Varde - Fedraminne

Review

Das in Schweden beheimatete Label Nordvis zeichnet sich seit der Gründung vor mittlerweile 15 Jahren durch eine überaus solide Auswahl an Bands aus dem überwiegend atmosphärischen und folkigen Black Metal aus. Dabei macht auch der Neuzugang VARDE keine Ausnahme, ein Projekt, das sich mit seinem Debütalbum „Fedraminne“ dem rauen, ursprünglichen Klang des besagten Genres verschrieben hat und in seiner stilistischen Auslegung immer wieder klare Anleihen an die großen Namen des Viking Metal aufblitzen lässt.

Die Band setzt sich aus drei norwegischen Musikern zusammen, die bereits zuvor Erfahrungen bei den mittlerweile nicht mehr ganz unbekannten NORDJEVEL und DØDHEIMSGARD sammeln konnten und nun in dieser neuen Konstellation zu neuen Ufern aufbrechen wollen.

„Fedraminne“ – Mit dem Drachenboot auf zu neuen Ufern

Den Auftakt für „Fedraminne“ bildet dabei der mit nahezu 13 Minuten längste Track des gesamten Albums, „Kystbillede Del I“. Nach einem unerwarteten, getragenen Intro auf dem Klavier, begleitet von dem wehklagenden, teils an MYRKGRAV erinnernden Klargesang, setzen kurze Zeit später die für den Black Metal typischen Screams ein, während die Klaviermelodie von der Gitarre übernommen wird. In der ersten Hälfte des sich bis dahin noch im Midempo bewegenden Songs, baut die Band gekonnt einen Spannungsbogen auf, der mit einer gänzlich unvorhersehbaren Wendung plötzlich in wilder, schwarzmetallischer Raserei mündet, ehe man sich im direkten Anschluss wieder auf melodische Gitarrenläufe fokussiert und letztlich das melancholische Eingangsthema erneut aufgreift.

VARDE erweisen sich im Hinblick auf das dargebotene Songwriting als überaus versiert und schaffen es, diesem hohen Niveau auch in den beiden folgenden Songs gerecht zu werden. „Halvdan Svarte“ beginnt vergleichsweise rockig und erinnert mit seinen knarzenden Vocals nicht nur einmal an die aktuelleren Veröffentlichungen der Landsleute von EINHERJER. Sowohl der besagte Titel, als auch das Lied „Koll Med Bilen Del I“, welches fast schon wie eine Hommage an FALKENBACH anmutet, regen die Fantasie des Hörers an, wie es sonst nur noch wenige Künstler im Viking Metal schaffen. Vor dem inneren Auge wähnt man sich die Drachenboote der Nordmänner durch dichte, nebelverhangene Fjorde segeln und es sind nicht zuletzt auch die durchweg in der Landessprache vorgetragenen Texte, die der Musik ein besonders hohes Maß an Authentizität einhauchen.

Im anschließenden „Forbundet“ zeigen VARDE die tiefe Verwurzelung der Bandmitglieder im Black Metal auf. Mit seinem pfeilschnellen Riffing und den ungezügelten Blastbeats zu Beginn, sowie den wütenden Growls im weiteren Verlauf des Songs hätte diese Nummer auch auf so manchem Album puristischer Szenegrößen einen soliden Eindruck gemacht. Die zuvor bei NORDJEVEL gesammelten Erfahrungen von Saitenhexer Nord kommen hier besonders gut zum Tragen. Sowohl sämtliche Instrumente, als auch der vielfältig vorgetragene, mal ein- mal mehrstimmige Gesang profitieren von der sehr sauberen, organischen Produktion, die sogar Raum für die ein oder andere interessante Basslinie bietet und den Hörer bei jedem weiteren Durchlauf neue Details entdecken lässt, die beim ersten Durchlauf womöglich noch nicht wahrgenommen wurden.

Von nordischer Kälte und Elektro Beats

Trotz des überaus gelungenen Auftaktes und eines guten ersten Eindrucks, der sich nicht zuletzt auch durch den vergleichsweise eigenständigen Stil manifestiert, driftet „Fedraminne“ in der zweiten Hälfte leider immer wieder in experimentelle Gefilde ab, die sich nicht so recht in das bis dahin gehörte Material einfügen wollen. Der titelgebende Track mutet zuerst wie eines der akustischen Intermezzi auf den genreverwandten Alben von ÁRSTÍÐIR LÍFSINS an, wird jedoch von einem Saxophon begleitet, welches auch auf dem abschließenden Song „Kystbillede del II“ zu hören ist und im Gesamtbild der Musik ein Stilmittel darstellt, dessen Einsatz sich auch beim mehrmaligen Hören nicht erschließen will.

In „Skuld“ wird der Hörer dann mit elektrischen Beats konfrontiert, die den Hörfluss zwar weniger beeinträchtigen, als es bei dem Einsatz der Blechblasfraktion der Fall war, im Rückblick auf die kalte, nordische Atmosphäre der ersten Tracks bleibt es jedoch nichtsdestotrotz überaus verwunderlich, wie es diese industriell anmutenden Versatzstücke auf das Album geschafft haben. Würden sich VARDE auf der nächsten Veröffentlichung mehr auf ihre ohnehin vorhandenen Stärken konzentrieren und weniger versuchen, moderne Stilmittel zu integrieren, die sich kaum in den Gesamtsound einfinden wollen, könnte der Band mit dem zweiten Wurf womöglich ein kleines Meisterwerk innerhalb des Genres gelingen.

Dem Debütalbum fehlt es jedoch leider an dem dafür notwendigen Fokus. Was bleibt ist ein zwiegespaltener erster Eindruck. Dank der hervorragenden Produktion, sowie der vielseitigen gesanglichen Darbietung und dem starken Songwriting, insbesondere bei den ersten Titeln, kann für Anhänger von gleichermaßen schroffen und melodischen Klängen skandinavischer Natur dennoch eine Hörempfehlung ausgesprochen werden. Neugierig auf kommende Veröffentlichungen macht das Debüt allemal.

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20.11.2020

Der metal.de Serviervorschlag

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