Dornenreich
Dornenreich

Interview

DORNENREICH zeigen mit ihrem aktuellen Album "Hexenwind" eine neue Facette ihres Schaffens, ein sehr ruhiges und hypnotisierendes Werk. Schon immer stand die Band für eigenwillige Musik, welche nicht gerade "Massentauglich" ist. Jedoch scheint gerade "Hexenwind" sehr stark zu polarisieren. Während manch einer wie unser Thomas oder auch ich voller Entzückung den verträumten Klängen lauschen, empfinden gerade diese Klänge viele andere eher als eintönig bis gar nervend. Ich jedenfalls freute mich, folgendes Interview mit Eviga führen zu dürfen, welcher tiefe Einblicke in die Welt von DORNENREICH gab.

DornenreichEndres: Hallo Eviga! Jedes Album von DORNENREICH zeichnete sich bisher dadurch aus, etwas besonderes, Spezielles zu sein. So ist Euch das auch erneut mit dem aktuellen Opus „Hexenwind“ geglückt. Wie sehr seid Ihr mit dem neuen Werk zufrieden? Was ist es für ein Gefühl, dieses Album veröffentlicht zu haben?

Eviga: Nun endlich den Punkt erreicht zu haben, an dem man beim Hören des Albums nicht mehr länger im Kopf daran arbeitet, ist wirklich eine große Erleichterung und bedeutet, dass wir das Album losgelassen haben. Freilich könnte man immer weiter daran arbeiten – und gänzlich zufrieden ist man mit einem abgeschlossenen Werk nie, doch keimen in eben diesem Befund schon zukünftige Vorhaben.

Endres: „Hexenwind“ ist im Vergleich zum Vorgänger „Her von welken Nächten“ anders. Es ist ruhiger, schlichter, fast schon hypnotisierend ausgefallen. War dies so gewollt, oder hat sich die Musik im Laufe der Zeit so entwickelt? Wie kam es zu dieser Ausdrucksform? Was waren die Inspirationsquellen? Es vergingen viereinhalb Jahre zwischen „Her von welken Nächten“ und „Hexenwind“. Weshalb diese lange Zeitspanne? Wie stark hat sich die Musik im Laufe dieser Zeit immer wieder verändert?

Eviga: Die äußere Erscheinung des Albums hat sich im Verlaufe der letzten Jahre durchaus gewandelt, was bedeuten soll, dass zwar das musikalische Fundament, also Schlagzeug und Gitarren, bereits im Jahre 2001 stand, die Arrangements, die vokale Herangehensweise und die Vorstellungen bezüglich des Klanggewandes sich jedoch fortlaufend verändert haben.
Uns ist mehr und mehr klar geworden, dass wir mit „Hexenwind“ instinktiv der ursprünglichen menschlichen Sehnsucht nach bedingungsloser Zugehörigkeit nachzuspüren suchten, dem Gefühl, „dem kein Wort folgen kann“. Demnach gewannen die Stimmungen bzw. Welten zwischen den Worten und Tönen des Albums für uns an Bedeutung und wir gingen daran, das Mysterium, den endlosen Strom des Lebens als subtile Botschaft auch stilistisch herauszuarbeiten. Deswegen das schnörkellose Schlagzeugspiel, einem Pulsschlag ähnlich, deswegen das über weite Strecken konstante Tempo, einer schamanischen Reise ähnlich, deswegen die Stille am Anfang und am Ende des Albums – und deswegen auch unser letztendlicher Entschluss, das Album auf allen Ebenen schlichter zu gestalten. Für dieses Ergebnis mussten wir zuerst über einen langen Zeitraum hinweg ein pompöses Gebäude errichten, um es dann wieder auf den zentralen Raum rückzubauen. Dieser bewusste Vorgang, Ausschmückungen wieder zu streichen und das Album auf das Wesentliche zu reduzieren, hat uns jedenfalls persönlich viel gebracht.

Endres: Sind die einzelnen Songs auf Grundlage der Lyrik entstanden oder basieren die Texte auf der Musik?

Eviga: Die Texte zu „Hexenwind“ basieren auf der Musik. Tatsächlich ging ich dieses Mal so vor, dass ich mich einfach hinsetzte, mir jeden musikalischen Part mehrmals hintereinander anhörte und anschließend die jeweiligen Textstellen nach den Bildern und Gefühlen niederschrieb, die die Musik in meinem Inneren ausgestaltet hatte.

Endres: Die Meinungen zu diesem Album auf Seiten der Fans gehen stark auseinander. Nicht nur in unserem Forum wird hierüber sehr kontrovers diskutiert. Ich glaube sagen zu dürfen, dass es nur wenige Alben gibt, welche derartig polarisieren. Inwiefern setzt ihr euch mit der Kritik aus dem Fan-Lager auseinander? Oder anders gefragt… erklärt ihr den Leuten, weshalb „Hexenwind“ genau so sein muß?

Eviga: Natürlich nehmen wir diese Kritik wahr und grundsätzlich vergisst man fundierte Kritik nicht leicht, wenn man ehrlich zu sich ist, doch gerade klar dargelegte negative Kritik bringt einen persönlich weiter, deshalb bin ich für jede leidenschaftlich ausformulierte, begründete Kritik dankbar, da sie in ihrer Weise starkes Interesse an der Sache bekundet und mitunter Perspektiven eröffnet, die wir selbst vielleicht außer Acht ließen. Und so etwas kann sehr fruchtbar sein. „Hexenwind“ scheint stark zu polarisieren, ja. Das Album ruft äußerst positive wie auch äußerst negative Reaktionen hervor, ja, aber worauf, wenn nicht auf ein beseeltes Werk, weist dies hin? Bei der Beantwortung von Interview-Fragen versuche ich jedenfalls, meine Gedanken und Gefühle zu „Hexenwind“ anzudeuten und verbal aufzuzeigen, dass das Album einige Tiefenschichten bereithält.

Endres: Wie stellst Du dir den Personenkreis vor, welche eure Alben kaufen? Was sind das für Leute?

Eviga: Dazu will ich eigentlich bloß anmerken, dass es mich immer wieder freut, wie viel Hingabe und Begeisterung unsere Hörer für DORNENREICH aufbringen und wie leidenschaftlich sie ihren starken persönlichen Bezug zu DORNENREICH zuweilen in diversen Internet-Foren kundtun, denn das scheint mir das höchste Lob zu sein, dass man für seine Werke bekommen kann.

Endres: Auch auf textlicher Seite haben die Veränderungen nicht halt gemacht… so sind diese wesentlich minimalistischer ausgefallen. Steckt da eine bestimmte Intention dahinter?

Eviga: Da ich die Texte unmittelbar nach bzw. während des Hörens der Musik schrieb, bediente ich mich freilich der einfachsten Worte, um den Fluss authentischen Ausdrucks nicht zu untergraben. So sind die Worte, die Hexenwinds Inhalte textlich transportieren zwar einfach, doch in dieser archaischen Schlichtheit tut sich dem geneigten Hörer eine große Weite, eine tiefe Symbolik auf. Musikalische und textliche Intention greifen also ineinander. In diesem Sinne reduzierten wir auch den Stimmeinsatz. Stimmen schaffen nämlich stets eine gewisse Intimität und wir wollten geraden im Rahmen von „Hexenwind“ wieder gegensätzliche Elemente miteinander verbinden bzw. einander direkt gegenüberstellen. So setzten wir in „Hexenwind“ bewusst sowohl Abschnitte ausgeprägter Intimität vermöge laut abgemischten Flüsterns und Singens als auch Abschnitte atmosphärischer Weite bar jeglicher Stimme, allein getragen von minimalistischer und visuell suggestiver Musik.

Endres: Ursprünglich war ja angedacht, ein eigenes (Black Metal) Bandprojekt namens HEXENWIND zu starten, das Album sollte „Sharrketim – Der Zauberzeichen zehn“ heißen. Wie kam es letztendlich zu der Umorientierung?

Eviga: Die stilistische Veränderung ist das natürliche Resultat des langjährigen Entwicklungsprozesses. Wir sind über die Jahre hinweg offen für neue Ideen geblieben, um authentisch zu bleiben. Gewiss haben wir uns in diesem Zeitraum auch persönlich verändert und unseren Horizont erweitert. Allerdings sind diejenigen Eigenschaften, die uns am norwegischen Black Metal faszinierten, auch im jetzigen Erscheinungsbild „Hexenwinds“ erhalten. Ich denke dabei an die umfassende (Natur-)Mystik, die stilistische Vielfalt, die besondere Bildhaftigkeit und die emotionale Eindringlichkeit von Bands wie ULVER oder THE 3RD AND THE MORTAL. Alle unsere Alben unterscheiden sich – unserem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechend – äußerlich deutlich von einander, doch im Kern sind sie beseelt von ein und derselben profunden Sehnsucht.

Endres: Woher kamen die inhaltlichen Ideen für „Hexenwind“? Was verbirgt sich hinter dem Konzept? Wofür steht die Hexe bei DORNENREICH und was fasziniert Dich an einer Hexe?

Eviga: „Wind“ stellt für mich eine Art Bindeglied zwischen materieller und immaterieller Welt dar, eine Art Mittler zwischen der inneren und der äußeren Welt, zumal „Wind“ seinem Wesen nach einem Gedanken, einem Gefühl, einem Wunsch ähnelt, nicht sichtbar, nicht greifbar, doch wirkt sich sein Streben merklich auf die Welt aus. Ganze Felder beugen sich ihm und die abertausende Blätter eines Baumes rauschen mit ihm. In ähnlicher Weise bilden Gedanken, Gefühle, Wünsche und Ideen eines Menschen den Ursprung unseres äußeren Handelns und gestalten so unsere Welt. Außerdem ist „Wind“ ja ein durch und durch sprunghaftes, kaum berechenbares Phänomen und symbolisiert für mich im Rahmen von „Hexenwind“ auch die Freiheit von Gedanken, Gefühlen und Fantasie. In der „Hexe“ sehe ich ebenfalls eine Art Schwellenwesen zwischen Traum, Legende, Sage, Märchen (…) und Wirklichkeit. Ich sehen darin ein Wesen, in welchem sich die Dualität unseres Seins besonders eindringlich zeigt, da sich in den Assoziationen rund um den Begriff „Hexe“ Licht und Dunkelheit im Extrem begegnen. Hier vermischt sich das Bild einer sagenumwobenen böswilligen Kreatur mit dem historischen Bild naturweiser Frauen. Daraus lässt sich erkennen, dass das Wortkonstrukt „Hexenwind“ letztlich ein Bewusstsein meint, dass seine gegensätzliche Natur vollständig zu leben versteht, sich in einem größeren (Natur-) Zusammenhang begreift und um die Wichtigkeit von Freiheit und Vorstellungskraft weiß.

Endres: DORNENREICH und gerade das Album „Hexenwind“ regen ungeheuer die Fantasie an. Denkst Du, dass die Fantasie in der heutigen Gesellschaft zu kurz kommt?

Eviga: Ich bin der Meinung, dass wir unsere Fantasie heutzutage nur allzu oft am falschen Ort einsetzen. So geraten beispielsweise unzählige Werbespots zu Meisterwerken des fantasievollen Umgangs mit nicht selten überflüssigen Produkten, während wir meines Erachtens für dringliche Lösungen z.B. in Umweltfragen viel zu wenig Fantasie und Kreativität einbringen. Und das zeigt sehr klar, wie weit wir Menschen uns schon vom „Leben an sich“ entfernt haben.

Endres: „Her von Welken Nächten“ ist für viele ein Meilenstein extremer Musik. Wie siehst Du rückblickend dieses Album?

Eviga: Als ich die Texte zu „Her Von Welken Nächten“ schrieb, war ich achtzehn Jahre alt.
Wie alle unsere Alben repräsentiert auch „Her Von Welken Nächten“ unser damaliges Entwicklungsstadium, in welchem vieles auf uns einstürmte, in welchem wir weiter zu uns fanden und in welchem „das Ich“ bzw. der Trug des Ich, nämlich „das Ego“, im Vordergrund stand uns sich mit innerer und äußerer Welt konfrontiert sah. In „Hexenwind“ wird das Subjekt bzw. Subjektivität in den größeren objektiven Zusammenhang gestellt. Das ist auch der Grund, warum das Cover zu „Hexenwind“ keine menschliche Silhouette mehr beinhaltet und weshalb das gesamte Album doch erheblich mehr innere Ruhe ausstrahlt.

Endres: Was kannst Du uns über eure Akustiktour mit OF THE WAND AND THE MOON sowie TENHI berichten? Welche Eindrücke sind Dir davon haften geblieben?

Eviga: Die Konzertreise mit TENHI und OF THE WAND AND THE MOON war für mich eine menschlich wie künstlerisch enorm bereichernde Erfahrung. Man verstand sich untereinander ausgesprochen gut und man sah sich gegenseitig mit Wonne bei den Konzerten zu. In besonders lebhafter Erinnerung ist mir das Abschlusskonzert der Tour bei den Orkus-Herbstnächten 2001 geblieben, denn nach dem Konzert musizierten wir mit TENHI noch eine ganze Weile in einem winzigen Backstage-Bereich: unvergesslich …

Endres: Vielen Dank für das Interview! Die letzten Worte gehören Dir!

Eviga: Abschließend möchte ich mich noch bei Dir, Markus, für Deine interessanten Fragen bedanken.

Galerie mit 10 Bildern: Dornenreich - Dark Easter Metal Meeting 2019
03.12.2005

Geschäftsführender Redakteur (Konzertakkreditierungen, News, Test Audioprodukte)

Interessante Alben finden

Auf der Suche nach neuer Mucke? Durchsuche unser Review-Archiv mit aktuell 31358 Reviews und lass Dich inspirieren!

Nach Wertung filtern ▼︎
Punkten
Nach Genres filtern ►︎
  • Black Metal
  • Death Metal
  • Doom Metal
  • Gothic / Darkwave
  • Gothic Metal / Mittelalter
  • Hardcore / Grindcore
  • Heavy Metal
  • Industrial / Electronic
  • Modern Metal
  • Pagan / Viking Metal
  • Post-Rock/Metal
  • Progressive Rock/Metal
  • Punk
  • Rock
  • Sonstige
  • Thrash Metal

Kommentare