
Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.
Die eigene Band in der Nachbarschaft von RATT oder POISON sehenden Auges CINDERELLA zu nennen, das zeugt von Chuzpe. Das Publikum schluckt den Köder – und er scheint ihm zu bekommen. Die Gang um Sänger Tom Keifer und Gitarrist Jeff LaBar ist in den Achtzigern nach Starthilfe von Jon Bon Jovi tatsächlich märchenhaft erfolgreich. Beginnend mit „Night Songs“ 1986 verkaufen die Herren aus Philadelphia in der zweiten Hälfte der Achtziger Millionen an Platten. Es ist die Hochzeit des sog. Glam- oder Sleaze-Metal. Gern betont ebenso: die Haare.
Und um das festzuhalten: Wem selbige beim Begriff „Hair-Metal“ zu Berge stehen, hat entweder ein grundsätzliches Geschmacksdefizit oder mit lückenhafter kultureller Bildung zu kämpfen: Denn natürlich haben MÖTLEY CRÜE weder nennenswerten Sänger noch moralischen Kompass. Und POISON keine Songs. Und wer waren noch mal WARRANT?
Die „Night Songs“ sind kulturell wertvoll
Aber ebenso natürlich erschöpft sich das Genre nicht in den Genannten. Im glitzernd vor sich hin gärenden Genre-Brei aus Beischlaf-Banalität von Beinahe-Musikern verstecken sich auch Perlen der Power – wie CINDERELLA. Deren Platten sind heute weiterhin fast in Gänze unironisch genießbar. Und Scheiben wie das Debüt „Night Songs“ sind ob ihrer Qualität über ihren Unterhaltungswert hinaus kulturhistorisch ungemein wertvoll. Denn, das verquaste Gerede mal beiseite: Sie retten eine ganze Epoche. Wenn sich alle nur an die „Stimme“ von Vince Neil oder den Lachs von Tommy Lee erinnern würden, dann könnte auch niemand das Airbrush-Gemälde auf der Motorhaube mehr ernst nehmen. Würden Lila und Pink mehrheitlich belächelt. Trüge niemand mehr Stiefel aus Schlangenleder(-Imitat). Imitierte niemand mehr einen coolen Typen per Zebra-Look, ohne sich zu schämen.
CINDERELLA sind ansatzweise geerdet
Was CINDERELLA vom Großteil ihrer Kollegen zum einen unterscheidet, ist die charismatische wie melodische Reibeisenstimme Tom Keifers. Mit der würde er sowohl bei den QUIREBOYS als auch bei AC/DC nicht stante pede aus der Karaoke-Box geschmissen.
Und dazu passend überzeugen CINDERELLA zum anderen durch ihre größere musikalische Ernsthaftigkeit. Die schmachtenden bis euphorischen Refrains sind in Rocksongs gekleidet, die den Größenwahn mit einer bluesigen Kante erden. Um die Bluse des Gegenübers mag es Keifer und Co. inhaltlich durchaus gehen, ihr Sound ist jedoch organischer als der vieler Kollegen. Stärker noch als auf „Night Songs“ ist dies auf den folgenden Scheiben der Fall, doch auch die Stücke des Debüts sind im reduzierten Gewand durchaus vorstellbar.
Der Kern aus Rock macht Bock
Seien es die Hits „Shake Me“, „Somebody Save Me“, das balladeske „Nobody’s Fool“ oder „Nothin‘ For Nothin’“ mit dem besten Kehrreim – sie alle sind erkennbar Produkte ihrer Zeit, können ihren erwachsenen (kompositorischen) Kern aber nicht erfolgreich verschleiern. Wo bei anderen jungen Männern mit abenteuerlicher Frisur unter der Oberfläche aus Sex und Drugs ein Kern aus Party und Posen wartet, besteht der bei CINDERELLA aus Rock. Und einem Hauch Weltschmerz. Um den zu erkennen, schadet es allerdings nicht, durch die späteren Alben auf die Spur gebracht zu werden. Das sei zugegeben. Und somit gleichzeitig mindestens „Long Cold Winter“ von 1988 empfohlen. Das Leben besteht nicht nur aus Hardcore-Shoegaze-Punk und Depressive-Post-Metal.
P.S.: Es schadet nicht, alters- oder familienbedingt etwas vorgebildet zu sein. Ansonsten klingen die „Night Songs“ natürlich so wie befürchtet, ist das Cover eine Drohung und keine Verheißung und der obige Text nostalgischer Nonsens. „CINDERELLA“ … der Name allein schon.

Marek Protzak































Endlich sagt´s mal jemand😊. Sehe ich ganz genauso. Cinderella haben die Haare schön und ich fand und finde die (ganz unironisch) super.