Auch Mompfred kommt zum Zug – Halt alle die Gosch!- und berichtet über eingeschlafenes Sexleben mit Waltraud. Kein Wunder, wenn er sie nur mit der „Bumbewasserzang“ anfasst. Zu allem Überfluss geht danach auch noch ein Mikrofon kaputt und es dauert mindestens zehn Minuten und “ Two and a half Türk“, bis BÜLENT wieder verkabelt ist. Der Auftritt wirkt schon fast wie eine Stand-up-Comedian-Abschlussprüfung, was schief gehen kann, geht an diesem Abend schief.

In unserem Gespräch vor einigen Wochen, deutete BÜLENT CEYLAN an, nun viel mehr „er selbst zu sein“ und somit auch mehr zu improvisieren. Wie an diesem Abend wird man ihn wohl so schnell nicht wieder erleben. Denn er muss sehr viel improvisieren und der sich der Situation anpassen, krümmt sich häufig vor Lachen, auch das Bild dass sich ihm bietet ist zum Schießen. „Ihr seht aus wie Aliens, ’nee wie Ali ens“, die 10.000 Fans vor ihm sind zu 90% in Regenponchos gehüllt, können weder den Amen heben, noch ekstatisch klatschen, sondern nur kräftig unter dem Poncho die Hände zusammenschlagen, sodass die Tropfen vom Poncho ins Gesicht spritzen. Aber jeder weiß „dieser Abend ist magisch und deshalb bleiben wir bis zum Schluss“.

Galerie mit 13 Bildern: Bülent Ceylan - Haardrock - Barockschloss Mannheim

Abschließend gibt es noch einen Industrial Metal-Stampfer, mit dem BÜLENTY CEYLAN ganz konkret und unverschlüsselt Position gegen Nazis bezieht. Der Regen hat sich mittlerweile endlich verzogen. Es kracht und knallt, wie bei einem RAMMSTEIN-Konzert und ganz Mannheim steht auf gegen Rechts. „Nazis brauchen wir in Deutschland nicht!“ ruft BÜLENT. CEYLAN lässt die Matte kreisen und es kommt bombastische Stimmung auf. Zum Abschluss reißt er sich das T-Shirt vom Körper und über dem Schloss erscheint ein gigantisches Feuerwerk. BÜLENT ist sichtlich gerührt über soviel Zuspruch und die Mannheimer sind es auch. Was für ein denkwürdiger, schräger Abend. RTL wird sicher wieder alles „glattschneiden“ und so wird vom ganz besonderen Charme wenig übrig bleiben. Einen echten Konzertbesuch kann nichts ersetzen, dass im TV alles verdreht wird, weiß hoffentlich jeder. Alle Anwesenden haben gesehen, dass BÜLENT CEYLAN der Meister der Improvisation ist, Eier hat (die so laut klingeln, wie Donnerschläge!) und auch ganz, ganz viel Herz. Wer braucht schon Wacken? Monnem, rain or shine!

Bülent Ceylan

29.07.2014

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