Asgard - Ragnarøkkr

Review

Was spielt eine italienische Band namens ASGARD, die auf metal.de besprochen wird, für eine Musik? Viking Metal? Pagan Metal? Discount-AMON AMARTH-Melodeath vielleicht? Wie wäre es mit folkigem Prog? Tatsächlich sind ASGARD, zumindest was das „Prog“-Silbchen und die Dauer ihres Bestehens angeht, alte Haudegen. In den Neunzigern erregten sie durch ihren mystischen Neo-Prog Aufmerksamkeit, versanken nach ihrem vierten Album „Imago Mundi“ von 1993 dann aber bis 2000 in der kreativen Versenkung. Nun erscheint „Ragnarøkkr“ knapp 20 Jahre nach dem Vorgänger „Drachenblut“ und lässt wundern, ob die Band die Zeit wirklich sinnvoll genutzt hat.

ASGARD lassen eine gefühlte Steilvorlage links liegen

Kurz ausgedrückt: Das Album ist genau so ein qualitatives Durcheinander, wie das gnadenlos überladene Coverartwork befürchten lässt. 20 Jahre Zeit seit dem letzten Album – so lange hätte das Material theoretisch reifen können. Und dann macht die Presseinfo einem noch den Mund wässrig mit Perlen wie: „Tritt ein in die Welt von ASGARD, eine Welt voller Mythen, Shamanen [sic!] und Atmosphäre“ und „Erwarte nichts Gewöhnliches“. Die Zeichen stehen definitiv zu Gunsten der Italiener. Aber der Aufwind entpuppt sich als laues Lüftchen. Denn reif klingt das Album nicht so wirklich. An der Produktion von Roland Grapow (u. a. ex-HELLOWEEN) liegt es schon mal nicht, denn die ist ziemlich kompetent.

Das Problem ist eher das relativ beliebige Songwriting. Wenn die Band ihren Sound nicht gerade in Form eines Zufallstreffers, wie der Opener „Trance-Preparation“ ein solcher ist, auf den Punkt bringt und ihre Metal-Komponente gekonnt mit der Mittelalter-/Folk-Komponente kombiniert, dann kommt „Ragnarøkkr“ über die meiste Zeit eher wie ein Fall von massiver Ressourcenverschwendung daher. Auf dem Papier sollte der Sound der Band funktionieren, aber er ist einfach so langweilig und gleichgültig in Szene gesetzt und bietet nahezu gar keinen Mehrwert, was einerseits an den wenig aufregenden Gitarren und der Willkür zwischen organischem und synthetischem Folk-Instrumentarium liegt, die keine Konsistenz suggerieren lässt.

„Ragnarøkk“ bietet Unterhaltung in Form einer Schnitzerjagd

Das andere große Problem, an dem ASGARD zu knabbern haben, ist der Gesang von Franco Violo. Der ist zum Einen alles andere als zielsicher und trifft vielleicht 50% der Töne, die er anpeilt. Auf der anderen Seite mangelt es ihm praktisch an allen Ecken und Enden an Feuer und Enthusiasmus. Wenn er wenigstens im Sinne typischer Italo-Metal-Stangenware mit mehr Käse und Theatralik als gesund für den durchschnittlichen Gaumen meilenweit übers Ziel hinaus schießen würde, dann wäre „Ragnarøkkr“ wenigstens im ironischen Sinne hörenswert. Doch seine stimmlichen Unbeholfenheiten, die sich beispielsweise zu Beginn von „Shaman“ oder diversen deutschsprachigen Passagen wie in „Anrufung“ offenbaren, tun einfach nur weh.

Und das Album ist 61 Minuten lang, sodass die Sache auch nicht schnell ausgesessen ist. Kombiniert mit den spielerischen und songschreiberischen Unzulänglichkeiten, die „Ragnarøkkr“ plagen, gerät das Album zu einer Tortur, die man sich lediglich durch etwas Schadenfreude unterhaltsamer gestalten kann. Unfreiwillige Lacher für das erhellende Vergnügen innerhalb der kreativen Wüste bietet das Scheibchen also immerhin, zum Beispiel wenn das gut beginnende „Rituals“ mittendrin plötzlich vollkommen ohne Vorwarnung und übergangslos in einen anderen Rhythmus reingestopft wird und extrem schlecht implementierte Dudelsack-MIDIs einfach so in den Song reinplatzen. Das klingt eher wie versehentlich bei Cubase verklickt denn gewollt geschrieben.

Drum herum lassen ASGARD aber zu wenig Substanzielles passieren

„The Night Of The Wild-Boar“ kommt ein bisschen wie MARILLION auf edgy herüber und macht sogar atmosphärisch ein bisschen her. Der Spannungsaufbau geht der Band ganz gut von der Hand, doch die kathartische Entladung bleibt aus. Aus dem eindeutig überlebensgroß angelegten Refrain lässt der nach wie vor als schief singendes Anästhetikum wirkende Sänger die Luft raus, wie auch im folgenden Uptempo-Part. „Shaman“ dreht die Folter-Regler auf 11, denn es handelt sich um einen Longtrack, den die gleiche, songschreiberische Ziellosigkeit und Inkonsequenz plagt. Der Track dudelt buchstäblich nur so vor sich hin, unterhält aber immerhin mit seinen albernen Mittelalter-Synthies – man nimmt bei ASGARD halt, was man kriegen kann.

Sinnbildlich für „Shaman“ zieht sich das Album mit all seinen Unzulänglichkeiten einfach wie Gummi. Und wenn man nicht gerade gezielt nach Schnitzern oder fragwürdigen Songwritingentscheidungen sucht wie bei „Kali-Yuga“, bei dem etwas Schalmei-artiges ärmlich aus der digitalen Konserve erklingt, oder das billige Jahrmarkt-Geklimper zu Beginn von „Der Tod“, dann schaltet man hier relativ schnell ab. Gute Ansätze zeigen ASGARD zwar, vor allem immer dann, wenn sie den Metal in den Mittelpunkt stellen und einfach nur geradeaus rocken oder sich von ihrer eingängigen, funktionalen IN EXTREMO-Seite zeigen. Der weiter oben lobend erwähnte Opener zeigt das einschlägig, aber auch „Danse Macabre“ kommt zumindest bis zur Halbzeitmarke ohne unnötiges Beiwerk zurecht.

Zurück ans Zeichenbrett

Aber es dauert selten lange, bevor ASGARD dann wieder mit dem Synthie-Rasenmäher unnötigerweise darüber gehen oder irgendeinen anderen, albernen Mist wie unpassende Tempo-, Harmoniewechsel oder Mittelalter-Einschübe verzapfen, die wie an der Filzmatte herbeigezogen klingen. Was ASGARD hier eindeutig an nahezu allen Fronten fehlt, ist Konsequenz. Der Sänger benötigt dringend Gesangsunterricht und sollte mal etwas mehr auftauen. Indes sollten die Songschreiber – wenn sie wirklich weiter progressiv mit Folk und Mittelalter jonglieren möchten – mal Klassiker wie frühe GENTLE GIANT, GRYPHON oder meinetwegen auch JETHRO TULL studieren und sich endgültig von ihren Neo-Prog-Wurzeln lösen, die sie eindeutig herunterziehen.

„Ragnarøkkr“ jedenfalls ist ein Beispiel, wie man ein im Rock/Metal derart gängiges und beliebtes Thema wie die nordische Mythologie besser nicht in Szene setzen sollte, wenn man sein Publikum nicht gerade in den Schlaf wiegen möchte.

05.06.2020

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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