



Klassik-Adaptionen im Metal sind ja so eine Sache. Wenn dann noch das Erbe von Johann Sebastian Bach dafür herhalten muss, ist Skepsis vorprogrammiert, da viel zu häufig auf bereits abgenutzten Klischees rumgeritten wird. Wenn allerdings die Ausnahme-Extreme-Progger ALKALOID um Hannes Grossmann und Linus Klausenitzer (beide ETERNITY’S END, ex-OBSCURA), deren Sänger Morean (CHANGELING, ex-DARK-FORTRESS) studierter Komponist ist, sich eines solchen Projektes annehmen, darf man ernstlich gespannt sein. Schließlich konnte der in Rotterdam lebende Bayer bereits vor einigen Jahren mit den ebenfalls empfehlenswerten NONEUCLID ein ähnliches Projekt mit der Musik Richard Wagners eindrucksvoll auf die Bühne bringen. Daher ist zu erwarten, dass “Bach Out Of Bounds”, aufgenommen 2024 auf den Bachfestivals in Dordrecht und Den Bosch, nicht nur ein Live-Album besonderer Art ist, sondern neue Maßstäbe im interdisziplinären Ansatz zwischen Klassik und Metal setzt.
Werden ALKALOID mit “Bach Out Of Bounds” dem Altmeister gerecht?
“Bach Out Of Bounds” besteht zur Hälfte aus eigenen Songs und zur Hälfte aus Bach-Adaptionen. Wobei für das Konzert und die erweiterte Besetzung eigens die neuen Stücke “Beneath The Sea” und “Haunter Of The Void” dargeboten werden. Die Bühne dürfte zwar ordentlich eng gewesen sein, ALKALOID fahren aber auch kein absurdes Aufgebot an Gastmusiker:innen auf. Es gibt mit Rianne Wilbers und Chrysa Tsaltampasi zwei Sopranistinnen, dazu ein Streich-Trio und ein Akkordeon. Die Gitarristen Max Blok und Justin Hombach sind ebenfalls (noch) nicht Teil der Kernbesetzung, spielen aber selbstverständlich um ihr Leben.
Schön ist, dass sich “Bach Out Of Bounds” schon zu Beginn nicht wie ein typisches Metal-Live-Album anhört. Bevor der erste Ton der Band erklingt, hat das Publikum einen ganz anderen Sound, es klingt kleiner und näher. Interessant ist die Dramaturgie, der die Setlist folgt. ALKALOID steigen mit den ersten beiden Sätzen des Cembalokonzerts aus BWV 1052, “Allegro” und “Adagio – All Is One” ein. Der erste Satz ist instrumental, aber recht lebhaft und virtuos. Im zweiten treten erstmals die Sopranistinnen auf und verleihen der bedächtigen Anmut eine fragile Tiefe.
War Bach ein Lovecraft-Monster?
Sie hören wir auch im atmosphärischen “Beneath The Sea”. Der bisher noch nicht veröffentlichte Song ist so etwas wie die Vorgeschichte zum anschließenden Band-Klassiker “Cthulhu”, dem die erweiterte Instrumentierung überraschend gut bekommt. Das folgende, zehnminütige “Haunter Of The Void” wurde hingegen von einem niederländischen Kulturfonds in Auftrag gegeben und ist in der Absicht entstanden, einen ALKALOID-Song mit den Kompositionstechniken Bachs zu schreiben. Von ihm hören wir nach “A Fool’s Desire” noch “Agnus Dei” aus BWV 232, dem der sakrale Touch fast vollständig geraubt wurde und abschließend das bandeigene “The Fungi From Yuggoth”. Die Bach-Adaptionen vermengen sich dabei überraschend geschmeidig mit den Songs aus dem Cthulhu-Zyklus, sodass die Frage bleibt, ob der bekannte Kirchenmusiker mit der gepuderten Perücke in Wahrheit vielleicht doch ein tentakeliges Monster aus einer noch älteren Zeit war.
Iä? Iä!
Erwartungsgemäß beschwören ALKALOID mit “Bach Out Of Bounds” ein hybrides Klassik-Metal-Monster der besonderen Art herauf. Obwohl sich in der Band die besten Musiker im europäischen Progressive (Death) Metal tummeln, hat die Bach-Würdigung nichts mit den selbstverliebten Masturbationen eines Yngwie Malmsteen oder Victor Smolski gemein. Auch das dicke Hollywood-Orchester aus dem Keyboard von Hans Zimmer wurde glücklicherweise nicht bemüht. Stattdessen wird das eigentlich moderne und progressive Potential der ursprünglich nach strengen Regeln komponierten Barock-Musik Bachs liebevoll und detailreich aufgezeigt und elegant die Brücke geschlagen.
Gleichzeitig haben ALKALOID sowohl die offensichtlichsten Klischees bei Auswahl und Arrangement der Bach-Werke vermieden und erfrischen mit einem zeitgenössischen und vor allem sehr metallischen Ansatz. Schade ist nur, dass es nicht noch mehr Bach-Werke in die Setlist geschafft haben. Die Ausnahmekünstler haben ein interdisziplinäres Werk geschaffen, das künftig als Referenz für ähnlich gelagerte Projekte dienen wird. Aber das war ja keine große Überraschung …

Johannes Werner















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