Edge of Sanity - The Spectral Sorrows

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Das dritte Album „The Spectral Sorrows“ etablierte EDGE OF SANITY endgültig als eigenständige, äußerst originelle Band. Wobei, wirklich eine Band?

Der Weg zu „The Spectral Sorrows“

Mit ihrem Einstieg „Nothing But Death Remains“ fanden EDGE OF SANITY zunächst relativ wenig Beachtung. Die Songs waren für ein Debüt vollkommen in Ordnung, die Schweden holzten sich munter und enthusiastisch durch puren, amtlichen Death Metal, den es so ähnlich damals allerdings quasi überall gab, insbesondere natürlich im Land der Elche.

Umso überraschender dann das zweite Album „Unorthodox“, welches die Band sehr vielseitig, originell und stilistisch geöffneter präsentierte. Dieses Werk war der Anfang der spannungsgeladenen Beziehung innerhalb von EDGE OF SANITY – auf der einen Seite Dan Swanö, welcher den Sound in eine melodischere und progressivere Richtung entwickeln wollte, auf der anderen Seite Andreas „Dread“ Axelsson (u. a. TORMENTED, THE LURKING FEAR, ex-MARDUK), Anders Lindberg (spielte auf „The Spectral Sorrows“ aufgrund seines Militärdienstes nicht mit), Sami Nerberg und Benny Larsson (u. a. ex-OPHTHALAMIA, ex-PAN.THY.MONIUM). Und die wollten Death Metal, nicht mehr und nicht weniger.

Der Beginn einer neuen Reise oder der Anfang vom Ende? EDGE OF SANITY komponieren nicht mehr gemeinsam!

Während die beiden ersten Alben noch gemeinsam als Band komponiert und aufgenommen wurden, wandelte sich EDGE OF SANITY nun eher in eine Art Projekt, insbesondere geteilt in Dan Swanö und abgekürzt, die anderen. Das wurde allerdings von außen damals so nicht wirklich wahrgenommen, auch wenn es da schon entsprechende Interviewaussagen gab.

Wohin sich die Schweden entwickeln würden, deutete sich auf „Unorthodox“ an. Dass diese Entwicklung allerdings so drastisch ausfallen sollte, konnte man nicht vorhersehen. Zu viele Köche verderben die Suppe? Diese Weisheit passt hier überhaupt nicht, denn das im November 1993 veröffentlichte „The Spectral Sorrows“ lebt von den vielen Songwritern, die diesem Album seine Abwechslung und Vielschichtigkeit verliehen haben, eine wunderbare Symbiose aus brutaler Power und erstklassigen Melodien, dazu eine ordentliche Portion Epik, und das verdammt nahe der Perfektion.

Dazu trägt auch das stimmige, düstere Cover von Death Metal-Meisterzeichner Dan Seagrave bei, einem bösen Lovecraft-Alptraum gleich. Und der drückende, transparente Sound, aufgenommen im Juli und August 1993 in Swanös Unisound Studio.

So abwechslungsreich kann Death Metal sein

Nach dem titelgebenden, Atmosphäre aufbauenden Intro geht es mit „Darkday“ gleich richtig zur Sache. Eine heftige, vehement treibende Death Metal-Attacke mit Blastbeats, herrlichen Old School Riffs und, das ist eben das besondere hier bei EDGE OF SANITY, grandiose Refrains und einprägsame Melodien. Und fertig ist der erste mitreißende Ohrwurm, von denen es auf „The Spectral Sorrows“ so viele gibt. Das straighte, gnadenlose „Livin’ Hell“ ist sogar noch eine Spur heftiger und explosiver trotz melodischer Leads, mit tollen Blast Beats im Refrain und den Background-Screams stellenweise recht nahe am Black Metal, aufgelockert durch einen schleppend doomigen Zwischenteil. Doom ist das Stichwort – „Lost“, der Name ist Programm. Überragender, hitverdächtiger Ohrwurm-Refrain zum Mitsingen bei gleichzeitig vorherrschender düsterer Melancholie, gedrosselt schweres Tempo und wieder diese Melodien. „The Masque“ ist mit über sechseinhalb Minuten der längste Titel des Albums, ein genialer Kracher der teils ordentlich nach vorne prügelt, wieder starker Refrain. Zum Ende überraschen EDGE OF SANITY dann mit ruhigem, träumerischem Riffing und cleanem Gesang.

Genregrenzen interessieren nicht – True Fucking Metal!

Den Vogel schießen die Schweden aber mit dem folgenden Song ab. Wer hätte damit gerechnet, dass EDGE OF SANITY dann auch noch MANOWAR covern? Die Klasse muss man haben, „Blood Of My Enemies“ zu covern, und das auch noch überaus gelungen und mit ordentlicher Wucht! Gerade dieses Heroische der Hymne wurde beibehalten und klingt im Klangkosmos von EDGE OF SANITY zunächst ungewohnt, funktioniert aber bestens. Mit „Sacrificed“ ist noch ein Stück vertreten, von dem man tatsächlich zunächst meint, das könnte ein Cover sein, vielleicht THE SISTERS OF MERCY? Tatsächlich ist der Song eine experimentelle und gleichzeitig unverschämt hitverdächtige Gothic Rock Nummer. Hier brilliert Dan mit seiner klaren, charismatisch tiefen Stimme. Und das alles 1993 – die Eier muss man als Death Metal-Band haben!

Weitere Höhepunkte auf „The Spectral Sorrows“ sind das wuchtige, blasphemisch groovende „Jesus Cries“ mit seiner hörspielartigen Umsetzung der Kreuzigung am Ende sowie das wunderbar hymnische wie abwechslungsreiche „Across The Files Of Forever“.

Interessant ist, dass sich der Songaufbau der Stücke immer wieder unterscheidet und EDGE OF SANITY immer wieder aufs Neue überraschen. Und dabei das Kunststück schaffen, dass wirklich alles stimmig zusammenpasst. Eines der besten Death Metal-Alben aller Zeiten!

Die Zukunft sollte also rosig aussehen, oder?

Bandfoto von EDGE OF SANITY

Bandfoto von EDGE OF SANITY

12.07.2023

Geschäftsführender Redakteur (stellv. Redaktionsleitung, News-Planung)

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2 Kommentare zu Edge of Sanity - The Spectral Sorrows

  1. Vlad_the_Impala sagt:

    Was für ein tolles Album, mit dem ich ausschließlich positive Erinnerungen verbinde. 🙂
    Peak EoS imho..

    10/10
  2. MetalGerhardt sagt:

    Wieder mal eine interessante Entwicklung, wobei ich (nach dem starken Intro) erst mal nicht ganz warm wurde mit dem Album. „Darkday“ und „Livin‘ Hell“ sind ohne Zweifel gute Songs, haben aber auch noch nichts Besonderes für mich. Mit „Lost“ beginnt das Album interessant und breitgefächerter zu werden. „The Masque“ ist mein absoluter Favorit und das Manowar-Cover hört sich richtig gut an. Danach geht es wieder „normaler“ zur Sache, bis dann „Sacrificed“ völlig heraussticht und zum Ende werden die Stücke dann kürzer und noch experimenteller. Streng genommen sind die Songs einzeln für sich nicht dem progressiven Death Metal zuzuordnen, als Gesamtwerk kann man diese Bezeichnung aber durchaus gebrauchen, denn „The Spectral Sorrows“ besitzt schon sehr viele verschiedene Zutaten. Dabei muss man hoch anrechnen, dass trotz der verschiedenen Herangehensweisen alles ziemlich homogen klingt. Nur „Sacrificed“ passt nicht wirklich ins Gesamtwerk, gefällt mir aber dennoch sehr gut. Ein durch und durch interessantes Album, auf welchem vor allen Swanö mit seiner Vielseitigkeit begeistern kann, aber manche Songs sind mir trotzdem noch etwas zu generisch. Von daher „nur“ 8 Punkte von meiner Seite aus!

    8/10