Coppelius
Coppelius

Interview

Auf der aktuellen SUBWAY TO SALLY-Tour dürfte eine Band aufhorchen lassen, die bisher überwiegend als absoluter Geheimtipp aus dem Berliner Untergrund für Furore sorgte. In Anzügen musiziert die Gruppe auf Klarinetten, Kontrabass und Cello und nimmt sich dabei im Verbund mit ihrem japanischen Schlagzeuger auch gerne mal den einen oder anderen IRON MAIDEN-Klassiker zur Brust. Nennt es nun göttliche Intuition, wahnsinnige Weisheit oder einfach zuviel Zeit; Fakt ist, dass ich bereits vor vielen Monaten das Vergnügen eines Schriftwechsels mit den "fünf höflichen Herren aus dem neunzehnten Jahrhundert" hatte. Doch genug der Vorrede. Viel Vergnügen mit dem Interview rund um Sushi, Stil und Spaß.

CoppeliusIch hoffe, ich darf Sie duzen, schließlich haben Sie – so man Ihrer Bandgeschichte Glauben schenken darf – das eine oder andere Jährchen auf dem noch recht ordentlich erhaltenen Buckel?

*betretenes Schweigen*

Wie habt ihr zusammengefunden und seid dann auf die Idee gekommen mit klassischen Instrumenten die Bretter, die die Welt bedeuten, zu entern?

Le Comte: Unser erstes Treffen führen wir auf den Tag der Uraufführung von Mozarts Zauberflöte zurück.

Coppella: Musiziert wurde zu jener Zeit mit klassischen Instrumenten und in unserem Alter wollten wir auch nicht mehr anfangen, galvanische Klangerzeuger zu beherrschen.

Es gibt ja so einige Vertreter der verschiedensten Genres, welche ihre Notenkunst durch exotisch anmutende Musikgerätschaften anreichern. Doch warum nutzt ihr eigentlich einzig und allein Instrumente aus längst vergangenen Zeiten, abgesehen vom unvermeidlichen Schlagzeug?

Coppella: Das Schlagwerk ist gar nicht so unvermeidlich. Sollte einmal, wie erst kürzlich geschehen, ein Krug voll Bier die Elektronik so berauschen, dass sie uns im Stich lässt, so können wir auch ohne dies Schlagzeug weiter musizieren, dann ist es eben leiser. Das verlangt vom Publikum allerdings Ruhe, genauso viel wie damals, als man leiser spielen musste. Übrigens ist die Klarinette ein viel jüngeres Instrument, als z.B. die Gitarre.

Graf Lindorf: Bei der Kunst der Beherrschung von Instrumenten, welche die Klangvielfalt der Musik bewahren, ist es genauso wie mit Coppelius: Es lebe die Ewigkeit!

Nobusama: Wie ihr schon wisst, verschwand die Klarinette, da sie z.B. im Vergleich zur Trompete und zum Saxophon viel zu leise ist, allmählich im Jazzbereich. Meiner Meinung nach ist es schon ziemlich verrückt, dass die Band neben den ganzen relativ leisen klassischen Instrumenten noch ein kräftiges Schlagwerk mit ins Spiel bringen wollte. Es ist kein Wunder, dass wir seit 200 Jahren erfolglos sind, hahaha. Aber ich habe noch etwas gesehen, was ein bisschen verrückter ist als Coppelius. Es ist ein Trio, bestehend aus Triangel (gleichzeitig Sänger), Maultrommel und Steptänzer!! Dieses Trio gibt es schon seit etwa 800 Jahren. Ich sagte ihnen, dass ihr Trio ganz sicher noch weitere 800 Jahre erfolgreich sein wird. Nichtsdestotrotz sind sie ganz nett zu mir und erzählen mir öfters allerlei Spannendes aus dem Mittelalter.

Moderne Zeiten: Gefällt es euch im 21. Jahrhundert? Es hat sich ja in technischer und gesellschaftlicher Hinsicht so einiges getan. Ach ja, was sind die prägendsten Fortschritte aus eurer Sicht gewesen?

Le Comte: Am prägendsten war wohl die Erfindung der Schellackplatte – nach langem Hadern mit unseren Prinzipien konnten wir uns nun endlich durchringen, Werke nicht nur im Konzert zu spielen, sondern jedermann daheim zugänglich zu machen. Ein bedeutender Umbruch!

Graf Lindorf: Fürwahr kommen wir mit den Vorteilen der Moderne immer öfter in Berührung. Jedoch scheinen die Erleichterungen den Menschen die Zeit auch immer mehr zu rauben. Am erschreckendsten ist aber, wie schnell die Uhren heute ticken und wie schnell man von einem Zug auf den nächsten springt.

Coppella: Jawohl Herr Graf, das würde ich auch sagen – präzise Uhren und der Zug gehören zu den wohl bedeutendsten Entwicklungen!

Nobusama: Ein wenig Angst bereitet mir die Tatsache, dass die modernen Menschen mehr und mehr Unterhaltungen beanspruchen, ohne selbst etwas mit ihrer eigenen Kreativität anfangen zu können. Selbstverständlich verdienen wir ja dadurch, aber trotzdem komm‘ ich nicht umhin, ab und zu, mein Kopf ist dann ganz wirr, über dieses Dilemma nachzudenken. Kampf in mir, könnte ich auch sagen.

Wozu benötigt ihr eigentlich euren Butler? Dünkt euch seine permanente Anwesenheit nicht etwas dekadent?

Le Comte: Vielleicht mag es auf Euch so wirken. Tatsächlich jedoch wären wir ohne unseren Butler hilflos den Wirrungen der modernen Welt ausgesetzt.

Coppella: Wer soll denn sonst den überlasteten Comte wieder von der Bühne aufheben, ich vielleicht?

Nun zum Schlagzeuger: Wie wurde er zum Teil eurer Gemeinschaft, schließlich scheint er kaum Deutsch zu sprechen? Besteht die Gefahr, dass er eines Tages wieder mit Sack und Pack von dannen segelt?

Graf Lindorf: Da er damals dabei war, sich als herrenloser Samurai durch zu viele Schwertkämpfe seiner trommlerischen Fähigkeiten zu berauben, konnte nur eine Reise nach Europa dazu dienen, auf andere Gedanken zu kommen. Gott sei Dank ist uns dies gelungen. Im Übrigen dürften seine deutschen Konkubinen ihn daran hindern zu schnell das Weite zu suchen…

Coppella: Manchmal ist er etwas traurig, aber dann trommelt Bastille der Butler ein Ständchen, welches so laut ist, dass die Trauer von Schmerz abgelöst wird.

Nobusama: Mehr Freizeit! Ups, ich habe mich mehr oder weniger an die europäische Kultur angepasst. Aber ich kann auch laut spielen, muss ich mich dann jedoch mit Spalanzani absprechen. Es ist doch nicht so schwer, oder?

Der Dunkelromantiker E. T. A. Hoffmann versah einst in seinem Werk „Der Sandmann“ einen eher negativen Charakter mit dem Namen Coppelius. Da ihr ja darauf besteht, dass euer Sandkastenfreund den Namen von euch übernommen habe, wäre es natürlich interessant zu erfahren, warum es ihm nun eigentlich beliebte, euch in einen so boshaften Schatten zu rücken?

Le Comte: Das ist ihm in der Tat etwas untrefflich gelungen. Wie allgemein bekannt ist, spielen wir nur, um zu beglücken und Freude zu verbreiten.

Graf Lindorf: Vielleicht hat ihn die zu jener Zeit ungewöhnlich anmutende Musik dazu verleitet. Wir glauben uns erinnern zu können, dass man unsere Auftritte damals mitunter als „Teufelsspiel“ bezeichnete.

Wie erklärt ihr euch eigentlich euer überwiegend recht junges Publikum? Zwar ist dies oft eine generelle Erscheinung im Untergrund, aber ganz selbstverständlich dürfte die Begeisterung für eine ziemlich eigenständige Musiziergruppe wohl nicht sein, oder?

Graf Lindorf: Für uns ist all unser Publikum recht jung, aber nicht eben nur jungem Publikum wird auf unseren Konzerten geholfen. Die Einsicht, dass die Konzerte von Coppelius dazu dienen, dem alltäglichen Leben für kurze Zeit und auf gesunde Weise entfliehen zu können, beginnt schon früh.

Coppella: Aber Herr Graf, seit wann ist auch nur eines unserer Konzerte als gesund anzusehen? Ich dachte immer, unser Publikum leidet fast so wie wir. Selbst der drahtige Körper des so jugendlich anmutenden Comte Caspar ist meistens so beansprucht, dass er manches nur noch im Liegen zu spielen vermag!

Zwei Demonstrationswerke eurer Musiziergruppe sind bereits in Eigenregie veröffentlicht worden. Ist es schon absehbar, wann der geneigte Hörer mit einem kompletten Album rechnen kann? Haben bereits Vertreter von Plattenfirmen Interesse gezeigt? Sind die bisherigen Absätze zufriedenstellend? Fragen über Fragen…

Graf Lindorf: Gut Ding will Weile haben.

Coppella: Meine Absätze waren nicht mehr zufriedenstellend, deshalb habe ich sie kürzlich erneuern lassen.

Nobusama: Der Band Coppelius nicht, aber mir haben viele Plattenfirmen, als Reaktion auf mein Soloprojekt, Interesse gezeigt und großzügige Angebote inkl. Sushi-Angelmöglichkeit in Privatgewässern in Südlage unterbreitet. Ein sehr komisches Gefühl kam da in mir auf, habe ich ihnen, den Plattenfirmen, gar nicht geantwortet, weil bei mir Coppelius vorgeht. Bis so etwas noch mal geschieht, braucht man Geduld.

Im Gegensatz zu euren Live-Auftritten haben eure auf runden Silberscheiben konservierten Werke die schreibende Zunft bisher in der Regel lediglich zu gemäßigteren Reaktionen bewegen können. Ein wesentliches Element – nämlich die gar verzückende Bühnenshow – dürfte nur schwerlich ersetzbar sein. Oder habt ihr evtl. schon mal daran gedacht (audiovisuelle) Live-Mitschnitte unters Volk zu bringen?

Le Comte: Allerdings.

Coppella: Ach so?

Le Comte: Habt ihr auch DAS schon wieder vergessen? Nun, so wird es wohl keinen geben…

Andererseits hat euch die Ermangelung eines Plattenvertrages nicht daran gehindert, inzwischen auch die eine oder andere Ecke Deutschlands zu betouren, die sich nicht in unmittelbarer Nähe Berlins befindet. Wohin geht die Reise in der Zukunft für Coppelius, gibt es gar eine Vision, ein höheres Ziel, das es zu erreichen gilt? Oder will man nur noch so lange musizieren, wie es die bestehenden Lebensumstände zulassen?

Coppella: Man weiß nie, wohin die Reise geht, deshalb ist immer das nächste Konzert oder auch die nächste Aufnahme einer Komposition eine große Herausforderung. Und zwar eine so große, dass man in unserem Alter glücklich ist, diese überhaupt zu überleben. Selbst über bei der schreibenden Zunft nur gemäßigte Reaktionen hervorrufende konservierte Werke sind wir dankbar.

Ihr beschränkt euch in euren bisherigen Coverversionen fast ausschließlich auf alte IRON MAIDEN-Klassiker (Anm.: „Running Free“, „Wrathchild“, „Remember Tomorrow“…). Käme nicht auch beispielsweise „Stairway To Heaven“ für ein klassischeres Gewand in Frage?

Graf Lindorf: Es gibt eine unüberschaubare Menge von spielenswerten Musikstücken und unser Repertoire reicht von IRON MAIDEN-Klassikern und einem großen Brunnen von Eigenkompositionen auch über andere adaptierte Versionen. „Stairway to Heaven“ gehört zweifellos zu den großen Kompositionen.

Coppella: Allein dieser Gedanke wird bei Coppelius heftige Diskussionen auslösen!

Nobusama: Kamst du schon mal in den Genuss in Coppellas Plattenfach reinzuschauen? Dort reihen sich bloß IRON MAIDEN, IRON MAIDEN und IRON MAIDEN -Schallplatten. Er ist total verrückt, besessen von ihnen!! Ich befürchte bloß, dass Coppella irgendwann einmal statt der Klarinette E-Bass anfangen wird zu spielen.

Auftritte bestreitet ihr gerne in elegantem Zwirn. Gilt es, die Damenwelt so auf besondere Art und Weise zu betören? Schließlich könntet ihr ja sonst auch Trainingshosen und Hawaii-Hemden auftreten.

Le Comte: Wir kommen aus einer Zeit, in der es noch üblich war, sich für das geneigte Auditorium in Schale zu werfen, ganz so, wie auch wir es von unseren Gästen erwarten. Wir haben nicht vor, uns von dieser Tradition zu entfernen.

Nobusama: Heutzutage scheint es, so habe ich es vernehmen können, eine Kehrtwendung in der Modewelt zu geben. Ist es doch Mode geworden, sich einfach nackt zu zeigen. Ein bisschen Kultur muss sein.

Coppella: Was bitte sind Trainingshosen und was ist Hawaii für ein Stoff?

Wozu tragt Ihr eigentlich die Gurkenmasken auf der Bühne, die wiederum eher abschreckend auf die Damenwelt wirken dürften? Bei eurem Auftritt auf einem kleinen Festival in Spandau ward ihr teilweise gar blutbeschmiert zu sehen, wenn ich mich recht entsinne. Wie kam’s?

Coppella: Sie sollten mal sehen, wie abgeschreckt die Damenwelt sein dürfte, wären wir mal ohne Masken zu sehen.

Le Comte: Die Schrammen rührten aus einem kleinen Streit um den Ablauf der zum Besten gegebenen Stücke, der in einem Fechtduell mündete… doch sind alle Fehden wieder beseitigt.

Ihr habt wohl allesamt eine Ausbildung an euren Instrumenten genossen und seid nicht autodidaktisch vorgegangen. Wissen eure Lehrer von damals eigentlich, was ihr heute so treibt?

Coppella: Diese dürften nun etwa auf die 300 Jahre zugehen und ich hoffe nicht, dass sie wissen, was ich tue. Meine altehrwürdigen Lehrer würden von ihrem Recht auf Prügelstrafe Gebrauch machen.

Nobusama: Ist egal!! Hauptsache SPASS!!

Vielen Dank für das Interview.

Coppelius: Sehr wohl, Coppelius hat gern geholfen!

Galerie mit 15 Bildern: Coppelius - Wave Gotik Treffen 2019
19.09.2005

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