Orphaned Land
Interview mit Kobi Farhi über "The Never Ending Way Of ORwarriOR"

Interview

Nach sechs Jahren Wartezeit erscheint im Januar 2010 das neue Album der Middle Eastern Progressive Metaler von ORPHANED LAND mit dem Titel “The Never Ending Way Of ORwarriOR”. Frontmann Kobi Farhi kam zu diesem Anlass extra nach Deutschland, sodass metal.de die Gelegenheit hatte, ihn in den Dortmunder Century Media-Büros zu treffen und mit ihm über das Album und die Hintergründe der israelischen Band zu sprechen.

Orphaned Land

Hallo, Kobi! Herzlichen Glückwunsch zum neuen Album. Ich mag es sehr und es heißt “The Never Ending Way Of ORwarriOR”. Was bedeutet es?

Hallo und danke! Es ist ein Konzeptalbum über den Krieger des Lichts, den “ORwarriOR”. Das ist ein Wortspiel, “Or” ist hebräisch und bedeutet Licht. Wir spielen gerne mit Worten, denn wir glauben, dass ihre Kraft sehr groß ist. Leben und Tod können von einer Stimme abhängen, so wie von Gottes Stimme, wie die Bibel sagt, die Welt erschaffen wurde. Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht. Also nahmen wir das Wort “Or”, setzten es an den Anfang und das Ende des Wortes und in der Mitte kann man noch das Wort “war” entdecken. Es ist also ein Wortspiel, was man vielseitig interpretieren kann.
Das Konzept betrifft also diesen Krieger des Lichts, der keinesfalls ein Krieger im eigentlichen Sinne ist oder ein Messias. Du bist es, ich bin es, jeder ist es. Wir leben in einer Welt der Frustration, der Trauer und des Bösen. Menschen erfahren ständig Enttäuschungen, sowohl von Freunden, als auch den Regierungen, egal, von überall. Und dieser Krieger, der in jedem von uns steckt, ruht und wir versuchen, ihn zu erwecken. Und wenn er erwacht, erwacht auch das Licht. Wir können sehen, dass wir alle eins sind und gleich. Wir haben keine Fragen mehr. Bisher leben wir in einer Welt des Dunkeln, in einem spirituellen Holocaust der Dunkelheit. Menschen töten sich gegenseitig im Namen von Gott, so lächerlich es auch sein mag. Und wir nennen es den niemals endenden Weg, weil er nun mal niemals endet. Blicken wir zurück in der Geschichte, der Krieger konnte niemals erweckt werden, er wurde immer wieder gestoppt durch Kriege und sich tötende Menschen, es ist ein niemals endender Weg. Und das Album erscheint mit fast 80 Minuten auch schier endlos, haha.

Das Album ist in drei Teile geteilt. Warum ist das so und wie unterscheiden sich die einzelnen Teile?

Es ist geteilt, um dem Zuhörer die Komplexität der Geschichte leichter verständlich zu machen. Im ersten Part wird der Held geboren und erfährt sofort Enttäuschungen in seiner Umwelt. Deshalb wagt er die Reise durch die Dunkelheit und pilgert zur Stadt des Lichtes. Als er diese erreicht, beginnt der zweite Part, in dem er erkennt, dass er der Krieger des Lichts ist und er beginnt, ein neues Jerusalem zu erbauen. Im dritten Part fängt er dann an, seinen Krieg des Lichts zu führen und wird zum Terroristen des Lichts, was das Gegenteil des Terroristen ist, den wir in unserer Welt kennen. Er tötet niemanden, sondern erleuchtet die Menschen. Es gibt eine Zeile im letzten Song “We Are The Terrorists Of Light”, das ist der Höhepunkt der Reise. Beim Lesen der Lyrics wird deutlich, dass jeder von uns den ersten Part des Album selbst erfährt, aber wir erreichen nie mehr als das. Eigentlich könnte das Album ein Soundtrack zu einem Film sein.

Kannst du etwas über die Entstehung des Albums erzählen? Der Release eurer letzten Scheibe war 2004, also mittlerweile sechs Jahre her.

Es ist in vielerlei Hinsicht nicht einfach, ORPHANED LAND zu sein. Die Art, wie wir unsere Musik komponieren, ist sehr bizarr. Wir schreiben niemals einen Song. Es läuft eigentlich immer so ab: wir haben ein Konzept, diesmal der Krieger des Lichts, in 2004 war es Mabool, die Flut. Dann gehen wir nach hause und sammeln Material, keine Songs, sondern z.B. mal ein Gitarrenriff. Am Ende haben wir einen Haufen Riffs und setzen uns dann hin und puzzlen die Teile zusammen, passend zum Konzept, reihen sie Stück für Stück aneinander und so werden die Songs sehr einzigartig. Allerdings dauert es ewig, aber wir machen keine Kompromisse. Wir sind ja nicht NIGHTWISH (die gut sind, keine Frage!). Wir versuchen so schnell wie möglich zu sein, aber bedenkt, wir kommen aus dem mittleren Osten, wo das Leben nicht so einfach ist. Wir haben nicht die Zeit und Möglichkeit, uns nur auf die Band zu konzentrieren. Aber wir tun es für die Fans und versuchen, unser Bestes zu geben.

Auf euren neuen Band-Fotos sieht man euch in der Kleidung verschiedener Religionen. Was wollt ihr damit ausdrücken? Und wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Die Idee ist in einem Brainstorming mit Century Media entstanden. Unsere Musik ist so einzigartig und wir zeigen mit den Fotos auch, was wir in der Musik machen: wir kombinieren Hebräisches, Arabisches und das Neue Testament mit Metal, aber wir sind keine White Metal Band. Wir beschönigen Religion nicht, wir finden das, was die verschiedenen Religionen hervor gebracht haben, sogar lächerlich und was wir auf dem Foto und mit der Musik erreichen wollen, ist eine Vereinigung. Man kann Juden sehen, die wie Moslems beten, Araber, die jüdische Schriften studieren und mich und die Sängerin als Jesus und Maria Magdalena. Die Menschen sollen sich darin selbst erkennen. Drei Religionen glauben an denselben Gott und ihre heiligen Schriften erzählen die selbe Geschichte, sie glauben also an dasselbe und töten sich gegenseitig und das auch noch im Namen Gottes. Deshalb sind wir keine White Metal Band, denn wir sagen nicht, das ist gut, wir sagen, es ist gut, alle zu vereinigen, was mit Metal tatsächlich möglich ist. Man kommt nach Wacken und sieht ein globales Dorf. Du bist aus Deutschland, ich bin Hebräer und der Typ da drüben ist Araber und wir gehen alle zusammen Headbangen, wenn METALLICA spielt.
Deshalb bin ich stolz, in einer solchen Metal-Band zu spielen und auch viele arabische Fans zu haben. Wir haben tausende davon, weil Metalheads meiner Ansicht nach die einzigen sind, die verstehen, wie man der Welt Frieden bringen kann.

Ihr habt auch ein neues Bandlogo. Warum? Was bedeutet es und ist es auch Teil dieses Konzepts?

Das neue Logo ist ein Upgrade des alten. Wir wollten für das Booklet des neuen Albums Kalligrafie nutzen. Sie kommt ursprünglich aus China, wird aber auch viel in islamischer Kunst genutzt. Wir hatten einfach die Nase voll von Photoshop. Ich will da niemandem zu nahe treten, die Arbeiten können super sein, aber einfach nicht alles. Ich habe, das Handgemachte vermisst. Ich habe jemanden gefunden, einen Jordanier, der jetzt in Frankreich lebt und mich mit ihm zusammengesetzt. Wir beschlossen, verschiedene Worte, wie Licht, Krieg, Angst und Liebe, in arabisch und hebräisch zu vereinigen und das Ergebnis war grandios. Daraufhin haben wir auch das Logo verändert und nun sieht das ganze Artwork aus wie ein altes, handgemachtes Buch. Ich denke, es ist das schönes Artwork, das wir je gemacht haben.
Es gibt übrigens auch eine Special Edition des neuen Albums, die wirklich wie ein antikes Buch aussehen wird. Dabei ist eine DVD mit Bonusmaterial. Man kann sich anschauen, wie wir das Album aufgenommen haben im Studio, Interviews usw.

Kannst du etwas mehr über die Konflikte in eurem Heimatland erzählen, die immerhin ausschlaggebend für eure Musik sind?

Wir versuchen, die Situation in unserer Heimat zu reflektieren, sei es auf dem Foto oder in den Lyrics. Aber wir sind zwar Israeli und Juden, aber wir sind keine jüdische Band. Wir sind eine Middle Eastern Metal Band und im mittleren Osten liegt auch Arabien und wir haben zum Teil sogar arabische Wurzeln. Schreibt man “Hebräisch” und “Arabisch” in hebräischer Sprache auf, so erhält man sogar nahezu dieselben Buchstaben. Wir sind gleich, wir sind alle Söhne von Abraham. Es war schwierig, auf Arabisch zu singen, ich musste zehn mal zurück ins Studio, eine arabische Freundin hat mich immer wieder korrigiert, bis ich alles perfekt aussprechen konnte, um die Botschaft korrekt zu übermitteln. Wenn man mich jetzt hört, denkt man sicher fast, ein Araber würde es singen.

Wow, ich muss schon sagen, ich bin wirklich beeindruckt, wie viel Zeit und Mühe du in die Musik und die Botschaft, die ihr übermitteln wollt, investierst.

Es ist nicht nur Musik, es ist eine Bombe aus Licht und Hoffnung und ich investiere so viel hinein, wie es nur geht. Es geht hier nicht um einen Song über meine Freundin, was klar auch cool ist, aber meine Band widmet sich diesem Thema so innig und wir stehen voller Hingabe und Loyalität hinter unserer Botschaft und streben nach absoluter Perfektion. Die Zeit, in der ich ein Album mache, ist die schlimmste Zeit meines Lebens, weil ich so hart arbeite. Manchmal denke ich, ich sterbe daran.

Nochmal zurück zu den Konflikten im mittleren Osten. Soweit ich weiß ist es euch nicht mal erlaubt, in Arabien zu spielen, obwohl ihr dort so viele Fans habt.

Unser Heimatland Israel ist ein sehr westliches Land, wir sind sehr offen und haben auch die Demokratie, wir haben sogar Black Metal Bands. Aber, dass wir nicht in Arabien spielen können, ist richtig. Das Meer ist die Grenze. Unsere Länder sind verfeindet, weshalb es uns nicht erlaubt ist, die Grenze zu übertreten. Unsere Region ist nun mal in diesem schier endlosen Krieg. Und wir haben so viele arabische Fans und können nicht für sie spielen. Viele tragen sogar Tattoos von ORPHANED LAND.

Sie könnten damit richtige Probleme kriegen, oder? Für uns hier in Europa kaum vorstellbar.

Du kannst dir das so vorstellen. In Deutschland ist es nicht erlaubt, die Swastika zu nutzen, richtig? So kannst du dir das in Arabien vorstellen. Wenn ein Typ durch die Straßen läuft mit MORBID ANGEL-Shirt, Tattoos und langen Haaren, würde man in anrempeln, anpöbeln und wegen der Haare für schwul oder einen Satanisten halten. Dennoch haben wir tausende Fans dort, was ein Wunder ist. Es zeigt mir, dass wir ihnen Hoffnung geben können, dass der Frieden doch noch kommen wird. Sie werden von Geburt an erzogen, Israeli zu hassen und ihnen den Tod zu wünschen. Wenn sie dennoch unsere Musik anhören und mögen, dann muss es noch Hoffnung geben. 2001 war die Band eine Zeit lang nicht aktiv, als ich eine Mail von einem Araber erhielt mit einem Video von ihm selbst und einem ORPHANED LAND-Tattoo, obwohl die Bands nicht mal aktiv war. Das zeigte mir, dass wir eine Mission haben und dass wir weiter machen müssen.

Bevor ich eure CD erhielt, hat mich das alles wenig interessiert. Wir sitzen hier vorm Fernseher und erfahren in den Nachrichten über die Konflikte, aber es ist so weit weg. Ich erinnere mich noch, dass ich euch in Wacken gesehen habe 2006 und es war beeindruckend, dass Menschen aus dem mittleren Osten in Massen nur wegen euch kamen und zusammen feierten, obwohl ihre Länder derart verfeindet sind. Unglaublich! 2010 seid ihr wieder in Deutschland unterwegs, und zwar auf dem Rock Hard und Summer Breeze Festival. Ist noch mehr geplant oder sogar eine Tour?

Ich hoffe es doch, wieder in Wacken spielen zu können. Wir wollen unsere Botschaft weiter verbreiten. Ich komme aus einem Land, in dem Menschen tatsächlich sterben, von einem Ort des Todes. Viele Freunde waren schon in Terror-Anschläge verwickelt, aber ich bewahre meinen Glauben, meine Hoffnung und meine Stärke, denn wir sind die Krieger des Lichts und wollen den Kampf endlich beenden. Musik ist die globale Sprache.

Ich wünsche euch viel Glück dabei. Danke für die Zeit und das interessante Interview.

Ich danke dir auch für das Interview. Verbreite unsere Botschaft.

Die letzten Worte gehören dir.

Gern, ich wünsche allen Lesern hier frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr. In einigen Tagen beginnt auch das neue islamische Jahr, also ein frohes neues Jahr auch an die Moslems. Und die Juden feiern zu dieser Zeit Chanukka, das Fest des Lichts, also auch frohes Chanukka.

Galerie mit 19 Bildern: Orphaned Land - Landshuter Hofmusiktage 2016
09.01.2010

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