
Wer Björn Gooßes als Sänger von NIGHT IN GALES kennt und ihn nach seinem Ausstieg 2012 aus den Augen verloren hat, wird überrascht sein: Statt Death-Metal-Gebell präsentiert er sich bei HARKON und deren Debütalbum „Love And Vore“ äußerst melodisch.
Underground-Spürnasen wissen das bereits seit 2019, denn damals erschien mit der EP „Ruins Of Gold“ das erste und bis dato letzte Lebenszeichen der Band. In der Zwischenzeit kam und ging die Corona-Pandemie, während HARKON geblieben sind und die Zeit für die Verfeinerung ihres Stils genutzt haben.
HARKON balancieren zwischen Eingängigkeit und Anspruch
Die elf Lieder auf „Love And Vore“ liegen mit einer Länge von dreieinhalb bis viereinhalb Minuten im zugänglichen Bereich. „The Errorist” ist der Ausreißer nach oben, bleibt aber auch knapp unter fünf Minuten. Musikalisch bewegt sich das Debüt in einem Spannungsfeld, das je nach Hörgewohnheit als modern, progressiv oder klassisch durchgehen kann. Mal stampft ein rifflastiger Midtempo-Groove aus den Boxen, mal kippt ein Song in eine melodische Wendung mit melancholischem Unterton.
Die Produktion ist klar und druckvoll, ohne steril zu wirken. Die Gitarren klingen satt, das Schlagzeug natürlich und warm und der Bass schiebt, ohne sich aufzudrängen. Über allem liegt Gooßes Stimme, die jeder Nummer ein eigenes Gesicht gibt. Besonders bei Tracks wie „Watch The World Go By“, „Thistleblower“ oder dem hymnischen „One In Vermillion“ zeigt sich, wie viel Gefühl und Kraft in seiner Stimme stecken, ohne dass sie in Pathos abrutscht.
„Love And Vore“ wirkt wie aus einem Guss. Kein Track fällt ab, nichts klingt beliebig oder wie ein Lückenfüller. Stattdessen ist es ein rundes, ernst gemeintes Metalalbum, das aus verschiedenen Richtungen gespeist wird, aber nie zerfasert. Wer Vergleiche sucht, wird beispielsweise bei älteren EVERGREY oder in der melodischeren Ecke von NEVERMORE fündig – HARKON klingen jedoch nie wie ein Abziehbild.
„Love And Vore“ hat Reichweite verdient
Sowohl der Sound als auch das Songwriting und die Dauer der einzelnen Titel machen das Gesamtpaket im besten Sinne radiokompatibel. In den USA wäre das wahrscheinlich der Fall, hierzulande werden die vier vermutlich nicht „on air“ zu hören sein. Doc Gator Records ist zwar eine Adresse für geschmackvolle Musik, aber kein Major-Label, das seine Künstler in die Rotation pushen kann. Eine größere Aufmerksamkeit hätte das Quartett aber zweifelsfrei verdient.
Unterm Strich steht ein starkes Debüt, das musikalisch überzeugt, emotional andockt und Lust auf mehr macht.

Torsten Meierhöfer






























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