Pattern-Seeking Animas - Prehensile Tales

Review

Soundcheck Mai 2020# 17

Unter dem Banner PATTERN-SEEKING ANIMALS haben sich mit John Boegehold, Ted Leonard, Dave Meros und Jimmy Keegan keine Unbekannten zusammengetan. Im Gegenteil: Hier haben sich Musiker zusammengefunden, die entweder aus dem direkten oder indirekten Umfeld von SPOCK’S BEARD stammen – und kein Neal Morse weit und breit zu sehen. Aber das zeigt ja nur, dass die Band auch ohne ihr einstiges Maskottchen ziemlich gut und kreativ unterwegs ist, wenn sich sogar ein solcher, vielversprechender Ableger hieraus bilden kann. Das vorliegende „Prehensile Tales“ ist tatsächlich schon das zweite Album der Band – doch wer große, progressive Kunst erwartet, wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn letzten Endes bekommt man als Hörer hier eher eine Diät-Variante des Prog aufgetischt.

Speziell die kürzeren Tracks auf „Prehensile Tales“ legen das musikalische Gerüst offen dar. Die PATTERN-SEEKING ANIMALS spielen im Grunde AOR, der mit Retro- und Neo-Prog aufgepeppt und durch reichhaltige, organische Instrumentierung wie Holz- und Blechbläser gelegentlich ergänzt wird. Kompositorisch lassen sie die musikalischen Grenzen dabei leider nicht oft genug verschwimmen, was zur leichten Durchschaubarkeit der Songs führt. Am Gesang liegt’s ganz bestimmt nicht. Ted Leonard hat eine klare Stimme und vor den Aufnahmen hörbar einen guten Schluck Zielwasser getrunken, sodass er nahezu jeden Ton, den er anpeilt, souverän trifft. Nein, das Problem ist, dass „Prehensile Tales“ in seinen langatmigsten Momenten wie eine eingeschlafene Version von TRANSATLANTIC klingt.

Erfahrene Prog-Tiere suchen nach Mustern

Die Umsetzung ist dabei natürlich jederzeit lobenswert, aber etwas anderes wäre für ein derartiges Projekt auch mindestens peinlich gewesen. Eigentlich hat das Quartett sogar reichlich Earcandy-Qualitäten, um deren Zurschaustellung die Herren auch nie verlegen sind. Der Opener „Raining Hard In Heaven“ beispielsweise hat eine klasse AOR-Hook und ist wunderbar hörbar, nach zwei Minuten ist aber im Grunde alles gesagt. Dennoch läuft der Song noch sechs Minuten weiter, die größtenteils mit zahnlosem Filler zugekleistert werden. Der ist zwar versucht, diverse Motive harmonisch zu verknüpfen, mündet aber eher in harmloser Repetition. Die Band lässt den Track einfach ziemlich lahm vor sich hin dudeln.

Das zieht sich durch die gesamte Platte hindurch, das Gefühl, dass die Band ihre Musik bewusst zurückhält, um sie zugänglich zu halten und bloß nicht zu intensiv geraten zu lassen. Das wundert ein bisschen, denn die einschlägige SPOCK’S BEARD-DNA, die in den PATTERN-SEEKING ANIMALS drin steckt, scheint praktisch konstant durch. Die Band bemüht sich dabei jedoch, möglichst nirgendwo anzuecken, sei es durch britische respektive europäische Exzentrik oder aber durch große Gesten im nordamerikanischen Sinne, Stichwort RUSH. Es bleibt alles ein bisschen vorsichtig und zu sehr auf Eingängigkeit getrimmt.

„Prehensile Tales“ hätte mit mehr Aufrichtigkeit aufblühen können

Das bedeutet nicht, dass „Prehensile Tales“ deshalb notwendigerweise schlecht ist. Es gibt eben nur vor, etwas zu sein, was es nicht ist. Der Prog wird den Songs, die klar nach konventionellen Pop-Rock-/AOR-Mustern gestrickt sind, aufgezwungen, die dadurch auf unnatürliche Weise aufgebläht werden. Doch um das mal klar zu stellen: Wenn die Band wirklich ehrlich zu sich selbst ist und tatsächlich bewusst auf den Pop abzielt ohne den unnötigen Schnickschnack drum herum, dann kommt ein deutlich konziserer Track in Form des mystischen Hüftschwingers „Why Don’t We Run“ dabei heraus. Der Track suggieriert eine gewisse Abenteuerlichkeit und nimmt den Hörer in fernöstliches sowie – im Instrumental-Part – sogar in mexikanisches Gefilde mit. Es geht also, auch ohne künstliche Prog-Injektion.

„Lifeboat“ mutet in Sachen Progressivität immerhin vielversprechend an, klanglich noch am nächsten am Gewässer klassischer GENESIS gebaut. Orgel und Mellotron erzeugen ein geschäftiges Klangbild und verleihen dem Song eine gewisse Räumlichkeit. Doch bleiben die PATTERN-SEEKING ANIMALS selbst bei diesem Track eher bei dem, was sicher und erprobt ist – es klingt alles sehr angepasst und wenig energisch. Selbst dieser Longtrack bekommt einen poppigen Charakter aufgenötigt, was ihn so ein bisschen am Boden festkettet. Da klingt „Soon But Not Today“ etwas befreiter: Der Track beginnt mit etwas fast Surf-Rock-artigem und hat zum Ende hin einen netten BEATLES-Einschlag, der den Song geschmackvoll abrundet.

PATTERN-SEEKING ANIMALS zeigen dennoch Potential an allen Ecken und Enden

Sprich: Es steckt viel Potential hier drin. Doch die Neigung, reguläre Pop-Songs mit Prog-Elementen aufzuplustern, scheint fast zwanghaft zu sein. Im Grunde müssen sich die PATTERN-SEEKING ANIMALS entscheiden, wovon sie sich lösen möchten, um das volle Potential ihres an sich schon guten, gefälligen Sounds zu realisieren. Entweder sie setzen auf progressiveres Songwriting und integrieren dieses konsequenter und prägnanter in ihren Sound, wie das GENTLE GIANT beispielsweise in ihren besten Tagen taten. Oder aber sie machen sich den Pop auf ehrlichere Weise zu eigen und setzen ASIA-mäßig bei „Why Don’t We Run“ an, das durch die reichhaltige, farbenfrohe Instrumentierung über Tiefe verfügt, ohne sich dabei großartig verrenken zu müssen.

Wenn diese Ausfertigung jetzt negativer klingt, als die Punktzahl suggeriert, dann liegt das daran, dass das Album im Grunde gut genug funktioniert, vorbildlich klar produziert ist und ausreichend Highlights enthält, um sechs Punkte zu rechtfertigen. Es bleibt nur weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, die sich hier böten, und lässt mich persönlich daher ein bisschen enttäuscht zurück. Hoffentlich entscheidet sich die Band bald für die ein oder andere Variante, bevor sie noch weiter gen selbstauferlegter Durchschnittlichkeit abdriftet…

18.05.2020

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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