Kambrium
"Party-Songs überlassen wir denen, die das besser können"

Interview

Der Release-Tag des vierten KAMBRIUM-Albums „Dawn of the Five Suns“ steht unmittelbar bevor. Die musikalische Richtung, in der sich die Helmstedter bewegen, ist vermutlich nicht ganz unumstritten. Epik wird bei KAMBRIUM einfach groß geschrieben, das Keyboard steht, wie auch Chöre und Orchester, stark im Vordergrund. Die für das Album gewählte Thematik, Mythen und Sagen der Maya und Azteken, dürfte im Metal außerdem ziemlich neu sein. Wir unterhielten uns daher mit Keyboarder Jan über die Entstehung der Scheibe, Metal-Puristen und zerstörerische Götter.

Hallo Jan! Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum neuen Album „Dawn of the Five Suns“. Die Scheibe wirkt so, als hättet Ihr überall noch einmal eine Schippe draufgelegt, vor allem natürlich: Noch mehr Epik, noch mehr Chöre! War das von vornherein Eure Intention?

Hallo, und vielen Dank für die Glückwünsche! Richtig, der Plan war von Anfang an noch einmal eine Schippe draufzulegen. Wir wussten schon vor dem Songwriting, dass wir dieses Mal mehr und vor allem echte Chöre haben wollten. Zudem hat es uns sehr in die Karten gespielt, dass wir nun endlich die Technik hatten um komplexere Orchester-Arrangements zu komponieren und aufzunehmen.

Wie ist die Idee entstanden, quasi ein Konzeptalbum zum Thema „Kultur der Maya“ herauszubringen? Das Thema ist im Metal ja durchaus ungewöhnlich, meistens wird sich eher auf nordische Mythologien beschränkt.

Genau das wollten wir nicht: Die Beschränkung auf eine bekannte Mythologie nur, weil sie so oft im Metal besungen wird. Die Sagen der Azteken und Maya sind meines Erachtens sogar um einiges spannender und abgedrehter, als die ganzen nordischen Geschichten. Vor allen Dingen sind sie noch nicht aufgebraucht. Man möchte als Musiker ja auch etwas erfrischendes für die Musikkultur leisten. Das würde mit noch einem Viking-Metal-Album irgendwie nicht funktionieren.

Wie sah der Songwriting-Prozess zu „Dawn of the Five Suns“ aus? Stand das Thema der Platte da schon fest, oder kamen die Ideen, wie man das Maya-Thema einbaut erst später?

Das Thema stand schon vor dem Songwriting-Prozess fest. Wir wollten ein Album erschaffen, das nach Wald klingt, aber dennoch unbekannte kulturelle Elemente besitzt. Darauf aufbauend entstanden die vielen Melodien und Rhythmen. Dennoch mussten wir erst einmal eine Menge Zeit für die Recherche aufwenden. Im Metal bekommt man oft Namen wie „Odin“ oder „Thor“ um die Ohren gehauen, und weiß wofür sie standen. Aber Götter wie „Cabrakan“ oder „Mictlantecuhtli“, der Herrscher der Unterwelt, sind hier weitestgehend unbekannt. Genau das macht aber auch den Reiz von „Dawn Of The Five Suns“ aus. Vielleicht begeistern wir ja auch den ein oder anderen für diese Sagen. Das wäre natürlich klasse!

Wie schreibt man eigentlich ein 10-Minuten-Epos wie „Cabrakan God Of Mountains“? Gibt es da einen Punkt an dem klar wird: „Oh oh, ich glaube das hier wird was größeres“?

Im Gegensatz zu allen älteren langen Songs von uns, war „Cabrakan, God Of Mountains“ von Anfang an als langer Song geplant. Von daher unterscheidet er sich auch von den älteren Songs: Hier hatte ich einen genauen Plan von dem was als nächstes kommen muss, welche Wendung der Song jetzt einschlagen muss, wann wo welches Solo platziert ist, und wo welche Lyrics sein müssen. Ich hatte also schon einen roten Faden im Kopf an dem ich mich entlang hangeln konnte. So etwas fehlte mir früher komplett, wodurch die Songs nicht so gut strukturiert waren, es keinen Spannungsaufbau gab und die Songs in sich nicht schlüssig waren. Allerdings war ich letztendlich dann doch positiv überrascht wie episch schon allein der Anfang geworden ist.

Wer kam auf die Idee der Spoken-Word-Passagen in „Cabrakan God Of Mountains“ und wer hat sie eingesprochen?

Auf „Dark Reveries“ hatten wir schon einmal Spoken-Word Passagen getestet, allerdings waren die nicht sonderlich professionell, da wir die selbst einsprechen mussten. Auf „The Elders‘ Realm“ haben wir dann gar nicht erst probiert welche einzubauen. In der Zwischenzeit sind wir allerdings auf Jonathan Hutchings, ein finnischer Sprecher der bereits für TURISAS und WHISPERED gearbeitet hat, aufmerksam geworden. Ich wusste, dass der lange Song auf jeden Fall einen Erzähler brauchte. Jonathan war sofort von dem Song begeistert und hat diesen mit seiner einzigartigen Stimme veredelt. Vielleicht kennen einige auch die Kurzfilme „Rare Exports Inc.“. Die Erzählstimme ist auch seine.

Kambrium - Dawn of the Five Suns

Cover Artwork von „Dawn of the Five Suns“

Das letzte Drittel des Albums, eingeläutet durch das Instrumental „Nocturnal Woods“, ist der düsterste und zum Teil auch härteste Abschnitt, in dem auch nicht in jedem Song auf eingängige Chor-Refrains gesetzt wird. Ist das absichtlich so gestaltet, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen?

Wir wollten zeigen, dass wir am Ende noch einmal richtig aufdrehen können. Nichtsdestotrotz war es wichtig mit „Nocturnal Woods“ vorher einen Ruhepol zu haben. Das letzte Drittel wird dann mit „Sacrifices Must Be Made“, geschrieben von Maximilian, eröffnet. Das passt perfekt, da man wirklich einen finalen Akt hört. Dieser Song lebt genauso wie der darauffolgende Song „Blood Soaked Goddess“ von seiner Härte. Erstmals haben wir auch weibliche Growls auf dem Album. Diese passen natürlich perfekt zum Thema der blutverschmierten Göttin, die auf immer mehr Opfergaben besteht.

Vergleiche mit anderen Bands sind ja immer ein wenig schwierig, viele Künstler hören sie selbst auch nicht so gern. Während ich Euren aktuellen Sound als Mischung aus WINTERSUN und ORDEN OGAN sehen würde, siehst Du das vermutlich ganz anders. Kannst Du vielleicht einfach einmal kurz erzählen, aus welchen Richtungen die Mitglieder von KAMBRIUM kommen und was Du selbst als Eure größten Einflüsse siehst?

Tatsächlich kann ich mit diesen vergleichen gut leben. Bei WINTERSUN würde ich allerdings sagen, dass die „Time“-Ära am besten zu uns passt. Das neue Material geht bei denen ja durchaus andere Wege. Am ehesten sehen wir selbst KAMBRIUM als eine Mischung aus WINTERSUN, TURISAS, EQUILIBRIUM, KALMAH und WHISPERED. Das liegt auch daran, dass wir im Kern dieselbe Musik hören, auch wenn jeder seine Ausreißer in andere Genres hat. Karsten hört viel modernen Metal, Fabien hat sein Faible für Progressive Metal gefunden, Martin hört gerne auch fernab vom Metal-Bereich elektronische Musik, Maximilian und ich sind musikalisch fast auf der gleichen Wellenlänge und hören alle unterschiedlichen Metal-Spielarten.

Im Gegensatz zu anderen deutschen Bands, die Epic Metal mit gutturalem Gesang spielen, findet man bei KAMBRIUM keine klassischen Party- oder Sauf-Songs. Möchtet Ihr Euch da bewusst ein wenig abgrenzen, oder ist das einfach nicht Euer Ding?

Wir haben ehrlich gesagt noch nie darüber nachgedacht einen Party-Song zu schreiben. Das überlassen wir lieber denen, die das besser können. Zudem würde es auch nicht passen, wenn wir irgendwelche Humppa-Melodien spielen, und über zerstörerische Götter singen.

Was sagst Du Puristen, die der Meinung sind, dass Orchester, Keyboards oder ähnliche „genrefremde“ Elemente im Death Metal nichts zu suchen haben und der Meinung sind, dass alles außer DISSECTION im melodischen Bereich mit Death Metal nichts mehr zu tun hat?

Dazu muss man eigentlich nicht viel sagen. Wenn solche Leute mit dieser Art von Musik nichts anfangen können, dann sollen sie die eben nicht hören. Ich echauffiere mich auch nicht darüber, dass es im Thrash-Bereich kein Orchester gibt. Überzeugen möchte ich solche Leute nicht mehr. Ich habe früher mit Argumenten versucht zu erklären, warum diese Ansicht etwas dumm ist, habe es dann aber wieder aufgegeben. Leben und leben lassen.

Ihr kommt aus einer Region, deren Metal-Szene jetzt vielleicht so lebendig ist, wie z.B. die im Ruhrpott oder auch in Hamburg. Empfindest Du das als Nachteil, wenn man es als Band schaffen möchte, oder hat das in der Entwicklung der Band eigentlich keine große Rolle gespielt?

Wir haben es nie als Nachteil gesehen, weil wir uns in dieser Hinsicht noch nie mit anderen Bands verglichen haben. Für uns zählt die Qualität der Musik, und nicht die Popularität nur aufgrund der Tatsache, dass man aus einer Region kommt die im Metal-Bereich lebendiger ist. Wir freuen uns aber natürlich dennoch über jeden der uns entdeckt, und die Musik feiert.

Wie sieht die Zukunft von KAMBRIUM aus? „Dawn of the Five Suns“ hat meiner Meinung nach das Potential, Euch die Erfolgsleiter gleich mehrere Stufen nach oben klettern zu lassen. Ist es eine Option für Euch, die nächsten Schritte quasi wie ein Unternehmen durchzuplanen, wie z.B. SABATON das tun, und extrem viel zu touren, damit Ihr letztlich von der Band leben könnt? Oder siehst Du dann eher die Gefahr, dass der Spaß gemeinsam Musik zu machen dabei auf der Strecke bleibt?

Das freut uns sehr, dass Du das denkst! Tatsächlich wollen wir mit dieser Scheibe voll angreifen und uns besser positionieren. Bereits jetzt planen wir KAMBRIUM quasi schon wie ein Unternehmen. Wir haben ein eigenes kleines Merch-Lager, müssen Steuererklärungen machen, etc. Die ganze Live Produktion ist wieder enorm gewachsen im Vergleich zum letzten Album. Wir haben mehr Spielereien auf der Bühne und wollen natürlich auf uns aufmerksam machen. Der Spaß wird nicht auf der Strecke bleiben. Wir leben für die Musik, und jeder der uns schon einmal live gesehen hat, dürfte das gesehen haben. Wir bringen den Spaß mit auf die Bühne, und sind als Band auch sehr zusammengewachsen. Hinter uns steht mittlerweile ein großes Team an Helfern, ohne die wir das schon gar nicht mehr schaffen würden. Vielen Dank an diese Stelle übrigens an alle da draußen, die uns seit Jahren unterstützen! Wir sehen uns!

Vielen Dank für das Interview, Jan!

Galerie mit 16 Bildern: Kambrium - Rockharz 2017
Quelle: Interview mit Jan / Kambrium
05.11.2018

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