Edguy
Edguy

Interview

Dass Tobias Sammet ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis hat und sich auch nicht über einen Mangel an Selbstbewusstsein beschweren kann, ist bereits hinreichend bekannt. So verwundert es auch wenig, dass sich ein telefonisches Interview locker auf knapp 40 Minuten ausdehnen kann, ohne langweilig zu werden. Bei all dem lockeren Plausch über Country-Metal, taube Drummer und die legendäre Kuh-Hose fanden jedoch auch ernsthafte Themen wie namensgebende Gehörschäden oder Theorien über Beethoven Erwähnung. Und dass der chronische Spaßvogel über einige Unsitten innerhalb der Metal-Szene überhaupt nicht mehr lachen kann, verleiht dem Gespräch die nötige Würze.

EdguyHallo Tobi, ich freue mich, dass du anrufst.

Ja, ich freue mich, dass du rangegangen bist. (lacht)

Euer neues Album heißt ja „Tinnitus Sanctus“. Bei dem Namen kommt wieder euer bandtypischer Humor ein bisschen durch.

Naja, weiß ich nicht. Es hat natürlich in Verbindung mit dem Cover-Artwork einen gewissen Wortwitz. Aber eigentlich ist Tinnitus ja eine unangenehme Begleiterscheinung von dauerhafter Ohrenbeschallung. Wir wollten einfach einen verhältnismäßig epischen Titel haben, weil sich relativ schnell im Aufnahmeprozess – oder besser im Albumerstellungprozess – herausgestellt hat, dass die Platte sehr ernst und düster und mystisch werden würde. Dementsprechend war uns so ein epischer Titel auch sehr recht.

Es waren zuerst Titel wie „Magnum Opus“ im Gespräch. Von „Magnum Opus“ kamen wir auf „Spiritus Sanctus“ und dann haben wir gedacht, „Tinnitus Sanctus“ ist frecher. Also irgendwie kam mir das Wort irgendwann in den Sinn und es klang irgendwie frech, aber trotzdem auch episch und groß und rock’n’rollig. Deshalb sind wir bei „Tinnitus Sanctus“ hängen geblieben. Aber so übertrieben lustig wollten wir es gar nicht haben, weil das wäre dem Material wahrscheinlich nicht gerecht geworden.

Trotzdem wird so ein Titel die üblichen Nörgler weiterhin davon abhalten, euch als Band ernst zu nehmen.

Natürlich, da müssten wir die Platte natürlich „Dragons and Warriors“ nennen oder „Sword and Sorcery“ oder wie auch immer, dann würden uns die Nörgler vielleicht ernst nehmen. Aber dann würden wir all diese kranken Fans, die zu uns stehen und genauso matschig in der Birne sind wie wir, vor den Kopf stoßen – und uns selbst auch. (lacht) Von daher stoßen wir lieber weiter die Nörgler vor den Kopf.

Ich meine, das hat doch auch was Gutes, dass wir die intoleranten Metal-Fans so wunderbar regelmäßig auf Abstand halten, denn so sind wir bei den Konzerten einfach unter uns, unter netten Menschen mit Wortwitz, mit Intelligenz, mit einer überdurchschnittlichen Auffassungsgabe für tolle Musik. (lacht)

Zum Thema „Tinnitus“: Welche Erfahrungen haben du und deine Bandkollegen bislang mit Hörschäden gemacht?

Ich glaube, was Lautstärke betrifft, ist eigentlich nur Felix (EDGUY-Drummer Felix Bohnke – Anm. d. Red.) betroffen. Felix ist relativ schwerhörig, das macht ihm aber auch seinen Job als EDGUY-Schlagzeuger wesentlich einfacher. (lacht) Er hört auch nicht, was wir dann so über ihn reden. (wird wieder ernst) Neee, das ist tatsächlich so, aber ansonsten…

Ich habe – ich kann da nur von mir sprechen, aber bei den anderen sieht es ähnlich aus, glaube ich – obwohl ich keine Ohrenstöpsel benutze, bisher eigentlich keine Hörschäden davongetragen. Ich hatte Anfang des Jahres einen Hörsturz, aber das war aufgrund von Stress. Da war das rechte Ohr praktisch taub geworden, da waren komplett die Höhen weg und es gab ein großes Frequenzloch. Das wurde dann durch Infusionen und viel Ruhe wieder behoben. Sowas ist sehr unschön, weil es einem halt den Hörgenuss deutlich kaputt macht.

Die ganze Sache an sich hat auch absolut nichts Cooles an sich. Ich finde auch solche Floskeln wie „ist es zu laut, bist du zu alt“, das funktioniert irgendwie so ein bisschen als Rock’n’Roll-Lifestyle-Spruch, aber als tatsächliches Lebensmotto kann ich dieses ganze „spiel’s lauter“ und „lauteste Band der Welt“ und diesen ganzen Scheiß nicht witzig finden. Es funktioniert natürlich wie gesagt als Spruch, als Plattitüde ist das völlig ok – wie auch unser „Tinnitus Sanctus“ – aber so richtig witzig sind halt Hörschäden eben nicht. Ein Hörschaden macht dir ja das kaputt, woran du und ich irgendwie glauben und was uns unser komplettes Leben versüßt, nämlich die Musik. Deshalb ist das nichts Erstrebenswertes.

Das heißt, du drehst auch privat deine Verstärker nicht in bester SPINAL TAP-Manier auf 11 auf?

Ich muss sagen, ich höre schon sehr gerne laut Musik, aber es ist halt immer die Frage WIE laut. Ich versuche, mir nicht die Ohren kaputt zu machen. Ich höre schon ziemlich laut, aber laut und laut sind auch Unterschiede. Mit einem guten Sound, wenn die Höhen nicht zu bissig sind, dann kannst du auch relativ laut hören, ohne dass du dir die Ohren kaputt machst. Es muss halt immer angenehm sein, mit gewissen Frequenzen solltest du es einfach nicht übertreiben.

Von daher – ich möchte schon mein Gehör noch lange behalten, aber es ist jetzt nicht so, dass ich hier die ganze Zeit auf Zimmerlautstärke höre, gerade auch im Auto. Geile Musik muss man halt einfach laut machen, das ist schon so. Aber nicht so, dass es eben krankhaft ist, nur damit es einfach laut ist. Deswegen werden wir auch nie versuchen, einen Weltrekord aufzustellen und die lauteste Band der Welt zu sein. Weil wir keinen Bock haben, dass wir diesen paar Fans mit gutem Musikgeschmack, die zu EDGUY-Konzerten kommen, auch noch die Ohren kaputt machen. Dann ist unser Publikum ja ganz weg.

Unlängst warst du ja mit AVANTASIA ziemlich aktiv. Wie stark war der Einfluss, den diese ganze Arbeit mit AVANTASIA auf das neue EDGUY-Album hatte?

Uff. Gar nicht, würde ich sagen. Zumindest kann ich da bewusst nichts ausmachen. AVANTASIA war AVANTASIA und ich habe sowohl für EDGUY als auch für AVANTASIA die bestmöglichen Titel zum jeweiligen Zeitpunkt geschrieben. Ich habe mir nicht einmal Songs aufgehoben, die ich mit der einen Band nicht machen konnte und dann mit der anderen machen wollte. Die Songs sind wirklich alle chronologisch den Anforderungen des jeweiligen Projekts entsprechend entstanden. Von daher gab es da keinen Einfluss, also gar nicht.

Wir haben in letzter Zeit ein bisschen die musikalische Freiheit ausgelotet und kultiviert, sowohl bei EDGUY als auch bei AVANTASIA. „Rocket Ride“ war ein ganz wichtiges Album, um uns freizuschwimmen und uns freizumachen von irgendwelchen Erwartungen. Erst wenn man irgendwelche Dinge macht, die andere Leute vielleicht so nicht verstehen wollen, kriegt man mit, wie intolerant eigentlich vieles in der Szene abläuft und wie intolerant viele Leute da sind – und dass es offensichtlich mehr Regeln im Heavy Metal gibt als in der römisch-katholischen Kirche.

Es war sehr schön, wie wir uns freigeschwommen haben mit „Rocket Ride“. Wir haben damals wirklich ein Album aufgenommen, das in sämtliche Richtungen aus den Konventionen einfach ausgebrochen ist. Das war sehr wichtig und da habe ich mit AVANTASIA weitergemacht. Ich wusste, dass die Leute von der neuen AVANTASIA vielleicht auch wieder ein reinrassiges Speed-Bombast-Metal-Album erwarten würden und genau das habe ich eben nicht gemacht. Nicht weil ich die Leute vor den Kopf stoßen wollte, sondern weil ich einfach das machen wollte, was ich für richtig hielt, und ehrlich sein wollte. Denn wenn du nicht ehrlich bist und irgendwas machst, damit es jemand anderem gefällt, dann hat es keine Seele mehr.

Ich denke, das haben wir mit der neuen Platte auch wieder gemacht. Ich will nicht sagen, dass wir wieder ein Stück weiter gegangen sind, denn ich halte „Tinnitus Sanctus“ für wesentlich geschlossener, griffiger und zielstrebiger in eine Richtung marschierend als „Rocket Ride“. Nichtsdestotrotz hat die jüngste Vergangenheit – sowohl was EDGUY als auch was AVANTASIA betrifft – doch Rückenwind gegeben und uns darin bestärkt, dass man durchaus Erfolg haben kann, wenn man nicht den anderen Leuten in den Arsch kriecht und das macht, was von einem erwartet wird, ganz egal, ob man selbst dabei vor die Hunde geht oder nicht.

Wenn man sich eine Zeitlang auf das eine Projekt konzentriert, tut es dann nicht auch ziemlich gut, ein wenig Abstand vom anderen zu bekommen?

Ich brauchte jetzt ehrlich gesagt keinen Abstand von AVANTASIA, weil ich hatte ja jahrelang Abstand davon, aber ich brauchte auch keinen Abstand von EDGUY. Es war für mich natürlich eine coole Erfahrung, plötzlich wieder so rumspinnen zu können und mit Musikern zusammen zu arbeiten, Erfahrungen zu sammeln und neue Wege zu beschreiten mit AVANTASIA. Das war schon sehr schön für mich und sehr wichtig in der persönlichen Entwicklung. Aber es war nie so, dass ich Ruhe vor einem der beiden Projekte gebraucht hätte.

Nach der AVANTASIA-Geschichte kann ich jetzt sagen, dass ich mich wieder wahnsinnig darauf freue, mit EDGUY auf Tour zu gehen. Aber die eigentliche Arbeit am Album, das war eher eine Umstellung. Geschrieben habe ich die Songs sowohl für AVANTASIA als auch für EDGUY. Aber ich habe mich halt mit Sascha (Paeth – Anm. d. Red.) für AVANTASIA zusammen in sein Studio gesetzt, hatte Songideen und wir haben uns Ideen an den Kopf geworfen. Sascha ist halt der Produzent, er hatte also das Endresultat schon im Kopf, als ich angefangen habe, die Songideen vorzustellen. Er hat gleich Gitarre gespielt, er hat das Schlagzeug für die Demos gespielt, wir haben das alles direkt zusammen ausgearbeitet.

Das war natürlich ein anderes Arbeiten, als wenn du dann wirklich wieder mit vier Leuten im Proberaum stehst, die vielleicht nicht gleich einen fertigen Song vor Ohren haben, wenn sie deine Songideen hören. Das war durchaus eine Umstellung, aber das hat wenige Wochen gedauert, dann waren wir wieder im EDGUY-Groove drinnen. Von daher war es nicht so, dass ich gesagt habe: „Hurra, ich bin wieder zurück bei EDGUY im Proberaum!“ Es hat Spaß gemacht, aber es war auch wieder eine neue Herausforderung. Und wo ich mich jetzt wirklich drauf freue, ist die Tour halt einfach.

Du hast euren Produzenten Sascha Paeth gerade schon angesprochen. Mit dem arbeitet ihr jetzt auch schon einige Jahre zusammen. Wie viel frischer Input kann da nach mehreren Alben von einem Produzenten überhaupt noch kommen? Kommen da noch ganz frische und neue Ideen durch?

Ja, natürlich. Wir entwickeln uns ja auch, ich entwickle mich auch als Songwriter weiter. Ich glaube, das was jetzt als Rohware an Sascha gegeben wurde, waren ganz andere Songs als zu „Rocket Ride“-Zeiten. Und dadurch, dass die Sachen von Jens oder Dirk gespielt wurden, die ganz anders Gitarre spielen als Sascha, klingt es auch ganz anders als AVANTASIA zum Beispiel. Von daher ist das Frische, das unter dem Strich steht, nach wie vor da. Es sind wieder ganz andere Konstellationen und die Voraussetzungen sind ganz andere als bei „Rocket Ride“.

Ich mag die „Rocket Ride“ absolut, es ist auch bis dato mein EDGUY-Lieblingsalbum gewesen, aber es war eben stilistisch sehr vielseitig und sehr bunt. Zum Teil hat es vielleicht auch einen sehr albernen Anstrich gehabt, der ein bisschen übertüncht hat, dass das Album dennoch qualitativ ziemlich hochwertig war. Ich glaube einfach, dass die Songs diesmal einen Tick stärker waren, dass die Melodien stärker sind und dass wir, als wir die Arrangements zusammen mit Sascha durchgegangen sind, ein anderes Soundbild vor Ohren – kann man das so sagen? – hatten als zu „Rocket Ride“-Zeiten. Von daher kann ich sagen, dass jetzt noch nicht der Punkt erreicht ist, an dem die Kreativität abgeschöpft ist. Wenn man irgendwann fünf oder sechs Alben zusammen gemacht hat, kann ich mir durchaus vorstellen, dass das passiert, aber so lange man so viele neue Ideen und Einflüsse hat, wie das jetzt bei uns der Fall ist, so lange sehe ich die Gefahr noch nicht.

Wir haben vorher – einschließlich „Hellfire Club“ – fünf oder sechs Alben und die ersten beiden AVANTASIA-Alben selbst produziert. Das hieße ja dann im Umkehrschluss, dass die auch alle gleich klingen müssten oder dass man da auch kreativ irgendwie in einer Sackgasse gelandet war. War man dann vielleicht, aber das hat acht oder neun Alben gedauert und da war kein Produzent dabei gewesen. Jetzt haben wir noch eine zusätzliche Meinung und von daher denke ich, dass das nicht so schnell in einer Sackgasse enden wird.

Kann es sein, dass beim Anfangsteil von „Dead Or Rock“ – vor allem textlich – QUEENs „One Vision“ Pate gestanden hat?

Neee, eigentlich nicht. (überlegt und beginnt vor sich hin zu singen) Es mag sein, dass es da Parallelen gibt, ich muss mir das nochmal anhören. Also Pate gestanden hat das nicht. Klar, man kann das Rad nicht neu erfinden. Es mag also immer sein, dass man unbewusst gewisse Passagen einbaut, die gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Aber das ist mir noch nicht aufgefallen.

Dann hör da nochmal rein! Ansonsten habt ihr ja als Rausschmeißer mit „Aren’t You A Little Pervert Too“ eine Art Country-Metal-Stück geschrieben…

Ja, das war eigentlich ganz anders geplant. (lacht) Eigentlich war der Song gar nicht geplant. Ich saß im Studio und hatte einfach die Idee einen Text zu machen, hab mich dann da reingesteigert und fand das ganz witzig, mit relativ unschuldigen Worten einen richtig versauten Text zu machen und dabei auch ein bisschen die Thematik der Scheinheiligkeit zu behandeln. Dass gewisse Dinge einfach gerne unter den Teppich gekehrt und totgeschwiegen werden, obwohl wir ja alle ziemlich triebgesteuerte Wesen sind, das ist einfach so. Ich fand das dann ganz witzig, das im FRANK ZAPPA-Style zu machen und dem Song auch einen erzkonservativen Anstrich zu geben – und was kann konservativer sein als dieser amerikanische Country/Bluegrass/Redneck-Style?

Das war eben das witzige an dieser Geschichte. Da haben dann auch noch Sascha und ein Kumpel von ihm auf der Steel-Gitarre mitgespielt. Wir haben das einfach im Studio in kürzester Zeit live als Bonus-Joke eingespielt. Es war einfach ein Gag, ist aber auch im Endeffekt ein ziemlich geiler Song geworden. Ich hör mir den sehr gerne an, weil es wirklich sehr krank ist, dieser völlig abartige Text – der nicht autobiografisch ist, das möchte ich betonen – in Verbindung mit dem erzkonservativen Song.

Ich hatte da so ein bisschen „Trinidad“ im Kopf, das ihr beim letzten Album als Ausreißer mit dabei hattet.

Ja klar, es ist auf jeden Fall wieder ein Ausreißer, aber das war eigentlich keine große Sache. Die Platte war in sich schon fertig und dann kam diese Idee noch und dann haben wir gesagt: Komm, das packen wir mit drauf, das ist witzig! „Trinidad“ wurde schon von Anfang an mitkomponiert. Das war zwar auch so eine Beigabe, aber das wurde – soweit ich mich erinnern kann – komplett im Songentstehungsprozess mitgeschrieben. Und „Aren’t You A Little Pervert Too“ kam einfach hinterher als Gag dazu.

Mit „Trinidad“ hattet ihr dieses Südsee-Feeling, jetzt geht es in die Country/Western-Richtung. Wenn wir diese musikalische Weltreise fort spinnen, was ist dann das nächste Reiseziel?

(wie aus der Pistole geschossen) Bayern!

Bayern? Volksmusik-Metal oder was?

(lacht) Das würde ich gerne irgendwann einmal noch machen. Sowas im Franzl-Lang-Stil. Vielleicht „Die Perle Tirols“ covern oder irgendwie so etwas. Irgendwas wird uns da schon noch einfallen…

Bei „Speedhoven“ ist die Anspielung eigentlich auch mehr als eindeutig. Trotzdem habe ich nicht so richtig erkannt, welches Beethoven-Stück ihr darin verwurschtelt habt.

Eigentlich haben wir gar nichts darin verwurschtelt. Wir haben am Ende des Refrains eben irgendwie in den Lead-Vocals dieses Thema von der „Neunten“ drinnen, dieses „Ba-Da-Da-Daaaa“. Aber es sollte eigentlich gar nicht so eine Hommage an Beethoven sein, sondern es sollte ein Song über den Geist von Kunst sein. Es sollte zur Kernaussage haben: Ganz egal, was man über ein geschaffenes Werk sagt, wie man sich darüber äußert und wie kritisch man der Sache gegenüber steht – wenn die Kunst rein ist in ihrer Form, dann wird sie sowohl den Künstler als auch seine Kritiker überleben. Da geht es einfach um den Geist von Kunst, beziehungsweise eben um den Geist von Beethovens Kunst, der ja auch mit Widrigkeiten zu kämpfen hatte.

Es geht darüber hinaus auch um eine These, die ich aufstelle. Beethoven ist ja taub geworden und hat danach noch seine „Neunte“ fertig gestellt – ich weiß grade gar nicht, ob er sie nicht sogar erst danach angefangen hat. Ich stelle die These dazu auf, dass das eine Schutzmaßnahme der Natur war, dass er ertaubt ist, weil die Natur wusste, dass er hinterher immer noch komponieren kann. Aber so musste er sich den ganzen Rotz seiner Kritiker nicht mehr anhören. Darum geht es eigentlich in dem Song. Er hat so ein bisschen was komisches, aber er ist auch ziemlich tragisch und es ist eigentlich eine Hommage an die freie Kunst, die sich nicht den Erwartungshaltungen Außenstehender unterordnet.

Andere Bands veröffentlichen heutzutage zu jedem Album-Tour-Zyklus sofort eine DVD. Bei euch warte ich immer noch auf die erste richtige Live-DVD.

Die wird aber kommen. Sie ist in Arbeit.

Heißt das, ihr nehmt diesmal ein paar Kameras mit auf Tour?

Neee, ich meine, wir haben ja eigentlich eine komplette DVD-Aufnahme. Wir haben auch unheimlich viel „Behind the Scenes“-Material. Wir haben ja auf jeder Tour gesammelt und wir haben einfach noch nie die Muse gehabt, das Ding zu veröffentlichen, weil wir lieber immer wieder mit was Neuem kommen wollten.

Plattenfirmen wollen ja gerne ein so genanntes „Release-Fenster“ dafür haben. Das heißt, man muss dann eine ganze Weile lang nichts machen, damit die genügend Zeit haben, ihre DVD zu veröffentlichen und ordentlich die Werbetrommel zu rühren, ohne dass die Leute sagen: „Mit dem Sammet will ich kein Interview, der hat doch in den letzten Jahren schon genug gesagt.“

Deshalb muss man sich dann auf seinen Arsch setzen und Däumchen drehen, während die Plattenfirma die DVD veröffentlicht. Das verzögert natürlich dann weitere Veröffentlichungen und schiebt die weiter nach hinten. Daher haben wir gesagt, wir machen jetzt erst das Album und ich denke dann, im März oder April wird die DVD kommen, die allerdings auf der „Rocket Ride“-Tour in Brasilien mitgeschnitten wurde.

Also doch wieder aus Südamerika…

Ja gut, wir haben ja in Südamerika schon zwei DVDs mitgeschnitten. Ein Teil von der ersten Show war dann schon auf der „Superheroes“-DVD. Wir haben dann nochmal eine komplette Show auf der nächsten Tour mitgeschnitten.

Ich erinnere mich daran, dass du auf der „Rocket Ride“-Tour zumindest bei eurem Auftritt in Stuttgart noch erzählt hast, dass ihr die nächste DVD nicht in Südamerika mitschneiden wolltet…

Ja, aber das ist dann irgendwie so gekommen. (lacht) DVD-Pläne sind bei uns ja sowieso immer sehr… es ging ja in der Vergangenheit immer irgendwas schief. Wir hatten ja komplett geplant, das Ding auf dem „Masters Of Rock“ in der Tschechei mitzuschneiden. Da haben wir uns auch den Arsch abgespielt und dummerweise wurde die DVD nicht mitgeschnitten. Das heißt, die hatten die Kameras zwar laufen, aber haben das Ding nicht aufgezeichnet und es nur auf die Leinwände geschmissen. Wir waren auch echt sauer, weil das vorher halt einfach groß geplant war. Das war eine einzige, riesige Panne. Als wir diese Bänder dann eben nicht hatten, weil sie nicht existierten, mussten wir uns natürlich einen Plan B ausdenken und dann ist eben die Entscheidung für Südamerika gefallen.

Wenn du als Musiker auf der Bühne stehst, hast du aber natürlich auch eine gewisse Vorbildfunktion.

Ohje! (lacht)

Was denkst du, wäre das wichtigste, was deine Fans von dir lernen könnten?

Ehrlichkeit – sich selbst gegenüber und anderen gegenüber. Ehrlichkeit und Konsequenz. Bei der Pünktlichkeit sollen sie sich lieber an andere halten. (lacht) Aber wirklich. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit finde ich das wichtigste und ich bin echt überrascht, wie hoch dieses Ideal in der Metal-Szene immer gehängt wurde und wie wenig davon in der Realität umgesetzt wurde. Das ist eine der traurigsten Sachen, die ich in so vielen Jahren Musikgeschäft erkennen musste, dass man mit Ehrlichkeit überall anzuecken scheint.

Und hier geht es nicht um die Ehrlichkeit, dass ich jemandem ins Gesicht sagen muss, was er für eine beschissene Nase hat, sondern hier geht es darum, wie viele Steine einem in den Weg gelegt werden, wenn man auf der Bühne man selbst ist, ohne böse Intentionen seinem Humor freien Lauf lässt. Und vor allem, wie krumm einem das manche Leute nehmen, wenn man ehrlich das macht, worauf man Bock hat und einfach sagt: Ich kann nichts anderes machen, weil ich käme mir dabei schlecht vor, dich zu belügen und jetzt ein Speed-Metal-Album aufzunehmen, nur damit der Fan sagt: „Tobi, das hast du toll gemacht!“ Das wäre nicht ehrlich.

Das schlimme ist, dass ich als Fünfzehn- oder Sechzehnjähriger zu einigen Leuten aus der Szene aufgeguckt habe. Ich wollte ein Teil dieser Rock’n’Roll- oder Heavy-Metal-Szene sein, weil ich daran geglaubt habe, dass die Leute kompromisslos ihr Ding durchziehen. Und ich musste einfach feststellen, dass Kompromisslosigkeit absolut unerwünscht ist. Deshalb kann ich nur sagen: Seid nett zueinander, macht euer Ding, nehmt keine Drogen – ja, vielmehr kann ich eigentlich nicht sagen. Und die Pünktlichkeit solltet ihr euch bei Jens abschauen. (lacht)

Guten Klamottengeschmack kann man von dir ja auch lernen…

Man kann zumindest lernen, wie man die Aufmerksamkeit kriegt – das hat aber noch nichts mit Anerkennung zu tun. (lacht)

Welches war denn das letzte wirklich ausgefallene Kleidungsstück, das du dir gekauft hast?

Was heißt ausgefallen? Ich sage mal, auf eine Gala-Veranstaltung kann ich fast mit keinem meiner jüngst erworbenen Kleidungsstücke gehen. Ich weiß es gar nicht… Ich kaufe halt in den USA sehr gerne ein. Da gibt es in Hollywood ein paar Läden, da kaufen auch solche Leute wie Steven Tyler oder Nikki Sixx ein – und das sieht man auch. Das sind Klamotten, mit denen kannst du dich in der Öffentlichkeit kaum sehen lassen. Aber ich finde das einfach cool.

Ich mache mir auch keine Gedanken, ob ich damit jetzt anecke oder nicht. Viele Leute denken, dass ich mir die Sachen bewusst kaufe, damit man irgendwie möglichst scheiße aussieht. Aber das mache ich eigentlich gar nicht. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich irgendwann diese Kuh-Hose anhatte. Ich habe die, glaube ich, nur auf zwei Konzerten angehabt, eines davon war das „Bang Your Head!!!“ Und ich dachte wirklich, das ist eigentlich eine ganz nette Hose. Ich fand die einfach lustig, witzig, ausgefallen. Aber dass ich damit irgendwie eine ganze Generation von jungen Menschen vor den Kopf stoßen würde, das war nun wirklich nicht geplant. (lacht)

Sie ist auf jeden Fall Kult geworden.

Aber wie gesagt, ich habe sie nur zweimal auf der Bühne angehabt, ein Konzert in Deutschland, das war das „Bang Your Head!!!“ Ich dachte mir, irgendwas ist hier faul, als ich nachher gelesen habe, was die Hose doch für einen Unmut generiert hat.

Ich finde ja, man darf sich über so etwas schon amüsieren, so lange man eine Band nicht auf so etwas reduziert.

Mich hat das auch nicht aufgeregt. Wenn jemand sagt „Da hat er aber wieder geschmacklose Klamotten an“, dann macht mir das jetzt auch nichts. Meine Freundin würde unterstreichen, dass ich der König des schlechten Geschmacks bin, was Klamotten angeht. Aber so ist das halt eben. Ich mache das nicht, weil ich einen schlechten Geschmack haben möchte, ich habe offensichtlich einfach einen. (lacht)

Du bist ja allgemein als Spaßvogel bekannt. Einige Statements, die ich in letzter Zeit von dir gehört habe, aber auch einiges, was du vorhin gesagt hast, klingt dagegen fast ein wenig pessimistisch und desillusioniert. Ist die Welt wirklich so schlecht, dass selbst dir mittlerweile das Lachen vergeht?

Nein, also das auf keinen Fall. Ich bin ein absolut positiv denkender Mensch und ich habe unheimlich viel Spaß in meinem Leben. Ich kann es mir inzwischen auch erlauben, mein Leben wirklich so zu gestalten, dass ich es mir einfach angenehm machen kann. Ich habe die besten Freunde, die man sich vorstellen kann, ich habe die beste Freundin, die man sich vorstellen kann, ich habe eine coole Familie, wir haben Erfolg mit der Band… Es ist nur so, dass man manchmal auf den Tisch hauen muss, um die Leute auch ein bisschen wach zu rütteln.

Du hast gerade eben von Verantwortung gesprochen und ich sehe es auch als meine Verantwortung an, den Leuten auch mal den Spiegel vorzuhalten und zu sagen: Das ist das, was ihr vorgebt zu sein und hier im Spiegel seht ihr mal, was ihr wirklich seid. Das hat auch nichts mit dem erhobenem Zeigefinger zu tun, ich hinterfrage mich durchaus auch selbst. Es ist also nicht so, dass ich jetzt immer Recht habe, das sehe ich auch gar nicht so. Aber es ist einfach Fakt, dass es in dieser Szene viele Dinge gibt, die mich inzwischen ankotzen, viel Scheinheiligkeit einfach.

Das heißt nicht, dass ich die ganze Szene scheiße finde. Wenn das so wäre, dann würde ich der Sache den Rücken kehren und würde sagen: Rutscht mir alle den Buckel runter, ihr könnt mich alle am Arsch lecken, ich mach gar nix mehr hier. Aber ich setze mich immer noch dafür ein, dass man vielleicht den einen oder anderen Denkanstoß bekommt und auch dazu beiträgt, dass vielleicht ein kleines bisschen mehr Toleranz an den Tag gelegt werden würde.

Aber ich bin in keinster Weise total desillusioniert. Ich bin einfach viel konsequenter geworden. Früher habe ich versucht, wenn ich irgendwas scheiße fand, mich da rauszureden – oder nicht rauszureden, sondern… die Sache nicht so auf den Kopf zu treffen. Also einfach lieber kein Statement, als jemandem auf die Füße zu treten. Und inzwischen habe ich kein Problem mehr damit, Leuten auf die Füße zu treten, denn manchmal muss das einfach sein. Jeder braucht auch mal die Situation, dass man ihm auf die Füße tritt, um einfach mal wach zu werden, wenn man sich auf dem Holzweg befindet. Mir haben auch schon Leute auf die Füße getreten und da bin ich auch dankbar dafür.

Lass uns noch kurz über eure anstehende Tour reden. Ich freu mich schon darauf, euch wieder live sehen zu können.

Ja, wenn du in Stuttgart wohnst, vermutlich in der „Filharmonie“.

Ist euch das „LKA“ mittlerweile zu klein?

Ich glaube, das war das letzte Mal im Vorverkauf schon ziemlich ausverkauft und da haben sie gesagt, da gehen wir diesmal in ein nächst größeres Venue. Naja, dann spielen wir da halt. Wir spielen, wo die uns haben wollen.

Auf der Bühne hast du auf der letzten Tour noch spaßhaft von der „Schleyerhalle“ gesprochen. Aber da habt ihr ja dann auch beim „Nuclear Blast“-Jubiläumsfestival gespielt.

Das war ganz schön von der Bühnengröße her. Aber irgendwie war das eine kunterbunte Mischung von Bands und ich spiel lieber wieder ein bisschen kleiner, dafür unsere eigene Show. Abgesehen davon, sind da dann auch nur unsere Fans. Die nehmen mir das nicht übel, wenn ich auf der Bühne gegen den VfB Stuttgart wettere – oder wahlweise Eintracht Frankfurt oder Scheiße 04. Weißt du, die sagen: „Naja, mein Gott, er hat halt ’ne Meise. Aber lass ihn ruhig, Hauptsache er singt schön.“ (lacht)

In den USA seid ihr ja zusammen mit KAMELOT unterwegs. In Europa kriegen wir dieses coole Package aber wohl nicht zu sehen, oder?

Neee, KAMELOT haben uns das einfach angeboten, dass wir in den USA als Special Guest mit ihnen fahren können. Die haben schon eine ganze Menge US-Touren auf dem Buckel, wir eben erst zwei. Es wird vermutlich viel los sein, wenn wir zusammen da unterwegs sind. Es sind jetzt auch schon einige Clubs ausverkauft. In Europa kann jede der beiden Bands alleine spielen und da auch eine 90-minütige Headliner-Show spielen, deshalb werden da die Bands nicht zusammen touren.

Ist denn schon bekannt, wen ihr in Deutschland mit an Bord haben werdet?

Für Deutschland ist es noch nicht bekannt. (Inzwischen wurden die Schweden ALL ENDS für die Deutschland-Shows bestätigt – Anm. d. Red.) In Südeuropa wird Andre Matos mit dabei sein und auf der ganzen Tour wird als Opening Act eine schwedische Band namens H.E.A.T. dabei sein. Die haben viele Leute noch nicht gehört, aber ist absolut, absolut, absolut empfehlenswert. Für mich ist das das geilste Debütalbum seit der ersten MASTERPLAN.

Die Band hat sich gar nicht darum beworben. Es war so, dass ich durch Zufall den Tipp bekommen habe, was meinen persönlichen Geschmack angeht, diese Band anzutesten. Ich habe sie angetestet über MySpace – also da musst du mal auf www.myspace.com/heatsweden reinhören – habe also die Band gehört und hab dann erfahren, dass das 22-jährige Burschen sind, die so abgezockten, geilen 80er-Jahre-Hardrock spielen, im Stil von frühen EUROPE. Das hat mich einfach umgehauen.

Ich habe dann direkt die Band kontaktiert und gesagt: Hallo, hier ist der Tobi von EDGUY und ich find euch tierisch geil! Es war dann auch ganz schnell klar, dass ich die auch mit auf Tour haben wollte. Es hat zwar jeder davon abgeraten, eine Band mitzunehmen, die kein Schwein kennt, weil es bringt ja nichts in diesem ach so korrekten Business, jemanden mitzunehmen, dem man damit einen Gefallen tut, der nicht zusätzlich noch Leute zieht, aber das war mir scheißegal.

Wir haben in dieser Szene schon so viel an positiven Dingen im Laufe der Zeit erfahren und so viel Glück auch selbst gehabt. Man kann auch einfach mal irgendeine Band mit auf Tour nehmen und der zu Popularität verhelfen, ohne dass man irgendetwas davon hat. Das sehe ich auch als Pflicht irgendwie, das ist auch so das Sozialsystem. Uns hat der Kai mitgenommen damals, der Hansen-Kai, als wir noch nichts getaugt haben und jetzt nehmen wir H.E.A.T. mit – und die taugen was. Nur kennt die leider noch keiner. Das wird aber nach der Tour anders sein.

Da freue ich mich dann auch drauf und bedanke mich recht herzlich bei dir für das Gespräch.

Ich danke auch und wünsch dir noch einen schönen Abend!

Galerie mit 22 Bildern: Edguy - Monuments Tour 2017
03.11.2008

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